Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92250
Momentan online:
119 Gäste und 6 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Im Zoo
Eingestellt am 29. 05. 2002 20:12


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Patina
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2002

Werke: 3
Kommentare: 26
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Sie schaute die rosanen Flamingos an, wie sie wackelig zu einer Horde aufgebaut auf einem Bein standen. Pl├Âtzlich reckten sie im Pulk die Fl├╝gel und die Unterseite der Fl├╝gel offenbarte sich. Sie waren dort dunkler, kein zartrosa, ein leuchtendes pink. Und sie dachte, wie kitschig sie doch seien und da├č dieser Kitsch durch seine Trivialit├Ąt enfach grausam w├Ąre. So kitschig wie das Schatzk├Ąstchen ihres Sohnes, der jetzt neben ihr stand und ebenfalls auf die Flamingos starrte. Dieses Schatzk├Ąstchen hatte er ihr neulich, als sie im Begriff war, sich von ihm zu verabschieden, ganz stolz und geheimnisvoll gezeigt. Er fragte sie: ÔÇ×Rate mal, was da drinnen ist.ÔÇť Beim Anblick des Schatzk├Ąstchens mu├čte sie an Perlen denken und fragte: ÔÇ×Perlen vielleicht?ÔÇť Langsam, um die Spannung zu steigern, ├Âffnete er den Deckel der kleinen Kiste. Und es offenbarten sich viele Muscheln in verschiedenen Gr├Â├čen. Er nahm eine der kleineren Muscheln und ├╝bergab sie ihr stolz mit den Worten, so als ob er ihr ein Abschiedsgeschenk machen wolle: ÔÇ×Da, schenkÔÇÖ ich dir!ÔÇť Mit einer gewissen Wehmut, ger├╝hrt von dieser netten kleinen Abschiedsgeste hielt sie die winzige Muschel, die auf der Innenseite perlmuttfarben leuchtete, mit der geriffelten wei├čen Oberseite, die sich nach au├čen w├Âlbte, auf der flachen Hand, so als z├Âgerte sie noch, dieses teure Geschenk annehmen zu k├Ânnen und insgeheim dachte sie, da├č sie gerne auch das Gegenst├╝ck dazu gehabt h├Ątte, um sich dann in die ├ľffnung hineinzubegeben, sie zu verschlie├čen, um selber gesch├╝tzt von der Muschel wie eine Perle im Schatzk├Ąstchen ihre Sohnes verschwinden zu k├Ânnen.

Sie nahm den Fotoapparat, bet├Ątigte den Zoom und fotografierte die Flamingos. Und dann setzte der Kleine an und sagte etwas und sie f├╝hlte sich herausgerissen aus ihrer Flamingo- und Perlenwelt, mit Anstrengung balancierend, was jetzt wichtiger sei, ihre Gedanken oder die soeben gesprochenen Worte des Kindes und sie w├╝rde an den Psychologen denken und sich in ihrem Hin- und Hergerissensein etwas beruhigen, so als w├╝rde er ├╝ber ihrer beider K├Âpfe hinwegfliegen, um sch├╝tzend seine m├Ąchtige Spannweite ├╝ber sie beide auszubreiten. Sie wandten sich von den Flamingos ab und betraten das Gew├Ąchshaus. Subtropische D├Ąmpfe kamen ihnen in Wallungen entgegen und der Kleine hangelte sich von Kaktus zu Kaktus, indem er bei jedem einzelnen mit seinem ausgestreckten kleinen Zeigefinger die Picksprobe an den Stacheln machte. Sie fotografierte ihn vor einer Ansammlung von Kakteen, die so aussahen, als seien sie mit weichem Pelz ├╝berzogen. Diese Diskrepanz hatte sich in ihrer Magengegend breitgemacht und wie um sich deren zu erwehren, hatte sie den Fotoapparat gez├╝ckt, um dieses Bild festzuhalten. Der Kleine vor einem Haufen pelz├╝berzogener Kakteen. Danach konnte sie den Anblick wieder ertragen. Sie hatte diese schmerzende Leere weggeschossen. Sie betraten das Aquarium und galoppierten durch die dunklen G├Ąnge mit ihren farbigen Fenstern, hier und da kurz verweilend, beide nicht hinschauen k├Ânnend zu dieser dunklen anderen fremden Welt, die sich vor ihnen ├Âffnete. Das Ziel Krokodil im Tageslicht lie├č sie fast rennen, denn sie wollten entkommen vor ihrem eigenen dunklen Unterbewu├čten, das sich pr├Ąchtig in schillernden Farben in Form von S├╝dseewasserfischen pr├Ąsentierte.

