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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Im Wald
Eingestellt am 17. 09. 2000 21:11


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arbir
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

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Ich bin fremd hier. Trinke Waldquelle-Mineralwasser und bin fremd im Wald. √Ąngstlich habe ich mich ins Gras gesetzt. Interesse gegen Abneigung und Ekel. Ich f√ľrchte mich vor den Spinnen, Ameisen, K√§fern; vor den Insekten im Gras. (Gerade krabbelt eine Spinne neben mir im Gras). Wohl anerzogene Abneigung oder besser gesagt Furcht.
Ich bin fremd im Wald, weil ich die Geräusche des Waldes nicht kenne. Wie stelle ich mir den ihn vor, den großen Unbekannten, wenn ich daheim im dunklen Zimmer sitze? - Still.
Still ist er aber nicht. Der Wind f√§hrt durch die B√§ume, l√§sst sie mit √Ąsten knacken, mit Bl√§ttern rascheln. Leise bewegt er die Grashalme. Sie zittern regelm√§√üig hin und her. Ein optisches Ger√§usch.
Vogelgezwitscher. Keine Ahnung, welche Vögel, aber aus allen Richtungen und immer anders. Normalerweise blende ich solche Geräusche aus. Höre sie nicht. Ich muss bewusst hinhören, um sie heute wahrzunehmen, zu bemerken.
Hinter jedem Knacken im Unterholz vermute ich ein wildes Tier oder den breitschultrigen Forstarbeiter im karierten Frotteehemd und in gr√ľner Latzhose. Ob es hier √ľberhaupt Forstarbeiter gibt? Oder wilde Tiere? W√∂lfe, Braunb√§ren, Schlangen? Und was w√ľrden diese Kreaturen tun?
W√ľrde mich der Wolf vom dunklen Unterholz aus, zwischen den schattigen B√§umen stehend mit stechenden, gelben Augen mustern und seine Schnauze zu einem ungeh√∂rten Knurren verziehen? W√ľrde mich die Hornviper aus dem Gras heraus anzischen oder w√ľrde mich der Forstarbeiter aus dem Privatforst verjagen?
Idiotisch, aber ganz allein in der Natur habe ich mehr Paranoia als in der menschenvollen Stadt. Liegt wohl daran, dass die Natur mir fremd ist, während ich mich an die Stadt schon lange gewöhnt habe.
Aber menschenleer ist diese Natur nicht wirklich, denn a.) bin ja ich hier und b.) ist es, um in dieser Gegend wirklich keines Menschen ansichtig zu werden, besser in den eigenen vier Wänden zu bleiben, als hinaus in die Wildnis zu gehen, die schon lange keine mehr ist.
Ich sitze jetzt in einer Waldlichtung und nenne es Natur. Nenne es urspr√ľnglich. Aber diese Lichtung gibt es nur weil ein Mensch vor Jahren die B√§ume hier setzte und Jahre sp√§ter die Lichtung wieder rodete. (Knacksen vor und hinter mir. Schrecke auf, M√ľcke im Haar gelandet. Verjage sie. Kleiner K√§fer am Schreibheft, krabbelt √ľber die Zeilen. Gras kitzelt am Knie. Die Sonne brennt mir aufs Gesicht. Ein Schmetterling im Tiefflug rechts an mir vorbei, der Sonne entgegen. Vogelgezwitscher, tip-tap-tap-tip-tap-tap. Scharren im Unterholz um mich herum, unaufh√∂rlich. Ich niese, vielleicht eine Allergie.)
Vor mir liegen altbekannte Stra√üen, die Siedlung meiner Gro√üeltern. Felder, Stromleitungen, Wege. Alles schon gesehen, alle Wege schon gegangen. Natur ist es schon, aber Menschliches √ľberall.
Fremd bin ich in dieser Natur aber nur von mir aus gesehen. Jedes Ger√§usch, jedes Knacken l√§sst mich noch aufschrecken und jeder noch so kleine K√§fer ist f√ľr mich t√∂dlicher Ekel. Das gibt sich, keine Frage. Bald schreckt mich hier nichts mehr, bald kenne ich es, dieses Unbekannte. Und dann f√ľrchte ich mich nicht mehr. Und der Natur bin ich nicht fremd, war es nie. Ich bin ein Teil von ihr, ob ich will oder nicht. Bald bin ich auch f√ľr die K√§fer nichts besonderes mehr. Kein gef√§hrlicher Riese mehr. Den Pflanzen bin ich sowieso egal, sie haben anderes zu tun. Und sollte ich jetzt und hier sterben und niemand meine Leiche finden, in einem Jahr w√§re ich selbst ganz zur Natur geworden. Teil des Bodens. Selbst Boden.
(Inzwischen Falter in Orange, Gelb und Wei√ü gesehen. Alle flogen an mir vorbei und suchten Bl√ľten. Zwei Falter, gelb und orange t√§nzeln hoch oben, drei vier Meter hoch durch die Luft. Der gelbe Schmetterling fliegt grazi√∂s an mir vorbei und in den Wald. Eigentlich flog er nicht an mir vorbei. Er flog einfach.)

