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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
In Schulung
Eingestellt am 19. 12. 2017 16:47


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stefanle
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2014

Werke: 4
Kommentare: 8
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1.Kapitel
Es sollte ein neuer Beginn werden, nachdem ich wieder einmal aus der Welt gefallen war. Mich zur├╝ckgezogen hatte, besser gesagt in meinem Zimmer gestrandet war und man mir gut und gerne vorwerfen h├Ątte k├Ânnen, dass ich faul war. Schlimmer noch. Ich war s├╝chtig, s├╝chtig nach Computerspielen, gefangen in einer virtuellen Welt, deren Belohnungssystem jenes der tats├Ąchlichen abgel├Âst hatte, Ich jagte nach Gegenst├Ąnden, nach Schwertern, nach R├╝stungen stundenlang, von morgens bis abends. Ich jagte mit Gleichgesinnten. In einer kleinen Gruppe, bestehend aus 3 Personen, spielten wir dieselben Levels wieder und wieder. Wir spielten nach Effizienz, nicht nach Spielspa├č. Jeder Bewegungsablauf war genau geplant. Jede unn├Âtige Pause, jeder Zeitverlust wurde vermieden.
Der Bildschirm quoll ├╝ber vor Feinden. Horden von ihnen. Groteske Gestalten, entlehnt aus der Mythologie aller Herren L├Ąnder. Mischwesen aus Mensch und Tier. D├Ąmonen mit fahlen, muskelbepackten K├Ârpern, unz├Ąhligen Gliedma├čen oft mit Waffen anstatt H├Ąnden. Sie brandeten an uns an, torkelten auf uns zu, sprangen aus dem Schatten heraus. Nur uns konnte das nichts anhaben. Wir schnitten durch sie durch als w├Ąren sie Gras und vernichteten Dutzende von ihnen gleichzeitig. Das Spiel z├Ąhlte mit und je mehr man in kurzer Zeit vernichtete, desto mehr Bonus erhielt man.
Ein Rausch an Farben, die am Bildschirm explodierten, so viele gleichzeitig, dass man nicht mehr wusste, zu was welche Farbe geh├Ârte. Spezialeffekte der Fertigkeiten von uns und der Fertigkeiten unserer Gegner blitzten auf, zu schnell um sie bewusst wahrzunehmen. Das Gehirn sch├╝tzte sich, war ihnen aber gleichzeitig schutzlos ausgeliefert.
Wir unterhielten uns ├╝ber TeamSpeak, aber eigentlich hatten wir uns nichts zu sagen. Wir sprachen uns nicht mal mit unseren echten Namen an, sondern mit den Namen unserer Charaktere. Ich wusste die Namen nicht mal oder hatte sie vergessen, obwohl wir jetzt Monate zusammenspielten. Sie interessierten mich auch nicht.
Die Belohnungen kamen wahllos. Jeder besiegte Gegner konnte das erhoffte Ausr├╝stungsst├╝ck fallen lassen. Insgeheim hoffte man darauf, aber eigentlich kam nur M├╝ll. Berge von M├╝ll. Hunderte, tausende St├╝ck von M├╝ll. War man noch bei Kr├Ąften, sammelte man sie ein und trug sie zu einem NPC, was als Abk├╝rzung f├╝r Non Player Charakter stand. Dieser entzauberte sie, so hie├č es, und man erhielt Handwerksgegenst├Ąnde, mit denen man sich andere R├╝stungsteil herstellen konnte, die man eigentlich auch nicht brauchen konnte. Das Spiel selbst belohnte einem n├Ąmlich fast nie. Manchmal spielte man tagelang ohne dass man etwas Brauchbares fand.
Dem Spiel angeschlossen war ein Auktionshaus, wo Spieler ihre Gegenst├Ąnde zum Verkauf anbieten konnte, f├╝r, Sie ahnen es, ebenfalls virtuelles Geld und woher die begehrtesten Ausr├╝stungsst├╝cke eigentlich kamen. Das Spiel war so erfolgreich, es wurde von Millionen gespielt, dass die Preise astronomisch waren. Ein besonderer Gegenstand, mit den passenden Attributen, die den Spielercharakter st├Ąrker machten, konnte hunderte Millionen kosten, ein Verm├Âgen, das man, wenn ├╝berhaupt, in Wochen vielleicht zusammen bekam. Spieler machten sogar Videos und stellten sie auf Youtube, wenn sie einen Gegenstand mit fast perfekten Werten erhalten hatten. Diese Videos wurden geteilt in Foren und hatten Millionen Views. Man konnte ein kleiner Star werden hatte man so einen perfekten Gegenstand.
So kam es, dass je l├Ąnger ich spielte, desto weniger spielte ich, sondern betrachtete die Angebotsseiten des Auktionshauses stundenlang. Ich wurde zum virtuellen Kapitalisten. Hoffte auf Schn├Ąppchen und manipulierte Detailm├Ąrkte. Ich kaufte Unterkategorien auf und setzte sie zu einem h├Âheren Preis wieder ein. Ich kaufte am Morgen, da dort die Preise niedrig waren, weil weniger Leute spielten und verkaufte am Abend, wenn auch die spielten, die noch einen Job hatten.
Je l├Ąnger ich spielte desto mehr entfernte ich mich von der Wirklichkeit und desto schwieriger wurde der Weg zur├╝ck. Im Spiel hatte man Status, man kannte sich aus, man hatte sozialen Kontakt, wenn auch verzerrt und, objektiv betrachtet, was ich damals nicht konnte, nicht von Bedeutung, denn das einzige, was uns verband, war unsere Sucht. In der Realit├Ąt erwartet mich mein Zimmer und meine Eltern, die schon seit Monaten nichts mehr mit mir anzufangen wussten und vor denen ich versteckte, womit ich meine Zeit verbrachte, die irgendwann aber sowieso aufgeh├Ârt hatten zu fragen.
Ich war vor einem halben Jahr arbeitslos geworden. Ich hatte selbst gek├╝ndigt, aber die Firma war ein paar Monate danach sowieso Pleite gegangen. Diese Firma war der Wurmfortsatz der ├Âsterreichischen Wirtschaft gewesen. Wir wussten nichts, konnten wenig, betrogen oft und tr├Ąumten gleichzeitig von einer neuen Art des Wirtschaftssystems, indem Kooperation statt Konkurrenz herrschen w├╝rde, weil wir nicht konkurrenzf├Ąhig waren, indem das Gemeinwohl ├╝ber dem Profit stehen w├╝rde, obwohl unsere Kernaufgabe, darin bestand Leute am Telefon zu bel├Ąstigen, indem Kredite danach vergeben werden, wie sehr das Wohl der Welt vermehrt wird, weil wir bei Banken heillos in der Kreide standen. Unsere Vorgesetzten waren so beseelt von diesen esoterischen Ideen, dass sie auf das banale Alltagsgesch├Ąft am liebsten verga├čen. Trotzdem die Leute waren nett gewesen, obwohl ich die Leute ├╝berall nett fand, denn der Antrieb meines Lebens besteht darin, irgendwo Anschluss zu finden, irgendwo dazuzugeh├Âren. Ich arbeitete dort f├╝r 5 Euro die Stunde und setzte mich daf├╝r jeden Tag zwei Stunden ins Auto. Ich konnte mir nur leisten dort zu arbeiten, weil meine Eltern reich waren, denn der Treibstoff f├╝r mein Auto fra├č den Gro├čteil meines Gehaltes auf. Ich arbeitete dort, weil Arbeiten das Wichtigste in ├ľsterreich ist, egal was man arbeitet, nur solange man arbeitet, kann einem keiner besserwisserisch ins Leben hineinreden, denn man stand auf eigenen F├╝├čen. Es spielte keine Rolle was man arbeitete, schon lange konnte es sich ├ľsterreich nicht mehr leisten zu fragen, was sinnvoll war. Utopien gab es nicht mehr. Der Markt regelte, was sinnvoll war. Bezahlte jemand daf├╝r, war es sinnvoll. Auch in unserem Fall bezahlte uns Firmen daf├╝r, dass sie diese T├Ątigkeiten nicht selbst ausf├╝hren mussten, weil sie dem Ruf der eigenen Firma schaden w├╝rden, weil man Standards nicht garantieren konnte. Wir waren eine Schar von Tagel├Âhnern, die praktisch jeden Auftrag annahm.
In ├ľsterreich wurde man das erste halbe Jahr vom Arbeitsamt in Ruhe gelassen. Hin und wieder hatte man zwar einen Kontrolltermin, dieser dauerte aber nur ein paar Minuten und man musste nur glaubhaft versichern k├Ânnen, dass man sich irgendwo bewarb. Manchmal tat ich das auch und einmal wurde ich sogar von einem gro├čen Versicherungskonzern zu einem Bewerbungsgespr├Ąch eingeladen, worauf ich ihre Bewerbungsroutinen durchlief. Am meisten interessierten sie sich f├╝r meine sozialen Kontakte. Ich musste Listen erstellen, wen ich alles kannte und woher, in welchen Vereinen ich aktiv war usw., denn darauf hatten sie es abgesehen. Das war mein Kapital. Ich w├╝rde Floskeln zum Auswendiglernen bekommen, aber eigentlich ├╝ber menschliche Beziehungen verkaufen. Ich war dazu bereit gewesen, denn es war Arbeit. Ich scheiterte erst ganz am Schluss an einem standardisierten Computertest. Ich hatte mir lange ├╝berlegt, was solche Menschen von mir erwarten w├╝rden. Vielleicht hatte ich die Fragen dann zu ehrlich beantwortet, zu freiz├╝gig zugeben, zu was ich alles bereit war und das hatte sie dann selbst erschreckt. Vielleicht waren meine Listen aber auch einfach zu kurz gewesen, denn ich hatte nur 60 Facebookfreunde und nicht 600 und zwar Vereine angeben, aber auch dazugesagt, dass das meiste zehn Jahre her ist. Im Grunde fielen mir nur drei Menschen ein, an dich eine Versicherung verkaufen k├Ânnte, meine beiden Eltern und mein Bruder und wahrscheinlich wussten oder zumindest ahnten sie das.
Das Ams selbst hatte keine Jobs, also konnten sie nichts vermitteln, vor allem an einen so oft gescheiterten wie mich, dessen Alternativen, je ├Ąlter ich wurde, immer mehr abnahmen. Auf mich wartete keiner, anders noch als es noch vor 10 Jahren geschienen hatte, als ich gerade maturiert hatte, und die Lehrer und unsere Eltern so taten als st├╝nde uns die Welt offen. Ja, die ganze Gesellschaft tat so, als k├Ânnten wir alles werden. Nur die Wahrheit war, eigentlich waren wir gar nichts. Die Matura war in ├ľsterreich n├Ąmlich nichts mehr wert, zumindest die allgemein bildende h├Âhere Matura. Man konnte studieren und erst damit konnte man etwas werden. Schaffte man kein Studium, so wie ich aus Gr├╝nden, auf die ich sp├Ąter noch eingehen werde, war man nichts als ein Universaldilettant. Und man hatte acht Jahre seines Lebens vielleicht nicht vergeudet, aber man h├Ątte besser etwas Anderes gemacht, denn es war ein totes Ende. Die vielleicht beste Option war es, diese acht Jahre zu vergessen und mit einer Lehre wieder von vorne zu beginnen. Nur eine Lehre das konnte ich nicht machen. Mein Vater hatte studiert. Alle meine Cousins und Cousinen studierten. Eine Lehre w├Ąre von vornhinein eine Niederlage gewesen. Obwohl es f├╝r mich vielleicht das Passende gewesen w├Ąre. Nur ist unsere Gesellschaft in ├ľsterreich so gestrickt: Es gibt jene die denken d├╝rfen und jene die arbeiten sollen, hoffentlich ohne sie viele Gedanken zu machen. Nur braucht es vielleicht nur zehn Prozent von denen, die denken sollen, und die schaffen oft Werke, die von denen, die nicht denken sollen, dann zwar konsumierten werden sollen, aber bitte ja ohne sich dar├╝ber Gedanken zu machen. Die Nichdenkend├╝rfenden k├Ânnen aber irgendwann dann gar nicht mehr denken, weil ihr ganzer Arbeitsablauf ja so aufgebaut ist, dass sie unter keinen Umst├Ąnden denken sollen und der Arbeitsalltag bestimmt bekanntlich den Tag. Irgendwann interessiert sie die gro├če Mehrheit der Nichtdenkend├╝rfenden dann nicht mehr f├╝r die Erg├╝sse der Denkend├╝rfenden und ihre B├╝cher und Zeitschriften, ihre Musik und Theaterst├╝cke werden nicht mehr gekauft. Worauf ein gro├čes allgemeines Wehklagen beginnt. Von der Kulturlosigkeit der Gesellschaft wird geraunt, ├╝ber das sinkende Niveau allerseits wird gejammert. Nicht gesagt wird, dass einige doch eigentlich und im tiefsten Herzen recht froh dar├╝ber sind, denn so kann man sich mit Niveau, Kultur und Bildung von anderen abheben, sie als Waffe einsetzen, als Mittel mehr Wohlstand, mehr Aufmerksamkeit und ein mehr von eigentlich allem zu erlangen, dabei unterscheiden man sich gar nicht so sehr, man hat nur einen andere Art Dinge anzugehen, oftmals einfach hinterfotziger, versteckter und verschlagener, obwohl man nach au├čen hin den Toleranten mimt, den Gutmeinenden, aber bitte ja nur in der Fremde, weit weg von einem selbst.
