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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
In Polen sagt man
Eingestellt am 30. 03. 2016 10:50


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
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In Polen sagt man „Darzbor“

Et stand en tollet Ereignis vor der TĂŒr: Ne Einladung zur Hirschjagd nach Polen.

Gestern rief der Marek aus Olsztyn (Allenstein) an und erinnerte an sein nettet Angebot zur Jagd auf den Brunfthirsch. Alle Achtung, die Kerle, die mir nach dem Orkan beim Wiederaufbau der Kanzeln mitmalocht hatten, hielten Wort.

Wir sollten en Flug nach Warschau buchen, von dort aus wĂŒrden wir dann abgeholt.
Die frohe Botschaft musste ich sofort meiner Berta verklickern, damit se sich auf den Abschied von ihrem HirschjÀger vorbereiten konnte.
„Berta, et iss soweit, Dein Mann wird Dich in KĂŒrze fĂŒr ne Weile verlassen, kannst Du ohne mich ĂŒberhaupt ne Woche ĂŒberleben, mein Rehlein?“
„Willi, wat sind dat denn fĂŒr neue Töne? Hasse en schlechtet Gewissen, dat ich zu Hause malochen muss, wĂ€hrend der Herr Ehegemahl ausfliegt und sich der Hirschjagd hingeben tut?“
Ich hab ĂŒberhaupt nich geantwortet, weil jetz jede Antwort falsch gewesen wĂ€r.
Ich rief JagdhĂŒter Uli an und stimmte mit ihm den Reisetermin ab. Als nĂ€chstet beauftragte ich meinen Lehrling Maurice, ĂŒber dat Internet en Hin- und RĂŒckflug fĂŒr zwei Personen nach Warschau zu buchen. Der Bursche iss mit dem blöden Computer besser vertraut, dat geht bei dem ratzfatz, und du hass „online“ son Flugticket inne Tasche.
Uli und ich hatten ausgemacht, dat wir in Jagdklamotten und nur mit je einem Rucksack nach Polen reisen wollten. Gesacht, getan.
Am 29. 9. flogen wir morgens um 7.30 Uhr mit die Kranich-Lufthansa nach Warschawa (Warschau).
Beim Betreten der Maschine haben wir den Kellnerinnen der LĂŒfte zur BegrĂŒĂŸung die HĂ€nde gekĂŒsst. Und weil unsere Höflichkeit bei die Damen schwer Eindruck hinterlassen hatte, durften wir sogar inne „First-Class“ Platz nehmen. Dat war ne echt noble Geste von dat Airline-Personal. Sicherlich geschah dat auch deswegen, weil die dachten, wir WaidmĂ€nner wĂ€ren die Obermacker vom Deutschen Jagdverband und hĂ€tten internationale Jagdangelegenheiten in Polen zu erledigen.

Wir wurden zuerst ma mit allen möglichen Zeitschriften und Magazinen eingedeckt. Dat war Lesestoff fĂŒr etwa vierzehn Tage. Ehrlich, der „Am-Platz-Service“ war spitzenmĂ€ĂŸig: Wir durften die GetrĂ€nkekarte rauf und runter schlĂŒrfen. Taten wir auch. Die Stimmung war kurz hinter Berlin bereits so toll, dat wir mit die Damen an Bord den Gang rauf und runter schwoften und anschließend ne Polonaise aufzogen.
Danach wurde uns von zwei liebreizenden Flugbegleiterinnen ein MenĂŒ vom Allerfeinsten auf hochwertiget Porzellan serviert. Wollen Se bitte ma in die Speisekarte peilen?
1. Gang: Tagliatelle mit Olivenöl, warmer Butter und weißem TrĂŒffel.
2. Gang: Steinbuttfilet, Beurre Blanc, (dat iss weiße Butter) verschiedene GemĂŒse (geschmelzte Tomaten, Fenchel, gelber Paprika, Zuckerschoten) und Bamberger Hörnchen (Kartoffeln).
3.Gang: Gebrannte Ziegenmilch-Creme mit fruchtig-mildem Olivenöl und gelierten Blaubeeren.
Zum Abschluss gab et Kaffee und Pralinen.
Ich hab die Speisekarte mitgenommen, weil uns dat sonst keine Sau zu Hause geglaubt hĂ€tte. Den Johann Lafer haben wir inne Maschine gesucht, ihn aber nich inne BordkĂŒche entdeckt, der musste dat Essen noch unten im Flughafen-Restaurant vorbereitet haben.
Ich sach Ihnen wat: Dat ganze Verwöhn-Gedöns machte den Flug zum unvergesslichen Erlebnis. So wat Feinet hab ich mein Lebtach noch nich geschmatzt. Wir wĂ€ren mit diesem Flieger am liebsten en paar ma um die Erdkugel gedĂŒst. Schade, dat wir kurz darauf schon in Warschau landeten!

