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Leselupe.de > Kurzgeschichten
In der Fremde
Eingestellt am 26. 12. 2014 12:14


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MIO
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Registriert: Feb 2014

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Reinhold Messner stand am geöffneten Fenster und sah hinunter auf die leere Straße.
Vorbei … Wenn es doch schon vorbei wäre …
Erst kürzlich hatte er in einer Zeitschrift gelesen, dass es beim Sprung aus großer Höhe selten der Aufprall ist, der einen tötete. Es passierte oft, dass das Herz schon vorher stehen blieb. Er hatte sich das Foto unter dem Text lange angeschaut. Es zeigte eine Frau, die gerade in den Tod gesprungen war. Sie lag in einer riesigen Blutlache. Die Arme waren ausgestreckt, als ob sie den Zementboden umarmen wollten und die Beine seltsam verrenkt.
Reinhold Messner zögerte und schaute sich in der tristen Stube um. Alles schwieg einsam vor sich hin. Das kleine Weihnachtsbäumchen hatte es nicht geschafft ihn aufzuheitern. Darunter lag ein Päckchen von seiner einzigen Tochter Anne. Er hat es nicht geöffnet. Im letzten Jahr haben sie ihn an den Feiertagen besucht. Vor einem halben Jahr ist Anne mit ihrer Familie nach Australien ausgewandert. Er stieg auf das Fensterbrett. Nein, er hatte so ganz und gar nichts gemeinsam mit seinem Namensvetter. Nie hatte er einen Berg bestiegen, geschweige denn vierzehn Achttausender. Seine Finger klammerten sich verzweifelt am Fensterrahmen fest. Zögernd schob er die Füße ein paar Millimeter nach vorn. Er schloss die Augen und Schweiß perlte auf seiner Stirn.
Er sah nach oben zu den Sternen, die am klaren Nachthimmel strahlten. Ein Stern ist Oma Gerda. Das hatte er seinen Enkeln Oskar und Emma erzählt, um sie zu trösten. Sie hatten ihn mit leuchtenden Augen angesehen. Sie konnten noch staunen, über ein Leben, das zu einem Stern wurde, über Raupen, die sich in Schmetterlinge verwandelten und über seine Kunststücke. Er konnte mit fünf Bällen jonglieren und Geldstücke aus den Ohren der Kinder zaubern.
War das seine Klingel? Wer läutete denn noch um die Zeit an seiner Tür?
Reinhold Messner stieg auf den Stuhl und vom Stuhl auf den Boden. Er ging zur Tür und schaute durch den Spion. Da stand ein etwa zehnjähriger Junge mit verweinten Augen. Reinhold öffnete und der Junge fragte in gebrochenem Deutsch.
„Würden Sie mir einen Stein abkaufen?“
„Einen Stein?“
„Ja, soll ich Ihnen meine Steine mal zeigen?“
„Na, komm mal rein Kleiner. Wie heißt du denn?“
„Zahyd“, antwortet der Junge während er die Wohnung betrat.
Dann holte er aus seiner Jackentasche drei Steine und legte sie auf den Tisch. Es waren dunkelgraue, glatte, runde Steine, bemalt mit verschiedenen Weihnachtsmotiven.
„Was soll denn ein Stein kosten?“
„Einen Euro.“
„Dann nehme ich den mit dem Engel“, sagte Reinhold und gab dem Kind zwei Fünfzigcentstücke.
„Wo kommst du denn her Zahyd?“
„Wir wohnen drüben in den Kasernen. Meine Mama, mein Papa, meine drei Schwestern und ich,“ erzählte er. „Wir sind vor vier Jahren aus Syrien hierher gekommen.“
„Hast du schon ein Weihnachtsgeschenk bekommen?“
„Nein, wir feiern kein Weihnachten. Haben Sie ein Geschenk bekommen?“
„Ja, ein Päckchen. Es liegt da unterm Weihnachtsbaum.“
„Sie haben es ja noch gar nicht aufgemacht?“
Reinhold Messner holt das Päckchen und eine Schere. Dann schauten beide gespannt in den Karton.
Kekse, eine neue Pfeife und ein kleines Fotoalbum mit Bildern von Emma und Oskar.
„Möchtest du einen Kakao, Zahyd ?“ fragt der alte Mann.
Zahyd nickte und dann tranken beide Kakao, schauten Fotos an und aßen die Kekse von Anne.
„Ich muss los“, Zahyd sprang auf. „Meine Mama wird warten.“
„Es hat mich gefreut. Komm mal wieder vorbei, Zahyd. Wofür brauchst du eigentlich das Geld?“
„Für meinen Papa. Ich möchte ihm gern eine Reise schenken. Dahin wo es warm ist.
Er sagt immer, es ist ihm zu kalt in Deutschland, nicht nur im Winter.“
Reinhold Messner schloss die Tür hinter dem Jungen und ging zurück ins Wohnzimmer.
Er nahm den Stein in die Hand und ihm war, als wäre gerade ein Engel bei ihm gewesen.