Irgendwann hielt ich das Spielen nicht mehr aus. Es gab keinen ├Ąu├čeren Grund. Keinen Vorfall mit meinen Eltern. Keinen Streit mit meinen Mitspielern. Kein h├Âheres Erkennen, wie sinnlos mein Leben geworden war. Ich h├Ârte einfach auf und fiel ins Nichts. Mein Tagesinhalt war pl├Âtzlich nicht mehr existent. Ich hatte nichts, womit ich die ganzen Stunden zwischen Fr├╝hst├╝ck und Mittagessen, zwischen Mittagessen und Abendessen, die alle meine Mutter zubereitete und die die einzigen Gelegenheiten waren, wo ich mein Zimmer verlie├č, zu f├╝llen. Ich lag zun├Ąchst auf der Couch und starte L├Âcher in die Luft und widerstand dem Drang den Computer einzuschalten und zumindest nachzusehen wie meine Auktionen gelaufen waren. Es kostete mich viel M├╝he und Disziplin, den Automatismen, die sich in den letzten Monaten eingeschlichen hatten zu widerstehen.
Mein Blick schweifte umher und suchte nach Anhaltspunkten, was ich nun tun sollte. Ich sah den B├╝cherschrank neben dem Kasten, der ├╝bervoll war und dessen Inhalt sich von der gesammelten Weltliteratur mit Schwerpunkt ├ľsterreich bis hin zum billigsten Fantasieroman erstreckte. Erinnerungen wurden wach, an eine Zeit als ich diesen Traum noch verfolgte und Germanistik studierte hatte, selbst geschrieben, sogar einmal fast einen Preis gewonnen hatte und das erste Mal durchgedreht war. Ich hatte jetzt schon fast zwei Jahre kein Buch gelesen.
In der anderen Ecke stand noch Verkaufskartons von Computerteilen herum, die ich nie wegger├Ąumt hat nachdem ich vor ein paar Monaten meinen Computer selbst zusammengebaut. Ich hatte Blut und Wasser geschwitzt als ich die Elektronikteile eingesetzt hatte und war der festen ├ťberzeugung gewesen, dass ich bestimmt etwas kaputt gemacht hatte, als ich ihn zum ersten Mal eingeschalten hatte, aber er hatte sofort funktioniert. Konnte das auch etwas sein, woran ich anschlie├čen konnte?
Ich w├╝nschte, ich h├Ątte mir mehr Gedanken machen k├Ânnen. Ich w├╝nschte, ich h├Ątte ein F├╝r und Wider abwiegen k├Ânnen, aber daf├╝r reichte mein Verstand, daf├╝r hatte ich die letzten Jahre zu wenig nachgedacht und mein eigenes Ich zu sehr von mir weggeschoben, als dass ich abwiegen k├Ânnte, was mir vielleicht Freude bereiten w├╝rde. Ich war mir nicht mal sicher, ob das von Belang war, ob in der modernen Wirtschaft Arbeit sowieso nie Selbstverwirklichung sein kann und nur solche Dinge bezahlt werden, die die Mehrzahl der Menschen nie freiwillig tun w├╝rden.
Ich schaltete den Computer ein und begann zu recherchieren, welche Kurse es gab, welche kurzen Ausbildungen, die ich schaffen k├Ânnte, damit ich in irgendwas einen Abschluss h├Ątte und nicht wieder in Call Center landen und meinen eigenen geistigen Verfall zuschauen konnte. Ich stie├č auf der Wifi-Homepage auf eine Ausbildung zum Netzwerk-Administrator in Klagenfurt, also in Fahrtdistanz und auf der Homepage den Universit├Ąt Salzburg auf eine Ausbildung zum Bibliothekar. In Salzburg lebte mein Bruder, deshalb konnte ich mir vorstellen dort zumindest zeitweise zu leben. Beide dauerten ein Jahr. Ein Jahr kam mir unendlich lang, wo ich in letzten Jahren von Tag zu Tag gelebt hatte und schon lange keine l├Ąngerfristigen Ziele verfolgt hatte.
Ich druckte beides aus, las aufmerksam durch und markierte alle wichtigen Informationen. Ich bereitete mich vor, legte mir Argumentationen zu Recht, denn ich w├╝rde morgen zum AMS fahren, egal ob ich einen Termin hatte oder nicht. Ich w├╝rde sie ├╝berzeugen, so wie das letzte halbe Jahr konnte es nicht weitergehen.

2.Kapitel
Ich war sogar kurz vor acht vor dem AMS-Geb├Ąude, ein n├╝chternes, nichtssagendes B├╝rogeb├Ąude, gewesen und hatte mit ein paar anderen vor der T├╝r gewartet. Wir hatten geraucht.
Als die T├╝ren aufgesperrt worden waren, war ich sofort nach oben gegangen, denn ich hat gewusst, wohin ich musste und hatte dort ein Wartek├Ąrtchen gezogen.
Das Gespr├Ąch war dann anders verlaufen, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich war zwar schonungslos gewesen und hatte dem AMS-Betreuer erz├Ąhlt, was ich das letzte halbe Jahr getrieben hatte und auch von meinen psychischen Problemen, die ich bislang immer verschwiegen hatte. Au├čerdem hatte ich ihm die Beschreibungen der Schulungen gezeigt. Er hatte sich aber nichts anmerken lassen. Mir nur kurz erkl├Ąrt, dass es besser w├Ąre, mit einem Psychologen dar├╝ber zu reden. Dieser w├Ąre aber heute nicht im Haus und so hatte er mir einen Termin f├╝r einen anderen Tag gegeben.
Als ich an diesem Tag den Psychologen sah, hasste ich ihn sofort. Ich hasste sein diszipliniertes ├äu├čeres, seinen gepflegten Anzug, seine glatten Haare und seinen schlanken K├Ârper. Gleichzeitig f├╝rchtete ich die Macht, die er ├╝ber mich hatte, denn ich wusste, er w├╝rde entscheiden, wie es mit mir weitergehen w├╝rde. Trotzdem erz├Ąhlte ich ihm alles ├╝ber mein Leben und ├╝ber das letzte halbe Jahr. Ich schilderte alle Details meiner schizophrenen Episoden, die mich schon mehrmals aus der Bahn geworfen hatten. Als ich Stimmen geh├Ârt hatte und dachte ich st├╝nde telepathisch mit der ganzen Welt in Kontakt. Sch├Ân langsam bekam ich ├ťbung darin dar├╝ber zu sprechen.
Mir kam es so vor als w├╝rde es ihn w├╝tend machen, obwohl er es tunlichst vermied, sich zu meinem Gesagten zu ├Ąu├čeren. Einzig teilte er mich zu einem Programm des BBRZ, eine Firma spezialisiert auf berufliche Rehabilitation, zu und gab mir einen Folder dar├╝ber.


Ein Zug, der um 6.45 abf├Ąhrt, setzt ein Aufstehen um 5 Uhr voraus. Falls sie nicht in dieser Lage sind- und die meisten Menschen sind nicht in dieser Lage, dann wissen nicht, wie schwierig das einem fallen kann, vor allem wenn man wie ich gerade wieder begonnen hat seine ÔÇ×MedikamenteÔÇť zu nehmen, um wieder zu versuchen ein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft zu sein.
Es ist zwar nicht so, dass ich aus meinen Tr├Ąumen gerissen werde, eines der Medikamente verhindert gerade, dass ich tr├Ąume und versetzt mich in jenen knapp 5 Stunden dauernden, koma-gleichen Zustand, in dem nicht st├Ąndig in meinem Hinterkopf, von mir gleichzeitig zwar unvernommen, trotzdem durch meine Handlungen best├Ątigt, mein Gedankenstrom arbeitet. Wenn ich genauer dar├╝ber nachdenke, dann ist es eigentlich recht gut, dass mein Zug um 6.45 f├Ąhrt, denn wach w├Ąre ich sowieso und dann h├Ątte ich mehr freie Minuten zu meiner Verf├╝gung und freie Minuten sind f├╝r mich gef├Ąhrlich.
Auch so gibt es schon fast zu viele freie Minuten, n├Ąmlich, wenn ich die Zeit meiner K├Ârperpflege subtrahiere, um die Sechzig. Man f├╝llt diese also, um tunlichst zu vermeiden, ├╝ber sich selbst und sein Leben nachdenken zu m├╝ssen. Gesegnet sei hierf├╝r das Internet, denn die zwei Zeitungen, die t├Ąglich zwischen drei und vier Uhr morgens vor meiner T├╝re abgeliefert werden, sind in 15 Minuten ersch├Âpft, was den Weltpolitik-, Lokalpolitik-, Wirtschafts- und Kulturteil betrifft. Also rasch weiter zu den Fernsehnachrichten des Vortages. Sie ahnen vermutlich, dass, wenn man die Zeitungen von heute schon gelesen hat, die Fernsehnachrichten von gestern kaum mehr zu einem Erkenntnisgewinn beitragen. Das spielt aber keine Rolle, denn so gut Zeitungen auch sind, die meisten bem├╝hen sich zumindest, so haben sie doch einen Nachteil: Sie beinhalten keine bewegten Bilder und au├čerdem keine Nachrichtensprecher, die ich so gerne dabei beobachte, wie sie m├╝helos und angestrengt zugleich versuchen einen Ausdruck eigener Meinung oder auch nur Anteilnahme zu vermeiden, sondern nur kleine erstarrte, aufgeh├╝bschte Bildchen der Kommentarschreiber. Oft f├╝hle ich mich den Nachrichtensprechern pers├Ânlich verbunden. Sie sind quasi meine Coaches, meine Lehrmeister in Kommunikation. Meine Gespr├Ąche sind meist genau so aufgebaut: Ich verlese oder wiederhole leicht interpretiert, mich selbst beobachtend, bar jeder Anteilnahme die Informationen die von au├čen an mich herangetragen werden und hoffe damit die Erwartungshaltung der anderen, eben jener au├čen, zu befriedigen, ohne sie dabei allzu lange und direkt anzusehen. K├╝rzlich wurde mir mitgeteilt, dass dies mir nicht so gelingt, wie ich selbst gedacht hatte und ich mich unaufmerksam verhalte, ich bitte Sie aber zu verstehen, dass ich keineswegs absichtlich unaufmerksam bin, sondern meist nur sehr genau auf das Erz├Ąhlte achte oder auch sehr genau, ├╝ber das gesunde Ma├č hinaus, auf einzelne Ihrer Bewegung. Somit bitte ich Sie weiteres, es mir nicht ├╝belzunehmen, wenn ich durch Sie hindurchschaue.
Im Internet habe ich dann t├Ąglich ein neues Steckenpferd. Durch meine umfangreiche, abgebrochene, eher angefangene als abgeschlossene Bildung sind mir die meisten Denker dem Namen und der Schlagw├Ârter nach bekannt. Also suche ich dann mittels Google und Youtube Seiten und Videos eben dieser. So fange ich dann Chomsky-Interviews oder Game Theory Vorlesungen der Yale Universit├Ąt zu sehen, trinke dabei meinen dritten oder vierten Kaffee und versuche zu vermeiden, dass mein eigenes Leben ├╝ber mich hereinbricht und mir meine gesamte Aufmerksamkeit raubt und ich mich dabei verliere, ├╝ber Sachen und Vorf├Ąlle nachzudenken, die zwar Jahre zur├╝ckliegen, trotzdem aber nicht abgeschlossen sind. Schon nach kurzen bricht meine Aufmerksamkeit aber ab oder ich m├Âchte mich einfach nicht l├Ąnger so mit der Welt besch├Ąftigt. So eingeengt von Theorien und Theorem, so verknappt und zweidimensional in einer Disziplin, so ohne Herz und ohne Seele, so kopflastig und dann beginne ich Musik zu sehen und zu h├Âren. Ich beginne mit Bob Dylan, Blind Melon, Nirvana und Alanis Morissette. Ich beginne oft mit K├╝nstlern, die mir schon seit Jahren, schon seit meiner Jugend bekannt sind. Mit Musikern, deren Songs irgendwann zu Mantras f├╝r mich wurden, die ich verkn├╝pfe mit Emotionen, die ich irgendwann versp├╝rte. Mit den Orten und Menschen, die der Grund f├╝r diese Emotionen waren. Ich gebe mich der Musik hin und lass die T├Âne und Worte in mich eindringen und durch mich durchflie├čen, bis nur mehr sie existent sind und ich nicht wei├č ob es noch meine eigenen sind oder vielmehr als das. Manchmal denke ich dann, ich f├╝hle, was Dylan gef├╝hlt hat, als er diesen Song geschrieben hat. Das Verwobene, das Verdichte der Kunst wird zu meiner Realit├Ąt und ich h├Ąnge den Worten nach wie Sonnenstrahlen und die T├Âne erheben mich. Bis ich nicht mehr dort bin, wo ich eigentlich bin und nicht mehr so klein und unbedeutend und so alleine wie ich bin. Nie f├╝hle ich mich verbundener mit der Welt, mit speziell dieser Welt aus Gedanken und Emotionen, die zwar die eines Anderen ist, aber doch auch so sehr meine eigene.