Er begann aus Anstrengung kurz zu husten und sie mu├čte an jene grauenhafte Nacht denken, in der er mehrmals erwacht war, weil er keine Luft bekam und sie hatte ihm das Inhalierger├Ąt an den Mund gef├╝hrt und er hatte wie ein verzweifelt Ertrinkender daran gesaugt, da er f├╝hlte, da├č er keine Luft bekam, wie ein Fisch, der wenn er nicht im Wasser ist, mit dem Bauch nach oben liegt und nach seiner Luft ringt. Und der kleine K├Ârper zitterte vor Angst, hin- und hergebeutelt zwischen den Atemz├╝gen, die um Luft k├Ąmpften und entt├Ąuscht wurde. Er sa├č aufrecht in der stockdunklen Nacht in ihrem Bett und k├Ąmpfte um die Luft, die er zum Leben so notwendig brauchte und sie sa├č daneben und konnte nichts tun, au├čer ihm das Inhalierger├Ąt, das er selbst bedingt durch die Zuckungen, die seinen kleinen K├Ârper durchliefen, nicht mehr greifen konnte, zu halten. Und sie dachte, jetzt ist es vorbei, er w├╝rde nicht genug Luft bekommen und daran sterben. Ersch├Âpft nach dem Inhalieren sank er in seine Kissen zur├╝ck und atmete f├╝r kurze Zeit regelm├Ą├čig. Aber eben nur f├╝r kurze Zeit und die Atemz├╝ge wurden wieder unregelm├Ą├čig. Und sie inhalierte erneut mit ihm, sich den Morgen dieser endlos durchwachten Nacht herbeiw├╝nschend. Ein Morgen, der genauso grauenvoll sein w├╝rde wie die Nacht, in der die Fische wachen, da sie die Nacht neben ihm, der so unregelm├Ą├čig geatmet hatte, durchwacht hatte, ohne eine Ruhepause ihrem Unterbewu├čten g├Ânnen zu k├Ânnen. Und dieser Morgen war surreal durch den Schlaf, den ihr seine Atmung, auf die sie st├Ąndig horchen mu├čte, geraubt hatte. Und sie dachte, da├č es kein Wunder sei, da├č sie rosane Flamingos liebe. Diese Luft, die er nicht bekam, war das immer noch jener Tiefausl├Ąufer, den er bedingt durch den ewigen Streit zwischen ihr und ihrem Mann in sich trug? Da├č er deswegen um Luft ringen mu├čte, wegen der Spannung, die bei jedem Streit in der Luft gelegen hatte? Diese vergiftete Atmosph├Ąre, die einen machtlos gebeutelt hinterl├Ą├čt .Die durch Eisesk├Ąlte durchschnitten wurde? Oder hatte er einfach nur eine organische Krankheit, die sich Asthma nennt?

Atemlos g├Ânnten sie sich eine Ruhepause, um bei glitzernden Silberfischen zu verweilen, die langsam und bed├Ąchtig mit erhabenen Bewegungen, als wollten sie zum Meditieren einladen, durch das Wasser schritten. Das Husten h├Ârte auf. Die Stille in ihrem Kopf. Sie wollte losrennen und weglaufen vor der Stille. Sie konnte nicht, die Stille machte sie bewegungslos. Und w├Ąhrend sie still den stummen Fischen lauschte, hallte in ihrem Kopf in st├Ąndiger Wiederholung das Wort Stille wieder, unabstellbar. Die Stille war keine Stille, die sich abstellen lie├č.

