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Leselupe.de > Humor und Satire
Impressionen am Vormittag
Eingestellt am 29. 06. 2004 16:43


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Angelus Novus
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2004

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Kommentare: 4
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Oh Graus, oh weh! Ein Krampf im Bauch! Irgendwas spricht zu mir, stichelt, meckert, will eine Mordsaufmerksamkeit oder was. Sieht schlecht aus mit einer Antwort, sowieso. Das ganze Szenario ist eigentlich schrecklich. HĂ€ĂŸlich. Nix gut, gar nix. Nix zu machen. Gut, es ist halt der Matheunterricht. Aber der hat's in sich! Oder eben nicht. Egal, wie supererwachsen, megareif und eben aufgeklĂ€rt man sich auch wĂ€hnte, nach dem Klingeln ist Polen verloren. EndgĂŒltig der Ofen aus. Ich bin ein wehrloses Kind, ein schutzloses, ahnungsloses Ding, einem diktatorischen Brutaloweib ohne Aussicht auf Rettung ausgeliefert. Bevormundet, daß es kracht. Vielleicht reizt mich das ein wenig. Oder sagen wir: lĂ€ĂŸt es gewisse Spannungen entstehen.
Als erstes sind meine beiden Nebensitzer dran, Kalle und Macke. Nee, natĂŒrlich haben die nicht so cool-schmissige Namen, heißen eigentlich nur Armin und Michael, was aber auch nicht weiter schlimm ist.
"Der Armin und der Micha reden die ganze Zeit ĂŒber MĂ€dchen und passen nicht auf!"
Da Ă€rgern die beiden sich natĂŒrlich schön, weil ich sie grundlos verpetzt habe bei der Lehrerin. Armin wird weggesetzt und Michael putzt sich vor Aufregung die Brille, ich bin ein wenig amĂŒsiert. Da meine einzigen beiden Freunde in der Klasse nun fĂŒr den Rest des Tages ziemlich beleidigt sein werden, ĂŒberlege ich, was sich sonst noch mit der kostbaren Zeit anstellen lĂ€ĂŸt. Man muß heutzutage ja sorgfĂ€ltig rationieren, es nutzt doch alles nix.
Die Welt retten. Oder mit MĂ€dchen rummachen. Oder so Ă€hnliche Sachen. Das sind gute PlĂ€ne. Hinter mir niest jemand ĂŒbertrieben laut. Ich bin also nicht der einzige, der sich langweilt, der genervt ist und eigentlich extrem kotzbrockig drauf in diesem Moment. Vor allem wegen der Milliarden Bakterien, die dieser Bazillentransporter geradewegs in Richtung meiner eigenen SchleimhĂ€ute ausgestoßen hat. So was Blödes! Da sitzt jahrelang also ein ekelhafter Infektionsherd hinter mir und ich merk's noch nicht mal. Ich bin ja hier eh vollkommen falsch.
Klar, ist alles wichtig. Gutes Abi. Wichtige Sache. Gutes Studium. Gutes Geld. Gutes Haus. Gute Familie. Gutes Leben. Klar, ist alles wichtig, ich geb's ja zu. Mindestens so wichtig, wie mal ein Buch von Nietzsche gelesen zu haben und Sex in verschiedenen Stellungen zu kennen. Zu können. Und, leck mich doch am Arsch, ich nehme meinen Auftrag, ein unserer Kultur und Geschichte wĂŒrdiger, wo nicht sogar gescheiter BildungsbĂŒrger zu werden, richtig ernst. Ich glaube daran.
Ich nehme deshalb auch gleich einen Schluck aus meiner Pulle zuckerfreien Iso-Aktiv-Sport-Grapefruitgeschmack-GetrĂ€nks und mir steigen TrĂ€nen in die Augen. Die Lehrerin zeigt mir nĂ€mlich ihren nicht gerade akkuraten RĂŒcken respektive ihr noch viel weniger akkurates oder vielmehr potthĂ€ĂŸlich-moosgrĂŒn konstituiertes Oberteil und meine Erektion ist dahin. Oder war nie da.
Wieso trinke ich diese Plörre eigentlich? Diese Plörre Grapefruit-Zuckeraustausch-Fischmehl-Rotz (Zuckerersatz? ErnÀhrungslehre?), das wie abgestandenes Sperma o.À. schmeckt, jedenfalls so Àhnlich aussieht. So Àhnlich.
Ich hab doch eh ein Attest fĂŒr den Sportunterricht. So what?
Ich bin einfach nicht belastbar genug. Nicht krĂ€ftig genug. Eine Mimose. Und es gibt nicht mal ein Attest fĂŒr Mathe. Gegen Mathe. Nein, es hilft auch keine Salbe gegen Gleichungssysteme.
Oder eins fĂŒr modernes Leben. Eine Art FĂŒhrerschein. Nein, ein Lebensschein, das Gegenteil vom Totenschein halt. Klar, man muß auch so irgendwie durch. Man brĂ€uchte aber schon mehr Drogen dafĂŒr. Oder weniger von diesen hĂ€ĂŸlich-grĂŒnen Oberteilen. Oder mehr Geld.
NĂŒchtern ist der Mist ja schon schwer zu ertragen. Auf Drogen wird's besser. Oder schlimmer, je nachdem.