Die Passagiere aus unserem Flieger waren lĂ€ngst ĂŒber alle Berge, nur Uli und ich standen da noch mit langen Gesichtern am Band. Die RucksĂ€cke waren verschwunden. Hatte man uns inne ersten Minuten auf polnischem Boden schon beklaut?
Ich wollte gerade son Uniformierten anquatschen und nach unserem GepÀck fragen, da sah ich die RucksÀcke einsam und verlassen auf dem Band nebenan die Runden drehn. Wie konnte dat passieren? Hatten wir schon so einen intus, dat wir die GepÀck-Abfertigung nich mehr richtig checkten? Egal, wir schnappten unser Gerödel und ab ging et Richtung Ausgang. Hier wurden wir bereits von Andrezey und seiner Frau Wiercha erwartet.
Sie glauben ja gar nich, wie herzlich die Polen den Empfang zelebrierten: Die kĂŒssten uns bei die BegrĂŒĂŸung dat Gesicht ab! Nich zweimal, nee dreimal! Links und rechts, hin und her, bisse vor Verlegenheit nich mehr wusstes, watte machen solltes. Deshalb hab ich die beiden vorsichtshalber fĂŒnfmal abgeschmatzt.
Obwohl wir noch ungefĂ€hr 250 Kilometer bis zu die Masuren vor der Brust hatten, war et fĂŒr unsere Gastgeber en BedĂŒrfnis, uns auch wat von ihrer Hauptstadt zu zeigen, die wir ma im Krieg total zerdeppert hatten.
Dat war ja allet ganz nett, aber wir brannten darauf, endlich wat von der tollen Landschaft in Ostpreußen zu sehn. Nach drei Stunden war die Stadtbesichtigung beendet und dann ging et ab nach Allenstein.
Unterwegs kriegten wir schon ne sehr gute Vorstellung vom Wildreichtum in Polen.
Ich mach et kurz.
Nach einer Übernachtung in Andrezeys Wohnung, kam zum FrĂŒhstĂŒck auch der liebe Marek hinzu. Wieder flogen die BegrĂŒĂŸungskĂŒsse hin und her. Wat sollz? Andere LĂ€nder andere Sitten. Aber Kerle kĂŒssen? Na ja!
Wir besprachen den Ablauf vonn Woche und fuhren zu Andrezey’s Datscha, die malerisch an son kleinen See lag. Hier machten wir fĂŒr die gesamte Woche Quartier.
Wir tranken in der Datscha noch en paar Bierchen und en kleinet FlĂ€schchen Wodka, redeten angeregt ĂŒber die Hirschjagd und gingen dann inne Heia. Um drei Uhr war die Nacht zu Ende. Nach en paar SchlĂŒcksken Tee brachen wir zum Morgenansitz auf:
Et war empfindlich kalt geworden. Vor uns lag im dichten Nebel ne riesige Brunftwiese. Dat Röhren und Orgeln der Hirsche hörten wir sehr nah. Man, dat waren ja Laute, die gingen durch Mark und Pfennig. Ich spĂŒrte stĂ€ndig ne GĂ€nsehaut auffem RĂŒcken. Im Fernsehen hatte ich alle Schreie schon zigmal gehört, aber inne Natur iss dat ja ganz wat anderet.
Da mĂŒssen sich direkt vor unserer Nase knochenharte KĂ€mpfe abgespielt haben, denn dat Krachen vonne Geweihe war so gut zu hören, als schlugen sich die Rivalen direkt unter die Kanzel. Dat Vertreiben von dem „Möchtegern-Platzhirsch“, also son widerlichen Nebenbuhler, konnze am schnell aufeinander folgenden kurzen schnaubenden Tönen deuten.
Wir saßen auffe Kanzel, bis die Sonne den Nebel gegen acht Uhr völlig verschluckt hatte. Außer zwei vollgefressene Wildschweine, die wĂŒhlend ĂŒber die Wiese zogen, sahen wir an diesem Morgen nix.
Doch! Zwei Formationen WildgĂ€nse zogen schreiend ĂŒber uns hinweg, en riesigen Seeadler baumte auf ner uralten Buche auf, und die Morgensonne hing in Millionen von glitzernden Spinnennetzen. Wir haben von diesem Naturschauspiel jede Menge Fotos gemacht und allet schön mit die Videokamera gefilmt.

