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In alter Freundschaft
Eingestellt am 11. 10. 2014 18:59


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Circulo
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In alter Freundschaft


Aus einem GefĂŒhl der Langeweile, welches Martin hier draußen empfunden hatte, horchte er auf, als aus dem Kinderzimmer junge Stimmen ĂŒber den Gebrauch von Holz zum Bau kleiner Boote zu vernehmen waren. War ihm hier, wo er sich befand, bislang nur das Kalkulieren der Chancen zum Gewinn des jeweiligen Potts entgegengekommen, fĂŒhlte er sich durch diese Stimmen irgendwo tief in sich berĂŒhrt und angeregt.

Karlo schien sein Lauschen bemerkt zu haben, griff nach der Flasche Bier, wendete den Blick vom Pokerturnier auf dem Bildschirm ab und sagte, dass da drĂŒben wohl wieder die Spulen durchglĂŒhten, wobei er den Finger in der Luft drehte, wĂ€hrend er einen Schluck nahm. Er meinte die Computer.

Karlos Söhne spielten eines dieser Spiele, in denen die Geschichte der Menschheit dargestellt wird. Sie sagten freundlich zu Martin, als dieser ihr Zimmer betreten hatte, dass dies so etwas sei, das unbedingt sĂŒchtig mache und ganze freie Nachmittage abtöte zum Nutzen des Fortschritts einer digitalen Zivilisation. Tja, so sei das, sagten die Beiden, wĂ€hrend sie sich auf ihren StĂŒhlen herumdrehten, die Kinnladen zwischen Daumen und Zeigefinger gestĂŒtzt wie Systemanalytiker beim Rechnen.

Er fragte die Kinder, ob sie etwas von der Technik verstĂŒnden, die sie da benutzten; die Architektur der Platinen, den Gehalt an Informatik dahinter. Sie bejahten das und sprachen von Grafikkarten, Prozessoren, Arbeitsspeichern, grĂ¶ĂŸeren Arbeitsspeichern und deren Nutzen. Eine alte Tastatur nutzten sie als Instrument, um sich den RĂŒcken zu kratzen. Die aus dem Innenleben des Rechners ausgebauten Teile wurden nicht genauer untersucht, sondern lagen von WĂ€schestĂŒcken verdeckt im Zimmer umher. Martin fragte sich, mit welchem Geld sie sich diese Markenkleidung leisten konnten. Wegen Prozesskostenhilfe galt der Haushalt juristisch als arm. Die Kinder hatten keine Ferienjobs. Von ihrer Mutter, die eines Tages abgehauen und einige Zeit spĂ€ter in psychiatrische Behandlung gegeben wurde, hatten sie sich die didaktische Inhalte gemerkt, wonach ein junger Mensch nur das tun sollte, was er auch wirklich wolle, sei die Welt auch noch so böse und totalitĂ€r. PĂ€dagogisch hatte Karlo dem nie etwas Neues hinzuzufĂŒgen können
 Keines der beiden Kinder verstand eigentlich etwas von dieser Technik, die sie benutzten, wie es sich auf Martins Fragen hin herausstellte. Das technologische Zeitalter, worin sie sich im Spiel befanden (durch Updates schon weit ĂŒber die RĂ€nder der Endzeit des Spiels hinaus wie in 2001 – Odyssee im Weltraum), brachte sie, wie sie Martin mit leuchtenden Augen mitteilten, auf interessante Ideen, Ă€hnlich einem guten Buch, das man lese.

Auf der Erde einer Topfpflanze bildete sich Schimmel, die BlĂ€tter lagen grau auf dem Boden herum, der Stamm ausgetrocknet. In einer Plastikbox lagen tote Heuschrecken, die fĂŒr das Reptil bestimmt waren, das starr in einem riesigen Terrarium aus Plexiglas lag, welches Karlo fĂŒr die Jungs gebaut hatte. Im Zimmer stank es muffig, die BettwĂ€sche lag mit deutlichen weißen Flecken unordentlich auf den Matratzen, auf dem Boden Chaos, Staub schichtete sich in den Regalen, wĂ€hrend die Beiden konzentriert auf ihre Bildschirme starrten, Martin halb zugewandt, in der Erwartung, dass er sich an der Stimmung im Zimmer beteilige oder möglichst bald wieder verschwinde. Er ging zur Toilette. Dort klebten Reste von Kotstreifen, der Rand war vollgepinkelt.