Gleichwohl ist die Mathematik, philosophisch betrachtet jedenfalls, ja hochinteressant. Behaupten jedenfalls die Mathelehrer. Und die MathelehrerInnen. VollstĂ€ndig logische Systeme, die... ich schweife ab und mein Nebensitzer spricht. Er spricht mit Gott. Oder zu Gott? Er erzĂ€hlt ihm von Cola und Fleisch. Ich merke zu spĂ€t, daß er mich meint und nicht Gott. Er spricht davon, daß sich Fleisch, erst einmal in Cola eingelegt, unwiederbringlich auflösen wird. "Erschreckend", gebe ich zu bedenken. Schon einige Tage, ach was, Minuten, Millisekunden dĂŒrften genĂŒgen, ein halbes Schwein vermittels eines FlĂ€schleins der bekannten Braunbrause ratzfatz wegzuĂ€tzen! Die Amis haben das Zeug ja erfunden! Ob die vielleicht auch in Abu Gharib...? Zuzutrauen wĂ€r's ihnen ja!
Schlimm ist das ja alles trotzdem. Die Umweltzerstörung, der Krieg, Enthauptungen im FĂ€nsĂ€n, Lochfraß bei der Waschmaschine, die ultrafiesen Politiker und nicht zu vergessen: die Zigarettenpreise! Schlimm! Ganz schlimm!
Angewidert lecke ich den letzten Tropfen Grapefruit-Zucker-Surrogat-Panschzeug aus der Flasche und das MĂ€dchen am Tisch nebenan beginnt zu wĂŒrgen. Ich hingegen schenke dem Unterricht meine volle Aufmerksamkeit. Jedenfalls bis - es sind Minuten vergangen, die mir wie Sekunden vorkamen in meiner Lethargie (vgl. Allergie) - ein immer noch schwerst auf Cola fixierter Michael gleich noch einmal von mir verpetzt wird. Dieses Mal hatte er die Hand in der Hose. Sage ich. Nur noch zwei Stunden Unterricht neben Michi, das wird sicher lustig.
Am Nachmittag, plane ich, werde ich dann erst mal schön Wodka trinken oder was lesen, was mit Humor oder so. Dann ist auch schon Schicht mit Mathe, denn es klingelt.
Klar, werfe ich ein, ich könnte auch gleich was trinken. Oder mal was RevolutionĂ€res machen. Oder es irgendwie verbinden. Ach, das wĂ€r doch schön. Obgleich ich sicher weiß, daß man, hat der DĂ€mon Alkohol erst richtig zugeschlagen, eh viel zu trĂ€ge und lahmarschig wird, um noch groß was hinzubekommen. Wird wahrscheinlich auch besser sein, ich hab zwei linke HĂ€nde. Diese ganzen vitalen KĂ€mpfer fĂŒr das Gute, die sich so inbrĂŒnstig und hochmotiviert ins Geschehen stĂŒrzen... ich bewundere sie. Sie haben noch Kraft. Sie sind sehr sexy. Computer, Fernseher, Umwelt, Dummheit, Faschismus... alles ganz schlimm! Alles voll aus dem Ruder gelaufen.
Ich habe ja selbst Bauchschmerzen davon. Kann aber auch an dem verdammten Phenylanalin liegen, was sie meiner prima Limo beigemengt haben. Diese Panscher! Kein Wunder, daß die Welt so am Arsch ist. Bei der Limo und den Zigarettenpreisen wundert mich gar nix mehr.
Und die Schule erst! Die macht noch viel kaputter. Ja nun. Manchmal. Eigentlich paßt die Schule ganz gut zum Rest. WĂ€re doch seltsam, wenn alles cool liefe und nur die Schule wĂ€re scheiße. Nee, andersrum. Vor mir liegt Pratchetts "Die Farben der Fantasie", in dem von einer Scheibenwelt die Rede ist, die von einer großen Schildkröte getragen wird. Das heißt, nein, so ist es nicht. Die Schildkröte trĂ€gt vier Elefanten und die tragen ihrerseits die Scheibe. Und auf der Scheibe leben die Figuren des Romans. Gutes Buch. Könnte man jedenfalls schnell meinen. Nicht so gut wie Nietzsche, klar. Obwohl ich ĂŒber Nietzsche auch nicht viel sagen kann, klar. Hinter mir klingelt ein Handy. Ein GlĂŒck, ich habe endlich Kopfschmerzen und vergesse fĂŒr einen Augenblick das Stechen in der Magengegend. Ich sollte mir noch so ein Iso-Aktiv-Dingensda reinhauen. Glaube ich. Vielleicht nur Einbildung. Nee, ist es nicht. Das kann es nicht mehr sein, seit es im Internet tausende Seiten mit der Beschreibung der TraumluziditĂ€t gibt. Zufolge jener kann man im Traum feststellen, daß man trĂ€umt. Indem man versucht, Kleingedrucktes oder die Uhrzeit zu lesen, sich des Namens und Wohnortes zu entsinnen oder den Lichtschalter zu betĂ€tigen. Bleibt das Licht aus, trĂ€umt man. Als ich zu Hause ankomme, versuche ich es logischerweise gleich. Es bleibt zappenduster. Kein Wunder, die Birne ist hinĂŒber. Ein GlĂŒck!

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flammarion
Foren-Redakteur
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Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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jaja,

die jugend! zu allem fÀhig und zu nischt zu jebrauchen.
deine geschichte gefÀllt mir. vor allem, wenn am schluss mit birne die omme gemeint ist, also der kopf des jungen.
ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Angelus Novus
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2004

Werke: 2
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Das ist nicht fiktiv. Und es sind mehrere Stellen darin, die nicht eindeutig sind und es auch nicht werden sollen.
Schöne GrĂŒĂŸe
__________________
ba

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