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Leselupe.de > Kurzgeschichten
In der Gemäldegalerie
Eingestellt am 12. 04. 2017 11:47


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Bunsy
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2015

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Als er damals den Flyer in die Hand gedrückt bekommen hat, hätte er nie gedacht, dass ihn diese Gemälde so fesseln würden. Sowieso. Gemälde. Malerei hatte ihn noch nie interessiert. Wie denn auch? Er kommt aus armen Verhältnissen. Weder seine Mutter noch sein Vater wären auf die Idee gekommen, eine Gemäldegalerie zu besuchen. Und auch er hätte es sich bis zu diesem einen Tage im Februar, was nun gut zwei Monate her ist, nicht denken lassen. Dass gerade er eine Befriedigung darin empfindet sich in Kunst zu flüchten.
»Ich verstehe dich nicht! Warum willst du denn nicht mit mir gemeinsam was unternehmen, du liebst mich doch! Sagst du zumindest! Wenn das denn so ist, dann möchte man doch seine Zeit mit der Person teilen, die man liebt, oder nicht? Antworte gefälligst!" Danach ist sie laut geworden:
»Verdammt, was stimmt nicht mit dir? Ich liege hier auf Knien und flehe dich an mit mir zu reden, aber das Einzige, was du machst, ist mir die kalte Schulter zeigen. So warst du doch sonst nicht. Was ist passiert?«
Keine Antwort brachte er über die Lippen. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Bevor er sie aber einfach so in der Haustür stehen ließ sagte er: »Es tut mir leid, aber heute brauche ich einfach mal Zeit für mich!«
Sie versteht das schon. Sie ist einsichtig, weiß um seine Eigenarten und lässt ihn ziehen. Wieder einmal denkt sie, er setze sich in den nächsten Bus, fährt zu seinen Kumpels, trinkt ein zwei Bier und legt sich irgendwann nachts wieder zu ihr. Aber das ist es nicht, was er tut, schon seit einer ganzen Weile nicht mehr, denn sein Weg führt ihn direkt in die städtische Gemäldegalerie. Vorbei am Pförtner, dem er seinen Ausweis hinhält, nachdem dieser ihm die Tür aufhält. Und dann geht er rechts, direkt an der Rezeption vorbei zu den Aufzügen. Das ist der einfachste Weg und hier schließen sich die Türen langsam hinter ihm, er vergisst die Zeit und alles, was er hinter sich gelassen hat. Nur noch er und sein Körper. Er spürt die Bewegung des Aufzugs, das Bremsen, die Bewegungslosigkeit, das Knacken der Metallzüge, an denen der metallene Kasten hängt. Dann schwingen die Türen leise zur Seite. Er vernimmt die Stimmen einiger Leute, die im zweiten Raum rechts vor dem Rembrandt stehen. Es sind zwei oder drei Leute. Junge Leute. Sie lachen. Das automatische Klicken der Tasten verrät ihm, dass der Wärter auf seinem Stuhl sitzt und eine SMS schreibt, gleich links neben dem Aufzug.
»Hallo!«
»Hallo!«
Ungewöhnlich viel Aufsehen erregt diese Ausstellung. Viele Leute kommen von den verschiedensten Orten hier her, um sich die Werke anzusehen. Er hat schon viel gehört davon. Gleich hier im ersten Saal gibt es ein Gemälde aus Öl, drei mal drei Meter, so sagt der Audioguide. Es zeigt ein Mädchen auf den Trümmern eines Hauses oder den Trümmern einer Stadt. Es hält ihre Puppe in der Hand, oder einen Teddy, er ist sich nicht mehr sicher. Sie hat Tränen in den Augen und schaut in Richtung des Betrachters. Hinter ihr stehen mehrere Reporter und Kameraleute, die sie filmen. Keiner hilft ihr. Nicht sie ist wichtig, sondern ihr Schicksal. Das lässt sich verkaufen. Das bringt Geld.