Martin trat daraufhin zunĂ€chst einmal auf den Balkon der Wohnung, um eingefasst in einen grauen verwinkelten Hof, Luft zu atmen. Als er wieder zu Karlo ins Wohnzimmer trat, fragte er ihn, ob er es fĂŒr sinnvoll halte, wenn er mit den Söhnen ĂŒber den Stand der Dinge spreche. Karlo sagte, dass er das gerne machen könne. Eine Runde mit ihnen spazieren, sie gingen gerne zum Grab ihrer Großeltern oder in den Wald. Nur mĂŒsse er aufpassen, sie weder zu lange vom Rechner abzuziehen, denn dazu fehle ihm jegliche AutoritĂ€t, noch dĂŒrfe er eine zu ernsthafte Kritik an ihrem Lebensstil Ă€ußern, da sie in Ehrendingen gewalttĂ€tig werden könnten. Und was Ehrendinge seien, könne sich bei ihnen stĂŒndlich Ă€ndern. Martin ging wieder hinaus auf den Balkon.

Hinter den verschiedenen Fenstern dieses verwinkelten Baus, dessen graue Fassade durch viele Risse im weißen Verputz durchschimmerte, wĂŒrden viele verschiedene solcher Bildschirme mit Spielen vom Werden und Vernichten gespielt werden. So, dachte Martin, bildet eine nicht unerhebliche Grundlage des Geldes, welches fĂŒr die Zukunft der Stadt wichtige innovatorische und gestaltende Funktion hatte, der Konsum von Parallelwelten, wĂ€hrend die LebensrĂ€ume unter einer zunehmenden Sorglosigkeit unbedacht blieben, wenn sie nicht wie durch Karlos elektrischen Sensorstaubsauger gereinigt wurden. Die Jungs hatten wegen schlechten Verhaltens aber seit einer Woche Staubsauger-Verbot, was so die einzige Maßnahme war, zu der sich Karlo je hatte durchringen können. Damit schien er Zeichen zu setzen, ohne allzu sehr die Harmonie des Alltags zu stören.

„Martin, so geht es hier allen.“, rief Karlo nach draußen, der irgendwie geahnt haben musste, was Martin zu denken gab, „Hier kannst Du nur in der Dimension frei sein, die kompatibel ist und sich der allgemeinen Sprache fĂŒgt, und die geht dĂŒĂŒĂŒp.“, dabei drehte er den Daumen hinab, was Martin sah, als er wieder ins Wohnzimmer trat.
„Wovor haben die Menschen Angst?“
„Na vor Schutzgelderpressern
 Nein Spaß, wahrscheinlich nur vor sich selbst. So genau kann man das nicht sagen. Ist ein weites Feld.“ Karlo grinste in dem Bewusstsein, den Vater von Effi Briest zitiert zu haben. „Naja.“

Je lĂ€nger Martin sich dieser Wohnung aussetzte, desto klarer wurde ihm die Stadt. Aus dem Kinderzimmer drang das Lachen der Kinder, die sich ĂŒber MunitionsvorrĂ€te unterhielten, wobei der eine den anderen darauf hinwies, dass er sich gut ĂŒberlegen solle, welche Waffen er sich besorge, damit er auch noch genĂŒgend Geld in RĂŒcklage habe. Die beiden klebten wie Honig aufeinander, wĂ€hrend sie eine ungefĂ€hrliche Zerstörung planten wie in berĂŒhmten Hollywoodfilmen.

Am meisten verwunderte Martin wohl, dass er kaum einen zureichenden Begriffsapparat besaß, um sich auch deutlich zu erklĂ€ren, was in diesem Haushalt geschah. Das Denken, das er in den Jahren seiner Ausbildung kennengelernt hatte, spielte mit Faktoren in geschlossenen Systemen: Motoren konnte man konstruieren, man konnte lernen, die Abgase besser zu filtern usw., konnte in TreibhĂ€usern die wichtigen Parameter im richtigen Maß halten, um gute Bedingungen fĂŒr pflanzliches Wachstum zu schaffen etc. Hier aber schien ihm alles unbedacht, ohne Schutz, verwahrlost, Arbeit fĂŒr ein KlĂ€rwerk, welches die Rolle des Sisyphos zu spielen hĂ€tte.

Martin schaute sich in dem Wohnzimmer um, und alles befremdete ihn zunehmend, auch die neuen Möbel, das technische Inventar. Er könnte zum Fernseher hingehen, ihn berĂŒhren, ihn sogar abschalten. Aber es lag eine unendliche Kluft zwischen ihm und diesen Dingen. Löcher bevölkerten das Zimmer. Karlo beobachtete, wie er ihm sein zunehmend fassungsloses Gesicht zuwandte. Er setzte die Bierflasche ab und sprach etwas. Und Martin merkte, dass zu niemandem die Kluft hier drin grĂ¶ĂŸer war als zu ihm, seinem einstigen und einzig wirklichen Jugendfreund.

