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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
In Gedankenstrichen
Eingestellt am 01. 10. 2008 09:56


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Hedwig Storch
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Spätestens, nachdem Sie ca. drei Romane aus dem Frühwerk Heinrich Manns gelesen haben, nehmen Sie stillschweigend eine Besonderheit in Kauf. Der allwissende Erzähler dominiert, der, in Gedankenstrichen, jede gerade mal wichtige Romanfigur "ausleuchtet". Auszuleuchtendes Personal können sogar Nebenfiguren sein. Da wird etlichen Figuren pro Roman hinter die Stirn geguckt. Es wird viel gedacht. Das ist gut so. Denn auch Sie kommen sich mit der Zeit bald so vor wie der Liebe Gott, der alles, aber auch wirklich jedes Bißchen weiß.

Am 26. März 1928, als Heinrich Mann seinen Roman "Eugénie oder Die Bürgerzeit" druckfertig machte und an Emil Faktor schrieb "Ich bin in voller Arbeit", wurde er am nächsten Tag 57 Jahre. Wir können also nicht mehr vom Frühwerk sprechen. Und in der "Eugénie" wird auch wieder fleißig in Gedankenstrichen gedacht.
Seit Heinrich Mann nicht mehr schreibt, sind wir in den letzten fünf Jahrzehnten von prima Autoren verwöhnt worden, die diese Gottperspektive meilenweit hinter sich gelassen haben und teilweise mehr zum Standpunkt des Ich-Erzählers hin tendieren. Warum also halten wir uns mit der leicht angestaubten "Eugénie" auf, wo doch heute viel besseres überall - hoch gestapelt - druckfrisch herumliegt?

Nun, erstens steht die Antwort in demselben Schreiben an Emil Faktor: Dieser Roman "ist historisch sozusagen, denn die Tage meiner Kindheit sind historisch, und wie". Eugénie handelt zu Ende der Gründerjahre - genauer, im Sommer 1873 - in einer norddeutschen Hafenstadt (Lübeck). Im Hause des Konsuls Jürgen West wird ein Theaterstück vor den Bürgern der Hafenstadt aufgeführt. Autor ist der ortsansässige alte Dichter Professor von Heines (Emanuel Geibel (*1815 in Lübeck, †1884 in Lübeck)). Das Stück spielt nach der Schlacht von Sedan (September 1870). Napoléon III., Kaiser von Frankreich, ist Gefangener des Königs Wilhelm von Preußen. Die Kaiserin Eugénie dringt zum preußischen König vor, um ihren Gatten zu befreien. Das Publikum der Theateraufführung, darunter der Bürgermeister Reuter, kommentiert die Vorgänge auf der Bühne. Der Bürgermeister meint, König Wilhelm habe "dem Bürgertum Glanz verliehen" und er habe vom Bürgertum "seine ganze Macht" (S. 359). Das Wort "Bürgerzeit" fällt genau einmal im Romantext (S. 380). Wiederum spricht es der Bürgermeister Reuter aus, als er die jahrhundertelange Dominanz der Bürgerschaft in seiner Stadt hervorhebt.
Apropos Bürgermeister Reuter. Das Stadtoberhaupt schwebt zu Romanende als Deus ex Machina vom Romanhimmel herab – zwecks Happy End.
Zweitens, um wieder auf die VorzĂĽge des Romans zu sprechen zu kommen, schreibt Heinrich Mann am
13. Februar 1928 an den Franzosen Felix Bertaux: "Der kleine Roman ist leicht lesbar." Das stimmt.
Und schließlich drittens ist "Eugénie" als Lektüre empfehlenswert, weil trotz der scheinbar simplen Romanstruktur mit einer raffinierten – und scheinbar einfach aussehenden – Zwei-Ebenen-Technik gekonnt Spannung aufgebaut und gehalten wird. Sie sollten es bitte selber lesen:

Gabriele, die Gattin des Konsuls West, läßt sich im wirklichen Leben auf kleine Eskapaden ein. Gründe dafür sind wohl jugendlicher Übermut und Langeweile der hübschen jungen Mutter. Daneben spielt Gabriele die "Eugénie" in o.g. Stück und wird darin auf kunstvolle Weise mit den Herren aus ihren Eskapaden konfrontiert. Eine vorzügliche Arbeit Heinrich Manns, so müssen wir, die wir den Autor weiter oben nur diskreditiert haben, doch noch anerkennen. Wundervoll sind auch die Karikaturen von Personen der Zeitgeschichte.