Auch die anderen Werke des Künstlers sind faszinierend. Er kennt sie alle. Aber dieses eine, hier im ersten Saal, ist doch das Werk, welches am meisten Emotionen hervorruft. Egal wer den Raum betritt, ob alt, ob jung, Frau oder Mann, ja sogar die Dummen verstehen es. Es ist so plakativ, dass es sogar die Dummen verstehen. Und er sitzt einfach nur auf der Bank, die ungefähr drei Meter von der Wand entfernt steht und nimmt all die Emotionen auf. Er schließt die Augen, nicht dass das von Bedeutung wäre, aber er hat das Gefühl, dass die Leute sich so mehr öffnen, sich unbeobachtet fühlen. Jede Regung kann er in dieser Atmosphäre spüren. Sei es auch nur das Zucken einer Schulter, ein tiefes Ausatmen, all das kann er hier fühlen. Das ist es, was er braucht, ein Gefühl, tiefe Emotion. Das spürt er nicht mehr, wenn er zu Hause ist. Nein. Er spürt es hier. Zu Hause hat er dieses Gefühl nicht mehr. Deshalb flüchtet er. Er will es hinter sich lassen, ist hier auf er Suche nach Gefühlen, die dort nicht sind. So sehr er sie sich auch wünscht.
»Hey!«
»Hallo«
»Was machen Sie hier?«
»Wie meinst du das?«, fragt er.
»Naja, so wie ich es sage!«, bekommt er, halb lachend, als Antwort. Auch in ein paar Metern Entfernung hört er zwei Leute lachen. Es ist kein richtiges Lachen. Ein Grunzen. Ein nasales Grunzen.
»Ich schaue mir die Bilder an, was sonst?«
»Naja, das wage ich zu bezweifeln«, wieder lachte der junge Mann und auch seine Begleitung konnte ein Kichern nicht unterdrücken.
Sowas ist ihm noch nie passiert. Noch nie wurde er angesprochen. Sonst haben ihn immer alle in Ruhe gelassen. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in einer Galerie, dass man jedem anderen seinen Platz lässt. Jeder darf so lange ruhig vor einem Bild stehen und es betrachten wie er mag, niemand käme auf die Idee, ihn dabei zu stören. Weder wurde er dabei je gestört, noch hat er jemanden angesprochen. Was fällt diesem Typen also ein?
»Was fällt dir eigentlich ein?« fragte er ihn. Seine Stimme hört sich jung an, deshalb schätzt er ihn auf ein Alter, in dem er ihn mit »Du« ansprechen kann.
»Ist ja gut, ich frage ja nur, seltsam ist es schon oder?«
Der Junge steht auf.
»Kommt!«, sagt er zu seinen Begleitern und sie entfernen sich in Richtung Saal zwei.
Eine Zeit lang versucht er, sich wieder zu finden. Wieder in seine Balance zu finden, aber es gelingt ihm einfach nicht. Er beginnt sich selber zu fragen, was er hier eigentlich zu suchen hat. Was ist es, was ihn immer wieder hier her treibt? Ist es wirklich die Kunst? Oder ist es der Ausweg, den er sucht? Eine Art Eskapismus? Warum stellt er sich nicht der Situation? Letztendlich muss er sich nur überwinden, den ersten Schritt zu tun. Er muss sich wagen, es auszusprechen. Nicht mehr flüchten. Wovor. das kann er allerdings selber nicht sagen. Warum sollte er sich noch weiter damit quälen? Er kann sich doch selbst befreien.
So sitzt er auf der Bank vor dem großen Gemälde mit dem weinenden Mädchen und die Leute um ihn herum reden über ihre Emotionen und flüstern sich Dinge zu, die sie empfinden, wenn sie das Mädchen sehen. »Wie schlimm! Aber genauso ist es ja, so ist es. Diese scheiß Medien und die Reporter. Sensationsgeil! Sensationsgeil!«
Er aber sitzt versunken in sich selbst vor dem Gemälde. Seine Augen sind offen, wie sonst nie. Das Geflüster nimmt er gar nicht mehr richtig wahr. Ist es eine Frauenstimme oder doch die eines Mannes? Schreibt der Wärter immer noch seine SMS? Oder klickt dort die Elektronik des Aufzuges?
Wo ist er hier? Was macht er hier?
Sollte er nicht zu Hause sein?
Jetzt fallen ihm auch wieder ihre Worte ein.
Hat er ihr überhaupt geantwortet? Was wollte sie wissen?
Ob er sie liebt? Warum er alleine sein will?
Wie kommt sie darauf?
Doch jetzt fragt er sich es auch, was treibt ihn hier in die Galerie? Ist es die Kunst? Sind es die Bilder? Die Menschen?
Nein.
Es ist die Einsamkeit.
Es ist der Moment am Tag, an dem er vollkommen für sich ist. Es ist der Moment am Tag, an dem er sich kann inspirieren lassen von anderen Emotionen. Er kann sich hinreißen lassen von Ideen, kann sich gehen lassen. Muss sich nicht rechtfertigen. Kann er selbst sein.
Das ist es! Warum sich nicht eingestehen was es ist? Genau das ist es!
Entschlossen nimmt er seinen Blindenstock, den er an die Bank gelehnt hatte und tastet sich langsam Richtung Aufzug.