Ein Zimmer, ein Flur, ein anderes Zimmer, die HaustĂŒr. Alles begehbar, jedes Ding berĂŒhrbar, doch alles unaussprechbar, ohne Kommunikation, ein endlos verschachteltes Etwas, in dem keiner je an ein Ziel kommen wĂŒrde, weswegen auch weiterhin ĂŒber neue Mittel und Methoden diskutiert werden konnte. Im Buchregal sogar Popper, den Karlo gewiss in seiner Studienzeit gelesen haben muss, zumindest zu PrĂŒfungszwecken. Und er hat ja auch seinen Abschluss.

Auf dem Tisch lag das Urteil vom Gericht, weswegen Karlo Martin ja eigentlich angerufen hatte. Ein Schuldenberg unterschrieben von einer Richterin, die Argumente der AnwĂ€lte zweier verschiedener Parteien ĂŒber so und so viele Seiten entfaltet, abgewogen hatte, als trĂŒge sie eine Binde vor ihren Augen. Ein Fall, dem hĂ€uslichen Herd entglitten, durch fruchtlose, zahme Streitereien in den Bereich der Jurisprudenz ĂŒbergegangen, dort von Menschen beurteilt, die die Raumzeit der beiden Streitenden nicht geteilt haben, wie diese selbst, da sie noch im heiligen Bund der Ehe weilten nur unter grĂ¶ĂŸter Aufwendung einer gegenseitigen LĂŒge, Raum und Zeit miteinander zu teilen duldeten. Hier standen Existenzen am Rande ihres Überlebens. Telefone wurden zu Notrufsendern. Aber die Mitteilung des erbeteten Retters wollte man wieder nur in der eigenen Interpretation gelten lassen. So viel Freiheit musste sein. Karlo lachte. Martin hatte nicht vernommen, was er ihm gesagt hatte, sah nur, wie Karlo auf den Bildschirm zeigte.

Dann schien Karlo einen Entschluss gefasst zu haben, und schaltete das FernsehgerÀt ab. Er griff zum Telefon und wÀhlte eine Nummer. Er verabredete sich mit irgendwelchen Leuten, jetzt gleich, um ihnen einen alten Freund vorzustellen. Nachdem er aufgelegt hatte, grinste er.

Martin griff nach Karlos Hand. So vergingen einige Sekunden. Martin musste in seinem Flanellanzug einen merkwĂŒrdigen Eindruck auf Karlo machen. Warum, fragte Martin, habe Karlo seinen Kindern diese halbherzigen Namen gegeben. Ein Name bestimme das ganze Leben eines Menschen, und mache sein Schicksal aus. Karlo winkte ab und sagte, dass dann ja alle unfrei wĂ€ren wegen ihrer Nachnamen. Kevin und Alex seien Kompromisse gewesen, die er mit seiner Ex damals getroffen habe.

Karlo bot Martin erneut ein Bier an, und ging, nachdem dieser abgelehnt hatte, aus dem Zimmer, um sich selbst eines holen. Er kam wieder, stellte es ab, schaute zum Bildschirm, lĂ€chelte dann Martin an, rieb sich die HĂ€nde, verschrĂ€nkte die Arme und sagte dann, er mĂŒsse eben mal zur Toilette. Von draußen hörte Martin, wie er zu seinen Söhnen in kumpelhaften Ton sagte, dass sie aber nicht mehr solange spielen sollten. Sie stöhnten irgendetwas zurĂŒck, was Martin nicht verstand. Als Karlo wieder kam, sagte er aus einer Verlegenheit heraus, dass er alles fĂŒr seine Söhne tun wĂŒrde. Also wenn jemand ihnen irgendetwas
dann
 Um dieses dann zu verdeutlichen, begann Karlo wie ein Boxer zu trippeln und in Deckung zu gehen. Daraufhin nahm er die Fernbedienung, ĂŒberlegte einen Moment, ob er das GerĂ€t wieder einschalten sollte, legte das Ding dann auf den Fernseher und seufzte tief, wie ein Jogi, der das Pranayama einĂŒbt. Noch nie hatte Martin in den letzten Jahren seiner Ausbildung so viele verlegene Verhaltensweisen mit unbegrĂŒndeter Andeutung von Gewalt vernommen als hier in diesem von AbgrĂŒnden erfĂŒllten Wohnzimmer. Dieses Zimmer, flog es ihm wie ein Scherz unter seinen Studienkollegen durch den Kopf, mĂŒsste ein besonders gutes Forschungsobjekt zur Auffindung von schwarzen Löchern sein.

