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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Immer diese Technik
Eingestellt am 26. 01. 2015 10:02


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LyrikAmbition
Hobbydichter
Registriert: Jan 2015

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Ein großer, dĂŒnner Mann stand in gelber Uniform an seiner Arbeitsstelle und starrte in Gedanken versunken auf die perfekt eingeordneten Mappen, die mit einem kleinen Preisschild verziert sehr hĂŒbsch aussahen. Seine Arbeit an der Poststelle empfand er immer schon als sterbend langweilig, weshalb die BĂŒroartikel vermutlich auch eine so große Anziehungskraft auf ihn ausĂŒbten. Lucas, das war sein Name, hatte sich aber eigentlich nie groß fĂŒr so etwas wie Arbeit interessiert. Einfach nur die ganze Zeit herumstehen, vielleicht alle zwanzig Minuten mal einem Kunden ein Paket geben und ihn dann wieder mit gefĂ€lschtem Grinsen verabschieden, sonst nichts. Warum konnte er nicht zu solchen Menschen gehören, die ihr Geld mit Musik oder Filmen verdienten? Dann mĂŒsste er nicht hier herumstehen und sich an der glatten OberflĂ€che eines BĂŒroordners ergötzen, sondern sein Leben sogar mit etwas finanzieren, das ihn nicht jeden Abend dazu bringt sich fast die Pulsadern aufschneiden zu wollen.
Möglicherweise musste er hier sein Geld verdienen, weil er nur einen Hauptschulabschluss hatte und deswegen fĂŒr sein ganzes Leben dazu verdammt war, an dieser Poststelle langsam aber sicher zu krepieren. Zumindest wurde ihm das sehr oft und deutlich von seinem Vater gepredigt, welcher nicht immer besonders nett zu ihm war. Lucas konnte sich noch ganz genau an die eine Situation erinnern, als er mit zwölf Jahren von der Schule nach Hause gekommen war und sein Vater, seine Mutter am KĂŒchentisch von hinten genommen hatte. Dieser regte sich damals ziemlich auf und schrie herum, warum Lucas nicht einfach lernen und verschwinden konnte. Also schlug ihm sein Vater ein paar Male ins Gesicht, worauf sich der kleine Junge in sein Kinderzimmer tasten musste, da er durch seine geschwollenen Augen nichts sehen konnte.

So verging der grĂ¶ĂŸte Teil seines bisherigen Lebens, bis Lucas Vater dank einer Überdosis Crack starb und er somit mit seiner Mutter in eine Einzimmerwohnung irgendwo in der NĂ€he seiner Arbeitsstelle einzog. Lucas war seinem Vater jedoch nicht böse, denn er konnte seine Einstellung gegenĂŒber Kindern total verstehen. Auch er hatte mal zwei kleine MĂ€dchen aus dem Auto am Straßenrand beobachtet, wie sie mit ihren pinken Prinzessin Lillifee Schultaschen zufrieden die Straße entlang schlenderten. Man konnte schon von Weitem sehen, wie verwöhnt die beiden Gören waren und das machte ihn so wĂŒtend, dass er wartete bis die kleinen MĂ€dchen den Zebrastreifen vor ihm passierten, er etwas aufs Gas trat und einfach hindurch raste. Lucas mochte einfach keine Leute, denen es unverdient besser ging als sich selbst. Vor allem nicht wenn es kleine Kinder waren, denen das Geld und die Liebe ihrer Eltern in den Arsch geschoben wurden, sodass sie mit 16 drogenabhĂ€ngig, schwanger oder undankbar werden konnten.