Heinrich Mann wurde am 27. März 1871 in Lübeck geboren und starb am 12. März 1950 in Santa Monica (USA, Kalifornien).

Heinrich Mann : Eugénie oder Die Bürgerzeit.
Roman (1928)

Quelle: Heinrich Mann: Gesammelte Werke. Band 9, S. 189 - 382. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1975
Neuere Ausgabe: Berlin, Ullstein Verlag 1981. 244 S., ISBN: 3-548-30113-4

Hedwig Storch 10/2008

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Hedwig

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jon
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Ich meld mich mal wieder. Ich mag ja deine Rezis, auch wenn sie nicht immer "süffig" sind. Müssen sie ja auch nicht, solange sie "wirken". Die hier "wirkt" nicht (auf mich). Ich habe den Eindruck, eine Auftragsarbeit vor mir zu haben. Es fehlt nicht an Wissen, nicht an Rechereche – wohl aber an Herzblut.

Woher diese Wirkung? Sie entsteht nicht durch die typografischen Versehen (der Absatz mitten bei "Zweitens" und dass "drittens" nicht fett ist), sondern eher durch … ich weiß nicht. Dass du selbst nicht recht wusstest, was gut an dem Buch ist? Ne, dafür sind diese Sachen zu konkret benannt. Dass du es zwar gut, aber nicht begeisternd fandest? Die Sachen sind zwar benannt, aber eher wie "Gehn wir mal die Liste durch", nicht wie "Das musst du gelesen haben!". Dass bei der Konstruktion das Konzept zu fehlen scheint? Nicht "was ist das Gute/Schlechte am dem Buch?" sondern "Inhalt? Abgehakt. Eindordnung? Abgehakt. Spannung? Abgehakt". (Das ist mal übertrieben formuliert, um den Eindruck, der bei mir entstand, zu verbildlichen.)

Da wären zum Beispiel:

Die Sache mit den Gedankenstrichen erscheint mir eher wie eine "witzige Formalie". Es wird auch nicht ersichtlich, warum das "viele Denken" in dem Roman so gut sein soll, ja in dem Fall sogar "besser" als der moderne Ich-Erzähler-Stil.

Am Ende des "erstens"-Abschnittes häuft sich das Wort "Bürger" auf fast schmerzhafte Weise. Ich habe erwartet, einen Grund dafür zu finden (vielleicht "Mann karikiert das Bürgertum dieser Zeit") – da nichts dergleichen kam, blieb nur den "Schmerz" als Eindruck zurück.

Dass der Roman "leicht lesbar" ist, sollte direkt von Rezensenten kommen, nicht vom Autor. Wenn schon so, dann mit etwas mehr als einem knappen „Das stimmt." Das klingt so sehr nach "Stimmt, aber …", dass mich das Fehlen des "aber" (das ja die Meinung des Rezensenten wäre) massiv störte.

Die Meinung, dass die zwei Ebenen gekonnt Spannung herstellen, ist informativ – der Teil nach "Sie sollten es bitte selber lesen:" illustriert diese Spannung aber gar nicht, sondern benennt nur die zwei Ebenen.

Bei

quote:
… konfrontiert. Eine vorzügliche Arbeit Heinrich Manns, so müssen wir, die wir den Autor weiter oben nur diskreditiert haben, doch noch anerkennen. Wundervoll sind auch die Karikaturen von Personen der Zeitgeschichte.
fehlt der Absatz nach "konfrontiert" – denn die Ebenen-Erklärung endet da.
Und: Dass es eine "vorzügliche Arbeit" ist, nehm ich mal so hin – aus der Rezi schließen kann ich es nicht recht. Daraus les ich höchstens "handwerklich sauber" heraus. Wieso eigentlich "diskreditiert"? Welche Stelle meinst du?
Und: Der Karikatur-Satz wirkt wie schnell noch angebammelt – er gehört doch wohl eher in den Bereich "Erstens" (oder?).



PS: Dieses Buch würde sich offenbar prima für eine Betrachtung über die Erzähl-Stile eignen …
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Wieso eigentlich

Ich muß meine Rezi erklären. Hm, da muß doch wirklich etwas faul an meinem Geschriebsel sein.
Schön jon, daß Du Dich wieder mal meldest. Ein Verriß ist mir viel lieber, als das große Schweigen, daß meine "Äußerungen" nach ihrer Publikation gewöhnlich (von Ausnahmen abgesehen) umgibt.