Es war verwunderlich einen Menschen zu sehen, der zwar groß geworden war, aber in keiner Weise erwachsen. Die Blicke Martins schienen Karlo zu biegen, weil er sein Gesicht immer wieder abwenden musste, um in eines der wachsenden Löcher des Zimmers zu schauen.

Dabei lĂ€chelte Karlo. Er schien Martin nicht böse zu sein, zumindest nicht unter diesen UmstĂ€nden. Er war ein alter Freund, und Freundschaft schien zu bedeuten, sich gegenseitig in Ruhe zu lassen, sonst nur immer mal wieder etwas Hoffnung in den Anderen zu setzen. Martin enttĂ€uschte diese Hoffnung, aber auf eine Weise, mit der Karlo nicht gerechnet hatte. Um abzulenken, erzĂ€hlte er von seiner neuen Waschmaschine, die er allein in den dritten Stock hinaufgetragen, von einem Kochbuch, dass seine Mutter ihm neulich geschenkt habe, obwohl er ihr gesagt hatte, dass sie sich aus seinem Leben raushalten solle, und er sprach von den Verteuerungen beim Strom, schimpfte auf Abzocker und darauf, dass er sich, wenn man ihn ließe, seinen eigenen Stromanschluss bereitstellen könne. Das glaubte ihm Martin sogar, ja er wusste, dass Karlo das eigentlich konnte.

Das GesprĂ€ch gestaltete sich zunehmend zu einem Monolog und verlor sich im Allgemeinen. Von einer guten alten Zeit kam Karlo auf die MissstĂ€nde einer kapitalistischen Gesellschaft zu sprechen, auf seinen halbherzigen Entschluss auszusteigen, um etwas ganz Neues anzufangen, und auf sein GefĂŒhl, dass er sich zurzeit in einer Art Fegefeuer befinde. Er kramte Thomas Bernhard aus einem Regal und las Martin eine der Stellen vor, in der der Staat den Geist von Grund auf abtöte. Das erlebe er zurzeit. Man lasse Einzelne mit nichts anfangen. Dann nahm Karlo einen tiefen Schluck aus seiner Bierflasche. Dann rieb er seine in Tennissocken steckenden FĂŒĂŸe aneinander, als wolle er Strom erzeugen.

Und dann ging es um das Sterben, den Selbstmord als Möglichkeit. Aber die Kinder. Einer mĂŒsse sich ja um die Kinder kĂŒmmern. Mit seiner Biographie ĂŒber Edison, die er vor einem halben Jahr begonnen habe, komme er auch nicht voran. Zudem gebe es bereits zig Millionen Biografien ĂŒber Edison. Wie es scheint aber keine Leser, so Karlo. Er schimpfte auf den Kalender und alles verlor sich in Grundsatzkritik am System. In der Zwischenzeit waren die Kinder im Wohnzimmer erschienen, in Jacken und mit MĂŒtzen auf dem Kopf, die HĂ€nde in den Ärmeln versteckt und sagten, sie gingen zum Friedhof. Einer mĂŒsse ja mal die Großeltern besuchen und an die Familie denken. Martin sah wie sich Karlos Mittelfinger auf der OberflĂ€che der Couch ausstreckte, er diese Geste aber unterließ. Die Kinder zuckten mit den Schultern und rannten aus der Wohnung.

Martin wollte gerade die Zimmer ansprechen, Karlo fragen, warum er hier eigentlich nichts unternehme. Was ihn denn hindere, seine Zeit zu nutzen, sich auf seine Söhne einzulassen, als ihm eine TrÀne ins Auge stieg.

Plötzlich erkannte Martin, dass die Flamme in Karlo, die in dessen Jugend so gelodert hatte, erloschen war, und er sah nicht nur, dass es so war, sondern er sah durch dessen TrĂ€nen hindurch sogar wie. Er sah den lĂŒsternen Karlo, der vor dem Computer onanierte, ohne je bei einer Prostituierten gewesen zu sein, in seinem Audi verschmierte Kleenex-TĂŒcher aus dem Fenster werfend, sah Karlo nicht ohne Gier, die Post seiner Altersvorsorge öffnen, die Zahl ablesend, die ihm seine Rentenversicherung bis heute bereits einbringen wĂŒrde, die Jahre vage abzĂ€hlend, wann es endlich soweit sei wĂŒrde mit der Auszahlung, sah ihn seinen Anfang in Verbindung bringen mit einer solchen finanziellen UnabhĂ€ngigkeit, um dann die gewitzte Biografie ĂŒber Edison vollendet zu haben, welche er seinen Enkelkindern vorlesen wĂŒrde.