WĂ€hrend Lucas so ĂŒber die verschiedensten Dinge des Lebens nachdachte, klingelte das Telefon. Er zuckte zusammen und blickte auf das beleuchtete Display, der den Namen „Alam“ anzeigte. Herr Alam war sein Chef und ihm gehörte die Poststelle, sodass er ihn jederzeit, wegen dem geringsten Vorfall rausschmeißen konnte. Also nahm Lucas das Telefon aus dessen Station und das klassische Klicken war zu hören, das immer zu hören war, wenn ein Telefon abgenommen wurde.
„Hallo, Poststelle Lucas Steward am Apparat?“. „Hallo Lucas, hier ist Mister Alam. Du musst ein paar Sachen fĂŒr mich erledigen und zwar wĂ€re da eine Datei, die unbedingt ausgedruckt und verschickt werden muss. Sie können sie am Arbeitsdesktop unter der Bezeichnung „ATP594“ finden.“ Lucas freute sich denn endlich bekam er eine Aufgabe, in der er nicht nur Löcher in die Luft starren musste, sondern wirklich arbeiten durfte. WĂ€hrend er den Desktop so ĂŒberflog konnte er ein paar Bilddateien, Verlinkungen und Worddateien entdecken und nach ein paar Sekunden fand er sie auch schon. Eine Textdatei mit dem gesuchten Namen. „Hast du sie schon gefunden?“, fragte sein Chef ungeduldig, der noch am anderen Ende des Telefons wartete. „ATP594, ja ich habe sie gefunden, an wen geht die Sendung?“. „Ich schick dir den EmpfĂ€nger per E-Mail, weil ich jetzt noch zu einem wichtigen Termin muss. Wenn du den Brief versendet hast, ruf mich bitte an und sag Bescheid.“ Mit diesen Worte legte er auf, was irgendwie einen arroganten Eindruck hinterließ, aber er war ja auch Lucas Boss und musste somit auf diese Art und Weise mit seinen Arbeitnehmern umgehen.

Der Angestellte ging nun nur noch alles im Kopf durch, was er zu tun hatte und machte sich wieder an den Computer, um erst einmal den Brief auszudrucken. Er wendete die einfachste Rechtsklick-Drucken Methode an und erwartete, dass sich der Drucker, der sich auf der rechten Seite des Tisches neben der Kasse befand, losratterte und ein paar vollbedruckte Seiten ausdruckte. Doch es kam nichts und Lucas schaute wieder zurĂŒck auf den Bildschirm, der ihm als einzige Antwort ein Pop-Up Fenster mit dem Inhalt „Der Drucker ist nicht druckbereit“ schenkte. Lucas kam nie wirklich gut mit Technik zurecht und mit Computern konnte er erst Recht nicht gut umgehen, aber eigentlich funktionierte der Drucker die paar Male, die er ihn schon in seiner Berufslaufzeit benutzt hatte einwandfrei. Warum also konnte er jetzt nicht einfach diese Seiten drucken? Warum musste er genau jetzt, wo er eine vernĂŒnftige Aufgabe bekam, rumspinnen und streiken? Da kam ihm eine Idee, wie er sein Problem ohne großen Aufwand lösen konnte. Lucas betrat einen der hinteren RĂ€ume seines Arbeitsplatzes und suchte nach einem ganz bestimmten Werkzeug. Als er nichts dergleichen finden konnte, vergriff er sich an einem der Pakete, die fĂŒr Leute aufbewahrt wurden, die zwar etwas bestellt hatten, aber dann nicht zu Hause waren um es anzunehmen. Er fand darin eine Verpackung, auf der eine kleine Eule mit Ring auf dem Kopf abgebildet war, zusammen mit einem Baby. Wohl ein Babyspielzeug und somit nichts, womit er etwas anfangen konnte, also nahm er das gesamte Paket und schmiss es in die große MĂŒlltonne, die fĂŒr Papier und Pappe gedacht war. Die nĂ€chsten vier Pakete waren ebenfalls alle sehr enttĂ€uschend, doch im Sechsten fand er ein Lampengestell, an das schon der zugehörige Metallsockel geschraubt war. Genau so etwas hatte er gesucht und nahm es somit in Richtung Drucker. Lucas musterte noch schnell das alte, weiße GerĂ€t, das vermutlich schon zehnmal so lange seine Arbeit verrichtet hatte wie er, packte die Lampe mit festem Griff und dem Sockel nach vorne und drosch darauf immer wieder mit gleicher Geschwindigkeit und Kraft ein, da sie es beim besten Willen nicht anders verdient hatte.

