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Leselupe.de > Humor und Satire
Im Wald
Eingestellt am 22. 11. 2005 17:09


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Raniero
Textablader
One-Hit-Wonder-Autor

Registriert: Oct 2005

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Im Wald

Genauso hatte ich es mir vorgestellt, in meinen kĂŒhnsten AlptrĂ€umen.
Jetzt waren wir schon seit vier Stunden unterwegs, meine bessere HĂ€lfte und ich, in einem dichten WaldgelĂ€nde, mit einer Gruppe ‚Gleichgesinnter‘, um diesen Wald zu erforschen, und ich sah im wahrsten Sinne des Wortes keinen solchen mehr vor lauter GrĂŒnzeug. Meine FĂŒĂŸe schmerzten wahnsinnig, und darĂŒber hinaus hatte mich ein unbĂ€ndiger Durst erfasst, der nach meiner Vorstellung nur noch in einer großen Waldschenke gestillt werden konnte. Doch es war weit und breit, soweit man davon in diesem Unterholz sprechen konnte, in dem wir uns bewegten, eine solche Schenke nicht zu sehen. Auch konnte man bei mir nicht von Gleichgesinntem im Sinne eines Naturfreundes sprechen, was die anderen Teilnehmer der Gruppe, meine Frau eingeschlossen, zweifelsohne waren.
Ich hatte nur teilgenommen, bei diesem unseligen Ge-Wald Marsch, weil mir mein Weib damit, kaum, dass der Winter sein Haupt zur Neige gelegt hatte, in den Ohren lag: „Dann kommst du endlich einmal raus, aus der Bude, und vom Computer weg! Die frische Luft wird deiner Gesundheit gut tun, deiner und meiner auch. Wie sagt man so schön: Frische Luft ist der beste Viruskiller!“
Ich war mir gar nicht bewusst, dass mein Computer einen Virus hatte, hielt mich aber mit einer Bemerkung diesbezĂŒglich zurĂŒck.
Stattdessen versuchte ich, dem Wunsch meiner Frau nach Wald etwas entgegenzusetzen, indem ich darauf hinwies, dass nicht alle WaldspaziergĂ€nge nur von Freude und Frohsinn geprĂ€gt waren, man denke nur an die BegleitumstĂ€nde von HĂ€nsel und Gretel oder beispielsweise Dornröschen, und zum Weiteren machte ich sie darauf aufmerksam, dass es sehr leicht möglich war, sich in einem Wald zu verlaufen, wo doch ein Baum wie der andere aussah, doch sie ließ all diese EinwĂ€nde nicht gelten.
„Es handelt sich um eine gefĂŒhrte Wanderung. Ein Förster begleitet uns, und wir bewegen uns nur auf Waldlehrpfaden.“
Ich blickte meine bessere HÀlfte erstaunt an; erstaunt und unglÀubig.
Was hatte man darunter zu verstehen? Waldlehrpfade? GefĂŒhrte Wanderung?
Ich war der Meinung, dass ich bereits genug gelernt hatte, in frĂŒheren Zeiten; was sollte mir da ein Wald noch beibringen? Und fĂŒhren lassen wollte ich mich auch nicht unbedingt, schon gar nicht von fremden Förstern.
Meine Frau brachte Geduld auf und erklÀrte es mir:
„Eine gefĂŒhrte Wanderung, mein lieber Mann, ist eine Wanderung, die von einem Kundigen geleitet wird, wie ein Stadtrundgang, so was kennst du doch, nicht wahr?“
Ich vermied es, auf die ironisch gedachte Frage einzugehen, und hörte weiter zu.
„Und dieser Kundige, bei unserem Spaziergang, ist der zustĂ€ndige Revierförster, Herr Hackenbart. Er erklĂ€rt uns alles, alle Fragen zu Flora und auch zur Fauna des Waldes.“
Nun hatte sie bereits von unserem Spaziergang gesprochen, obwohl ich mich noch gar nicht entschlossen hatte, mitzumachen, doch auch dieses Mal enthielt ich mich einer Bemerkung.
„Damit einem das“, fuhr meine Angetraute fort - jetzt war sie in ihrem Element -
„was der Fachmann uns erlĂ€utert hat, besser im Bewusstsein bleibt, wandern wir auf sogenannten Lehrpfaden. An diesen Wegen stehen eine Unmenge an Hinweistafeln, auf denen die gesamte Vegetation des Waldes vermerkt ist. Das ist genau das Richtige fĂŒr dich, du StĂ€dter, der nicht einmal einen Baum von einem Strauch unterscheiden kann!“
Ich gab mich geschlagen, denn sie hatte Recht.
Einen Baum von einem Strauch zu unterscheiden, das bekam ich wohl noch hin, da hatte sie gewiss ĂŒbertrieben, meine Herzallerliebste, aber das war es denn auch, mit meinen botanischen FĂ€higkeiten.
Ich sah zwar immer noch nicht so recht ein, warum man, um frische Luft zu schnappen und die Natur zu genießen, dafĂŒr durch einen Wald jagen mĂŒsse, wenn man dieses ebenso gut auf einem Balkon oder im Garten tun könne, aber um des lieben Friedens willen sagte ich zu, den Wald mit ihr zu erforschen; mit ihr, dem Förster Hackenbart und den anderen Waldfreunden.