Und das Wunderbare ist: Es braucht nur so wenig Zeit. Nur Minuten, in denen ich frei und losgel├Âst bin und die dann den ganzen Tag vorbestimmen, in einf├Ąrben, wenn ich es mir bewahren kann und der Zauber nicht verfliegt. Von allen Drogen tuen nur Musik und Literatur wirklich gut und nur sie habe ich mir bewahrt. Sie sind meine Zufluchtsh├Ąfen vor den Unruhen und auch Banalit├Ąten meiner Existenz und ich such sie auf so oft ich kann, nehme mir Auszeiten in ihnen. In jeder Pause, in der ich kann. Und es ist so sch├Ân neben anderen zu sein, ganz f├╝r sich, mit Musik im Ohr, den irgendwie werden dadurch auch die Menschen besonderer. Fremde werden zu Teilen der Musik und ich ├╝berlappe das Fremde in ihnen, das alles, was ich nicht wei├č von ihnen und von fast allen Menschen, denen man begegnet, wei├č man nichts, mit den Gedanken und den Stimmungen der Musik. Sie sind dann Darsteller bei Songs von Lou Reed. Sie m├╝ssen gerade das Denken, was Lauryn Hill sich gerade denkt. Bitte glauben Sie mir ich w├Ąhle mir meine Songs genau aus und sie werden Ihnen zwar wahrscheinlich nicht gerecht aber sch├Ąmen m├╝ssen Sie sich ihrer ganz bestimmt nicht. Und um ehrlich zu sein, welche andere M├Âglichkeit h├Ątte ich denn? Was w├Ąre denn, wenn ich sie ansprechen w├╝rde, um nach etwas Anderem zu fragen, als nach der Uhrzeit und selbst das ist unglaubw├╝rdig und sie einfach bitten w├╝rde mir etwas von sich zu erz├Ąhlen?
So verflie├čt dann die Fahrt durch mein Heimatland im Zug. Mal mit mehr und mal mit weniger Mitreisenden und nie sind wir uns n├Ąher als auf der Rolltreppe nachdem uns der Zug ausgespuckt hat und, wo dann jeder dem anderen nicht zu nahe treten will und Kontakte vor allem mit den Blick so gut es geht vermeidet und man meint es w├Ąren hunderte Weg so aufgezeichnet, dass sie sich nie schneiden und das w├Ąre so vorherbestimmt.
Ich kann mich noch gut erinnern, als ich zum ersten Mal den Weg in das Schulungszentrum fand. Wie eingesch├╝chtert ich war und ich mich gleich anfangs verlor zwischen all den verschiedenen R├Ąumen und mir vorkam wie in einer Klinik, weil wei├č die einzige Farbe war, die ich sah und selbst die Schilder in neben den T├╝ren mir keine sinnvollen Informationen darboten. Mit Begriffen wie Vermittlungsvorbereitung oder kaufm├Ąnnische und technische Abkl├Ąrung hatte ich damals noch nichts anfangen k├Ânnen. Schlie├člich fand ich dann doch den Weg in den f├╝r mich bestimmten Seminarraum, wo schon zwei andere warteten. Zum einen war dort Markus. Er war j├╝nger als ich Anfang 20, braungebrannt, und ├╝ber und ├╝ber mit T├Ątowierungen bedeckt. So wie es eigentlich alle der Jungen, die ich an diesem Tag nur auf Terrasse stehen und rauchen sah, mit denen ich damals aber noch nicht gesprochen hatte, ihren K├Ârper ├╝ber und ├╝ber bedruckt hatten. Jetzt glaube ich, dass es ihr Ausweg war, weil wir doch alle so versch├╝chtert waren und meinten wir h├Ątten nichts mehr zu sagen, vielleicht nicht einmal mehr ein Recht zu sprechen.
Markus hatte als Maurer gearbeitet bis er sich eines Tages mit einem Bolzenschussger├Ąte durch das Fu├čgelenk seines linken Beines geschossen hatte, was seine Maurerkarriere schlagartig beendete und er nur noch von einem kurzen Hilfsjob zum n├Ąchsten wechselte. Er hatte zum Beispiel in den Wintersaisonen immer als Liftwart gearbeitet. Nun war immer aber selbst das nicht mehr m├Âglich und so hatte seine Versicherungsanstalt ihm eine Umschulung genehmigt, bevor er drohte arbeitsunf├Ąhig zu werden.
Zum anderen gab es dort Lisa. Lisa wiederum war ├Ąlter als ich. Sie war schlank, beinahe durchscheinend und hatte einen kessen Kurzhaarschnitt. Sie hatte in verschiedenen Hotels der gehobenen Kategorien als Konditorin gearbeitet, bis man sie in ihrem letzten Betrieb so unter Druck gesetzt und gemobbt hatte, dass sie einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte.
Uns verband, dass wir unseren Platz in der Welt verloren hatten und nicht recht wussten, wohin mit uns.
Die erste Woche wurden wir durchgehend getestet, um unsere F├Ąhigkeiten aber auch Neigungen festzustellen. Durchgef├╝hrt wurde dies von verschiedenen Vortragenden, die meist nicht mehr als ein bis zwei Stunden bei uns verweilten und uns die Frageb├Âgen austeilten und dabei die Zeit nahmen. Wissen Sie, ich war davor schon ein Jahr zu Hause gewesen und hatte wohl hie und da einzelne Kurse besucht. So hatte ich meine Sprachkenntnisse in Italienisch und Franz├Âsisch aufgefrischt, was aber nur bescheidenen Erfolg hatte, denn Sprachen, um sie zu beherrschen muss man ├╝ben, also sie aktiv aus├╝ben, am besten t├Ąglich. Dies trifft nicht nur auf Sprachen zu, sondern auf fast alles, was es ├╝berhaupt zu tun gibt. Genau diese M├Âglichkeit fehlte mir aber, oder vielleicht suchte ich sie auch nicht genug, oder vielleicht verhinderten auch meine ├ängste und Zw├Ąnge, dass ich sie suchte. Wie auch immer jedenfalls konnte ich z.B. Englisch. Ich hatte es immerhin 8 Jahre in der Schule gehabt, auf der Universit├Ąt 5 Kurse in Englisch absolviert, war mehrmals in den USA und in anderen englischsprachigen L├Ąndern gewesen und sah w├Âchentlich vielleicht ein Dutzend Stunden Sendungen in englischer Sprache, aber einen englischen Satz geschrieben hatte ich zum letzten Mal vor Jahren. Und dass die Mehrzahl von fish fish ist, war mir irgendwann auch abhandengekommen.
So verhielt es sich mit vielen Dingen. Bei den Rechnungen war meist der Ansatz nicht das Problem, nur zum letzten Mal dividiert hatte ich auch vor Jahren und so flogen die Zahlen bei dem ersten Versuch kreuz und quer durch meinen Kopf, bis mir wirklich schwindlig wurde und mich ein leichter Brechreiz ├╝berkam.
Oft spielte die Zeit auch verr├╝ckt. Lebt man nur nach seiner eigenen Uhr, verliert man jedes Zeitgef├╝hl und Stunden k├Ânnen sich anf├╝hlen wie Minuten und Minuten wie Tage. Bei manchen Aufgaben ging es mir so. W├Ąhrend Lisa und Markus noch arbeiteten, war ich schon fertig und las alles noch einmal durch und k├Ąmpfte gegen den Zwang an, aus dem Raum zu fliehen, um drau├čen eine zu rauchen. Zugleich stieg aber auch Verunsicherung in mir hoch. Hatte ich die Aufgabe richtig gelesen? Etwas ├╝bersehen? Zu einfach gedacht?
Lisa schienen die Tests nicht viel auszumachen. ├äu├čerlich bewahrte sie Ruhe und ich bewunderte sie sehr daf├╝r. Nur bei den Dingen, die etwas mit Mathematik zu tun hatten, meinte sie anschlie├čend, dass Mathematik nie ihres gewesen war. Viel mehr dazu sagte sie nicht. Ob sie in diesen Tests deshalb schlecht abschnitt, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, denn die Ergebnisse wurden uns in einem Einzelgespr├Ąch mitgeteilt und untereinander tauschte man sich dar├╝ber nicht aus.
Bei Markus sah die Sache anders aus. Oft sah er zu mir her├╝ber, wobei sich dabei Falten auf der seiner Stirn abzeichneten und er gedankenverloren an seinem Stift herumkaute. An den Nachmittagen, in denen wir meist kleine Pr├Ąsentationen ├╝ber uns, unsere St├Ąrken und unsere Ziele im Leben ausarbeiten mussten, reagierte er oft bockig und beschwerte sich lautstark, was der Schei├č ihm bringen sollte.
In unserem Schulungszentrum hatten alle Teilnehmer, auch die in anderen R├Ąumen, zur gleichen Zeit Pause. Wir trafen uns dann immer auf der Terrasse. Es war der hei├česte Sommer seit Jahrzehnten und so waren wir heilfroh, dass ein Sonnensegel sich fast ├╝ber die ganze Terrasse spannte und die Temperaturen darunter wenigstens einigerma├čen ertr├Ąglich wurden.
Die Namen der anderen Teilnehmer, die meisten waren vielleicht schon ein paar Wochen hier, kannte ich anfangs nicht und so gab ich ihnen Spitznamen nach den Eigenschaften, die sie auszeichneten. Den General h├Ątte wohl niemand ├╝bersehen k├Ânnen, selbst wenn er nur einen Tag hier verweilt h├Ątte. Der General war knapp 180 gro├č und hatte bestimmt 130 Kilo, was sogar mehr war als ich. Er hatte als Mechaniker gearbeitet und bei einem Arbeitsunfall ein Unterbein verloren. Dort sa├č jetzt eine schwarze, gepolsterte Prothese, die er im kleinen Kreis und bei gro├čer Hitze gerne abnahm, weil er dann sehr schwitzte. Wir verbrachten oft die Mittagspausen zusammen, wenn wir beide keine Lust hatten, die andere in das Zentrum zu begleiten, weil, offen gesagt, es uns zu beschwerlich war.
Ich mochte den General, obwohl er das einem nicht leicht machte. Ich bewunderte ihn sogar f├╝r seine bestimmende Art. Einmal die Woche machten wir zum Beispiel einen Spaziergang, Bewegungstraining wurde das genannt, und stets war es der General, der das Ziel, damit die Dauer, und nat├╝rlich auch das Tempo festlegte. Dieses Verhalten war so tief in seiner Pers├Ânlichkeit verankert, dass es ihm gar nicht auffiel, wie sehr es den anderen manchmal missfiel, wobei auch diese meist nichts dagegen unternahmen, sondern nur hinter seinem R├╝cken, sich ├╝ber ihn das Maul zerrissen. Wagte es doch jemand Widerstand zu leisten, ├╝berforderte das aber den General und drehte sich einfach um und ging davon. Des Generals Traum war es wieder zu arbeiten, bevorzugt in seiner alten Branche, vielleicht irgendwo im Lager. Einige Praktika in dieser Richtung hatte er schon gemacht, aber zu mehr hatte es nicht gereicht, obwohl er dem Unternehmen vermutlich nicht einmal etwas gekostet h├Ątte. Sie wissen ja die Wirtschaftslage.
Neben dem General, und nat├╝rlich Lisa und Markus, hatte ich noch mit Peter am meisten Kontakt. Auf ihn hatte mir damals auf die Schnelle kein Spitzname einfallen wollen. Seine Kleidung war zun├Ąchst das Auff├Ąlligste an ihm. Er trug immer weite Metal-Musik-Shirts. Peter war vielleicht Anfang 20, 170 cm gro├č, schlank und auch t├Ątowiert. Seine Augen hatte er auf der Terrasse stets hinter einer Sonnenbrille versteckt, die er auch manchmal in den Klassen nicht abnahm, was unsere Lehrer aber nicht st├Ârte, diese waren ├╝berhaupt vor allem psychologisch ausgezeichnet geschult und behandelten uns mit gr├Â├čerem Verst├Ąndnis und mit gr├Â├čerer W├╝rde also wir es drau├čen irgendwo erfuhren. Ich war eines Tages eher zuf├Ąllig mit ihm ins Gespr├Ąch gekommen. Normalerweise hielt Peter sich eher zur├╝ck und beteiligte sich kaum an den Unterhaltungen. Nur wenn die Stimmung etwas ausgelassener war, wir sagen dazu ÔÇ×der Schm├Ąh liefÔÇť, machte er meist die f├╝r mich witzigsten Anmerkungen.
Die Terrasse war sehr gro├č, nahe am Zugang standen 2 Tische, an denen sich die meisten aufhielten. Morgens mit einem Automatenkaffee in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand. Mittags deutlich weniger mit einer Leberk├Ąssemmel der nahen Fleischhauerei, die eines der wenigen Gesch├Ąfte war, wo wir mit unseren Lebensmittelkarten tats├Ąchlich einkaufen konnten.