Marek und Andrezey bekochten uns. Schon beim FrĂŒhstĂŒck bog sich der Tisch: Heiße Krakauer, gerĂ€ucherter Fisch, RĂŒhreier mit Speck, Salzgurken, Obst, Kaffee, Milch und Tee, allet konnten wir bis zum Platzen mampfen. Es gab zum FrĂŒhstĂŒck sogar KĂ€se und Marmelade, wat sonst in Polen angeblich nicht so ĂŒblich iss. Et wurde danach auch schon ma en GlĂ€schen Wodka zur besseren Verdauung verpitscht.
Wie dat so iss, irgendwat Unerfreulichet passiert auf jeder Reise:
Mittags kriegte der Marek schwere Magen- und Darmprobleme und fiel als FĂŒhrer fĂŒr den Abendansitz aus. Wahrscheinlich hatte er zum FrĂŒhstĂŒck zu viel fetten Aal verdrĂŒckt.
Wat nu?
Andrezey wusste Rat. Er setzte Uli und mich abends zusammen auf ne halboffene Ambona (Kanzel) und setzte sich mit dem RĂŒcken zu uns auf den Kanzelboden – mit die FĂŒsse auffe Leiter. Uli und ich zogen Pinnchen, wer heute bei Anblick schießen sollte. Uli zog den KĂŒrzeren.
Et dĂ€mmerte leicht, und aus der vor uns liegenden Sumpfwiese stiegen leichte Nebelschwaden auf. Plötzlich sah ich etwa zweihundert Meter links am Wald ne Bewegung. Ich stieß Uli an und zeigte in die Richtung.
Ich traute meinen Augen nich. Wat meinen Se wohl, wat ich da erÀugen tat? Ich beobachtete zwei Tiere mit som langem Gesicht. So Geschöpfe hatte ich nur ma inne Glotze gesehn. Dat waren ElchkÀlber!
Ich zog mein Deutsch-Polnisch-Wörterbuch ausse Tasche und ĂŒbersetzte dat Wort „Elch“. Andrezey wollte dat zuerst nich glauben und zeigte mir en Vogel. Als auch noch dat Elchtier (Elchkuh) austrat, war Feierabend mit seiner Ruhe. Mit Elchwild hatte er hier wahrscheinlich auch nich gerechnet! Plötzlich flĂŒsterte er mir zu: „Willi, wenn Byc (Elchhirsch) kommt, bumm.“ Offensichtlich hatten wir auch die Lizenz fĂŒr den Elchabschuss.
Willi PĂŒttmann sollte en Elch schießen? Nee, dat waren zwei Nummern zu groß! Er wiederholte: „Wenn Bic kommen, Du bumm machen!“
Auf einmal zitterten mir die Knie. Noch nie hatte ich en Hirsch geschossen, und jetz sollte ich hier en riesigen Elch erlegen?
Der Nebel wurde dichter und verschluckte die beiden KĂ€lber. Dann lichtete sich der Nebelschleier wieder und et stand, wie von Geisterhand da hingestellt, en mĂ€chtigen Elchhirsch (Elchbulle) auffe BildflĂ€che, direkt neben son kleinen TĂŒmpel.
Aber wie sah der denn aus? Der hatte ja ĂŒberhaupt keine Schaufeln! Wat war denn mit dem Kerl passiert? Der hatte nur Hörner auffem Kopp – wie ne Kuh! Ich hatte nicht viel Zeit fĂŒr lange Überlegungen. „Willi, buumm!“, hörte ich hinter mir. „Bumm“ war aber gar nich so einfach, denn der Nebel verdeckte jetz auch den Bullen. Et wurde von Minute zu Minute dĂ€mmriger. Ich saß im Anschlag und sah schon meine Felle davonschwimmen. Ich wurde so wat von nervös, dat können Se sich nich vorstellen. Plötzlich tat sich zum zweiten Mal der Nebelvorhang auf, mein Elch stand breit und ich ließ die Kugel fliegen.
Verdammt, ich konnte nich sehen, ob der Elch am Anschuss verendet war. Entweder lag er im hohen Gras oder war in dem TĂŒmpel verschwunden.
Ich musste ihn doch getroffen haben, denn sonst hĂ€tte ich doch sehn mĂŒssen wie er abging! Gar nix sah ich. Uli war sicher, dat der Elch Schuss hatte.
Andrzey empfahl wegen der DĂ€mmerung die sofortige Nachsuche.

Vor lauter Aufregung kloppte meine Pumpe mit mindestens 200 SchlÀgen pro Minute. Der Elchbulle war verendet.

„Waidmannsheil! Dazbor!“ Die Umarmungen kriegte ich gar nich mehr so richtig mit. Ich war nervlich erledigt.
Der Elch wurde von sechs Waldarbeitern, die mit zwei Pferden und einem Traktor angerĂŒckt waren, geborgen. Er wog 280 Kilogramm.
Et war en goldrichtigen Abschuss und ich wurde von dem zustĂ€ndigen Förster ĂŒber alle Maßen gelobt.
Ach ja, in den darauf folgenden Tagen hatte jeder von uns noch Waidmannsheil auf einen geringen Hirsch und dann ging et wieder zurĂŒck inne Heimat. Diesma leider inne Holzklasse vonne Kranich-Air. Kein Lafer, keine Polonaise!

Unsere polnischen Freunde besuchten uns en Jahr spĂ€ter und ĂŒberreichten uns freudestrahlend die prĂ€parierten Geweihe. Daszbor!







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Wolfgang M. A. Bessel
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