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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
In der Bibliothek
Eingestellt am 18. 02. 2007 19:29


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Astrid
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Registriert: Jun 2003

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In der Bibliothek
„Wenn dich das nĂ€chste Mal ein Mann anguckt, schaust du nicht weg“ riet mir Karin.
Ich hatte ihr von einem Nachmittag in der Bibliothek erzĂ€hlt. Zwei, dreimal in der Woche war ich dort zu finden. Es gab neuerdings ein Lese-CafĂ© und der Kaffee war ganz gut und dann saß ich dort, blĂ€tterte in Zeitschriften, denen man ĂŒber ihre Titel „Kein Ausleihexemplar“ aufgedruckt hatte. Manchmal schnappte ich mir eine der Neuerscheinungen und las, wartete auf den Moment, in dem es mich packen wĂŒrde oder eben nicht.
Oft schrieb ich. Eines Tages hatte ich das fĂŒr mich entdeckt; weil die Stille in der Wohnung zu laut geworden war, zog es mich zu den Menschen und zu den BĂŒchern und ich legte mein Schreibzeug neben den Pappbecher sĂŒĂŸen Kaffees.
Es begann stets auf die gleiche Weise. WĂ€hrend ich las, schlichen sich die ersten Worte in meinen Kopf, schlĂŒpften aus den Seiten, wo sie zwischen den Zeilen auf mich gewartet hatten. Dann hob ich noch einmal den Becher an die Lippen, verbrannte mich, achtete nicht mehr darauf, stellte ihn irgendwo ab und nahm den Stift.

In diesen besagten frĂŒhen Nachmittagsstunden klappte das nicht. Aus der Stille geflĂŒchtet, empfand ich es hier nun als zu laut. LĂ€rmende Kinder und die Frauen hinter dem Tresen unterhielten sich ununterbrochen, wahrscheinlich hatten sie Langeweile, denn die Kindergruppe wurde auf der oberen Etage betreut und die EingangstĂŒr zur Bibliothek stand die meiste Zeit still, der Schwung an Lesern wĂŒrde spĂ€ter erst kommen. Nur solche verlorenen Seelen wie ich und ein paar zeitungslesende MĂ€nner waren da.
„Im Baumarkt kann man MĂ€nner kennen lernen“ hatte mir eine andere Freundin erzĂ€hlt. Aber was sollte ich in einem Baumarkt?
Ich war ja schließlich auch nicht hier, um Anschluss zu finden.

In einer Zeitschrift hatte ich letztens was ĂŒbers Schreiben gefunden, ĂŒber Tagebuchnotizen, aus denen auch Geschichten entstehen können, und was man tun konnte, wenn es gerade nicht so klappte mit eben diesem, dem Schreiben. Sie hatten dort einen Tagebuchschreiber interviewt, der sah ganz nett aus auf dem Foto.
Ich habe mir die Anschrift der Redaktion notiert.

Obwohl ich den Beitrag bereits kannte, las ich ihn noch mal, wartete auf ein mögliches Angestecktwerden. Vergeblich.

Die gelangweilten Frauen hinter dem Tresen hatten per Automatik sĂ€mtliche Fenster neben dem Lese-CafĂ© angeklappt, einzeln ließen sie sich wohl nicht öffnen. Auf jeden Fall begann ich zu frieren und von draußen drang BaumlĂ€rm herein.
Ich schrieb schwerwiegende SĂ€tze in mein Tagebuch, in welches ich mir angewöhnt hatte, auch Beobachtungen und Ideen zu notieren: „15.2.2007. Bin wieder in der Biblio, doch irgendwie stört mich heute alles, zu laut, zu kalt und am Nebentisch sitzt ein Mann und schaut rĂŒber zu mir. Ist das nicht krank? Ich kam hierher, weil ich aus der hĂ€uslichen Einsamkeit flĂŒchten wollte und bin dabei schon wieder auf der Flucht. Der Kaffee ist heute auch nicht gut. Ich haue wieder ab.“

Obwohl der vom Nebentisch eigentlich ganz nett aussah.
„Aus dir soll einer schlau werden“ hatte Karin nur gesagt.

Zwei Tage spĂ€ter aber sollte alles ganz anders werden. Ein Samstag, ich betrat bereits am Vormittag den weitrĂ€umigen BĂŒchersaal und spĂŒrte, wie mich ein GefĂŒhl von Angekommensein empfing. Ich grĂŒĂŸte, klemmte mir zwei Neuerscheinungen unter den Arm, nahm meinen Platz ein, diesmal nicht an dem Tisch mit nur zwei StĂŒhlen daran, sondern an dem großen runden.
Ein Autor hatte ĂŒber seine Erlebnisse bei Lesereisen Tagebuch gefĂŒhrt und daraus nun ein Buch gemacht. Ganz schön clever. Vielleicht sollte ich mal eines schreiben ĂŒber Geschichten in der Bibliothek


So las ich und schrieb ein bisschen, schaute und lÀchelte den vorbeilaufenden Lesern zu, eigenartigerweise waren es wirklich nur mÀnnliche.

Ihn sah ihn mehrmals. Er lief an meinem Tisch vorbei, sah herĂŒber, blieb vor einem Zeitschriftenregal stehen, blĂ€tterte, ging weiter, kam wieder ein paar Schritte zurĂŒck in meine Richtung, schaute mich an. Ich konnte seinen Blick nicht deuten, war er interessiert oder, ich sah an mir herunter, ob ich irgendetwas an mir hatte, aber es war alles wie immer.
Er sah gut aus, war groß, doch immer, wenn ich mich entschlossen hatte, ihn anzulĂ€cheln, sah er gerade wieder weg.
War es ein Spiel? Ein Spiel, welches ich verlernt hatte, zu spielen?

Ich hatte keine Lust mehr, stopfte mein Schreibzeug in den Rucksack, erhob mich, um meinen Mantel anzuziehen, als er lÀchelnd auf mich zutrat.
In Gedanken hörte ich mich schon die Freundin belehren, dass man nicht unbedingt in den Baumarkt mĂŒsse –
da sprach er mich an.

„Das ist aber schön“ sagte er.
Ich erwiderte sein LĂ€cheln. Kannte ich ihn oder verwechselte er mich mit jemandem?

„Dann kann ich ja wieder auf meinen Stammplatz.“

Meine Mundwinkel versuchten, das LĂ€cheln festzuhalten.
An diesem Tisch standen mindestens acht StĂŒhle!
Hastig nahm ich den Mantel, drĂŒckte ihn gegen meine Brust, als hĂ€tte ich das BedĂŒrfnis, mich vor irgendetwas schĂŒtzen, dann nuschelte ich „viel Spaß noch“ und verließ schuldbewusst die Bibliothek.

Am Abend schickte ich eine Mail an die Zeitschrift, mit ein paar Zeilen an den Tagebuchschreiber. Vielleicht wĂŒrde er ja antworten.

__________________
Astrid

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