Ich wanderte aber meist ruhelos umher. Die st├Ąndigen Tests forderten ihren Tribut und irgendwo, tief in mir drinnen, war etwas au├čer Rand und Band geraten. Ich merkte wie ich den Pausen st├Ąndig zitterte und in kleineren Abst├Ąnden an meiner Zigarette zog. Ich konnte nicht stillhalten. Sogar wenn ich es mir selbst einsch├Ąrfte, wirkte es nur kurz, worauf mir wieder bewusst wurde, dass ich die letzten Minuten wieder umhergeirrt war.
In einigen Pausen fing ich auch wieder an Stimmen zu h├Âren. Das war schon Monate nicht mehr der Fall gewesen. Ich h├Ârte Stimmen, die mich aufs ├ťbelste beschimpften. Oft raunte mir auch der eine oder andere Teilnehmer W├Ârter wie Idiot und Arschloch zu. Ich musste dann immer zustimmen, brauchte aber eine gewisse Zeit, um einzusehen, dass dies nicht wirklich passiert war.
Nach der ersten Woche wurden wir verschiedenen pers├Ânlichen Betreuern zugeteilt, dabei kam es zuerst zu Komplikationen, da der Kurs in der Urlaubszeit begonnen hatte und so einige Betreuer gerade nicht mehr da waren oder aber bald nicht mehr da sein w├╝rden.
Meinen Betreuer mochte ich. Wir hatten schon viel mit einander zu tun gehabt, denn er hatte viele der Tests ├╝berwacht und wissen Sie, ich bin zwar unf├Ąhig soziale Beziehungen zu deuten, aber ich wollte glauben, dass wir uns sympathisch waren. Ich vertraute ihm zumindest. Das war f├╝r mich wichtig in dieser Zeit einer neuen Lebenssituation, voller Ver├Ąnderungen, voller Probleme, mit denen ich im Vorhinein nicht gerechnet hatte. Nat├╝rlich, so kam es mir vor, begann ich sofort uns Verh├Ąltnis zu ├╝berstrapazieren. Ich vereinnahmte ihn manchmal und begann halbe Stunden lang ├╝ber meine Empfindsamkeiten zu sprechen. Ich versuchte zumindest ihn jeden meiner wertvolleren Gedanken mitzuteilen, besonders jene Abwegigen, die mich oft so sehr vereinnahmen, dass die Allt├Ąglichen daneben bedeutungslos werden.
Ich merkte, und das zumindest war gut, dass ich wieder drohte aus der Realit├Ąt zu rutschen, und nahm mir fest vor, diesmal meine Strategie zu ├Ąndern. Nichts wollte ich f├╝r mich behalten, bis daraus eine eigene Welt entsteht, die sich dann beginnt, dagegen zu str├Ąuben, sich mit der konsensual bestimmten Wirklichkeit zu ├╝berlappen. Leittragender war jeder Mensch, zu dem ich ein Verh├Ąltnis hatte. Die Anzahl war ├╝berschaubar und so bekamen diese mehr ab. Gott sei Dank entschl├╝ssle ich in meinem Wahn die Welt jedoch meist so, dass alles, was man einem Menschen sagt, jeder andere Mensch genauso wei├č und dieser jeder andere Mensch hat dann auch nichts Besseres zu tun, als sich ausschlie├člich in allen Momenten, in denen wir uns oftmals rein zuf├Ąllig begegnen, mit mir zu besch├Ąftigen. Sie wissen nicht wie belastend und schwer zu verkraften es sein kann, dass jeder Passant, an dem man vor├╝bergeht und mit dem man h├Âchstens Blickkontakt aufnimmt, alles und davon vor allem das Schlechte von einem wei├č. Auf lange Sicht ist dies jedoch sicherlich ein guter Aspekt meines Wahns, denn niemals sage ich einem einzelnen Menschen alles, was in mir vorgeht und durchbreche damit alle Leitplanken des menschlichen Miteinanders. Trotzdem erhielt ich aus der Summe, diesmal zumindest, der verschiedenen Reaktionen der verschiedenen Personen genug Resonanzen, die mich an der Oberfl├Ąche der realen Welt, festbanden, und verhinderten, diesmal zumindest, mein Absinken in meine eigene konstruierte Welt.
Als meine Wahnideen schlimmer wurden und damit sind nicht die ├╝blichen Beschimpfungen gemeint, sondern dass ich begann vor allem Bewegungen, vor allem Gesten, die die anderen Teilnehmer mit ihren Armen durchf├╝hrten auf mich zu beziehen und ihnen eine quasi magische Bedeutung beima├č, indem Sinne dass sie mich versuchten magisch zu beeinflussen und ich wieder mit Abwehr-Ritualen begann, hatte ich zwar nicht die Kraft einzusehen, dass das nicht wirklich war, aber mir gelang es zumindest, anders als noch in den Episoden in den Jahren zuvor, mit anderen, mit meinen Betreuern dar├╝ber zu sprechen.
Oft kam ich mir auch wie angebunden vor, an meinem Platz in dem Raum der kaufm├Ąnnischen Abkl├Ąrung, der man mich zugeteilt hatte, vollgestopft mit Schulungsteilnehmern, die alle in ihre Monitore starrten und versuchten die Aufgaben zu l├Âsen. Ich dachte, die Betreuer, die jeweils einzeln in einer Ecke hinter einem wei├čen Schreibtisch sa├čen und manchmal Fragen beantworteten, uns aber eigentlich wohl ├╝berwachten, w├╝rden mich telepathisch dazu zwingen, an meinem Platz zu bleiben und ich k├Ąmpfte mit jeder Faser meines K├Ârpers und aller Kraft meines Geistes dagegen an.
Ich wurde einen Vormittag freigestellt um ins nahegelegene Krankenhaus zu gehen. Ich wanderte durch die Innenstadt, die mir von Kindheit an vertraut war, denn meine Gro├čeltern hatten hier gelebt und ich erinnerte mich an allen Ecken und Enden, dass ich hier mit meinem Gro├čvater einmal Eis gegessen hatte, als ich vielleicht zehn Jahre alt war oder dass hier mein Gro├čvater immer samstags Brath├╝hnchen kaufen gewesen war. Gleichzeitig versuchte ich mir eine Strategie f├╝r das Gespr├Ąch mit dem Arzt oder der ├ärztin in der Ambulanz zurecht zu legen. So komisch es klingt, denn die meisten wollen eigentlich aus solcher Art von Programmen nur raus, ich wollte es aber nicht aufgeben, denn es war das einzige, was mir geblieben war und mein einziger Kontakt zur Welt au├čerhalb meiner Familie. Ich war mir sicher, dass die ├ärzte auf der Ambulanz mich wahrscheinlich am liebsten dabehalten w├╝rden, denn immerhin hatte ich gerade eine akute schizophrene Episode, aber die Psychiatrie, so gut es die ├ärzte dort auch meinen, ist f├╝r mich nicht der richtige Platz um wieder gesund oder zumindest stabiler zu werden, denn man ist dort wieder auf sich zur├╝ckgeworfen und man hat zu viel Zeit sich mit einem selbst zu besch├Ąftigen.
Als ich der ├ärztin alles erz├Ąhlt hatte und sie hatte sich wirklich Zeit f├╝r mich genommen, schloss ich damit, dass ich gerade eben in einem Programm des AMS bin und ich unter anderem von Psychologen betreut werde, dass ich, so war ich mir sicher, keine Gefahr f├╝r mich oder f├╝r andere darstellte, denn gottseidank ├Ąu├čerte sich mein Wahn nicht so, und dass ich deshalb nicht auf die Psychiatrie wollte. Sie vereinbarte mit mir, dass ich anstatt Tabletten gegen meine Schizophrenie nun eine Depotspritze nehmen sollte. Diese hatte wohl eine h├Âhere Dosis und eine konstantere Wirkmittelabgabe. Au├čerdem vertraute sie mir wohl nicht, dass ich meine Tabletten regelm├Ą├čig nahm. ├ťberdies sollte ich mich hier bei einer niedergelassenen Psychiaterin melden, bei wem ├╝berlie├č sie mir.
Ich ging zur├╝ck ins Schulungszentrum, setzte mich aber auf die Terrasse und nicht gleich wieder in die Schulungsr├Ąume und recherchierte Telefonnummern von ├ärzten. Zuf├Ąllig fand ich die Nummer einer Psychiaterin, rief dort an und vereinbarte f├╝r in zwei Wochen f├╝r meine n├Ąchste Spritzenabgabe einen Termin. Diese ├ärztin sollte im n├Ąchsten Jahr einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben werden, obwohl ich sie nur alle zwei Wochen f├╝r vielleicht 15 bis 30 Minuten sah.
Nach ein paar Wochen, die immer mehr zur Routine wurden, den Gro├čteil der Zeit verbrachte ich weiterhin in der kaufm├Ąnnischen Abkl├Ąrung, wo es mir immer l├Ąnger gelang, meine Konzentration ├╝ber den endlosen Preisberechnungen und uninspirierten Gesch├Ąftsbriefen aufrecht zu erhalten, neigte sich dieses Arbeitslosenprogramm f├╝r einige dem Ende zu und es wurden Entscheidungen getroffen, wie es mit diesen Teilnehmern weitergehen sollte, ob sie wieder arbeitsf├Ąhig w├Ąren oder nicht, d.h. ob sie nach Hause und in die ├╝blichen Routinen des AMS entlassen werden konnten oder ob es auf andere Art weitergehen sollte. Markus hatte ein Praktikum im B├╝ro eines Baustoffh├Ąndlers gefunden. Lisa durfte, genau wie sie es gewollte hatte, im Sozialbereich schnuppern.
Ich hatte so etwas noch nicht gefunden, glaubte aber, dass ich ein sehr verl├Ąsslicher Schulungsteilnehmer war, der jeden Tag da war, egal wie belastend meine Gedanken auch waren. Von meinen beiden zuvor gefassten Pl├Ąnen, hatte sich zum einen der Plan Bibliothekar zu werden in Luft aufgel├Âst, denn ich war zwar nach Salzburg gefahren und hatte mich dort beworben, aber wurde nicht genommen. Zum anderen startete der Netzwerkadministratorkurs in Klagenfurt erst in drei Monaten. Ich war offen zu meinen Betreuern und bat sie mich irgendwie dazubehalten, denn ich wollte nicht wieder aus einem sozialen Gef├╝ge fallen, denn so sehr ich auch manchmal die Aufgaben hasste, es gab mir Sicherheit wieder irgendwo dazu zu geh├Âren. Au├čerdem misstraute ich mir selbst, wenn ich wieder zu Hause stranden w├╝rde.
So wurde beschlossen, dass ich an einem l├Ąngeren Programm f├╝r Arbeitslose mit psychischer Beeintr├Ąchtigung teilnehmen w├╝rde, das auch hier in Villach, allerdings am Stadtrand in einem eigenen Geb├Ąude, stattfand.
Dort sollte ich, nachdem ich mich einmal einen Tag umsehen hatte d├╝rfen, mich n├Ąchste Woche einfinden.


Kapitel 3
Die R├Ąume des Trainingszentrums lagen im ersten Stock eines Mehrparteienwohnhauses. Es gab drei gro├če R├Ąume. Zum einem ein Entspannungszimmer, das bis auf eingerollte Yogamatten vollkommen leer war. Den Kunstraum, bei dem an den W├Ąnden zwar vereinzelt Computerarbeitspl├Ątze standen, der aber ansonsten nur aus einem gro├čen Tisch bestand auf dem Malerbedarf abgelegt war. Den Kern allerdings bildete ein Raum, wo wir Teilnehmer uns die meiste Zeit aufhielten sollten. Der lag meist im Halbdunkel, denn die Fenster, die die ganze L├Ąnge ├╝ber beide Au├čenseiten liefen, waren mit vertikalen Jalousien verh├Ąngt. Links und rechts des Einganges lagen Unmengen an Computerteilen fein s├Ąuberlich in mannsgro├čen Regalen einger├Ąumt. Am Fu├čende standen fertige Tower-Rechner, dar├╝ber folgten Netzteile, Motherboards, Ramst├╝cke und alles Weitere aus dem Computer aufgebaut waren.
Es war zwar nicht so, dass ich abgesagt h├Ątte, wenn es anderes gewesen w├Ąre, aber die ganzen Computerteile und auch die Aussicht mich zwei Halbtage in der Woche mit ihnen zu besch├Ąftigen hatten, hatte mich vollends davon ├╝berzeugt, dass ich hier richtig war.