Sie verlie├čen das Aquarium und fanden sich vor einem Kaufstand wieder. Er wollte eine Pistole haben. Sie verweigerte ihm diese Pistole mit dem schmerzlichem Gewissen, da├č sie ihm jetzt den Willen brach. Aber er k├Ąmpfte f├╝r diese Pistole. Sein ganzes Leben war ein kleiner Kampf. Sie verweigerte ihm die Pistole deswegen, weil ihr Mann es nicht w├╝nschte. Er verzog sich schmollend hinter einen Baum, und lie├č sich durch keine Worte dieser grausamen Welt beruhigen. Er verbrachte eine geschlagene halbe Stunde damit, mit seinen Gef├╝hlen zu k├Ąmpfend. Genauso wie der Vater, wenn er schmollte. Nach einem Streit zog er sich tagelang zur├╝ck. Dies wiederholte der Kleine jetzt w├Ąhrend dieser halben Stunde. Ihre Nerven hingen nur an einem d├╝nnen Wollf├Ądchen. Sie holte ihn aus seinem Versteck.

Ein Knall durchschnitt die Stille. Sie hatte ihm die Pistole gekauft, auf da├č er k├Ąmpfe gegen die Stille.

Sie gingen ins Affenhaus. Bei den Schimpansen, die sich liebevoll um ihre neugeborenen Babys k├╝mmerten, wollte er gar nicht verweilen. Ihn zog es zu den gr├Â├čten der Affen, den Gorillas und er sagte, da├č er selber der gr├Â├čte, ein Gorilla sei. Sie beobachtete ihn, wie er auf die Affen stierte, die die ganze Zeit vor einem Gef├Ą├č standen, um mit einem Lianenblatt Zuckerwasser oder Nektar zu fischen. Dies schien ihn hungrig gemacht zu haben und er kam und verlangte sein Brot. Sie ├╝berkam wieder das beunruhigende Gef├╝hl. Sie dachte an die Morgende, wenn sie sein Vesperbrot machte f├╝r den Kindergarten. Den Apfel sch├Ąlte, das Geh├Ąuse entfernte und das Ganze in Einzelteile zerlegte mit dem Bewu├čtsein, da├č sie ihn den ganzen Tag alleine lassen mu├čte, ohne da├č sie dar├╝ber wachen konnte, da├č er richtig a├č. Sie gab ihm das Brot.

Sie betrachteten den schwarzen Panther, der mit abgewendetem Kopf von seinen Zuschauern in seinem K├Ąfig stand und j├Ąmmerlich wehklagend br├╝llte. Der Kleine ertrug den wehklagenden Panther genausowenig wie sie und sie lie├čen sich nieder auf eine Bank, Dann begann er, auf den gro├čen Felsen zu klettern. Die dr├Âhnende Leere im Kopf tauchte wieder auf, wenn er spielte und sie unt├Ątig daneben sitzen mu├čte, um ihm zuzuschauen, so als ob sie ihr eigener Zuschauer sei. Sie sagte ihm alle f├╝nf Minuten, da├č sie jetzt zu den Eisb├Ąren gehen wollten, worauf er ihr dann st├Ąndig erwiderte, da├č das Klettern so Spa├č mache und da├č er noch eine Weile verweilen wolle. Und um diese Leere ertragen zu k├Ânnen, w├╝rde sie an den Psychologen denken, jede wei├če Haarpracht, die vor├╝berging, ├╝berpr├╝fend, ob er es etwa sei. Sie gingen dann nicht mehr zu den Eisb├Ąren, kehrten zur├╝ck in das Parkhaus, wo ihr Auto stand und sie hielt nur drei kleine Finger ihres Kindes in ihrer Hand. Vielleicht wollte sie sagen: ÔÇ×Nun lauf schon und lass dich ├╝berfahren.ÔÇť

Nach diesem anstrengenden Morgen lehnte sie sich unbefriedigt im Sofa zur├╝ck und dachte, wie anstrengend es doch war, so wenig mit ihrem Sohn zu sprechen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Monfou
???
Registriert: Feb 2002

Werke: 0
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Analytische Intimit├Ąt

Hallo Patina,

dein Text hat m.E. eine sehr dichte Atmosph├Ąre, eine (un-)ausgesprochene Intimit├Ąt, die nie ins allzu Sentimentale abgleitet, auch dank einer gut strukturierten Sprache, die in ihrer analytischen Genauigkeit Distanz schafft. ├ťber allem schwebt eine leichte, aber beherrschbare Verzweiflung. Oder ein ├╝berschattetes Gl├╝ck.
Sch├Ân w├Ąre es, wenn die sprachlichen Schnitzer behoben w├╝rden.

