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Leselupe.de > Kurzgeschichten
In Schwebe
Eingestellt am 27. 06. 2005 12:05


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Ohrensch├╝tzer
???
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Gespenstisch menschenleer und schattenreich liegt die Stadt um etwa drei Uhr morgens unter wolkenbedecktem Himmel und entl├Ąsst die ├╝ber den Tag aufgestaute Hitze nicht. Direkt unter einer Laterne, die Gesichtsz├╝ge somit entstellt und nur halb sichtbar umklammert ein Mann mit beiden H├Ąnden das Br├╝ckengel├Ąnder. Die Stille umf├Ąngt und beruhigt ihn kaum. Ein wenig Autol├Ąrm dringt ged├Ąmpft und weit entfernt zu ihm vor. Er will es tun.

Zwei Querstra├čen entfernt lenkt ein weiterer Mann seine schweren, fast schleifenden Schritte auf die Br├╝cke zu. Die Nacht ist zu warm f├╝r erholsamen Schlaf, Flucht aus der bedr├╝ckenden Schw├╝le und Stickigkeit des Zimmers die nahe liegende Ma├čnahme. Ein Spaziergang ├╝ber die Br├╝cke, um dort die K├╝hle des Flusses einzuatmen. Der Schlaflose bewegt sich auf den Mann unter der Laterne zu. Bald sind die beiden in Sichtweite.

Das Gehirn des Schlaflosen weigert sich, dahin zu d├Âsen. Stattdessen schreien sich dessen Windungen gegenseitig Informationen zu, die echoartig von der Sch├Ądeldecke widerhallen. Dies wird sich ung├╝nstig auf den kaum angebrochenen Tag auswirken, auf Konzentration, Laune und Belastbarkeit. Aber die unwillkommene fr├╝hmorgendliche Gedankenflut bezieht sich kaum auf die allt├Ąglichen T├Ątigkeiten, vielmehr kreisen sie um den eigenen Missmut, Frustration und Sinnentleerung. Die ├╝berw├Ąltigende Anzahl an Begebnissen im Laufe des Tages, der Woche, der Jahre k├Ânnten ├╝ber die Tatsache hinweg t├Ąuschen, selbst kein Ziel mehr zu haben. Wenn man es trotzdem durch den Nebel der Nichtigkeiten erkannt hat, entkommt man diesem marternden Gedanken nicht mehr. Man kann ihn nicht abhaken und zur Seite stellen oder ihn gar ignorieren. Es scheint kein probateres Mittel zu geben, als ihn mit hochrotem Kopf immer und immer wieder ergebnislos hoch zu w├╝rgen, durch zu kauen und zu hoffen, dass er einen anderen Ausweg aus dem K├Ârper findet oder sich r├╝ckstandslos im Bauch aufl├Âst.

Jetzt biegt der Spazierg├Ąnger in die Stra├če, die nach etwa hundert Metern schon auf die Br├╝cke f├╝hrt. Obwohl der dunkle Mann unter der Laterne v├Âllig regungslos steht, nimmt ihn der andere wie einen Fremdk├Ârper wahr, wie ein leises Surren in v├Âlliger Stille, und wird instinktiv langsamer. Es ist ihm sichtlich unangenehm, dass er zu dieser Zeit jemanden auf der Stra├če trifft, m├Âglicherweise sogar einen Bekannten, dem er seine Flucht aus dem Schlafzimmer erkl├Ąren muss. Allein die T├Ątigkeit des Sprechens h├Ątte ihn schon ├ťberwindung gekostet, nur widerwillig w├╝rde er seinen tosenden inneren Gedankensturm mit akustischen Eindr├╝cken erg├Ąnzen. Er h├Ąlt an und kneift die Augen zusammen.

Der Dunkle lehnt sich dicht an das Br├╝ckengel├Ąnder. Unter ihm rieselt in beachtlicher Tiefe ein winziges Fl├╝sschen vor sich hin, stark verschm├Ąlert durch die Hitze in einem steinigen Bett. Wie gel├Ąhmt erkennt der andere mit einem Mal die Situation, fragt sich in keinem Augenblick, ob er sich in dem vermeintlichen Suizid irren k├Ânnte, sein Herzschlag erh├Âht sich, seine Muskeln spannen und seine Augen weiten sich, es funkt und wirbelt nun verschnellert durch seinen Sch├Ądel. Schwei├č zeichnet sich nun auf seiner Stirn ab, er hat zweifellos Angst. Er wird sich verfluchen, noch niemals zuvor eine solche Situation in Gedanken durchgespielt zu haben, um nun reflexartig zu wissen, was zu tun sein, seine Anschauungen rechtzeitig geordnet und mit der richtigen Handlung verbunden zu haben, und die ausgewogene und vertretbare Meinung nun nicht innerhalb weniger Sekunden ermitteln zu m├╝ssen. Er, der immer vorbereitet sein m├Âchte, auf vertrautem Terrain, weil er wei├č, wie langsam er seit jeher im Kopf ist. Eine schnelle Entscheidung zu treffen, ist f├╝r ihn ein Ding der Unm├Âglichkeit. Helfen, abhalten, rufen, sprechen, laufen, denkenÔÇŽ

