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Leselupe.de > Kurzgeschichten
In Dej
Eingestellt am 07. 01. 2011 20:53


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Lio
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Ich liege in meiner Kammer und betrachte den Mond, gerade habe ich das letzte Mal an diesem Tag zum heiligen Vater gebetet. Draußen auf dem Gang hört man noch schlurfende Schritte und flĂŒsternde Unterhaltungen. Ich versuche sie mir vorzustellen. Ob sie immer noch so aussieht wie damals? Unwirklich ist ihr Besuch, so wie ein Ruf aus einer fernen Welt, die es lĂ€ngst nicht mehr gibt.

Wenn ich an Angelika denke, sehe ich zu allererst ihre große, bleiche Stirn unter der ihre katzengrauen Augen frech hervor blicken. Sie lacht so herrlich, so glucksend-fröhlich, so dass man gar nicht anders kann, als mit einzustimmen. Wenn man eine Person schon beinah sein gesamtes Leben kennt, kann man dann von „Versuchung“ sprechen? Das hat Pater Johannes, mein Ziehvater, gesagt. „Versuchung“ oder etwas Ă€hnliches, in jedem Falle ging es in diese Richtung.

Ob es das wert ist, werde ich immer gefragt. Von Freunden oder meiner Schwester. Meine Großtante wetterte auch immer gegen die Kirche. Sie hat fast ihr gesamtes Leben in der DDR zugebracht und war eine sehr kluge Frau. Zu meinem 18. Geburtstag, das war kurz vor meinem Eintritt ins St. Benedictus Kloster, hat sie mir „Der Großinquisitor“ von Dostojewskij geschenkt. Da habe ich lange mit mir gerungen und viele GesprĂ€che mit Pater Johannes gefĂŒhrt. Aber es ist doch das persönliche GefĂŒhl, das Herz, das einen leiten soll, hat er gesagt.

Pater Johannes ist der großherzigste Mensch, den ich kenne. Wahrscheinlich habe ich ihm deswegen auch von Angelika erzĂ€hlt. Hier in Dej, im Nordwesten der rumĂ€nischen Karpaten, gibt es niemanden, der mit ihm zu vergleichen wĂ€re. Der hiesige Pater hat eine grobe Art und mit meinen GlaubensbrĂŒdern kann ich mich nicht unterhalten. Gestern war ich im Aufenthaltsraum, weil ich mich fĂŒr eine Sendung interessiert habe, da haben sie „Ce se ĂźntĂąmplă?“ gefragt und dann wieder auf den Bildschirm gestarrt. Irgendeinen rumĂ€nischen Heimatfilm in Schwarzweiß haben sie sich angeguckt, deshalb bin ich wieder auf meine Kammer gegangen.

Angelika kenne ich seit der ersten Klasse. Wir hatten bei der Einschulung den gleichen Schulranzen, da hat uns unsere Klassenlehrerin nebeneinander gesetzt und wir haben SĂŒĂŸigkeiten getauscht und uns sofort angefreundet. Ich habe immer gedacht es verbindet mich mit ihr so etwas wie eine schwesterliche Zuneigung, ein tiefes VerbundenheitsgefĂŒhl. Doch als ich sie dann vor ĂŒber drei Jahren wieder sah, war alles ganz anders. Mit einem Male kam ich mir neben ihr wie ein Tölpel vor, benahm mich auch so, weil ich sie die ganze Zeit nur anglotzte, kein GesprĂ€ch mehr zustande brachte und blöde grinste, wenn sie mich etwas fragte. Eine Nacht lang lag ich wach, starte gegen die Decke und fragte mich wie so etwas passieren kann, wo ich doch nur Gott dienen will. Am Morgen sprach ich mit Pater Johannes, der mir eine Versetzung vorschlug. Deshalb tĂŒrmte ich, um Angelika in Bonn zu besuchen, wo sie gemeinsam mit ihrem Freund wohnte.