Sie schaute die rosa(farbenen) Flamingos an, wie sie wackelig zu einer Horde aufgebaut auf einem Bein standen. Pl├Âtzlich reckten sie im Pulk die Fl├╝gel und deren / ihre/ die Unterseite /die Fl├╝gelunterseite / zeigte /├Âffnete sich / wurde sichtbar. Usw.

Anmerkungen:
"rosa" l├Ąsst sich nicht beugen / schwierige Wortwiederholung Fl├╝gel-Fl├╝gel/ "offenbarten" ungebr├Ąuchlich gehoben (kommt an anderer Stelle nochmals vor)

Ich finde, es sind wirklich nur partielle Unfeinheiten.
Wie gesagt: Ein Text, der ganz leise, fast zart schwingt.

Beste Gr├╝├če

Monfou

Bearbeiten/Löschen    


Patina
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2002

Werke: 3
Kommentare: 26
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo Monfou,
danke f├╝r deinen Eintrag, ich bin noch etwas unbeholfen in diesem f├╝r mich neuen Forum. Schlie├člich habe ich doch den Antwort-Schalter gefunden. Ich habe dieses Forum empfohlen bekommen und werde zuerstmal tastende F├╝hler vorstrecken. Deine Antwort hat mich sehr gefreut. Es ist ein ├Ąlterer Text, den ich sehr entkrempelt habe. Wahrscheinlich mu├č ich mir daran noch etwas die Z├Ąhne ausbei├čen.
Viele liebe Gr├╝├če von Patina

Bearbeiten/Löschen    


Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zefira eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hallo Patina,

... sch├Ân, Dir hier zu begegnen. Ich stimme Monfou zu, die Geschichte ist sehr dicht und einf├╝hlsam. Mit einigen sprachlichen Wendungen bin ich nicht ganz einverstanden.

"...da├č dieser Kitsch durch seine Trivialit├Ąt einfach grausam w├Ąre", da w├╝rde ich einfach setzen "war", das ist direkter und f├╝hrt gleich in das Innenleben der Protagonistin.

"...als z├Âgerte sie noch, dieses teure Geschenk annehmen zu k├Ânnen", da kann einfach "anzunehmen" stehen.
Die Geschichte mit dem Schatzk├Ąstchen kannst Du auch noch etwas raffen; wenn sie fragt "Perlen vielleicht?", er├╝brigt sich der Satz zuvor, da├č sie an Perlen denkt, und "Abschiedsgeschenk" und "Abschiedsgeste"zweimal gleich hintereinander mu├č auch nicht sein.

"...wie um sich deren zu erwehren, hatte sie den Fotoapparat gez├╝ckt..." Wenn sich "deren" auf die Diskrepanz bezieht, mu├č es hei├čen "ihrer zu erwehren".

Die Szene im Aquarium, das Be├Ąngstigende daran, ist sehr gelungen. Dann die Hustenszene:
"...au├čer ihm das Inhalierger├Ąt, das er selbst bedingt durch die Zuckungen, die seinen kleinen K├Ârper durchliefen, nicht mehr greifen konnte, zu halten." Das ist viel zu verwickelt. Vielleicht "... au├čer ihm das Inhalierger├Ąt zu halten, das er wegen der Zuckungen seines K├Ârpers nicht selbst greifen konnte" oder so ├Ąhnlich.
Das gleich gilt f├╝r "Ein Morgen, der genauso grauenvoll sein w├╝rde wie die Nacht, in der die Fische wachen, da sie die Nacht neben ihm, der so unregelm├Ą├čig geatmet hatte, durchwacht hatte, ohne eine Ruhepause ihrem Unterbewu├čten g├Ânnen zu k├Ânnen." Ich sehe selbst, da├č es schwierig ist das einfacher zu sagen, aber so ist der Satz wirklich ein Knoten.
Da├č die Silberfische durch das Wasser "schreiten", klingt eher komisch - besser vielleicht "gleiten"?