Da beugt sich der auf der Br├╝cke ├╝ber das Gel├Ąnder. Nur so, als ob er an der Au├čenseite etwas nachkontrollieren wollte. Eine v├Âllig harmlose, fast gelangweilt wirkende K├Ârperbewegung. Jeden Moment k├Ânnte er sich aufrichten, die Achseln zucken, als h├Ątte er nicht gefunden was er gesucht h├Ątte, und von dannen gehen. Der andere rei├čt sich aus seinen wirren ├ťberlegungsans├Ątzen und setzt sich ohne ein konkretes Vorhaben in Bewegung. Er wei├č nicht genau, was er tut oder auch nur tun soll. Unwillkommene Philosophie dringt in sein Gehirn ein: Hat er das Recht, in ein anderes Leben einzugreifen? Mit welchen Argumenten will er einen freien Entschluss verhindern?

Den Oberk├Ârper weit vorgelehnt, heben die F├╝├če des Dunklen schon leicht vom Boden ab. Noch immer wirkt er vollkommen unangestrengt, wie ein Kind am Spielplatz. Unkonzentriert, beil├Ąufig, wie es ein Turner am Reck vor dem Felgabschwung niemals tun w├╝rde. Federleicht und frei sieht er aus, in einer eleganten Schwebe ├╝ber dem Angelpunkt seines Lebens. Vor schwingen, zur├╝ck schwingen. Wie ein Kippschalter zwischen Licht und Finsternis, Hitze und K├Ąlte. Ein Schrei ert├Ânt.

Der andere hat gebr├╝llt, w├Ąhrend er auf ihn zu l├Ąuft. Er sieht den Mann in der Schwebe, im Graubereich zwischen Darauf und Hinunter, und denkt an den Punkt, an dem es keine R├╝ckkehr mehr gibt, kein Zur├╝ckwippen auf den sicheren Boden. Dieser Punkt wird l├Ąngst erreicht sein, wenn er physisch in die Situation eingreifen kann. Daher br├╝llt er. Kein Wort, einen simplen Laut. Vielleicht gen├╝gend f├╝r ein bisschen Irritation, ein bisschen mehr Zeit. Als hielte der Schrei den Kippenden am Hosenzipfel fest.

Kies auf der Stra├če l├Ąsst den Laufenden beinahe auf die Stra├če klatschen. Er taumelt, f├╝r einen Moment in ├Ąhnlichem Graubereich wie der andere auf der Br├╝cke. Falle ich, so fallen wir gemeinsam, schie├čt es ihm durch den Kopf. Doch die Hand schon am Boden, findet der Schlaflose wieder das Gleichgewicht und starrt auf den leeren Fleck unter der Laterne. Richtet sich auf und versucht, wieder zu Atem und zu klaren Gedanken zu kommen. Ist es m├Âglich, dass der Mann in den Sekunden der Unaufmerksamkeit zur├╝ck geschwungen w├Ąre und das Weite gesucht h├Ątte?

Er geht auf die Stelle unter der Laterne zu. Wenn die Bef├╝rchtungen zutr├Ąfen, l├Ąge unten im Flussbett ein zerschmetterter Mensch. Ein simpler Blick nach unten w├╝rde die Lage kl├Ąren: Rettung oder Versagen. Er streicht ├╝ber das Gel├Ąnder, versucht vergeblich, aufgrund der Temperatur herauszufinden, wo vor kurzem noch eine Hand gelegen sein muss. Er sp├╝rt lediglich die etwas k├╝hlere Luft, die von dem Rinnsal nach oben dringt. Wie sieht ein Mann aus, der aus betr├Ąchtlicher H├Âhe mit dem Kopf voran auf Stein aufschl├Ągt? Hat ein anderer Mensch das Recht, ihn anzusehen, nachdem er ihn vielleicht ├╝berst├╝rzt von der Br├╝cke gebr├╝llt hat?

So viel Sinnloses ist den ganzen vergangenen Tag ├╝ber passiert. Doch ausgerechnet das Sinnloseste, n├Ąmlich das Ausl├Âschen von Wirklichkeit und der M├Âglichkeit, etwas in sinnlos und sinnvoll einzuteilen, ausgerechnet das erscheint am Nachhaltigsten. Just die Verweigerung der weiteren Sinnsuche, das Negieren der eigenen Existenz ist die ├╝berzeugendste Antwort auf die Sinnsuche selbst. Die Flucht vor einer hitzig-leeren Welt f├╝hrt zwangsl├Ąufig in das k├╝hle Nichts. Zumindest f├╝r den, der sich m├╝ndig genug daf├╝r f├╝hlt. Der Schlaflose blickt nicht nach unten, l├Âst sich vom Gel├Ąnder und geht.
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Der Ohrensch├╝tzer

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├ťber den Sinn des Unsinns

In memoriam Helmut H├╝bler, dessen Todestag sich nunmehr zum zwanzigsten Mal j├Ąhrt. Sein Leben war krankheitsbedingt eine Qual - sein bester Freund konnte es ihm nicht ├╝bel nehmen, dass er sich selbst erl├Âsen wollte. Seine zweitbesten Freunde schon.
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