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Leselupe.de > Kurzgeschichten
In den Sternen
Eingestellt am 11. 06. 2016 11:49


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Magnus Gosdek
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: May 2016

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In den Sternen

Fast jeden Abend sah er hinauf zu den Sternen. Wenn er von der Arbeit nach Hause kam, nahm er sich kaum Zeit zum Essen. Meist besorgte er sich wĂ€hrend der Fahrt etwas auf der Hand. Das musste genĂŒgen. Seine Frau hatte es sich abgewöhnt, etwas fĂŒr ihn zu kochen. Es lohnte sich einfach nicht. Sie hatte es sich auch abgewöhnt, ihm Vorhaltungen zu machen. Auch das lohnte sich nicht. Er hörte nicht hin.
„Ich verstehe nicht, was du willst. Ich treibe mich nicht herum, ich schmeiß das Geld nicht zum Fenster hinaus. Uns geht es doch gut“, sagte er.
Nun, immerhin hatte die Frau Ruhe. Kam er nach Hause dauerte es kaum eine halbe Stunde und er stieg die enge Treppe hinauf in das kleine Dachgeschosszimmer. Dort hatte er sich am Fenster ein Teleskop aufgebaut und blickte in den Nachthimmel. WĂ€hrend er Sternenbilder beobachtete, sah seine Frau Fernsehen.
Ironischerweise hatte er keine Ahnung von Astronomie. Sie interessierte ihn auch nicht. Nie wÀre er auf den Gedanken gekommen, sich das notwendige Wissen anzueignen. Die Namen von einigen Sternenkonstellationen kannte er nur aus Horoskopen und Alpha Centauri war ihm einzig ein Begriff, weil er es irgendwann einmal zufÀllig gelesen hatte.
Er beobachtete die Sterne, weil sie so weit weg waren und leuchteten. Dann bekam er Fernweh. Er konnte das GefĂŒhl nicht nĂ€her beschreiben. Die Millionen blinkender Punkte am Firmament trösteten ihn, doch wusste er nicht, weshalb. Aber er mochte sie nicht missen.
Das Teleskop war ein Weihnachtsgeschenk seiner Frau gewesen. Vor ein paar Monaten glaubte sie, es sei eine wunderbare Idee.
„Damit kannst du bis in die Tiefen des Alls sehen“, hatte sie ihm erklĂ€rt. Am ersten Weihnachtstag baute er das Teleskop im dem Zimmer auf und als die Feiertage vorĂŒber waren, sah er sich zum ersten Mal den Himmel an.
Manchmal saß er bis die halbe Nacht davor. Dann war seine Frau schon lĂ€ngst ins Bett gegangen und schlief. Sie trĂ€umte nicht mehr. Das hatte sie aufgegeben, aber er wusste nichts davon. Überhaupt wusste er nicht viel von ihr. Ebenso wenig wie von den Sternen, die er beobachtete.
Die Frau hatte sich ĂŒberlegt, auch ein Hobby zuzulegen und ging nun zweimal in der Woche ins Fitnessstudio. Ihn störte es nicht weiter.
„Ich esse dann etwas auf der Heimfahrt“, sagte er ihr.
„Das solltest du“, sagte sie.
Nach dem Training ging sie manchmal mit den anderen aus dem Studio noch etwas trinken und dann kam sie spĂ€ter nach Hause. Sie waren eine gemischte Gruppe und die Frau fand Spaß daran, sich wieder mit Menschen zu treffen. Sie fand auch Spaß daran, wieder beachtet zu werden und dann kam sie noch spĂ€ter nach Hause. Aber nicht so spĂ€t, dass ihr Mann schon schlief. Er saß immer noch oben im Zimmer und sah hinauf ins dunkle Firmament.