Wir trafen zur verabredeten Zeit am Waldesrand, dem vereinbarten Treffpunkt, ein.
Zu meinem Erstaunen fanden wir dort nicht nur einen, sondern gleich dreizehn Förster vor, zumindest ließ es das Outfit der versammelten Damen, drei an der Zahl, und Herren, insgesamt zehn, vermuten. Alle trugen Wald- und fast sogar waidgerechte Kleidung, vom grĂŒnen Filzhut ĂŒber Kniebundhosen bis zu den groben Wanderschuhen. Aus der Gruppe der zehn Herren war der Originalförster, dieser Sachkundige, der die Gruppe leiten sollte, nur daran zu erkennen, dass ein Hund an ihm hochbellte; ansonsten unterschied er sich Ă€ußerlich nicht von den anderen MĂ€nnern. Die drei Damen machten trotz ihrer grasgrĂŒnen GewĂ€nder einen schnuckeligen Eindruck, und ich versuchte gleich, sie mir insgeheim ohne ihre WaldrĂŒstungen vorzustellen. Wir selbst jedoch, mein Weib und ich, kamen uns aufgrund des Mangels an forscher Kleidung ein wenig deplaziert vor; wir trugen normale Freizeitkleidung, mehr in Richtung blau statt in grĂŒn, und leichte Sportschuhe, nun ja, es war schließlich unser erster organisierter Waldspaziergang.
Der richtige Förster, Herr Hackenbart, ein forscher Mann mittleren Alters, stellte zuerst sich und dann seinen Hund vor, anschließend erklĂ€rte er in groben ZĂŒgen den Ablauf der geplanten Waldwanderung. Vielleicht tat er das nur fĂŒr uns beide, denn die anderen Hobbyförster blickten wĂ€hrend seiner AusfĂŒhrungen relativ gelangweilt drein; offensichtlich war es fĂŒr sie nicht das erste Mal.