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Lukas Holliger
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2000

Werke: 5
Kommentare: 13
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wunderbar! Eine Bestandesaufnahme und ein Volltreffer. Genauso sitze auch ich (und m√∂glicherweise die meisten Stadtmenschen) im Wald. Und der letzte Satz "eigentlich flog er nicht an mir vorbei, er flog einfach" zeigt die ganze Gleichg√ľltigkeit, mit der die Natur dem Menschen begegnet. Das ist das eigentlich Be√§ngstigende! Daf√ľr r√§cht sich der Mensch seit Jahrhunderten mit seiner Zivilisation. Letztlich t√∂tet er aus Angst den Schoss aus dem er kroch und vernichtet sich selbst. Schrecklich dumm aber leider konsequent... ein grosses Thema wird hier in seinen Anf√§ngen eingefangen, sehr nah an einem einzigen Menschen beobachtet.
Daraus wäre noch viel mehr zu machen....

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arbir
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

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Danke f√ľr so viel Lob. Freut mich auch, dass eine der Aussagen des Textes den Leser erreichen kann. Dass die Geschichte nur einen Anfang darstellt, ist klar, da ich sie in einem St√ľck am Originalschauplatz niedergeschrieben habe. Au√üerdem stellt jede Geschichte nur einen "Anfang" dar, da es bisher noch niemals gelungen ist, die Welt im Ganzen auf ein paar Seiten einzufangen. W√ľrde mich aber √ľber Vorschl√§ge freuen, wie jemand anderes das Thema weiterverfolgen w√ľrde.

P.S. Bitte kommentiert auch mal meine andere Geschichte "An Milena". Freue mich √ľber jede Reaktion.

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
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8 von 10 Punkten

Ich glaube nicht, da√ü soviel mehr aus dem Text zu machen ist (im Sinne von weiterschreiben), denn er ist, wie Lukas es so h√ľbsch sagte, eine Bestandsaufnahme, und als solche ist die Geschichte auch wirklich gut gelungen. W√ľrde man sie fortf√ľhren, es k√§men ja doch nur dieselben Erkenntnisse zutage, und dann w√ľrde der Text langweilen.

Was mir u.a. gut gef√§llt, sind die eliptischen Beschreibungen im Gegensatz zu den Gedanken, aber auch am Anfang die Waldquelle gegen√ľber dem Wald. Netter Einfall.

Zu Lukas möchte ich noch sagen: Der Mensch tötet nicht nur aus Angst, sondern auch aus Dummheit, auch wenn viel Angst aus Dummheit entspringt.

Ach, und arbir, zu deinem PS: Geduld braucht der Mensch, und der Autor im Besonderen. Drei Tage sind zu verkraften...
__________________
Andrea Rohmert

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arbir
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

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Viel mehr Geschichte (im Sinn von Abfolge von Ereignissen) passt in diesen Text nicht hinein. Das stimmt. (Es ist auch nicht mein Ziel, die Geschichte mit mehr "Handlung" auszustatten.) Falsch ist aber, dass im Falle einer Fortf√ľhrung der Gedankeng√§nge, die diesen Text ausmachen, "ja doch nur dieselben Erkenntnisse zutage kommen" w√ľrden. Glaub mir, es liegen noch genug nicht ausformulierte und zu Ende gedachte Gedanken in diesem Text versteckt.

Ach, und Andrea - mal Hand aufs Herz - hättest du ohne mein P.S. meine andere Geschichte kommentiert?

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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Hand aufs Herz

Ja. Weil ich sie nämlich vorher gelesen und vorher kommentiert hatte...
(Man achte auch auf Uhrzeiten.. )
__________________
Andrea Rohmert

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arbir
Hobbydichter
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Hoppla, da hab' ich mich wohl verlesen. Nehme alles zur√ľck und bitte inst√§ndigst um Verzeihung!

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