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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Im freien Fall
Eingestellt am 17. 02. 2017 07:51


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Roman
Hobbydichter
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Im freien Fall

Es hat lange gedauert, bis ich anfing es zu akzeptieren. Ich konnte mich aber immer noch nicht so richtig daran gew├Âhnen, dass die Leute mir mehr als einen Blick zuwarfen, um mich zu taxieren. Blicke die ich jetzt langsam zu deuten gelernt hatte. Frauen hatten mehr die mitleidigen, w├Ąhrend M├Ąnner meistens den ablehnenden oder den neutralen Blick an den Tag legten. Kinder drehten den Kopf neugierig zu mir, wenn sie an mir vorbei liefen.

Wie gesagt, es hat lange gedauert, aber jetzt akzeptiere ich, dass ich so einer bin, der nicht mehr in die Gesellschaft passt, denn jetzt bin ich ein Penner, wie man so sch├Ân sagt.

Seit wann ich einer bin? So etwas kann man nicht genau auf den Tag sagen. Auf einmal geh├Ârst du zu der anderen Seite der Gesellschaft. Es ist dir pl├Âtzlich bewusst und du kannst nichts dagegen machen. Es w├Ąre m├╝├čig und auch ├╝berfl├╝ssig, wenn ich hier meine Geschichte erz├Ąhlen w├╝rde. Niemand interessiert sich daf├╝r ernsthaft. Das ist auch verst├Ąndlich, hat doch jeder heute seine eigenen Sorgen. Sagen wir mal so: ich bin aus verschieden Gr├╝nden abgerutscht und auf der Strecke geblieben.

Zurzeit sitze ich am Zentralbahnhof in der Ecke an der Eingangst├╝r. Da ist es einigerma├čen windstill und die Sonne scheint auch den ganzen Nachmittag dorthin. Jedes Mal, wenn die Fl├╝gelt├╝r mit der schmutzigen Glasscheibe ge├Âffnet wird, sehe ich sozusagen im Spiegel eine heruntergekommene Gestalt. Dann ist sie wieder weg, wenn die T├╝r zuschl├Ągt. ÔÇ×WuppÔÇť, die Gestalt ist da. ÔÇ×WuppÔÇť, die Gestalt ist wieder weg. Das geht so ungef├Ąhr 500-mal in der Stunde, denn es ist ein gro├čer Bahnhof in einer gro├čen Stadt, wo man anonym ist.

Ich habe mir diesen Platz deswegen ausgesucht, weil hier so viele Leute ein- und ausgehen und der eine oder andere schon mal einen Euro in den schmutzigen Pappbecher wirft, der da vor mir steht. Die Gesch├Ąfte gehen gut oder schlecht, das h├Ąngt vom Wetter ab, von der Uhrzeit oder von der Jahreszeit. Das ist ganz verschieden. Manchmal sehe ich ein bekanntes Gesicht. Da sich mein ├Ąu├čeres aber ver├Ąndert hat, erkennen die Leute mich nicht mehr, zumal ich hier auf dem Boden sitze und die Menschen mich von oben herab sehen.

Wenn ich dann so ein bekanntes Gesicht sehe, rei├če ich mich mit aller Gewalt zusammen, um nicht Erinnerungen aufkommen zu lassen. Denn eines habe ich schon gelernt: Wenn man auf Trebe ist, darf man nicht zur├╝ckblicken. Sonst kommen Erinnerungen auf, man wird schwach und steigt noch mehr ab. Ich wage gar nicht daran zu denken, was passiert, wenn ich im Keller bin.

ÔÇ×WuppÔÇť, die T├╝r geht wieder auf und in dieser kurzen Zeit, w├Ąhrend ich den Penner im Spiegel sehe, kann ich ihn beschreiben, denn ich kenne ihn verdammt gut. Er ist 58 Jahre alt, abgemagert, hat kaum mehr Haare auf dem Kopf und einen ungepflegten zerrupften Bart. Im unrasierten Gesicht dominiert ein halboffener Mund, der neuerdings Zahnl├╝cken aufweist. Die hat er von einer Schl├Ągerei von vor zwei Tagen. Die Zahnschmerzen sind fast unertr├Ąglich, aber heute ist Mittwoch und der Zahnarzt von der Caritas hat heute keine Sprechstunde.
Ein schmutziges Hemd und eine alte braune Lederjacke ist zu sehen. Da der Penner sitzt, sieht man nur den Oberk├Ârper von ihm im Spiegel der Glast├╝r. Ich wei├č aber, dass die Hosen und die Schuhe auch schmutzig sind, genauso wie der ganze Kerl, der mal dringend ein Bad notwendig h├Ątte. Au├čerdem hat der Penner jetzt Hunger, denn es ist fr├╝h am Morgen und gestern Abend hat es nur zu einer Curry-Wurst gereicht. Gottseidank hat er noch keine Alkoholprobleme. Das fehlt noch. Allerdings w├╝rde er jetzt in seinem Zustand eine Flasche Bier nicht ausschlagen. Sein schmutziger Pappbecher ist immer noch leer.

Ich dachte erst gar nicht mehr ├╝ber mich selbst nach. Mich holte die Realit├Ąt ein. Das Hungergef├╝hl am Morgen machte sich immer mehr bemerkbar. Jemand hatte achtlos eine brennende Kippe hingeworfen. Sollte ichÔÇŽ?

Schmerzhaft wurde mir die soziale Hackordnung bewusst, als eine Gruppe von Punks mit ihren Hunden und Bierflaschen in den H├Ąnden sich der T├╝r n├Ąherte, sie machten ver├Ąchtliche Gesichter und b├Âsartige Bemerkungen als sie mich sahen. Erleichtert atmete ich aus, als sie an mir vorbeigingen. Keiner der Stra├čenpassanten w├╝rde mir zu Hilfe eilen, falls sie ├╝ber mich herfallen wollten.
Es w├╝rde ein langer Tag werden. Der Kampf ums ├ťberleben und das t├Ągliche Essen hatte wieder begonnen.




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