Sodann ging es los, in den Wald hinein, mit großen Schritten.
Der Förster Hackenbart lief vorneweg, ihm folgten unmittelbar die vier Damen einschließlich meiner besseren HĂ€lfte, danach schritten wir MĂ€nner, zehn an der Zahl, wobei ich das Schlusslicht. bildete.
Allerdings kamen wir nicht weit.
Schon nach fĂŒnfzig Metern machten wir Halt, am ersten Schild des Pfades, welches mit lateinischen AusdrĂŒcken nur so gespickt war.
An dieser Stelle ĂŒberboten sich die mĂ€nnlichen Ersatzförster mit ihrem Fachwissen, dem der Botanik und dem der lateinischen Sprache.
All das, was auf dieser Tafel stand, wurde ausfĂŒhrlichst erklĂ€rt ,an Hand vorhandener Beispiele, und von allen Seiten beleuchtet.
Die Herren der Schöpfung, so hatte ich den Eindruck, wollten einen solchen schinden, bei den weiblichen Teilnehmern dieser Tour im GrĂŒnen.
Der Originalförster indes stand etwas abseits und ließ sie schmunzelnd gewĂ€hren.
Er hatte ja seinen Hund zum Zeitvertreib dabei, dem er weit ausholendend kleine HolzstĂŒckenchen zu Apportieren hinwarf.
Auf diese Weise setzte sich das Unternehmen Walderkenntnis fort; die Herren erklÀrten, die Damen verklÀrten ihre Mienen ob der gewaltigen Informationsflut, und der wahre Fachmann langweilte sich.
Wir arbeiteten sie regelrecht ab, diese Hinweistafeln von Flora und Fauna.
Meine FĂŒĂŸe begannen, zu schmerzen, und dann war da noch dieser grausame Durst, diese staubtrockene Kehle....
Auf einmal fiel mir auf, an einem der unzÀhligen Waldschilder, an dem wir Halt machten, dass der Hauptförster Hackenberg nicht mehr da war.
Ich schaute mich unglÀubig um.
Nichts zu sehen vom Förster und auch nicht von seinem Hund.
„Dieser Schuft“, dachte ich mir, „hat sich aus dem Staub gemacht. Wahrscheinlich sitzt er schon daheim im Garten und hĂ€lt die FĂŒĂŸe hoch, und ich muss leiden!“
Ärger keimte in mir hoch, doch ich konnte ihn auch verstehen, den guten Mann.
„Na ja“, gestand ich mir ein, „ich hĂ€tte wahrscheinlich das Gleiche getan, an seiner Stelle, bei einem derartigen FörsterĂŒberhang“.
WĂ€hrend ich den Weg zurĂŒckblickte, nahm ich plötzlich in einiger Entfernung einen Hund wahr, der auf dem Lehrpfad hin - und herwieselte.
War das nicht der Hund unseres Leitwolfes, unseres WaldfĂŒhrers?
Einer der Herren klĂ€rte die anderen Naturfreunde gerade ĂŒber den Pflanzennamen ‚Vagus Silvae‘ auf.

Ich beschloss, mich zurĂŒckfallen zu lassen, beim weiteren Eindringen in das WaldgelĂ€nde, und so ließ ich die Gruppe von dannen ziehen und trat langsam den RĂŒckzug an, in Richtung der Stelle, wo ich den Hund erblickt hatte.
Niemandem aus der Waldgemeinschaft fiel etwas auf.
Als ich den Hund erreichte, schien dieser mir etwas mitteilen zu wollen.
Er bellte mich gerÀuschvoll an und schlug dann in einen seitlichen Weg ein, den ich vorher nicht beachtet hatte. Mit klopfendem Herzen folgte ich dem Hund, und nach gut dreihundert Metern lag sie vor mir, hinter einer Wegbiegung; eine GaststÀtte, mitten im Wald, eine richtige Waldschenke.
Frohen Herzens betrat ich die Kneipe, in Begleitung des Försterhundes, der vor Freude mit dem Schwanz wedelte. Sein Herrchen saß an einem Tisch in der ansonsten leeren Wirtschaft; als er uns erblickte, strahlte er mit seinem Hund um die Wette.
„Hallo, auch abgeseilt“, rief er mir zu, „das war das Beste, was Sie machen konnten.“
Er lud mich ein, an seinem Tisch Platz zu nehmen, und wir genehmigten uns ein Bier in Kombination mit einem kleinen Glas weißen Schnapses, eine Zusammenstellung, die sich Waldgedeck nannte. Diesem Gedeck ließen wir ein weiteres folgen, und erneut ein weiteres, solange, bis wir plötzlich verblĂŒfft feststellten, dass draußen gar kein Wald mehr vorhanden schien, als wir aus dem Fenster schauten.

Im gleichen Moment ging die TĂŒr der GaststĂ€tte auf und meine Frau betrat den Schankraum; ich muss zugeben, ich hĂ€tte sie fast nicht mehr wiedererkannt.
Sie nahm mich wortlos an die Hand und fĂŒhrte mich mit grimmigem Gesichtsausdruck aus der Kneipe und dem Wald hinaus.

Ich bin davon ĂŒberzeugt, dass sie mich in Zukunft nicht mehr so schnell wieder hinein fĂŒhren wird, in einen Wald.

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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

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hallo Raniero,

danke fĂŒr diese wunderbar humorige Geschichte

liebe GrĂŒĂŸe

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Raniero
Textablader
One-Hit-Wonder-Autor

Registriert: Oct 2005

Werke: 161
Kommentare: 159
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Hallo anemone,

danke fĂŒr's Kompliment. Freut mich, dass Dir die Story gefallen hat. Werde so weitermachen.

Gruß Raniero

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