Jetzt kommt die (möglichst knappe) Erklärung: Viele Bücher, die ich durchgelesen habe, bespreche ich nicht. Ich bespreche nur Bücher, für die ich bin. Dabei versuche ich, das Buch in aller Regel schlecht zu machen, damit das Gute schließlich strahlender dasteht. In dem Fall gingen mir die Gedankenstriche auf den Nerv. Das habe ich in dieser massiven Form nicht erwartet, daß Nebenfiguren so intensiv durchleuchtet werden. Ich hab mich immerzu gefragt: Was soll denn das?
Aber was ich eigentlich sagen wollte, habe ich tatsächlich verschwiegen. Heinrich Mann gelingt es in dem Roman, in die Menschen "hineinzukriechen" mit seiner eigenwilligen Technik und so zu einer Aussage zu kommen. Diese wirkt aber erst nach der Lektüre. Über diese hätte ich vielleicht ein wenig faseln sollen: Wie kann das sein? Ein Autor spricht den ganzen Text meist über "Nebendinge" und trifft doch ins Mark (meinetwegen seiner Zeit).
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Ahja... Wie wäre es, wenn du auf die Nebenfiguren zurückkommst, um dieses "Nachwirken" zu zeigen? Vielleicht wenn aus dem "angebammelten" Satz

quote:
Wundervoll sind auch die Karikaturen von Personen der Zeitgeschichte.

ein kleinerer Absatz wĂĽrde:

Eine vorzügliche Arbeit Heinrich Manns, so müssen wir, die wir den Autor weiter oben nur diskreditiert haben, doch noch anerkennen: Wundervoll die Karikaturen von Personen der Zeitgeschichte, zauberhaft die Leichtigkeit der Verstrickungen und selbst die ausgiebige "Denkerei" der Nebenfiguren möchte man dann doch nicht missen.

Das nur so als Idee fĂĽr eine "Klammer" ...


PS: Ich hab zwar inzwischen hier und da gehört, dass man „es nicht macht", aber meiner Meinung nach ist der einfachste Weg, "Berührtwordensein" zu zeigen, wenn man auch eine Rezi in der Ich-Form schreibt. Man kann einfach emotionaler werden, ohne irgendwelche Knoten in die Sprache machen zu müssen. Und: Lobeshymnen ohne "ich" klingen immer gleich viel größer, viel "allgemeingültiger" als ihnen normalerweise zusteht.
Die Ich-Form schlieĂźt ja nicht aus, dass Recherche-Ergebnisse oder Eindordnungen als "neutral mitgeteiltes Wissen" wiedergegeben werden.
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Magma, Lava oder was?

Nun habe ich mich durchgerungen und werde an obigem Texte gar nicht feilen. Ich habe auch eine schöne Ausrede. Ich bräuchte nämlich das Buch mit dem betreffenden Roman darin vorm Feilen unbedingt noch einmal zum Nachblättern und komme so schlecht ran. Heinrich Mann wurde bekanntlich bis in seine letzten Tage hinein von den Kommunisten (erfolglos) umworben. Und das reicht den Literaturherrschern hierzulande: Ab in die hinterste Reihe des Speichers. Mir ist es egal, ob einer den Kapitalisten, die jetzt offensichtlich unsere Spargroschen verramschen möchten, nahesteht oder anderen Gruppierungen. Hauptsache, der Autor konnte oder kann schreiben. Und Heinrich Mann konnte das. Er ist für mich ein begnadeter Künstler, ein bewundernswerter Könner eben, ein... ach, hören wir auf.
Der wahre Grund, warum ich nicht ändere ist, es wird doch sowieso nur noch schlechter. Ich habe mich also entschlossen, mal eine Rezension zu schreiben, wie sie sein soll. Sie trägt den Arbeitstitel "Magma, Lava oder was?" und wird vorausssichtlich am 1. Februar 2009 so gegen 0.11 Uhr in diesen Spalten hier publik werden. Bleiben Sie in der betreffenden finsteren Spätwinternacht auf! Es wird sich wirklich lohnen. Ich werde Ihnen nämlich eine neue, leicht verständliche Theorie des Romans bieten. Ein Vorteil dieser Rezension wird sein: In ihr wird kein einziges Personalpronomen in der 1. Person auffindbar sein.
Das kleine Werklein floĂź heute morgen aus meiner Feder. Wie in Essig eingelegte grĂĽne Gurken soll es aber ca. 3,5 Monate liegen, damit es noch besser wird.
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Hedwig

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