„Du musst wohl bald wieder gehen, was?“, fragte Karlo in den stillen Raum.

Die Erinnerung an die frĂŒhere gemeinsame Zeit, als beide noch zur Schule gegangen waren und im Haus der Eltern Kaffee getrunken, Schach gespielt und sich ĂŒber Literatur unterhalten hatten, wollte sich kaum mehr in Martins Bewusstsein wiederfinden lassen, als stĂŒnde eine bewaffnete Wache vor dem Eingang dieser Stimmungen und Erinnerungen. Es schoss Martin wie ein Blitz durch seinen Kopf, dass seine eigene Zukunft nicht unabhĂ€ngig war von der Zukunft Karlos, weil sie eine gemeinsame Vergangenheit teilten. Es sei denn er könnte vergessen. Dazu aber mĂŒsste er gehen, endgĂŒltig gehen und Karlo, dessen Kinder, dessen Leben vergessen, ohne dies alles ĂŒberhaupt ganz verstanden zu haben.

Martin spĂŒrte wie er in dieser Situation und in allen kommenden Situationen, sollte sich nichts verĂ€ndern und kein neuer Schwung ihre Freundschaft beleben, ĂŒber Karlo stand, wie dieser sich vor ihm erniedrigte, ohne dass er etwas dagegen tun konnte, wollte er nicht ungerecht sein. Als hĂ€tte Martin sich durch irgendeine Form von Arbeit einen Höhenunterschied verschafft, von wo aus er jetzt notwendigerweise als der GrĂ¶ĂŸere und Reifere auf Karlo hinabsehen musste.

Es war aber noch da, irgendwo. Martin konnte es spĂŒren. Die GrĂ¶ĂŸe Karlos, in seinem ganzen Entwurf. Die Stunden, in denen Martin ihm frĂŒher gelauscht hatte, die Gedanken, die wie Funken aus ihm geschossen waren. Irgendwo lagen sie verbleicht in ihm, in ihrer KomplexitĂ€t und Starre dem GebĂ€udekomplex Ă€hnlich, in dem er heute lebte. Und hinter all dem eine Sehnsucht nach Klarheit, nach Einfachheit und Ordnung.

Etwas Listiges blitzte in Karlo auf, irgendwo tief aus seinem Innern, und er wischte sich seine TrĂ€nen aus dem Gesicht, wĂ€hrend er Martin beobachtete. Ein Bewusstsein darĂŒber, ein großes Können zu besitzen oder es jedenfalls besessen zu haben, die Gewissheit, in frĂŒheren Situationen geglĂ€nzt zu haben. Diese Erinnerung ließ ihn die Arme aus seiner VerschrĂ€nkung befreien, und die Aufmerksamkeit auf den gekrĂŒmmten RĂŒcken werfen, den er sofort aufrichtete.

Karlo schien sich jetzt an das Telefonat von vorhin zu erinnern, und sich fĂŒr das GesprĂ€ch mit Martin ein wenig zu schĂ€men. Mit einer leicht zitternden Stimme sagte er den Blick auf Martin gerichtet, dass er auf den Hammer in sich warte, der seine Hemmungen zerschlage und ihn aus dem Moloch blinder Urteile aufsteigen lasse wie ein reinigendes KlĂ€rwerk. WĂ€hrend er das sagte, lĂ€chelte er, weil er irgendwie wusste, dass Martin das zuvor selbst ĂŒber ihn gedacht hatte. Ja, Karlo wusste es, er wusste, was zu tun war, dachte Martin. Aber warum tat er es dann nicht? Warum schmiss er sich nicht leidenschaftlich in seine eigene Lebenszeit und vergeudete so viel davon? WĂ€hrend Martin dies ĂŒberlegte, ging Karlo in den Flur, wo er sich seine Lederjacke anzog, und in seine Schuhe stieg. Er war gut gekleidet, konnte ja auch gut sprechen, mit einem Wissen, dass er flĂŒchtig hier und da aufgegriffen hatte, ohne ĂŒber es nachzudenken, wie Martin ĂŒber all die Jahre das Denken gelernt hatte.

Als hĂ€tte Karlo dies berechnet, klingelte es an der TĂŒr. Er sah Martin mit einem Blick an, der ihm bedeutete, er könne gern mitkommen, wenn er wolle, ansonsten könne er hier in der Wohnung auch so lange warten, bis er wiederkomme oder irgendwann gehen. Martin merkte, dass er diesen flĂŒchtigen Blick deuten konnte, und ihm wurde schwindelig. Zuletzt hörte er wie die HaustĂŒr ins Schloss fiel.

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DocSchneider
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