Alle B├╝ropl├Ątze in diesem Raum waren schon fast vollst├Ąndig belegt, als ich eingetroffen war und mich die J├╝ngere der beiden Leiterinnen in den Raum f├╝hrte und mich kurz namentlich vorstellte. Ich hatte Gl├╝ck ein Platz im Eck war noch frei und ich nahm ihn sofort in Beschlag und w├╝rde ihn nie wieder hergeben, obwohl ich wenig sp├Ąter herausfand, dass er eigentlich einem anderen Schulungsteilnehmer geh├Ârte, der aber selten an den festen Unterrichtseinheiten teilnahm und sich lieber selbst besch├Ąftigte, wof├╝r man den Kunstraum aufsuchte. Das war sowieso eine Eigenheit des Programms. Man musste nicht. Alle Teilnehmer hatten psychische Probleme und waren daher nicht immer belastbar. Trotzdem sollte man aber und es wurde positiv aufgenommen, wenn man teilnahm.
Es blieb mir f├╝r den Moment erspart, dass ich mich n├Ąher vorstellen musste und alle Blicke auf mich gerichtet sein w├╝rden. Au├čerdem w├╝rde in ein paar Minuten sowieso der Unterricht beginnen. Ich sah mich um und musterte die anderen Teilnehmer im Raum. Wir waren ein bunter Haufen. Alterm├Ą├čig gab es einige, die vielleicht Mitte Zwanzig waren. Andere waren schon um die F├╝nfzig. Irgendwie f├╝hlte ich instinktiv heimisch, denn ich hatte in den letzten Wochen wieder etwas Zutrauen in die Menschheit gefasst, obwohl ich als die Vortragende den Raum betrat und sich die meisten in der Mitte des Raumes an einem gro├čen Tisch versammelten, noch Abstand hielt, gerade so viel, dass es nicht als unh├Âflich erachtet werden sollte, denn ich signalisierte, dass ich meinen Computerarbeitsplatz verlassen hatte und meine Aufmerksamkeit dem Programm widmete.
Der ├Ąlteste Teilnehmer, dem Aussehen nach, der an der Innenwand als erster sa├č, tat das nicht und spielte weiterhin ein Browserspiel, das daraus bestand bunte Kugel zu stapeln, bis diese dann irgendwann herunterfielen und immer gro├če Zahlen aufblinkten. Auch mein einziger Nachbar zu meiner rechten, ebenfalls schon um die F├╝nfzig r├╝ckte wie ich nicht in die Mitte, legte aber immerhin seinen Zeichenblock zur Seite, auf dem eine wirklich gute Bleistiftskizze einer halbnackten Cindy Crawford, welche er vom Monitor abgemalt hat, ersichtlich wurde und drehte den B├╝rostuhl zur Mitte des Raumes.
Die Vortragende kam auf mich zu und reichte mir die Hand. Marion hie├č sie. Sie war f├╝r eine Frau recht gro├č und hatte krause, dunkle Haare. Sie war ungef├Ąhr in meinem Alter.
An meinem ersten Tag sollte es um das Thema Fremd- und Eigenwahrnehmung gehen. Ich glaube, wir taten das auch f├╝r mich, denn so hatte ich die M├Âglichkeit die anderen den Namen nach und ihren Eigenschaften nach kennenzulernen. Wir teilten uns also in Zweiergruppen auf und bekamen Stifte und K├Ąrtchen in die H├Ąnde gedr├╝ckt, womit wir alles notieren sollten, um es dann sp├Ąter vor der ganzen Gruppe pr├Ąsentieren zu k├Ânnen.
Ich bekam den Typen zugeteilt von dem ich den Platz gestohlen hatte und den ich nicht namentlich erw├Ąhnen werde, denn er ist f├╝r mich und auch f├╝r die Geschichte irrelevanter, als der Buschauffeur, der die meisten jeden Morgen hierherbrachte. Vor allem aber hat er versucht mich zu schlagen, das einzige Mal, dass mir in diesem Jahr auch nur so etwas in der Art passiert ist und dass obwohl wir ja die Geistesgest├Ârten waren und ich gerade vor kurzem wieder in der Ank├╝ndigung einer Reportage lesen musste, dass der Herausgeber heilfroh war, dass seine Reporterin wieder unbeschadet aus einer Irrenanstalt zur├╝ckgekommen war.
Eigentlich hat er mich nicht geschlagen, sondern nur begonnen mich zu schupfen und mich bei jeder Gelegenheit als Dicken bezeichnet, aber ein paar Wochen danach war er dann sowieso aus dem Programm ausgetreten. Schade f├╝r ihn, nicht f├╝r uns.
Ich lernte so also Klaus kennen, meinen Sitznachbarn, der von uns vielleicht am ├Ąrmlichsten gekleidet war mit seinen verwaschen Jeans und T-Shirts und der aber studierte hatte, sein Marketingstudium sogar abgeschlossen hatte. Er war der einzige von uns der ein Studium abgeschlossen hatte. Ich und Martin hatten zwar eines oder gleich mehrere begonnen, es aber nie abgeschlossen.
Klaus bezeichnete sich selbst als ruhigen Menschen, der aber auch ein Einzelg├Ąnger war, auch weil er von seiner Familie versto├čen worden war, was er nur andeutete und somit den Grund auch nicht erkl├Ąrte.
Sabrina war Modeverk├Ąuferin gewesen und bezeichnete sich selbst als Familienmenschen, der gerne im Freundeskreis Dinge unternahm.
Martin hatte Informatik studiert, wollte aber eigentlich immer Maler werden. Er besch├Ąftigte sich viel mit Street Art, HipHop und Graffitis und hatte wohl eine wildere Jugend hinter sich.
F├╝r den Moment m├Âchte ich ihnen nicht alle Dutzend Teilnehmer vorstellen, denn Sie w├╝rden es sich nicht merken k├Ânnen. Mir ging es genauso. Vor allem wird es Sie wundern, dass ich nichts ├╝ber Krankheiten schreibe, obwohl wir doch in ein Programm waren f├╝r Leute mit psychischen Erkrankungen. Nur war es so, wir sprachen untereinander dar├╝ber kaum. Selbst bei uns blieb es, sowie eigentlich in der Gesellschaft an und f├╝r sich, ein Tabuthema. Hatte jemand ein akutes psychisches Problem, ging er in das B├╝ro unserer zwei Leiterinnen und so blieb es hinter verschlossen T├╝ren.
Vielleicht misstrauten wir einander deshalb auch ein wenig und versuchten uns eher an den vermeintlich sicherlich gesunden Vortragenden anzubiedern, muss man schon fast sagen, denn sie wurden immer umschw├Ąrmt und konnten kaum so viele Gespr├Ąche f├╝hren, wie sie sollten.
Eigentlich wei├č ich nur von drei der Teilnehmer genau was sie hatten. Es kam auch nur selten vor, dass jemand explodierte und laut wurde. Die Leute implodierten eher und zogen sich zur├╝ck. Auch das rechne ich den Leuten hoch an, den bei uns allen waren unsere Lebensentw├╝rfe kapital in die Hose gegangen und jetzt war es schon ein Erfolg, wenn jemand irgendwo halbtags als Kellner arbeiten w├╝rde, womit ich nichts gegen Kellner sagen m├Âchte, aber eigentlich w├Ąre es nur zu verst├Ąndlich gewesen, wenn die Leute w├╝tender gewesen werden, ob jetzt gegen sich selbst oder gegen├╝ber der Gesellschaft ist dann wohl eher eine Typfrage.
Sie d├╝rfen sich also keine Geschichte der gro├čen Dramen oder ein zugespitztes Theaterst├╝ck erwarten. Vielleicht lag es auch an den Medikamenten, die die meisten von uns sicherlich nahmen, dass alles gr├Â├čtenteils so wohl gesittet und eher ruhig verlief. Vielleicht war aber auch das Programm bewusst so gestaltet worden, denn wir hatten ja ein Jahr Zeit bekommen wieder fit f├╝r den Arbeitsmarkt zu werden. Ein Jahr der kleinen Schritte, der pers├Ânlichen Entwicklung, ohne Pr├╝fungen oder Aufgabenstellungen, deren Erf├╝llung verpflichtend war. Ich glaube viele hatten so eine Sicherheit schon lang nicht mehr gehabt und es erleichterte sie.
Nachdem wir also uns selbst beschrieben hatten und unser Gruppenpartner uns beschrieben hatte, bis auf mich und den Typen, wir kannten uns ja schlie├člich nicht und notierten deshalb Beschreibungen von Freunden und Bekannten, begannen wir ein Kartenspiel zu spielen. Auch hier ging es darum andere einzusch├Ątzen. Es hie├č die Werw├Âlfe von D├╝sterwald. Karten wurden verdeckt ausgeteilt und so jedem Teilnehmer eine Rolle zugeteilt. Grob gesprochen waren die einen Dorfbewohner und die anderen Werw├Âlfe, die diese Dorfbewohner fressen wollten. Eigentlich war es so ├Ąhnlich wie bei Arthur Millers Hexenjagd. Jeder beschuldigte jeden ein Werwolf zu sein und am Schluss wurde abgestimmt, wer zur Sicherheit des Dorfes get├Âtet werden sollte um m├Âglichst zu verhindern, dass in der Nacht die Werw├Âlfe sich wieder Opfer suchen w├╝rden.
Ich wurde vom w├╝tenden Mob schon als Zweiter gelyncht, obwohl ich ein unschuldiger Dorfbewohner gewesen war, ich hatte mich aber schlecht verteidigen k├Ânnen, als der Verdacht auf mich gelenkt worden war, ausgerechnet von Martin, der mir von allen am sympathischsten war und der, wie sich sp├Ąter herausstellte, selbst ein Werwolf war und sogar gewann, denn er ├╝berlebte als einziger. Die Werw├Âlfe gewannen bei uns fast immer.
Nachdem Spiel war die Mittagspause gekommen und ich durfte schon nach Hause fahren, denn anfangs musste man am Programm nur halbtags teilnehmen, um sich langsam daran gew├Âhnen zu k├Ânnen. Zu Hause angelangt, a├č ich noch etwas, sah mir dann ein paar Folgen meiner Lieblingsserie an und ging fr├╝h schlafen.

Kapitel 4:
Am n├Ąchsten Morgen nahm ich zum ersten und letzten Mal an den Entspannungs├╝bungen teil, die von der ├älteren der Leiterinnen gehalten wurden. Es nahmen nicht alle teil. Martin bevorzugte es zum Beispiel zu malen. Die Mehrzahl fand sich jedoch im Raum ein.
Wir rollten die Yogamatten am Boden aus, zogen unsere Schuhe aus und legten uns darauf nieder. Ich hatte ├Ąhnliches schon auf der Psychiatrie kennengelernt, Dort, unter schweren Medikamenten, noch schwerer als die die ich jetzt nahm, und in der Eint├Ânigkeit des Klinikalltages, war es eine willkommene Abwechslung gewesen. Hier war ich mir unsicher. Denn es ging darum unsere Phantasie zu benutzen, uns paradiesische Orte vorzustellen und auch in unseren K├Ârper hineinzuh├Âren. Nur war mein K├Ârper ein Schlachtfeld. Ich rauchte Kette und war schwer ├╝bergewichtig. Ich misshandelte meinen K├Ârper. Es ist wahrscheinlich meine Art zumindest schleichend Selbstmord zu begehen, den als ich am Balkon gestanden war, nachdem ich wieder einmal von einer Universit├Ąt abgegangen war und ich Stimmen meiner Familie geh├Ârt hatte, die sagten ich w├Ąre eine Schande, war ich im letzten Moment zur├╝ckgetreten. Vermutlich war ich nur zu feige gewesen.
Au├čerdem war es oft so gewesen, das ich in den schlimmsten psychotischen Zust├Ąnden dachte, ich k├Ânnte meinen Geist ├╝ber die Wirklichkeit legen, sogar dass ich es m├╝sste, dass es Priester und Ordensleute genauso machten, um den Teufel fern zu halten. Ich dachte mir aber abwechselnd ich w├Ąre der Teufel und verbot mir meinen Geist zu nutzen, verbot mir zu denken, denn ich hatte Angst gehabt, dass meine Gedanken aus meinem Kopf entkommen k├Ânnten bzw. das andere meine Gedanken aus meinem Kopf ziehen k├Ânnten. Manchmal war es sogar so gewesen, dass ich keine Zeitungen mehr lesen hatte k├Ânnen und kein Fernsehen mehr schauten hatte k├Ânnen, weil so wie ich die Bilder der Kommentarschreiber und Nachrichtensprecher sah, sahen sie mich. Sie wussten wer ich bin und sie hassten und verabscheuten mich, deshalb bohrten sie sich in meinen Kopf hinein und suchten nach meinen schlechten Taten. Die gr├Â├čten S├╝nden waren zwar schon l├Ąngere Zeit her, aber genau diese suchten sie immer und immer wieder und so wusste bald jeder in ├ľsterreich, was ich f├╝r ein verabscheuungsw├╝rdiges Wesen ich war. Einmal war ich im Bett gelegen und hatte in eine Bibel hineingeweint. Vor mir tauchten Menschenk├Âpfe auf, zuerst die, denen ich Unrecht getan hat, bald aber jeder Mensch, dem ich jemals begegnet war und ich entschuldigte mich bei allen, dass ich ihnen begegnet war. Ich wollte meine Existenz ausl├Âschen und dachte durch diese Art des Betens k├Ânnte ich es.