Ich bin sehr glĂ€ubig. Ich weiß, dass Gott in jedem Menschen lebt. Das merke ich immer und ĂŒberall, aber ich hatte auch eine Art Erweckungserlebnis im Alter von zwölf Jahren. Ich kann mich noch ganz deutlich daran erinnern: ich lief von der Schule nach Hause so wie jeden Tag und wie jeden Tag ging mein Puls schneller, als ich die sozialen Wohnheime passierte. Doch diesmal hatte ich kein GlĂŒck. Drei Jungs schnellten hinter einer Hecke hervor, umstellten mich und verlangten von mir alles was ich besĂ€ĂŸe. Als ich nichts herausgab, begannen sie auf mich einzuschlagen, hörten nicht auf, auch nicht als ich zu Boden ging. Sie traten gegen meinen Kiefer und gegen meine Brust, als mir warme FlĂŒssigkeit die SchlĂ€fen hinunter lief und meine Umwelt zu verschwimmen begann, sah ich Pater Johannes auf uns zu eilen. Die Jungen flĂŒchteten, er hob mich auf und sah dabei so traurig aus, ich verstand das damals gar nicht. Erst Jahre spĂ€ter begriff ich, dass es EnttĂ€uschung gewesen war, EnttĂ€uschung ĂŒber das allzu menschliche Verhalten der drei Jungs.

Pater Johannes besuchte mich in Angelikas Wohnung, in Kutte und war auch gar nicht böse. Wir redeten eineinhalb Stunden lang, zeitweise setzten sich sogar Angelika und ihr Freund zu uns. Pater Johannes versuchte mir zu erklĂ€ren, dass das eine erste große PrĂŒfung sei und ich mich nicht von meinen augenblicklichen GefĂŒhlen leiten lassen solle. Schließlich folgte ich ihm zurĂŒck ins Benedictus und er ĂŒberzeugte mich nach RumĂ€nien zu gehen, um mich ganz Gott widmen zu können, weil das Kloster in Dej fernab von jeglicher Zivilisation lĂ€ge nicht so wie das St. Benedictus.

Heute hat Angelika angerufen, ich hÀtte es nicht mehr erwartet. Der erste Gedanke vor dem Morgengebet und der letzte beim zu Bett gehen: Angelika. Morgen werde ich Dich wiedersehen.



Version vom 07. 01. 2011 20:53
Version vom 09. 01. 2011 13:59

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Lio
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Hallo Clara,

vielen Dank fĂŒr deine Kritik.

Du fragst:

quote:

WÀre es möglich, den Satz, das der Prot glÀubig ist, sehr glÀubig, weiter an den Anfang stellt?
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HabÂŽ ich gemacht, hast Recht, das steigert das Tempo.

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die Versuchung - das wĂ€re ein feiner Titel und auch glaubwĂŒrdig dargestellt ohne grossartige Details, also schlicht dargestellt.
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In Dej gefĂ€llt mir auch nicht so gut, aber "Versuchung" kommt mir ein bisschen zu .....unspektakulĂ€r....vor. Weckt wenig Interesse, ich wĂŒrde keinen Text lesen, der "Versuchung" heißt...

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getĂŒrmt zu angelika, da floss es auch nicht so richtig mit dem VerstĂ€ndnis - und das der Pater dann da war, war ganz ĂŒberraschend.
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Warum floss es da nicht mit dem VerstĂ€dnis? Man kann doch aus dem Kloster tĂŒrmen, wenn der Pater einen besonderen Bezug zu seinem Mönch hat, kann er ihm doch auch nachreisen...

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Man sollte dem Protagonisten wohl raten, auf sein Herz zu hören -denn glĂ€ubig kann man auch ohne Auftrag fĂŒr die Menschheit sein und auch fĂŒr die Menscheit handeln
quote:


Wie wahr, wie wahr

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Ich mag den Text, auch wenn er etwas borstig so vom Ablauf ist
Jeden Absatz gibt es quasie einen Szenenwechsel.
quote:


Ich wollte die Gedankenfetzen des Prots. eigentlich in Kursiv setzen. Hat aber nicht geklappt.

Noch ein schönes We und bis bald,

Lio



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