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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
In der Mittagspause (überarbeitete Fassung)
Eingestellt am 14. 07. 2010 08:37


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flammarion
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In der Mittagspause

Zwei oder drei Jahre nach der Wende – also als alles wieder in geordneten Bahnen verlief – saßen wir im Pausenraum zusammen. Kollege Sch. zeigte ein dickes großes Album herum, wo sein Vater Fotos eingeklebt hatte, die er während des 2. Weltkrieges in Rumänien, Bulgarien und Ungarn geschossen hatte: „Kiekt ma, kiekt ma, so scheene Landschaften! Un allet sieht aus, als ob ja keen Kriech is!“
Nebenbei hielt er auch noch die Orden seines Vaters und auch die seines Großvaters hoch: „Heute kann man ja wieder zeijen, wat Famieljentraditzjon is. In meine Familje waan alle Soldat, aba ick nich. Nich for son blöden Schtaat wie die DDR!“
Nach einer peinlichen Pause ergriff Kollege F. das Wort: „Ich war auch Soldat, aber mein Sohn hat ganz normal den Wehrdienst verweigert“.
Kollegin M. meinte darauf: „Ick denke, det wa in die DDR ja nich mööchlich?“
„Doch“, entgegnete Kollege F., „das war möglich. Man musste dann eben Zivildienst machen. Natürlich kostete es einen langen Kampf, die Wehrdienstverweigerer wurden ganz schön in die Mangel genommen. Mein Sohn wurde mehrmals zum Gespräch gebeten, jedes Mal zu einem noch höheren Offizier. Wenn der Leutnant nichts ausrichten konnte, musste eben der Oberleutnant ran, nach ihm der Major und zu guter letzt der Oberst. Der wollte ganz diplomatisch an die Sache herangehen und bat meinen Sohn, sich vorzustellen, dass der Feind seine Familie bedroht, seine Frau und seine Kinder, seine Eltern und Geschwister. Mein Sohn antwortete, dass er gar nichts tun würde. Nach dem erstaunten Warum? ergänzte er: Wenn die Gefahr nur theoretisch besteht, sehe ich keinen Handlungsbedarf. Da schüttle ich nur den Kopf über die Übereifrigen, die auf solche plumpe Propaganda reinfallen.
Wenn aber der Feind in persona vor mir und meiner Familie steht, dann hebe ich die Hände hoch und freue mich, dass der Scheißkrieg endlich vorbei ist. Sollte der Feind dann mir oder meiner Familie etwas antun, dann hat er sich eines Verbrechens schuldig gemacht, meine Hände aber und mein Gewissen sind rein.
Darauf konnte der Oberst nichts mehr sagen und mein Sohn wurde Zivi“.
Kollegin M. wollte natürlich wissen, was für ein Zivildienst das wohl war: „Da kam er in n Altersheim und musste die Pisstöppe schwenken, wat?“
„Nee, er war Hausmeistergehilfe in einer Jugendherberge auf Usedom, und das auch noch während der Sommermonate!“
„Boah, da wär ick ooch Wehrdienstverweigerer geworden!“, krähte Kollege Sch.
Kollegin O. flüsterte in ihren eigenen Bart: „Dazu hätteste aber Zivilcourage haben müssen und dir nich uff dein Wochenendjrungschtück vonne Leiter plumpsen lassen. . .“
Das hatte Kollege Sch. kürzlich grinsend erzählt und auch, dass er sich dabei ein Bein und beide Arme gebrochen hatte, worauf die Sache mit der NVA für ihn gegessen war.
Die Pause war fast vorbei und wir wollten schon unser Geschirr wegräumen, da kamen drei Polizisten in den Raum: „Wer von Ihnen ist Herr F.?“
Wir sahen uns erstaunt an: Was soll der denn wohl ausgefressen haben? Der tut doch keiner Fliege was!
Natürlich meldete sich Kollege F. sofort und wurde abgeführt. Kollegin O. schüttelte sich: „Wie bei den Nazis . . .“
Wilde Gerüchte machten nun die Runde. Besonders schadenfroh gebärdete sich Kollege Sch.: „Wer weeß, wat der vielleicht zu Hause for Bomben baut!“
Dem fügte Kollegin O. hinzu: „Es heißt ja nicht umsonst – Die am lautesten schreien, spinnen oft schon leise Verrat!“
Am anderen Tag kam Kollege F. wie immer pünktlich zur Arbeit, ein wenig ernster als sonst. Alle wollten sofort wissen: „Wat wa denn? Wat wollten denn die von dir?“
Als alle um ihn versammelt waren, berichtete er, dass seine greise Mutter in ihrer Wohnung hingefallen war und sich den Oberschenkelhals gebrochen hatte. Die alte Dame hatte auf die Fragen des Arztes immer nur „Mein Sohn“ gestammelt. So bestand der Verdacht, dass er an dem Sturz nicht unbeteiligt war. Jedoch bei dem Verhör wurde schnell klar, dass er mit dem Sturz nicht in Verbindung gebracht werden konnte. Er hatte seiner Mutter wie jeden Tag das Essen gebracht und als sie den Teller zur Spüle brachte, trat sie fehl. Da war er bereits auf der Arbeit.
Dank der Fürsorge nicht nur des Krankenhauses, sondern auch des Sohnes und des Enkels, gab es in diesem Fall keine tote Oma. Sie lebte mit einer künstlichen Hüfte noch neunzehn Jahre.

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Old Icke

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