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Leselupe.de > Kurzprosa
Immer wieder dieser Traum
Eingestellt am 29. 03. 2011 11:13


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Arno Abendschön
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Registriert: Aug 2010

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"Mach Licht, Frau", sagte mein Großvater manchmal in der AbenddĂ€mmerung, "da oben können wir noch lange genug im Dunkeln liegen." Mit oben war nicht das himmlische Jenseits gemeint, an das er nicht glaubte, sondern unser etwas höher gelegener Friedhof.

Den besten Blick auf den Friedhof hatte man vom Bahnhof aus. Das Jenseits war eben eine Reise ohne Wiederkehr. Blickte man vom Bahnsteig nach Norden, sah man unmittelbar in den schwarzen Mund einer Tunnelöffnung wie in das Ofenloch eines Krematoriums hinein. Davon löste sich der Blick gern und glitt den steil ansteigenden Hang darĂŒber hinauf. Er war mit DornengebĂŒsch bewachsen, völlig unzugĂ€nglich und wurde oben von der weiß verputzten Leichenhalle im neoromanischen Geschmack gekrönt. Ein AussichtscafĂ© konnte nicht schöner liegen. Die Kuppe, die die Eisenbahn im Tunnel unterfuhr, war ein einziges GrĂ€berfeld. Seit fĂŒnf Generationen bestatteten die Einwohner da ihre Toten. Meine Großeltern hatten mir wiederholt gesagt, sie wĂŒrden auch einmal dort liegen. Der Gedanke war mir unbegreiflich. Und ich war noch niemals durch den Tunnel gefahren.

Ich trĂ€umte immer wieder den gleichen Angsttraum. Darin spazierte ich vom Bahnhof zum Haus der Großeltern. In Höhe des Tunnelmundes, genau unterhalb der Leichenhalle, nĂ€herte sich mir ein von zwei wilden braunen Pferden gezogener Leichenwagen. Es handelte sich dabei um einen einfachen Pritschenwagen ohne Verdeck, wie ihn die Bauern zum Transport von RĂŒben oder Kartoffeln benutzten. Wie mich die Pferde sahen, fielen sie sogleich in scharfen Galopp. Der Leichenwagen holperte und schlingerte, der Sarg sprang auf und nieder. Ich wich zurĂŒck, voller Entsetzen - zu spĂ€t: die Pferde bĂ€umten sich bereits hoch auf und setzten dazu an, mich niederzutrampeln. Schon spĂŒrte ich ihre Hufe - und erwachte, von tiefem Schrecken erfĂŒllt.

Beim Aufwachen aus diesem Traum stĂŒrzte ich eines Nachts aus meinem hohen Bett und renkte mir dabei das Schultergelenk aus. Meine Leute fĂŒrchteten, man wĂŒrde mir einen mĂ€chtigen Gipsverband anlegen und das ruhig gestellte Gelenk wĂŒrde nie mehr seine volle Funktion erlangen. Daher brachten sie mich nicht zu einem Chirurgen oder OrthopĂ€den in der NĂ€he. Stattdessen trat meine Großmutter mit mir die Reise zu einer Wunderheilerin an. Sie erfreute sich eines sagenhaften Rufes. In Wirklichkeit war sie eine geschickte Heilpraktikerin, die aus dem Fehlen jeden medizinischen Titels so viel Nutzen zog wie der Doktor in der Stadt aus seinem. Rasch und schmerzlos wurde das Gelenk von ihr wieder eingerenkt. Meine Großmutter jedoch spĂŒrte die geheimnisvolle Kraft, die von jener Schamanin ausging, als sie mich berĂŒhrte. Jahrelang noch pries sie die wundersame Heilung in bewegten Worten.

Auf der Fahrt nach Norden hatte ich erstmals den Tunnel unter dem Friedhof durchfahren - und ich war zurĂŒckgekehrt! Ich war also genesen, wenigstens was die Schulter betraf. Und der Traum mit dem Leichenwagen kehrte auch nicht wieder. DafĂŒr trĂ€umte ich nun andere AngsttrĂ€ume.

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