„Wenn man sich vorstellt, dass es da oben Leben geben könnte
“, sagte er. Den Satz vervollstĂ€ndigte er nicht. Die meisten SĂ€tze ließ er offen und die Frau hatte es sich angewöhnt, sie in ihrem Kopf selber zu beenden.
„Ich weiß nur, dass es hier unten Leben gibt“, sagte sie trotzdem.
„NatĂŒrlich“, sagte der Mann. „Aber es ist doch ein verlockender Gedanke, oder wie..."
„Wozu?“ fragte sie.
Darauf wusste der Mann keine Antwort. Über das Wozu hatte er sich bislang nie Gedanken gemacht. Er spĂŒrte nicht das Verlangen, zu den Sternen zu reisen. Er hatte nur Fernweh. Das war alles.
In der ersten Zeit hatte die Frau sich zu ihm ins Dachgeschosszimmer gesetzt und auch durch das Teleskop gesehen.
„Wie wunderbar“, sagte sie.
„Ja“, sagte ihr Mann. Doch mehr sprach er nicht und der Frau wurde es schnell langweilig. Sie bemerkte, dass es fĂŒr ihn keinen Unterschied machte, ob sie dabei war oder nicht. So ließ sie es sein und er fragte nicht, ob sie ihm wieder einmal Gesellschaft leisten wollte.
Als der Herbst kam, war der Himmel öfter bewölkt und es wurde schwerer, die Sterne zu erkennen. Den Mann hielt es nicht davon ab, weiterhin vor dem Teleskop zu sitzen. Doch gewöhnte er es sich an, Musik dabei anzustellen.
Er liebte Chopin. Nun klangen die KlavierstĂŒcke aus dem Dachgeschoss herunter ins Wohnzimmer, dass die Frau den Fernseher lauter stellen musste. FrĂŒher mochte auch sie Chopin, doch nun machte er sie depressiv. Besonders, wenn es regnete. Sie ging nun öfter ins Fitnessstudio. Jeder hatte nun einmal seine Leidenschaft.
„Was bringt es dir, wenn du da oben hinauf starrst?“ fragte die Frau ihren Mann. Doch er zuckte nur mit den Schultern.
Wie sollte er ihr auch Fernweh erklÀren? Er wollte doch nicht weg. Es ging ihnen wunderbar, sie hatten ihre Ruhe. WÀhrend er trÀumte, ging sie ins Fitnessstudio. Alles war gut.
Im November begann es zu schneien. Die Autobahn kroch unter eine dicke Schneedecke. Der Verkehr staute sich kilometerweit und so kam der Mann erst spĂ€t nach Hause. Dieses Mal hatte er sich unterwegs nichts zu essen besorgen können. Doch seine Frau hatte gewohnheitsmĂ€ĂŸig auch nicht gekocht.
Sie saß auf dem Sofa und die Reisetasche stand neben ihr auf dem Boden. Die Frau sah aus dem Fenster hinaus in die Finsternis der Straße, als ihr Mann eintrat.
Er zog seine Jacke aus und hÀngte sie wie jeden Abend an die Garderobe.
„Das gibt heute eine furchtbar schlechte Sicht“, sagte er.
Die Frau antwortete nicht darauf. Sie wandte ihm ihren Kopf zu.
„Ich verlasse dich“, sagte sie.
Der Mann starrte sie an und sie stand auf.
„Ich habe nur noch auf dich gewartet“, redete sie weiter. „Es hat keinen Sinn mehr.“
„Warum?“ fragte der Mann, wĂ€hrend die Frau ihren Mantel ĂŒberwarf und nach der Reisetasche griff.
Die Frau ging an ihm vorbei zur TĂŒr. Dort blieb sie stehen und wandte sich zu ihm um.
„Das steht in den Sternen“, sagte sie.
Dann öffnete sie die TĂŒr und verließ die Wohnung.