Ich hatte mir schon vor l├Ąngerem verboten mich mit Religion zu besch├Ąftigen. Selbst Kunst, was ich am meisten liebte, hatte ich mir lange Zeit verboten. Je uninspirierte eine Sache war, desto sicherer erschien sie mir. Deshalb freute ich mich auf den Netzwerkadministratorkurs und war froh mich mit Computern besch├Ąftigen zu d├╝rfen, denn nichts ist uninspirierender als Computer.
Gleichzeitig wollte ich nicht schon am zweiten Tag nicht an einem Programmpunkt teilnehmen und so folgte ich nicht den Instruktionen, die mit esoterischer Hintergrundmusik, aus den Lautsprechern der Stereoanlage kamen, ja verbot mir sogar ihnen zuzuh├Âren. Mit geschlossenen Augen h├Ârte ich um mich herum. Einer schnarchte. Von den anderen h├Ârte man leise die Atemz├╝ge.

Nach den Yoga├╝bungen fand zum ersten Mal unser Computerkurs statt. Von uns nahmen nur vier daran teil, alles M├Ąnner, der Rest besch├Ąftigte sich selbst. Unser Lehrer hatte einen Ziegenbart und war eher drahtig. Peter musste man immer extra einladen, denn er war internets├╝chtig. Er verbrachte seine Zeit am liebsten damit sich Witzseiten im Internet anzusehen. Er scrollte und scrollte. Dabei lachte er kein einziges Mal. Unser Lehrer legte ihm sanft die Hand auf die Schulter und riss ihn so aus seinem Zustand. Dann war er wieder im hier und jetzt. Wir holten den Kompressor, denn wir sollten alte Towergeh├Ąuse vom Staub reinigen. Wir trugen also den Kompressor zu zweit auf die Terrasse und bliesen dort den Staub aus den Geh├Ąusen.
Wenn Peter einmal an etwas teilnahm, dann war er voller Energie und man konnte sehen, dass viel Lebensfreude in ihm steckte, die aber so tief versch├╝ttet war, dass andere sie aus ihm sanft herausholen mussten, denn er selbst konnte es nicht.
Wir hatten uns alle unsere Computerarbeitspl├Ątze selbst gebaut und bauten auch Rechner f├╝r andere, die sich ansonsten keinen leisten konnten. Heute wei├č ich nicht, ob Computer und das Internet nicht die Gei├čel der modernen Menschheit sind, denn man findet f├╝r alles eine Best├Ątigung. Egal wie abstrus ein Gedanke ist oder wie pervers eine Vorliebe, im Internet findet man bestimmt gen├╝gend Material dazu.
Manchmal frage ich mich, ob das Internet nicht ges├Ąubert geh├Ârt, um schwache Menschen vor schlechten Entscheidungen zu bewahren, denn oft denke ich, dass es keinen Zufall gibt, sondern nur Geister um Menschen ringen, in jeder Sekunde des Tages, bei jeder Entscheidung, die man trifft. Viele von uns konnten diesen Geistern nicht wiederstehen. Wir waren so tief in der Hand dieser Geister, dass wir wie bet├Ąubt waren. Manchmal wei├č ich aber auch nicht, ob diese Geister auf uns von der Gesellschaft geladen wurden, weil wir ja die Arbeitslosen und die psychisch Kranken waren und als solche musste wir uns ja auch benehmen. So verlangte es die Gesellschaft.


Kapitel 5:
Am n├Ąchsten Morgen hatten wir unsere Art des Bewegungstrainings. Wieder einen Spaziergang. Diesmal aber nicht durch das Zentrum und vorbei an Menschen, sondern am Ende der Stadt, in Wurfweite zum Ortsschild. Unsere Trainerin kam aus Deutschland, genauer gesagt aus Bayern. Sie lebte aber schon l├Ąnger in K├Ąrnten. Menschen aus Bayern sind mir sympathisch. Ich kann nicht genau sagen warum, vielleicht weil sie uns so ├Ąhnlich sind, ihnen aber der Mief der Provinz fehlt.
Unsere Trainerin hatte ihr Auto am Parkplatz des ├╝ber die Stra├če liegenden Supermarktes geparkt. Dort f├╝hrte sie uns hin, nachdem sie alle Verhandlungen, ob einer Teilnahme oder einer vorgeschobenen Begr├╝ndung der Nichtteilnahme gewonnen hatte. Man konnte immer behaupten, man k├Ânne nicht, oder man m├╝sse dies und jenes ganz dringend machen. Man h├Ątte eine Bewerbung zu schreiben, weil man von einem sehr verhei├čungsvollen Job geh├Ârt hatte. Aber in Wahrheit str├Ąubten wir uns einfach oft und wollten nur unsere Ruhe, weil wir uns schon teilweise aufgegeben hatten. Nicht vollkommen, denn die, die sich vollkommen aufgegeben hatten, kamen irgendwann ganz einfach gar nicht mehr. Manchmal war es also schon ein Sieg, ob f├╝r das Programm oder f├╝r einen selbst k├Ânnen Sie beurteilen, dass man ├╝berhaupt gekommen war und seine ganze versch├╝ttete Welt, aus Depression, Entt├Ąuschung und Wut, im Kopf zwar mitgebracht hatte, aber ignoriert hatte.
Diese Trainerin nahm oftmals wenig R├╝cksicht auf so etwas und oft war das gut, denn wir musste oft zu unserem Gl├╝ck gezwungen werden. Einmal hatte sie gesagt und das werde ich niemals vergessen, dass wenn wir alle so weiterleben w├╝rden, w├╝rden wir Diabetes bekommen und dass wir uns das dann selber angefressen h├Ątten. Sie sollte recht behalten.
Die Trainerin f├╝hrt uns zu ihrem Auto, weil sie etwas Besonderes mit uns vorhatte. Sie ├Âffnete den Kofferraum und darin lagen Nordic Walking- Stecken, die sie uns schmackhaft machen wollte, weil dann der ganze K├Ârper arbeitet und nicht nur die Beine und der ganze Bewegungsablauf sowieso ges├╝nder w├Ąre und vor allem man mit Nordic Walking-Stecken nicht rauchen k├Ânnte.
Sie hatte sogar Erfolg. Gut die H├Ąlfte nahm solche Nordic Walking-Stecken und wir machten uns auf den Weg. Vorbei an dem gr├Â├čten Wirtschaftsunternehmen der Region, das Computerchips herstellte und dessen Parkplatz so voll war mit Autos, dass sie kreuz und quer und fast ├╝ber einander standen.
Irgendwie war es surreal, dass gerade wir daran vorbeigingen.
Unser Spazierweg f├╝hrte oben auf einem Damm dem Fluss entlang. Wir waren eine recht h├╝bsche Prozession. Peter ging immer einsam an der Spitze voraus und redete mit keinem. Ich ging auch meist alleine vor mich hin, weil ich mir so schwer tat ├╝berhaupt zu sprechen. Ich war so leer innerlich und so abgestumpft, dass ich nicht einmal mehr merkte, was mich im Kern so belastete. Ich, der ich alle Chancen im Leben gehabt hatte. Chancen, von denen andere nur tr├Ąumen k├Ânnen und jede einzelne grandios und oftmals binnen k├╝rzester Zeit vergeben hatte.
Manchmal jedoch lies ich die Trainerin und die Gruppe, die sich um sie geschart hatte, zu mir aufschlie├čen und h├Ârte zumindest den Konversationen zu. Manuelas Hund war nach einem Jahrzehnt gestorben. Manuela hatte bei einer gro├čen Baufirma als Projektmanagerin gearbeitet und hatte Baustellen in ganz ├ľsterreich besucht und ├╝berwacht. Jetzt hatte sie, glaube ich, Burn Out. Manuela weinte fast und zeigte uns Bilder auf ihrem Smartphone von ihrem Hund, der vielleicht so etwas wie ein letzter Weggef├Ąhrte f├╝r sie gewesen war, denn er hatte sie auch durch ganz ├ľsterreich im Auto begleitet und war auch jetzt, wo sie alleine lebte, stets bei ihr gewesen.
Irgendwie war mir das ein zu viel an Emotionen und ich ging wieder voraus. Hat man selbst kaum Kontakt zu seinen Emotionen, kann mit den Emotionen anderer nur schwer umgehen. Irgendwie kam ich mir dabei aber auch wie ein Arsch vor.
Unser Umkehrpunkt war eine kleine Br├╝cke, die ├╝ber einen kleinen Bach f├╝hrte. Dort machten wir kurz Pause und naja redeten ein bisschen. Dann ging es wieder meist einzeln zur├╝ck. Im B├╝roraum merkte ich erst, wie verschwitzt ich eigentlich war, denn ich war so au├čer Form, dass mich ein lockerer Spaziergang von vielleicht ein oder eineinhalb Stunden wirklich anstrengte. Und so war ich froh, dass wir dann etwas Zeit bekamen uns selbst zu besch├Ąftigen bis die Mittagspause und somit der Endpunkt meines Tagesplans gekommen war.

Kapitel 6
Unsere Kunstlehrerin war so atemberaubend sch├Ân, dass man sich zwingen musste nicht nur auf ihre Sch├Ânheit zu achten, denn sonst verlor man sich in ihr und es erschien mir unangebracht Trainerinnen nach Kategorien wie Sch├Ânheit zu bewerten. Leider war sie auch noch ausgesprochen nett und so verzauberte sie alle M├Ąnner. Es fanden sich fast alle im Kunstunterricht ein und versuchten sich wenigstens an Malerei. Sogar unser ├Ąltester Schulungsteilnehmer Hans war wie ausgewechselt. Hans, der sonst an nichts teilnahm, mutierte zum Mustersch├╝ler. Er war schon Monate in diesem Programm und hatte sich schon so etwas wie eine eigene Technik beigebracht. Viele der Gem├Ąlde an den W├Ąnden stammten von ihm, wie ich sp├Ąter erfuhr. Sie zeichneten sich durch eine Liebe und Hingabe an Struktur und Oberfl├Ąchen und dicken Farbaufstrichen aus.
Meine eigenen Malversuche waren so ungelenk wie die eines Volksch├╝lers oder im besten Falle eines Unterstufensch├╝lers. Es war zum Verzweifeln, ich wollte so viel ausdr├╝cken, nur mit Malerei konnte ich es nicht. Ich hatte mich fast zwei Stunden redlich bem├╝ht, nur ohne den geringsten Erfolg. Dabei hatte ich den anderen ohne Neid zugesehen wie sie aufbl├╝hten. Martin stach nat├╝rlich alle anderen aus. Er malte Portraits von Hip Hop-K├╝nstlern, die ihn beeinflusst hatten, die man quasi als Plattencover verwenden konnte. Er sammelte seine Arbeiten sogar, weil er sich an einer Kunstakademie bewerben wollte.
Aber auch Sabrina und Manuela waren ganz eifrig bei der Sache und ihre Finger waren ganz voller Farbe, was ihnen einen Hauch von Kreativit├Ąt verlieh und sie wirklich liebenswert macht. Ich liebe kreative Frauen. Manuela machte nur hin und wieder Pausen und setzte sich an einen Computer um Ebay-Auktionen zu beobachten, denn sie war gezwungen alte Sachen von sich zu verkaufen, um ihren Lebensstandard halbwegs halten zu k├Ânnen.
Peter machte Bleistiftskizzen von geometrischen Figuren, einer Unzahl von ihnen, auf den Bl├Ąttern. Er arbeitete unerm├╝dlich. Es rang mir richtig Respekt ab, wieviel M├╝he er auf seine Arbeit verwendete.
Die einzige, die nicht teilnahm war Babsi. Babsi haben sie bis jetzt noch nicht kennen gelernt. Babsi war untersetzt und sah eigentlich eher aus wie ein Junge und hatte sogar das Gehabe eines eben solchen. Sie war Masseurin gewesen und hatte, glaube ich Borderline. Manchmal war es mit Babsi schwierig. In der einen Stunde konnte sie der netteste Mensch auf Erden sein, mit einem Lachen, das ansteckend war, und in der n├Ąchsten Stunde war sie wirklich feindselig. Babsi trug immer lang├Ąrmlige Pullover, egal wie hei├č es auch immer war, denn sie ritzte sich und wollte nicht, dass das jemand wei├č.
Babsi hatte sich mit der Erlaubnis unserer Leiterinnen zur├╝ckgezogen, weil sie f├╝r eine Meisterpr├╝fung lernen wollte. Sie wollte sich endlich selbstst├Ąndig machen k├Ânnen und hatte sogar in Aussicht in jener gro├čen Computerchipfirma freiberuflich als Masseurin zu arbeiten, sobald sie die Meisterpr├╝fung hatte.
Nur hin und wieder sah Babsi nach dem Rechten. Sie hatte dabei das gro├če Vorbereitungsbuch immer dabei. Es wirkt allerdings noch recht fremd in ihren H├Ąnden und sie beklagte sich auch, dass sie schon jahrelang nichts mehr auswendig gelernt hatte und jetzt gleich so ein elendig dickes Buch auswendig lernen m├╝sse.
