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Leselupe.de > Kurzprosa
Im Wald
Eingestellt am 25. 08. 2001 01:22


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arbir
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

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Im Wald

Ich bin fremd hier. Trinke Waldquelle-Mineralwasser und bin fremd im Wald. √Ąngstlich habe ich mich ins Gras gesetzt. Interesse gegen Abneigung und Ekel. Ich f√ľrchte mich vor den Spinnen, Ameisen, K√§fern; vor den Insekten im Gras. (Gerade krabbelt eine Spinne neben mir im Gras). Wohl anerzogene Abneigung oder besser gesagt Furcht.
Ich bin fremd im Wald, weil ich die Geräusche des Waldes nicht kenne. Wie stelle ich mir ihn denn vor, den großen Unbekannten, wenn ich daheim im dunklen Zimmer sitze? - Still.
Still ist er aber nicht. Der Wind f√§hrt durch die B√§ume, l√§sst sie mit √Ąsten knacken, mit Bl√§ttern rascheln. Leise bewegt er die Grashalme. Sie zittern regelm√§√üig hin und her. Ein optisches Ger√§usch.
Vogelgezwitscher. Keine Ahnung, welche Vögel, aber aus allen Richtungen und immer anders. Normalerweise blende ich solche Geräusche aus. Höre sie nicht. Ich muss bewusst hinhören, um sie heute zu bemerken.
H√∂re ich genau hin, vermute ich hinter jedem Knacken im Unterholz ein wildes Tier oder den breitschultrigen Forstarbeiter im karierten Frotteehemd und in gr√ľner Latzhose. Ob es hier √ľberhaupt Forstarbeiter gibt? Oder wilde Tiere? W√∂lfe, Braunb√§ren, Schlangen? Und was w√ľrden diese Kreaturen tun?
W√ľrde mich der Wolf vom dunklen Unterholz aus, zwischen den schattigen B√§umen stehend mit stechenden, gelben Augen mustern und seine Schnauze zu einem ungeh√∂rten Knurren verziehen? W√ľrde mich die Hornviper aus dem Gras heraus anzischen oder w√ľrde mich der Forstarbeiter aus dem Privatforst verjagen?
Idiotisch, aber ganz allein in der Natur leide ich mehr an Paranoia als in der menschenvollen Stadt. Liegt wohl daran, dass die Natur mir fremd ist, während ich mich an die Stadt schon lange gewöhnt habe.
Aber menschenleer ist diese Natur widerum nicht wirklich, denn a.) bin ja ich hier und b.) ist es, um in dieser Gegend wirklich keines Menschen ansichtig zu werden, besser in den eigenen vier Wänden zu bleiben, als hinaus in die Wildnis zu gehen, die schon lange keine mehr ist.
Ich sitze jetzt in einer Waldlichtung und nenne es Natur. Nenne es urspr√ľnglich. Aber diese Lichtung gibt es nur, weil ein Mensch vor Jahren die B√§ume hier setzte und Jahre sp√§ter die Lichtung wieder rodete. (Knacksen vor und hinter mir. Schrecke auf, M√ľcke im Haar gelandet. Verjage sie. Kleiner K√§fer am Schreibheft, krabbelt √ľber die Zeilen. Gras kitzelt am Knie. Die Sonne brennt mir aufs Gesicht. Ein Schmetterling im Tiefflug rechts an mir vorbei, der Sonne entgegen. Vogelgezwitscher, tip-tap-tap-tip-tap-tap. Scharren im Unterholz um mich herum, unaufh√∂rlich. Ich niese, vielleicht eine Allergie.)
Vor mir liegen altbekannte Stra√üen, die Siedlung meiner Gro√üeltern. Felder, Stromleitungen, Wege. Alles schon gesehen, alle Wege schon gegangen. Natur ist es schon, aber Menschliches √ľberall.
Fremd bin ich in dieser Natur nur von mir aus gesehen. Jedes Ger√§usch, jedes Knacken l√§sst mich noch aufschrecken und jeder noch so kleine K√§fer ist f√ľr mich t√∂dlicher Ekel. Das gibt sich, keine Frage. Bald schreckt mich hier nichts mehr, bald kenne ich es, dieses Unbekannte. Und dann f√ľrchte ich mich nicht mehr. Und der Natur bin ich nicht fremd, war es nie. Ich bin ein Teil von ihr, ob ich will oder nicht. Bald bin ich auch f√ľr die K√§fer nichts Besonderes mehr. Kein gef√§hrlicher Riese mehr. Den Pflanzen bin ich sowieso egal, sie haben anderes zu tun. Und sollte ich jetzt und hier sterben und niemand meine Leiche finden, in einem Jahr w√§re ich selbst ganz zur Natur geworden. Teil des Bodens. Boden selbst.
(Inzwischen Falter in Orange, Gelb und Wei√ü gesehen. Alle flogen an mir vorbei und suchten Bl√ľten. Zwei Falter, gelb und orange, t√§nzeln hoch oben, drei, vier Meter hoch durch die Luft. Der gelbe Schmetterling fliegt grazi√∂s an mir vorbei und in den Wald. Eigentlich flog er nicht an mir vorbei. Er flog einfach.)

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