__________________
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Vagant
???
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Hallo Bunsy.

Im Grunde muss man deine Geschichte zweimal lesen.
Beim ersten Lesen bin ich an vielen Stellen hängen geblieben, habe mir gesagt: ach nee, das kann er doch nicht so machen, und nach dem Wissen um das Ende – welches ich nun aber hier nicht verraten werde – und einem nochmaligen Lesen, muss ich sagen: ja, das hat, so wie er's gemacht hat, ganz gut gemacht.
Aber da bleibt dann natürlich die Frage, ob man die eigentliche Prämisse denn überhaupt als eine Art Schlusspointe setzen sollte?
Meiner Meinung nach, sollte die Sache ja beim ersten Lesen schon rund sein. Ich bin mir da, ehrlich gesagt, nicht ganz sicher.

Hier einige Ideen und Einwände.

Als er damals den Flyer in die Hand gedrückt bekommen hat, hätte er nie gedacht, dass ihn diese Gemälde so fesseln würden. Sowieso. Gemälde. Malerei hatte ihn noch nie interessiert. Wie denn auch? Er kommt aus armen Verhältnissen. Weder seine Mutter noch sein Vater wären auf die Idee gekommen, eine Gemäldegalerie zu besuchen. Und auch er hätte es sich bis zu diesem einen Tage im Februar, was nun gut zwei Monate her ist,wäre entbehrlich nicht denken lassen. Dass gerade er eine Befriedigung darin empfindet sich in Kunst zu flüchten.
»Ich verstehe dich nicht! Warum willst du denn nicht mit mir gemeinsam was unternehmen, du liebst mich doch! Sagst du zumindest! Wenn das denn so ist, dann möchte man doch seine Zeit mit der Person teilen, die man liebt, oder nicht? Antworte gefälligst!" Danach ist sie laut geworden:
»Verdammt, was stimmt nicht mit dir? Ich liege hier auf Knien und flehe dich an mit mir zu reden, aber das Einzige, was du machst, ist mir die kalte Schulter zeigen. So warst du doch sonst nicht. Was ist passiert?«
Keine Antwort brachte er über die Lippen. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Bevor er sie aber einfach so in der Haustür stehen ließ sagte er: »Es tut mir leid, aber heute brauche ich einfach mal Zeit für mich!« Den Dialog finde ich teilweise zu pathetisch – ich liege hier auf Knien und so – dann hat er mir zu viel erzählenden Charakter, hier soll anhand des Dialogs das Verhältnis der beiden erklärt werden dadurch wirkt er auf mich künstlich und unnätürlich
Sie versteht das schon. Sie ist einsichtig, weiß um seine Eigenarten und lässt ihn ziehen. Wieder einmal denkt sie, er setze sich in den nächsten Bus, fährt zu seinen Kumpels, trinkt ein zwei Bier und legt sich irgendwann nachts wieder zu ihr. Aber das ist es nicht, was er tut, schon seit einer ganzen Weile nicht mehr, denn sein Weg führt ihn direkt in die städtische Gemäldegalerie. Vorbei am Pförtner, dem er seinen Ausweis hinhält, nachdem dieser ihm die Tür aufhält. Und das ist hier so eine Stelle. Da fragt man sich: Warum erzählt er das? Was ist da los? Erst mit dem Wissen um das Ende bekommen solche Szenen Sinn; und deshalb mein Einwand bezüglich dem Aufbau der Geschichte.