Version vom 26. 12. 2014 12:14

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Ilona B
Autorenanwärter
Registriert: May 2014

Werke: 7
Kommentare: 121
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Hallo Mio,
mir hat Deine Geschichte ganz gut gefallen.
Für meinen Geschmack wäre es stimmiger gewesen, der Protagonist hätte nur über den Selbstmord nachgedacht und nicht wirklich Anstalten gemacht sich umzubringen.
Den letzten Satz finde ich auch etwas zu kitschig.
Es hätte gereicht: Er nahm den Stein in die Hand und lächelte.
Ein kleines er zu viel.

quote:
Zögernd schob er die Füße er ein paar Millimeter nach vorn.

__________________
Herzliche Grüsse Ilona

Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.(Mahatma Gandhi)

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Circulo
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2014

Werke: 18
Kommentare: 76
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Liebes MIO,

Ich lese aus Deiner Geschichte eine Parabel heraus. Die Langeweile des europäischen Bergsteigers und Hochhausbewohners, Reinhold Messner, findet in Illustrierten Angebote zum eigenen Selbstmord durch den kümmerlichen Fall unter der Potenz des Sternenhimmels. Ich habe in einer Zeitschrift noch kein Bild von derart Aufgestoßenen gesehen, aber es hat in Deiner Geschichte als Metapher seinen Platz. Im Hintergrund die Reste eines tradierten Festes, dem das Leben fehlt, vor sich im Blick aus dem Fenster leere Straßen und ferne Sterne. Vor dem Sprung noch die Erinnerung an die eigenen Enkelkinder und deren noch phantasievolle Entdeckung der Welt.
Diese Erinnerung verschafft in der Logik Deines Textes den Besuch des Syrischen Jungen. In der Öffnung der Tür, die ins Draußen der eigenen vier Wände führt, liegt die Möglichkeit verborgen, die eingespielte, tödliche Langeweile zwischen Straßen und Sternen in eine Begegnung zu übersetzen. Die Öffnung für das Fremde, welches ferner ist als der Zeitungsbericht, aber näher als die räumliche Distanz, erzeugt eine Erhellung des betrübten Bewusstseins.

Du gehst nicht auf Besonderheiten der Charaktere und ihrer Geschichte ein, was in der Form dieser Parabel meiner Meinung nach in Ordnung ist.
Ich denke nicht, dass Finger sich klammern können, sondern der Mensch klammert sich mittels seinen Fingern, oder seiner Hand.
Die verweinten Augen des Jungen müssen nicht unbedingt sein. Es sei denn, Du verwendest noch eine Ausführung auf den konkreten Anlass seines Zustandes. Er wird ja nicht seit vier Jahren hindurch weinen.

Zum Ende: Meiner Meinung nach erschließt Deine Geschichte durch die "Heimsuchung" eine Belebung Messners. Ich finde den Engel nicht kitschig. Es bleibt fraglich, was Messner nun weiter tut. Wird aus dem Engel bloß Porzellan, der ihm dabei zusieht, wie er sich nächstes Jahr wieder auf die Fensterbank bemüht, oder kann ein Stein aus einer Begegnung ein Steigen Messners in Gang setzen, welches ihn dann bildlich doch in die Nähe seines Namensgeber verortet.

Viel Freude beim kommenden Schreiben!

Circulo

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