Im letzten Satz hast Du zweimal "anstrengend". Sonst gef├Ąllt mir der Schlu├č ausgezeichnet. Ich habe auch Kinder . Aber dieser letzte Satz ist auch doppeldeutig. Ist es so anstrengend, weil sie gern mehr sprechen w├╝rde und es nicht kann/darf? Oder ist es anstrengend, auch nur das Wenige zu sprechen und nicht vielmehr ├╝berhaupt nichts? Wenn diese Doppeldeutigkeit keine Absicht ist, dann l├Âse sie lieber auf.

Ganz liebe Gr├╝├če von Zefira
P.S. Kennst Du meine Fledermausgeschichte schon? Unter "Erz├Ąhlungen" h├Ąngt sie ganz weit unten herum, etwa MItte M├Ąrz


Bearbeiten/Löschen    


Patina
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2002

Werke: 3
Kommentare: 26
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo Zefira,
hab's ├╝berarbeitet. Gl├Ąnzt wie eine Perle. Vielleicht werde ich den S├Ąuen bei Wolkensteins diesen Text auch vorwerfen. Vielen Dank f├╝rs aufmerksame Lesen. Das bringt einen echt weiter.


Sie schaute die rosafarbenen Flamingos an, wie sie wackelig zu einer Horde aufgebaut auf einem Bein standen. Pl├Âtzlich reckten sie im Pulk die Fl├╝gel und deren Unterseite ├Âffente sich. Sie waren dort dunkler, kein zartrosa, ein leuchtendes pink. Und sie dachte, wie kitschig sie doch seien und da├č dieser Kitsch durch seine Trivialit├Ąt enfach grausam war. So kitschig wie das Schatzk├Ąstchen ihres Sohnes, der jetzt neben ihr stand und ebenfalls auf die Flamingos starrte. Dieses Schatzk├Ąstchen hatte er ihr neulich, als sie im Begriff war, sich von ihm zu verabschieden, ganz stolz und geheimnisvoll gezeigt. Er fragte sie: ÔÇ×Rate mal, was da drinnen ist.ÔÇť ÔÇ×Perlen vielleicht?ÔÇť Langsam, um die Spannung zu steigern, ├Âffnete er den Deckel der kleinen Kiste. Und es offenbarten sich viele Muscheln in verschiedenen Gr├Â├čen. Er nahm eine der kleineren Muscheln und ├╝bergab sie ihr stolz mit den Worten, so als ob er ihr ein Abschiedsgeschenk machen wolle: ÔÇ×Da, schenkÔÇÖ ich dir!ÔÇť Mit einer gewissen Wehmut, ger├╝hrt von dieser netten kleinen Geste hielt sie die winzige Muschel, die auf der Innenseite perlmuttfarben leuchtete, mit der geriffelten wei├čen Oberseite, die sich nach au├čen w├Âlbte, auf der flachen Hand, so als z├Âgerte sie noch, dieses teure Geschenk anzunehmen und insgeheim dachte sie, da├č sie gerne auch das Gegenst├╝ck dazu gehabt h├Ątte, um sich dann in die ├ľffnung hineinzubegeben, sie zu verschlie├čen, um selber gesch├╝tzt von der Muschel wie eine Perle im Schatzk├Ąstchen ihre Sohnes verschwinden zu k├Ânnen.