Ungewöhnlich viel Aufsehen erregt diese Ausstellung. Diesen Satz sollte man umstellen, aktiv schreiben! Die Ausstellung ist der Handlungsträger.

Viele Leute kommen von den verschiedensten Orten hier her, um sich die Werke anzusehen. Er hat schon viel gehört davon. Gleich hier im ersten Saal gibt es ein Gemälde aus Öl, drei mal drei Meter, so sagt der Audioguide. Es zeigt ein Mädchen auf den Trümmern eines Hauses oder den Trümmern einer Stadt. Es hält ihre Puppe in der Hand, oder einen Teddy, er ist sich nicht mehr sicher. Sie hat Tränen in den Augen und schaut in Richtung des Betrachters. Hinter ihr stehen mehrere Reporter und Kameraleute, die sie filmen.
So, dies ist auch so eine Stelle. Da fragt man sich beim ersten Lesen: Warum nennt er nicht Ross und Reiter. Namen des Malers, Stilrichtung, und vor allem: die Farben, den Duktus, den Glanz! Da gehört doch Fleisch an den Knochen, oder wenigstens Farbe auf die Leinwand, so, dass ich sie als Leser sehen kann, so, dass ich das Terpentin und das Leinöl riechen kann. Das will man doch so lesen. Ja, die Machart dieser Szene erschließt sich halt erst mit dem Wissen um das Ende. Also muss man hier auch wieder zweimal lesen.



Auch die anderen Werke des Künstlers sind faszinierend. Er kennt sie alle. Aber dieses eine, hier im ersten Saal, ist doch das Werk, welches am meisten Emotionen hervorruft. Egal wer den Raum betritt, ob alt, ob jung, Frau oder Mann, ja sogar die Dummen verstehen es. Es ist so plakativ, dass es sogar die Dummen verstehen. Und er sitzt einfach nur auf der Bank, die ungefähr drei Meter von der Wand entfernt steht und nimmt all die Emotionen auf.
Hier war ich dann fast schon draußen. EMOTIONEN??? Das ist doch kein Wort, das ist ja schon abstrakter als abstrakt, dieses Wort sagt weniger als nichts, dagegen ist das Wort GEFÜHLE ja noch fast etwas Dingliches. EMOTIONEN ist ungefähr so aussagekräftig wie TIERE oder HAUSRAT. Ab jetzt kommt ungefähr 5 mal das Wort EMOTIONEN, und ich würde da dringend dazu anraten, hier etwas anderes zu finden, bzw. die Emotionen zu benennen, um sie wenigesten ein bisschen konkreter zu machen.

Ich mache nun mal einen großen Sprung bis fast ans Ende.

Doch jetzt fragt er sich es auch, was treibt ihn hier in die Galerie? Ist es die Kunst? Sind es die Bilder? Die Menschen?
Nein. Hier kann man einfach mal die Erzählerstimme Erzählerstimme sein lassen und den Protagonisten direkt zu Wort, bzw. Gedanken kommen lassen: Was treibt mich hierher? , so in der Art. (nur 'ne Idee)

Und das Ende lassen wir hier mal weg. Sollen sich doch jeder selbst überraschen lassen.
Ich hab's ganz gern gelesen (zweimal).

Vagant.



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