Nachdem ich mich sehr gerne kreativ ausdr├╝cken wollte, aber mir die Malerei nicht lag, sprach ich die Trainerin an, ob ich stattdessen schreiben k├Ânnte. Sie erlaubte es mir, obwohl sie sicherlich nicht hundertprozentig ├╝berzeugt war. Zuerst begann ich nach meinen alten Geschichten zu recherchieren. Ich war ein wenig auf Literaturplattformen aktiv gewesen, musste aber mit Bedauern feststellen, dass diese ziemlich verwaist waren. Eine meiner Lieblingsplattformen in der Schweiz war sogar komplett dicht gemacht worden.
Trotzdem fand ich aber eine alte Kurzgeschichte und druckte sie aus. Ich las sie durch und fand sie sogar ganz gut. Ich gab sie der Trainerinnen, damit sie sie auch einmal durchlesen k├Ânnte. Vielleicht tat ich das, um ihr zu beweisen, dass ich wenigstens f├╝rs Schreiben etwas Talent hatte.
Es stellte sich nun die Frage ├╝ber was ich schreiben wollte, denn ich konnte nur ├╝ber Sachen schreiben, wor├╝ber ich pers├Ânliche Erfahrungen besa├č. Ich entschied mich f├╝r Schizophrenie und begann eine Begebenheit in Graz, als ich noch Germanistikstudent gewesen war, niederzuschreiben. Als ich eine Ausstellung von Ingeborg Bachmann im Literaturhaus besucht hatte und auf gro├čen Tafeln autobiographische S├Ątze von ihr ├╝ber die Zeit des 2. Weltkrieges notiert gewesen waren. Die S├Ątze hatten mich so in ihren Bann gezogen, ich hatte die Stimme von Ingeborg Bachmann so eindringlich in meinem Kopf geh├Ârt, dass es mir vorgekommen war als w├╝rden mich schwarze F├Ąden immer n├Ąher an die S├Ątze heranziehen. Unter den Tafeln hatten sich sogar Blutlachen gebildet. Ich war auf die Knie gesunken, so sehr nahm es mich emotional mit.
Gerade als ich dabei war das auszuformulieren, trat der Typ ohne Namen an meinen Arbeitsplatz heran und begann sich ├╝ber mich l├Ącherlich zu machen, was das soll, was ich mir einbilde. Zu glauben, schreiben zu k├Ânnen und ├╝berhaupt w├╝rde schon niemand die richtigen Schriftsteller lesen. Er hatte wohl mal ein Praktikum in der Redaktion eines Boulevardblattes gemacht und meinte nun, die Koryph├Ąe im Bereich Schreiben zu sein. Ich muss zugeben, ich konnte es nicht ganz ignorieren und so h├Ârte ich f├╝r diesen Tag zu schreiben auf.

Kapitel 7
Am Freitag lie├čen wir es etwas ruhiger angehen. Wir hatten wieder Computertraining. Die Drecksarbeit war jedoch schon erledigt und so machten wir uns daran einzelne Rechner zusammenzusetzen. Ram war immer knapp, denn die Administratoren in den Firmen, von denen wir die alten, ausgemusterten Rechner bekamen, bauten den Ram gerne aus, um aktive Rechner damit zu erweitern.
Norbert, Paul ÔÇô die beiden hatten Jahrzehnte in einer Fabrik gearbeitet und waren, nachdem die Fabrik pleite gemacht hatte durch eine Arbeitsstiftung in unser Programm gekommen ÔÇô Peter und ich setzten also die Computerteile zusammen. Paul brauchte dabei Hilfe von unserem Trainer, denn er war immer sehr zaghaft und als Tischler hatte er nie viel mit Elektronik zu tun gehabt. Norbert dagegen hatte privat schon immer viel mit Computertechnik experimentiert.
Das Verkabeln der einzelnen Komponenten hatte gut funktioniert und so begannen wir Windows aufzusetzen, was auch nicht schwierig war, aber viel Zeit beanspruchte, vor allem das Einspielen der ganzen Updates. Es blieb also viel Zeit zum Quatschen. Unser Trainer versprach uns f├╝r n├Ąchste Woche einen Ausflug zu machen. Wir w├╝rden zu einem gro├čen Industriebetrieb fahren um dort ausgemusterte Rechner zu holen. Das w├╝rde sicherlich interessant werden.
Auch versuchte unser Trainer Hans zur Mitarbeit zu bewegen. Hans hatte ihm einmal erz├Ąhlt, dass er vor Jahren die Homepage seiner freiwilligen Feuerwehr gestaltet hatte. Das war der Ankn├╝pfungspunkt f├╝r unsern Trainer. Er zeigte ihm im Internet verschiedene CMS-Systeme, also Sachen wie Wordpress und Drupal, Systeme mit denen man moderne Homepages gestalten konnte. Hans schien interessiert.
Auch um Sabrina k├╝mmerte sich unser Trainer. Sie konnte nicht Maschinschreiben. Unser Trainer fand auch hierf├╝r Lernhilfen im Internet.
Unser Trainer war selbst Autodidakt und hatte im Leben schon die verschiedensten Jobs gemacht und ├╝berall in ├ľsterreich gelebt. Er konnte gut mit jedem.
Manuela lie├č er aber in Ruhe. Man konnte sp├╝ren, dass sie heute keinen guten Tag hatte. Es war als schwebten Gewitterwolken ├╝ber ihr. Sie ging auch mehrmals ins B├╝ro unserer Leiterinnen.
Als das B├╝ro einmal frei war, ging auch ich zum ersten Mal hinein. Die Leiterinnen frugen mich gleich, wie ich zurechtgekommen war und ich sagte ganz gut und dass es mir sehr gefalle, was auch der Wahrheit entsprach. Ich entschuldigte mich auch sofort, dass ich an den Entspannungs├╝bungen nicht teilnahm, weil es meine Vergangenheit mit der Schizophrenie verhinderte und sie verstanden das. Auch bat ich ab n├Ąchster Woche ganztags teilnehmen zu d├╝rfen, irgendwie wollte ich keine Zeit verlieren. Auch hier willigten sie ein, obwohl es un├╝blich war. Normalerweise bekam man immer mindestens zwei Wochen Eingew├Âhnungsphase.
Ich sprach auch an, dass ich mir Sorgen machte um Peter und dessen Internetsucht. Sie wiesen mich aber in die Schranken. Ich k├Ânne mich gerne mit ihm unterhalten aber ich sollte mir verbitten an ihm herumzudoktern.
Vor allem die J├╝ngere der Leiterinnen fand ich sympathisch. Auch sie war ungef├Ąhr in meinem Alter. Sie hatte langes, blondes Haar und sah sehr sportlich aus. Ich w├╝rde noch oft das Gespr├Ąch mit ihr suchen.
Der Freitag verflog irgendwie wie im Flug. Gerade so wurden die Updates fertig und ich installierte noch einige kostenlose Programme, die auf keinem Rechner fehlen sollten. Sachen wie Acrobat Reader, VLC Media Player etc.
Ich war richtig stolz als ich den fertigen Rechner, meinen ersten, ins Regal schob, bereit von einem finanziell Schwachen f├╝r einen symbolischen Betrag erworben zu werden.
Wir alle freuten uns aufs Wochenende, so wie wahrscheinlich jeder Mensch in ├ľsterreich. Irgendwie f├╝hlte sich das Programm wie ein Job an und ich war stolz die erste Woche eines neuen Jobs erfolgreich absolviert zu haben.





Kapitel 8
Montagmorgen nahm ich nicht den Zug, wie sonst ├╝blich, sondern setzte mich in mein Auto um die einst├╝ndige Strecke zwischen meinen Wohnort und Villach hinter mich zu bringen. Ich hatte einen Termin bei der ├ärztin f├╝r meine Spritze. Eigentlich war es kein richtiger Termin. Die Sprechstundenhilfe hatte nur gesagt, dass sie ab 9 Uhr Ordination hatten und dass es manchmal l├Ąnger dauern k├Ânnte, da Akutpatienten den Wartenden oft vorgezogen w├╝rden.
Ich stellte mich also auf eine l├Ąngere Wartezeit ein.
Mein Autoradio war schon mit einem USB-Anschluss ausgestattet und so war ich nicht auf die ├Âffentlichen und privaten Radiostationen und den Chartm├╝ll, den sie bevorzugten zu spielen, wahrscheinlich wurden sie sogar gut daf├╝r bezahlt, angewiesen. Ich konnte mir meine eigene Playlist aus meinen Lieblingstiteln zusammenstellen. Ich hatte hunderte Songs auf meinem Stick gespeichert.
Ich wusste nicht, was mich bei der ├ärztin erwarten w├╝rde. W├╝rde sie mir nur meine Depot-Spritze geben, was nur einige Minuten dauerte, wovon der L├Âwenanteil auf die Vorbereitung entfiel, denn man bekam ein ganzes Set. Mit Serum, L├Âsungsmittel, Aufs├Ątzen und Spritzen f├╝r den Po oder den Oberarm. Ich kannte mich deshalb so gut damit auch, weil ich vor Jahren schon einmal diese Spritze bekommen hatte. Damals hatte ich auch bei meinen Eltern gelebt und ich hatte die Spritze selbst vorbereitet, damit mein Vater, der Arzt gewesen war, sie mir verabreichen konnte. Jetzt war er krankheitsbedingt dazu nicht mehr in der Lage.
Ich w├╝nschte mir so sehr eine Gespr├Ąchspartnerin in der ├ärztin zu finden. Jemanden den ich vertrauen konnte. Ich hatte selten ├╝ber meine Schizophrenie mit jemanden sprechen k├Ânnten und nie im vollen Umfang. Manchmal hatten sich meine schizophrenen Episoden ├╝ber Wochen, ja sogar Monate hingezogen. Ich hatte meist allein gelebt oder ansonsten meine schizophrenen Gedanken vor meinen Mitbewohnern versteckt. Meist hatte die Schizophrenie selbst daf├╝r gesorgt, den oftmals, ich wei├č nicht, wie ich es formulieren soll, hatte sie mir mitgeteilt, dass alles, was ich denke geheim ist und geheim bleiben muss. Dass man sich dar├╝ber nur telepathisch austauschte und das hatte ich oft getan. Ich hatte telepathisch mit der ganzen Welt kommuniziert. Mit meinen Mitstudenten, mit den paar Freunden, die ich hatte, mit K├╝nstlern, die ich mochte, mit Professoren, die mich beeinflusst hatten. Manchmal sogar mit religi├Âsen F├╝hrern.
Oftmals hatte es lange gedauert, bis ich nicht mehr den ├Ąu├čeren Schein waren hatte k├Ânnen. Manchmal hatte ich ganze Semester studieren k├Ânnen und sogar eine normale Anzahl an Semesterwochenstunden mit sogar oft ausgezeichneten Noten absolvieren k├Ânnen und war dabei nebenbei komplett schizophren gewesen. Anfangs sind Studien in ├ľsterreich vielleicht zu leicht. Die Professoren fangen wieder bei null an, denn sie konnten sich nicht darauf verlassen, dass man in den Gymnasien irgendwas gelernt hatte, so schien es jedenfalls. Dieser Anfang war oft spielerisch. Man bekam kurze Ausschnitte der Materie serviert. Man ging jedoch noch nicht wirklich in die Tiefe. Darin war ich gut, sogar sehr gut. Ich konnte gut Texte analysieren und Aussagen auf richtig und falsch bewerten. Irgendwann wurde jedes Studium jedoch anders. Es ging nicht mehr ums Analysieren, sondern darum Unmengen an Stoff auswendig zu lernen oder aber man musste in Mathematik brillieren k├Ânnen. F├╝r beides hatte ich kein Talent. Und so war ich in den ersten Semestern immer einer der besten Studenten gewesen und dann, wenn der Bruch kam, konnte ich nicht mehr mit. Ich hatte es mit Wirtschaft versucht und war gut gewesen in den Nebenf├Ąchern Jus und Soziologie. In Englisch und historischen Wirtschaftswissenschaften, aber nie in Mathematik und daran war ich gescheitert. Ich war dann drogenabh├Ąngig geworden und nur sporadisch auf die Universit├Ąt gegangen. Auf der Universit├Ąt hatte ich immer mehr den Anschluss verloren und es wurde es immer schwieriger ├╝berhaupt hinzugehen. Als ich dann fast gar nicht mehr vor die T├╝r gegangen war und wenn nur um Lebensmittel oder etwas in der Richtung einzukaufen, hatte ich begonnen viel Literatur zu lesen und mich selbst auf Literaturplattformen auszudr├╝cken, indem ich Texte verfasste oder Texte anderer kritisierte. Das, was f├╝r viele ein Hobby war und dessen Qualit├Ąt vielleicht nicht der Rede wert war, wurde eigentlich zum meinem Hauptlebenszweck.
Den ersten Text, den ich jemals geschrieben habe, schickte ich zum einem Literaturpreis und wurde prompt zu einer Lesung eingeladen. Ob es an der Qualit├Ąt meines Textes lag oder daran, dass der Jury-Vorsitzende ein Bekannter meines Gro├čonkels gewesen war, kann ich immer noch nicht mit Sicherheit sagen.