Sie nahm den Fotoapparat, bet├Ątigte den Zoom und fotografierte die Flamingos. Und dann setzte der Kleine an und sagte etwas und sie f├╝hlte sich herausgerissen aus ihrer Flamingo- und Perlenwelt, mit Anstrengung balancierend, was jetzt wichtiger sei, ihre Gedanken oder die soeben gesprochenen Worte des Kindes und sie w├╝rde an den Psychologen denken und sich in ihrem Hin- und Hergerissensein etwas beruhigen, so als w├╝rde er ├╝ber ihrer beider K├Âpfe hinwegfliegen, um sch├╝tzend seine m├Ąchtige Spannweite ├╝ber sie beide auszubreiten. Sie wandten sich von den Flamingos ab und betraten das Gew├Ąchshaus. Subtropische D├Ąmpfe kamen ihnen in Wallungen entgegen und der Kleine hangelte sich von Kaktus zu Kaktus, indem er bei jedem einzelnen mit seinem ausgestreckten kleinen Zeigefinger die Picksprobe an den Stacheln machte. Sie fotografierte ihn vor einer Ansammlung von Kakteen, die so aussahen, als seien sie mit weichem Pelz ├╝berzogen. Diese Diskrepanz hatte sich in ihrer Magengegend breitgemacht und wie um sich ihrer zu erwehren, hatte sie den Fotoapparat gez├╝ckt, um dieses Bild festzuhalten. Der Kleine vor einem Haufen pelz├╝berzogener Kakteen. Danach konnte sie den Anblick wieder ertragen. Sie hatte diese schmerzende Leere weggeschossen. Sie betraten das Aquarium und galoppierten durch die dunklen G├Ąnge mit ihren farbigen Fenstern, hier und da kurz verweilend, beide nicht hinschauen k├Ânnend zu dieser dunklen anderen fremden Welt, die sich vor ihnen ├Âffnete. Das Ziel Krokodil im Tageslicht lie├č sie fast rennen, denn sie wollten entkommen vor ihrem eigenen dunklen Unterbewu├čten, das sich pr├Ąchtig in schillernden Farben in Form von S├╝dseewasserfischen pr├Ąsentierte.

Er begann aus Anstrengung kurz zu husten und sie mu├čte an jene grauenhafte Nacht denken, in der er mehrmals erwacht war, weil er keine Luft bekam und sie hatte ihm das Inhalierger├Ąt an den Mund gef├╝hrt und er hatte wie ein verzweifelt Ertrinkender daran gesaugt, da er f├╝hlte, da├č er keine Luft bekam, wie ein Fisch, der wenn er nicht im Wasser ist, mit dem Bauch nach oben liegt und nach seiner Luft ringt. Und der kleine K├Ârper zitterte vor Angst, hin- und hergebeutelt zwischen den Atemz├╝gen, die um Luft k├Ąmpften und entt├Ąuscht wurde. Er sa├č aufrecht in der stockdunklen Nacht in ihrem Bett und k├Ąmpfte um die Luft, die er zum Leben so notwendig brauchte und sie sa├č daneben und konnte nichts tun, au├čer ihm das Inhalierger├Ąt zu halten, das er wegen der Zuckungen seines K├Ârpers nicht selbst greifen konnte. Und sie dachte, jetzt ist es vorbei, er w├╝rde nicht genug Luft bekommen und daran sterben. Ersch├Âpft nach dem Inhalieren sank er in seine Kissen zur├╝ck und atmete f├╝r kurze Zeit regelm├Ą├čig. Aber eben nur f├╝r kurze Zeit und die Atemz├╝ge wurden wieder unregelm├Ą├čig. Und sie inhalierte erneut mit ihm, sich den Morgen dieser endlos durchwachten Nacht herbeiw├╝nschend. Ein Morgen, der genauso grauenvoll sein w├╝rde wie die Nacht, in der die Fische wachen. Sie hatte die Nacht neben ihm durchwacht, ohne eine Ruhepause ihrem Unterbewu├čten g├Ânnen zu k├Ânnen. Und dieser Morgen war surreal durch den Schlaf, den ihr seine Atmung, auf die sie st├Ąndig horchen mu├čte, geraubt hatte. Und sie dachte, da├č es kein Wunder sei, da├č sie rosane Flamingos liebe. Diese Luft, die er nicht bekam, war das immer noch jener Tiefausl├Ąufer, den er bedingt durch den ewigen Streit zwischen ihr und ihrem Mann in sich trug? Da├č er deswegen um Luft ringen mu├čte, wegen der Spannung, die bei jedem Streit in der Luft gelegen hatte? Diese vergiftete Atmosph├Ąre, die einen machtlos gebeutelt hinterl├Ą├čt .Die durch Eisesk├Ąlte durchschnitten wurde? Oder hatte er einfach nur eine organische Krankheit, die sich Asthma nennt?