Der Krach war gewaltig und somit hörte er nach drei Minuten Schraubenmassaker auf, stellte die Lampe in das Eck hinter sich, griff sich noch einmal das Telefon und wĂ€hlte die Nummer seines Chefs. Es passierte wieder nichts und Lucas schaute verdutzt auf den Display, der nicht den ĂŒblichen grĂŒnen Hörer anzeigte, welcher ein Beweis fĂŒr einen Anruf gewesen wĂ€re. Warum konnte nun nicht einmal das Telefon funktionieren? Bei dieser Frage bemerkte er, dass die kleine Batterie im rechten oberen Eck des Displays immer wieder aufblinkte. Er hatte also vermutlich das Telefon nicht wieder vernĂŒnftig zurĂŒck in die Station gestellt, was bedeutete, dass er es mindestens zehn Minuten aufladen musste, bis er den Anruf an Herrn Alam tĂ€tigen konnte. Ohne auch nur eine Mine zu verziehen umschloss er das nutzlose Ding fest mit seiner Hand und schleuderte es mit voller Wucht gegen die Betonwand, sodass ein kleiner Teil des Wandputzes abbröckelte und das GerĂ€t in all seine Einzelteile zersprang. Lucas seufzte, nahm wieder die Lampe in die Hand, die ihm mittlerweile von all den GerĂ€tschaften am liebsten war und schlug auf den Computerbildschirm ein, dessen Splitter in alle Richtungen flogen und ein kleiner Kurzschluss im Inneren entstand. Warum konnte nicht einfach mal etwas dann funktionieren, wenn man es brauchte? „Immer diese Technik“, flĂŒsterte Lucas gelangweilt, wĂ€hrend er sich die TrĂŒmmer, in denen er stand begutachtete. Er brauchte eine kurze Auszeit, setzte sich auf seinen Drehsessel und zĂŒndete sich eine Zigarette an. Die Flamme seines Feuerzeugs bereitete ihm Freude, denn dieses war das einzige, das auch seine Arbeit verrichten konnte, so wie es sich gehörte. Er hielt es, mit immer noch flammender Spitze, in der Hand und musterte die wunderschöne Vollkommenheit, eines einfachen physikalischen Prozesses. Sein Blick wanderte auf den dahinter stehenden Stapel Papier, der ihm bis jetzt noch nicht aufgefallen war. Da kam ihm eine Idee und sein Mundwinkel zog sich nach oben, sodass ein paar blitzende ZĂ€hne hervorschauten.

Lucas saß am Bordstein neben der Poststelle und begutachtete sein loderndes, rauchendes Werk. WĂ€hrend aus den einzelnen Fenstern Rauchschwaden hervorstiegen und glĂŒhende Papierreste ihren Weg in die windige Freiheit suchten, rauchte er eine andere Zigarette fertig, die er ebenfalls einwandfrei anzĂŒnden konnte. Ein lautes LĂ€uten war hinter sich zu hören und er drehte sich um, sodass er auf den Kirchenturm starren konnte, der 18 Uhr anzeigte. Endlich war es geschafft, seine Schicht war um und er konnte endlich nach Hause gehen und sich etwas auf seinem Sofa ausruhen. Als er sich von dem kalten, steinernen Boden erhob und ein paar Schritte ging, drehte er sich noch einmal mit Zigarette im Mund um und blickte auf das nun mittlerweile komplett brennende, verwĂŒstete Haus. „Immer diese Technik“, sagte er und ging, ein Lied pfeifend, seinen Weg weiter in Richtung Zuhause.

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„Beurteile nie einen Menschen, wenn du seine Geschichte nicht kennst“

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