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mĂŒder Dichter
Hobbydichter
Registriert: May 2016

Werke: 5
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Hauptkonflikt

Hallo Magnus Gosdek,

Der erste Satz deines Werkes fand ich sehr schön und hat mich neugierig auf mehr gemacht. Finde es aber schade, dass du im zweiten Satz dann sofort den Alltagstrott umschreibst. Vielleicht hÀttest du das etwas spÀter bringen können. Du kommst ja in deiner Geschichte noch zwei-, dreimal auf dieses Thema zu sprechen.

Auch das Verhalten seiner Frau passt fĂŒr mich noch nicht so zusammen. Zuerst schenkt sie das Teleskop, dann gewöhnt sie sich daran, dass er nicht mehr isst. Sie ist froh ĂŒber ihre Ruhe und geniesst es endlich ins Fitness und in Bars gehen zu können. Dann ist sie total frustriert und verlĂ€sst ihn. Und das ganze spielt sich in ein paar Monaten ab.

Das klingt fĂŒr mich eher nach einer Entfremdung in einer Beziehung die sich ĂŒber Jahre hinwegzieht mit diversen Konflikten. Dein Hauptkonflikt (zumindest aufgrund der HĂ€ufigkeit der ErwĂ€hnung) scheint vorallem das Essen zu sein. Vielleicht gĂ€be es da besseren Konfliktstoff den du in deine Geschichte einbauen könntest.

WĂŒnsche dir weiterhin viel Erfolg und Freude beim Schreiben.

Gruss
ein mĂŒder Dichter

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Blumenberg
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2016

Werke: 24
Kommentare: 290
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Hallo Magnus Gosdeck,

MĂ€nner und ihre Hobbys, thematisch schon fast ein Klassiker.
Ich habe nach dem Lesen der Geschichte Ă€hnliche Kritikpunkte wie mein Vorleser. Die Zuspitzung des Konfliktes tritt recht plötzlich ein, du schilderst aber eher den langfristigen Prozess des einander fremd werdens. Die BegrĂŒndung mit dem Fernweh scheint mir an sich plausibel, allerdings kommt mir die völlige UnfĂ€higkeit deines Protagonisten mit seiner Frau ĂŒber dieses Thema zu sprechen nicht wirklich begrĂŒndet und nachvollziehbar vor. Das wĂ€re beispielsweise ein Konfliktfeld, bei dem es sich gelohnt hĂ€tte es statt des Essens auszuarbeiten.

Eine Anmerkung habe ich noch. Du schreibst:

quote:
„Ich weiß nur, dass es hier unten Leben gibt“, sagte sie trotzdem.

hier erschließt sich mir das trotzdem nicht so wirklich, du schilderst im Vorsatz ihre FĂ€higkeit die SĂ€tze ihres Mannes zu beenden, daher passt das nicht so recht. Ich hĂ€tte an dieser Stelle trotzig geschrieben, da sie durch ihre Erwiederung in Opposition zu ihrem Mann tritt.

Was mir allerdings gefÀllt ist dein angenehmer Sprachstil, den man wirklich gerne liest.

Beste GrĂŒĂŸe

Blumenberg

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Ofterdingen
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2009

Werke: 24
Kommentare: 382
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Hallo Magnus Gosdek,

Schließe mich im Wesentlichen meinen Vorrednern (bzw. -schreibern) an. Zum Teil jedenfalls, denn ich finde deinen Text in Teilen wirklich hĂŒbsch. Nur das Ende mit der Frau, die weggeht, ist allzu vorhersehbar und damit eher langweilig. Da könntest/solltest du dir etwas Besseres einfallen lassen, meinst du nicht?
__________________
Man soll keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schließlich groß genug. J. P. Sartre

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Magnus Gosdek
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: May 2016

Werke: 5
Kommentare: 5
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Vielen Dank fĂŒr Eure Kommentare. Es ist immer gut, Eure Meinungen zu bekommen. Ich lasse es mir durch den Kopf gehen und sehe mal, ob ich die Geschichte umarbeite. Lieben Gruß
Magnus

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