Atemlos g├Ânnten sie sich eine Ruhepause, um bei glitzernden Silberfischen zu verweilen, die langsam und bed├Ąchtig mit erhabenen Bewegungen, als wollten sie zum Meditieren einladen, durch das Wasser glitten. Das Husten h├Ârte auf. Die Stille in ihrem Kopf. Sie wollte losrennen und weglaufen vor der Stille. Sie konnte nicht, die Stille machte sie bewegungslos. Und w├Ąhrend sie still den stummen Fischen lauschte, hallte in ihrem Kopf in st├Ąndiger Wiederholung das Wort Stille wieder, unabstellbar. Die Stille war keine Stille, die sich abstellen lie├č.

Sie verlie├čen das Aquarium und fanden sich vor einem Kaufstand wieder. Er wollte eine Pistole haben. Sie verweigerte ihm diese Pistole mit dem schmerzlichem Gewissen, da├č sie ihm jetzt den Willen brach. Aber er k├Ąmpfte f├╝r diese Pistole. Sein ganzes Leben war ein kleiner Kampf. Sie verweigerte ihm die Pistole deswegen, weil ihr Mann es nicht w├╝nschte. Er verzog sich schmollend hinter einen Baum, und lie├č sich durch keine Worte dieser grausamen Welt beruhigen. Er verbrachte eine geschlagene halbe Stunde damit, mit seinen Gef├╝hlen zu k├Ąmpfend. Genauso wie der Vater, wenn er schmollte. Nach einem Streit zog er sich tagelang zur├╝ck. Dies wiederholte der Kleine jetzt w├Ąhrend dieser halben Stunde. Ihre Nerven hingen nur an einem d├╝nnen Wollf├Ądchen. Sie holte ihn aus seinem Versteck.

Ein Knall durchschnitt die Stille. Sie hatte ihm die Pistole gekauft, auf da├č er k├Ąmpfe gegen die Stille.

Sie gingen ins Affenhaus. Bei den Schimpansen, die sich liebevoll um ihre neugeborenen Babys k├╝mmerten, wollte er gar nicht verweilen. Ihn zog es zu den gr├Â├čten der Affen, den Gorillas und er sagte, da├č er selber der gr├Â├čte, ein Gorilla sei. Sie beobachtete ihn, wie er auf die Affen stierte, die die ganze Zeit vor einem Gef├Ą├č standen, um mit einem Lianenblatt Zuckerwasser oder Nektar zu fischen. Dies schien ihn hungrig gemacht zu haben und er kam und verlangte sein Brot. Sie ├╝berkam wieder das beunruhigende Gef├╝hl. Sie dachte an die Morgende, wenn sie sein Vesperbrot machte f├╝r den Kindergarten. Den Apfel sch├Ąlte, das Geh├Ąuse entfernte und das Ganze in Einzelteile zerlegte mit dem Bewu├čtsein, da├č sie ihn den ganzen Tag alleine lassen mu├čte, ohne da├č sie dar├╝ber wachen konnte, da├č er richtig a├č. Sie gab ihm das Brot.

Sie betrachteten den schwarzen Panther, der mit abgewendetem Kopf von seinen Zuschauern in seinem K├Ąfig stand und j├Ąmmerlich wehklagend br├╝llte. Der Kleine ertrug den wehklagenden Panther genausowenig wie sie und sie lie├čen sich nieder auf eine Bank, Dann begann er, auf den gro├čen Felsen zu klettern. Die dr├Âhnende Leere im Kopf tauchte wieder auf, wenn er spielte und sie unt├Ątig daneben sitzen mu├čte, um ihm zuzuschauen, so als ob sie ihr eigener Zuschauer sei. Sie sagte ihm alle f├╝nf Minuten, da├č sie jetzt zu den Eisb├Ąren gehen wollten, worauf er ihr dann st├Ąndig erwiderte, da├č das Klettern so Spa├č mache und da├č er noch eine Weile verweilen wolle. Und um diese Leere ertragen zu k├Ânnen, w├╝rde sie an den Psychologen denken, jede wei├če Haarpracht, die vor├╝berging, ├╝berpr├╝fend, ob er es etwa sei. Sie gingen dann nicht mehr zu den Eisb├Ąren, kehrten zur├╝ck in das Parkhaus, wo ihr Auto stand und sie hielt nur drei kleine Finger ihres Kindes in ihrer Hand. Vielleicht wollte sie sagen: ÔÇ×Nun lauf schon und lass dich ├╝berfahren.ÔÇť

Nach diesem Morgen lehnte sie sich unbefriedigt im Sofa zur├╝ck und dachte, wie anstrengend es doch war, so wenig mit ihrem Sohn zu sprechen. Sie h├Ątte so gerne wenigstens einen Satz zu ihm gesagt.