Literatur war f├╝r mich immer so etwas wie Flucht gewesen. Das Letzte, was geblieben war, nachdem ich alles andere verloren hatte. In meiner Familie war Kunst nicht viel wert. Eben ein Hobby. Eine Narretei. Nicht einmal ein wirklich gutes Hobby. Besser w├Ąre, man bet├Ątige sich sportlich oder ging zumindest an die frische Luft und in die Natur. B├╝cher zu lesen, war dekadent.
Trotzdem unterst├╝tzten mich dann meine Eltern als ich mein Studium von Wirtschaft auf Germanistik ├Ąnderte. Das gleiche Spiel begann vor vorne. Die ersten Semester war ich wieder gut darin, Texte zu analysieren. Aber diesmal kam ich nicht an F├Ąchern wie Sprachwandel und Sprachvariation vorbei, in denen es darum ging die Lautverschiebungen ├╝ber die Jahrhunderte auswendig zu lernen. Ich hatte bis auf einer Professorin, die ich fast verg├Âtterte, niemandem gesagt, dass ich gleich im ersten Semester Germanistik bei einem Literaturpreis las. Ich wollte die Aufmerksamkeit nicht, so es denn welche gegeben h├Ątte. Ich wollte unsichtbar sein. Ich tr├Ąume von Unsichtbarkeit schon mein ganzes Leben. Ich kann auch mit Neid nicht umgehen. Trotzdem war ich wie durch Zauberhand in jedem Schreibkurs der Germanistik. Und was tat ich? Ich las nicht nur die B├╝cher, die ich sollte, sondern begab mich auf die Suche nach einer Geheimsprache. Ich lieh mir auf der Bibliothek Unmengen von B├╝chern von christlichen Mystikern aus. Sachen von Teresa von Avila oder Meister Eckhart. Las in der Kabbala. Hatte sogar ein Buch ├╝ber Hexerei.
Nebenbei begann ich mich selbst zu reinigen. Ich h├Ârte auf zu rauchen bzw. rauchte Zigaretten nur mehr als Ritual. Drogen zu nehmen hatte ich schon vorher aufgegeben und habe nie mehr damit angefangen. Ich kaufte Lebensmittel nur mehr in Ausnahmef├Ąllen im Supermarkt und dort studierte ich immer die Ablaufdaten. Ich dachte n├Ąmlich durch deren Zahlenmystik k├Ânnte man herausfinden, ob es sich um ein energetisch gutes oder schlechtes Lebensmittel handelte.
Ich ging oft auf den Markt und kaufte dort nicht die sch├Ânen Lebensmittel, sondern welche von Marktstandlern, die ich als gute Menschen einsch├Ątzte. Den nur wer selbst ein guter Mensch war, konnte auch gute Lebensmittel herstellen. Den Akt des Kaufens dieser Lebensmittel betrachtete ich als energetische Handlung, so wie alles eine energetische Handlung war. Und ich Ex-Junkie, der so einen schlechten Einfluss auf seinen eigenen Bruder und seinen kleinen Freundeskreis hatte, den bei mir auf der Couch hatten sich die meisten Leute immer weggetan, wollte ich endlich ein guter Mensch werden.
Es war eine Notwendigkeit, denn nur gute Menschen k├Ânnen gute Texte schreiben. In den Schreibkursen, wo es darum ging dramatische Texte zu verfassen, schrieb ich kryptischen Schei├č, dar├╝ber dass mich der Teufel endlich in Ruhe loslassen solle. Ich schrie in an. Ich bespuckte ihn. Mein Lehrer verstand die Texte aber nicht und ich durfte sie nicht erkl├Ąren.
Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich das erste Mal eine Stimme h├Ârte. Es war auf dem Weg zur Uni, neben dem modernen Glaskomplex der Wirtschaftswissenschaften auf dem Weg zu einer Vorlesung ├╝ber moderne Literatur der Germanistik. Ich hatte in der Fr├╝h mich wieder mit Religion besch├Ąftigt und war ├╝ber die Seiten der theologischen Fakult├Ąt gesurft, um zu sehen, welche Lehrveranstaltungen sie im Angebot hatten. Auf der Homepage der Religionswissenschaften, deren Lehrveranstaltungsangebot am verhei├čungsvollsten war, war ich an dem Bild einer Professorin h├Ąngengeblieben. Ihre Stimme h├Ârte ich dann. Sie bot an mich auszubilden. Nach der Vorlesung, bei der ich nur physisch anwesend war, ging ich auf die Bibliothek und lieh mir jedes Buch, dass diese Professorin jemals geschrieben hatte aus.
Ich bel├Ąstigte diese Professorin niemals. Ich ging nie in einer ihrer Lehrveranstaltungen. Ich traf sie, soweit ich wei├č, nie pers├Ânlich. Nur manchmal, wenn ich spazieren ging und ich machte jeden Tag immer ausgedehntere Spazierg├Ąnge, irgendwie um zu sehen, ob in der Welt noch alles beim Rechten w├Ąre, ging ich an den Religionswissenschaften vorbei, die in einer kleinen unscheinbaren Seitengasse gelegen waren.
Aber in Gedanken habe ich mit dieser Professorin jeden Tag gesprochen. Sie unterwies mich in der Unterscheidung zwischen Gut und B├Âse. Wir gingen gemeinsam die Texte von Schriftstellern durch oder auch Songtexte. Wir unterteilten die gesamte Kulturwelt in Gut und B├Âse. Stellten fest, an welchen S├Ątzen, dass festzumachen sei. Wo man eingreifen m├╝sste um einen positiven Schluss zu ziehen.
Dar├╝ber wollte ich mit der Psychiaterin sprechen und ├╝ber noch so vieles mehr, denn das war nur der Anfang meines Wahns. Ich legte also die Strecke nach Villach in Trance, in Gedanken versunken zur├╝ck und gr├╝belte viel ├╝ber meine Grazer Zeit nach. Nebenbei h├Ârte ich die gleichen drei Lieder immer und immer wieder.
Ich parkte nahe dem Rathaus auf einem gro├čen privaten Parkplatz. Die Praxis der Psychiaterin war in Flussn├Ąhe gelegen. Ich w├Ąhlte den Weg dahin so, dass ich ├╝ber den Villacher Hauptplatz musste, obwohl der Weg so etwas l├Ąnger war. Aber ich wollte nicht alleine durch Seitengassen gehen, sondern mich in Mitten von Menschen bewegen. Manchmal erscheint es mir n├Ąmlich so, als w├╝rden wir uns gegenseitig, alleine durch unsere Pr├Ąsenz, erden und ich wollte wieder aus einem Gedankenstrudel ├╝ber meine Vergangenheit heraus. Gleichzeitig widerte mich der Hauptplatz aber an. Die ganzen Modegesch├Ąfte, die Banken und die Fastfoodketten. Die ganze Oberfl├Ąchlichkeit ├ľsterreichs kam mir vor Augen, denn das, was wirklich wichtig ist, findet man in ├ľsterreich nicht auf den Hauptpl├Ątzen, nicht mal in den Seitengassen, wo in Villach die ganzen Bars und Caf├ęs lagen, sondern nur im Privaten. Dort finden die zwischenmenschlichen Begegnungen statt. Liebe und Freundschaft und solche Dinge.
Die Eingangst├╝r des Wohnhauses, worin die Praxis lag, stand offen und ich fuhr mit dem Lift hinauf. Ich setzte mich in Wartezimmer, in dem schon viele warteten und das zu klein und zu stickig war f├╝r alle. Ich schnappte mir eine Illustrierte und tat so als w├╝rde ich interessiert lesen. In Wahrheit half es mir nur die ganzen anderen Patienten zu ignorieren und so die r├Ąumliche Enge zumindest ertr├Ąglich zu machen.
Das Warten zog sich hin. Es war jetzt schon halb elf und als ein junger Mann, der erst ein paar Minuten hier war, aufgerufen wurde, verlor meine Sitznachbarin die Nerven und sie fing sich lautstark zu beschweren an. Ich tat irgendwie so als w├╝rde mich das alles gar nichts angehen. Ich dachte an nichts und ├╝berflog auf meinem Smartphone, die Online-Ausgabe einer Zeitung, bei der ich auch hin und wieder Kommentare schrieb. Nicht, dass ich wirklich viel Interesse an den Artikeln hatte, ich las eigentlich nur um die Zeit totzuschlagen und dieser Ort des Wartezimmers war auch ├Ąu├čerst unpassend daf├╝r, ├╝ber mich selbst nachzudenken. Ich w├╝nschte mir nur, ich h├Ątte meine InEar-Kopfh├Ârer dabei, dann k├Ânnte ich wenigstens Musik h├Âren.
Um 11 wurde ich dann aufgerufen und ich schnappte mir mein Spritzenset, das die ganze Zeit auf meinen Beinen gelegen war, w├Ąhrend ich so dagesessen hatte.
Die Ordinationshilfe war mit etwas ganz anderem besch├Ąftigt, als ich das Durchgangszimmer betrat. Das Formelle und die E-Karte hatte ich ihr schon gegeben als ich die Praxis vor zwei Stunden betreten hatte. So wies sie mich nur an gleich ins Zimmer der ├ärztin einzutreten.
Die ├ärztin sah mit ihrer ungew├Âhnlichen Frisur, auf der rechten Seite hatte sie langes schwarzes Haar, auf der linken Seite waren die Haare kurzrasiert, aus wie eine alte Punkerin, die es zuf├Ąllig in einen wei├čen Arztkittel verschlagen hat. Sie war mir sofort sympathisch.
Sie nahm mir das Spritzenset ab und begann die Gebrauchsanweisung zu lesen. Ich bot an ihr zu helfen, weil ich ja Erfahrung damit h├Ątte, und so erkl├Ąrte ich es ihr.
Sie begann sich nach meinen Lebensumst├Ąnden zu erkundigen und ob das meine erste schizophrene Episode gewesen war. Wir hatten uns inzwischen an dem gro├čen Schreibtisch gesetzt. Sie auf der einen, ich auf der anderen Seite.
Ich erz├Ąhlte ihr vom Programm des Ams, das ich besuchte und dass ich Moment wieder zu Hause lebe nachdem ich meine Studien abgebrochen hatte und Arbeiten gegangen war.
Sie kannte das Programm sogar, weil auch andere Patienten von ihr dort teilnahmen. Ich wollte nicht fragen, wer das denn sei.
Ich sagte ihr, dass diese Episode halb so schlimm gewesen war und ich gut reagiert hatte und nicht wie schon ├Âfters wochenlang durch die Stadt geirrt war.
Sie frug mich, ob ich Drogen nehmen w├╝rde. Ich verneinte und sagte, ich h├Ątte Drogen genommen, aber das w├Ąre jetzt schon zehn Jahre her und dass die Schizophrenie erst ein oder zwei Jahre sp├Ąter zum ersten Mal aufgetaucht war.
Sie sagte, dass es aber trotzdem dazu beigetragen haben konnte und ich keine Drogen mehr nehmen soll, weil ich sie nicht vertragen w├╝rde.
Sie sch├╝ttelte jetzt die Spritze und das angeschlossene Wirkstoffbeh├Ąltnis, damit Wirkstoff und L├Âsungsmittel sich gut vermischten. Das sah bei jedem irgendwie witzig aus.
Sie frug mich, ob ich im Moment irgendwelche Symptome h├Ątte. Ich erkl├Ąrte wahrheitsgem├Ą├č, dass ich seit einer guten Woche keine Stimmen h├Ârte und nur manchmal mir bei Fremden dachte, dass sie mich kennen w├╝rden, aber dass auch das nur selten der Fall w├Ąre.
Sie hielt das Programm wirklich f├╝r gut und sagte mir, ich solle die Zeit nutzen wieder stabiler zu werden. Sie kenne sonst keine bessere Alternative. Ich kannte auch keine.
Ich zog mein Hemd aus und sie desinfizierte die Stelle an meinem Oberarm, wo er der Einstich stattfinden w├╝rde. Als sie die Spritze ansetzte und injizierte, zuckte mein Muskel ein wenig.
Ich erkl├Ąrte meine Schizophrenie nicht. Es f├╝hlte sich noch nicht richtig an, denn ich wollte nicht den Anschein erwecken, als dass ich darauf stolz w├Ąre, obwohl es die intensivsten Gef├╝hle waren, die ich jemals in meinem Leben empfunden hatte. Ich wusste, dass das alles nur in meinem Kopf stattgefunden hatte und somit nur f├╝r mich real war, denn leider waren meine schizophrenen Episoden als das gespeichert, als intensive Erinnerungen.
Wir verabschiedeten uns. Ich war zufrieden. Die ├ärztin war verst├Ąndnisvoll und gleichzeitig nicht gef├╝hlsdusselig gewesen. Vor allem aber hat sie mich als Mensch behandelt und nicht als Patienten. Das sind die besten ├ärzte, die die jemanden als Mensch behandeln.
Ein Satz vom Gespr├Ąch mit den beiden Leiterinnen fiel mir. Die J├╝ngere hatte gesagt, dass es hier nicht um Krankheiten ginge, das w├Ąren nur Begriffe, sondern um Menschen.



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