Bearbeiten/Löschen    


Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zefira eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Wunderbar, Patina...

... Du verstehst es, die T├╝cken des Mutterseins darzustellen, und zwar eine Schicht tiefer als "nur der Pudding h├Ârt mein Seufzen" und wie sie alle hei├čen.
"...mit Anstrengung balancierend, was jetzt wichtiger sei, ihre Gedanken oder die soeben gesprochenen Worte des Kindes...", das trifft es genau. Wie gut ich das kenne!

Zwei Kleinigkeiten sind mir noch aufgefallen:
"...der kleine K├Ârper zitterte vor Angst, hin- und hergebeutelt zwischen den Atemz├╝gen, die um Luft k├Ąmpften und entt├Ąuscht wurde..." - abgesehen von dem Tippfehler (richtig w├Ąre "entt├Ąuscht wurden") ist mir das Wort "entt├Ąuscht" in diesem Zusammenhang zu passiv. Im Augenblick f├Ąllt mir aber auch keine bessere L├Âsung ein. "... um Luft k├Ąmpften, die ihnen verweigert wurde" w├Ąre k├Ąmpferischer, w├╝rde aber einen neuen Nebensatz bedeuten, den wir ja wohl nicht wollen. Vielleicht "... hin- und hergebeutelt zwischen vergebens nach Luft ringenden Atemz├╝gen"?

Das zweite: "...worauf er ihr dann st├Ąndig erwiderte, da├č das Klettern so Spa├č mache und da├č er noch eine Weile verweilen wolle." Also, "verweilen" hat er bestimmt nicht gesagt. Das Wort ist in diesem Zusammenhang viel zu erwachsen.
Sonst ist gerade diese Schlu├čszene sehr bewegend. Dieser Schlu├čsatz: "Sie h├Ątte so gerne wenigstens einen Satz zu ihm gesagt." Ich hatte fr├╝her - inzwischen sind meine Kinder ja gr├Â├čer - abends manchmal das Gef├╝hl, da├č ich zwar ununterbrochen geredet, Anweisungen erteilt, Statements abgegeben etc. habe, aber nie einen richtigen Satz mit ihnen gesprochen. Wenn es ganz schlimm war, bekam ich meine einen richtigen Ha├č auf meine eigene m├╝tterliche Stimme.

Sch├Ân, da├č Du da bist
Zefira

Bearbeiten/Löschen    


Patina
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2002

Werke: 3
Kommentare: 26
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Huhu Zefira,
danke f├╝r deine weiteren Anmerkungen. Ich werde sie sobald wie m├Âglich einflechten.

Wahrscheinlich nimmt man das als Mutter viel zu ernst. Was soll man schon mit einem Kleinkind von drei Jahren reden. So alt war er damals. Jetzt ist er acht. Und ich bin in der erfreulichen Lage, seinen Ausschweifungen zuh├Âren zu k├Ânnen. Manchmal langweilen sie mich entsetzlich. Aber da mu├č man wahrscheinlich durch. Hier und da ertappe ich mich dabei, wie ich in den Gedanken zu etwas anderem h├╝pfe. Einem Text von mir oder anderen in jenem Moment unpassenden Gedanken. Vielleicht bin ich auch nicht das Paradebeispiel einer Mutter, die sich unsere Gesellschaft so vorstellt. Das ist wahrscheinlich der Fehler, den ich st├Ąndig begehe, da├č ich immer an diese dummen Konformen denke, die einem aufgezwungen werden. Aber in der Zwischenzeit bin ich bereit, immer mehr davon abzulegen.

Bis bald, Patina

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!