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In der anderen Welt
Eingestellt am 01. 03. 2008 18:27


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anbas
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In der anderen Welt

Was war geschehen? Pl├Âtzlich stand ich auf dem B├╝rgersteig einer belebten Stra├če, die mir v├Âllig unbekannt war. Eben noch hatte ich frierend an der Haltestelle gestanden und auf meinen Bus gewartet. Doch nun hatte sich die Welt um mich herum schlagartig ver├Ąndert.

Das Ganze war mir unheimlich. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Nur langsam traute ich mich, mir die Umgebung n├Ąher anzuschauen. Die Sonne schien. Es war warm. Autos rasten die Stra├če entlang und eine Stra├čenbahn schl├Ąngelte sich spielerisch zwischen den H├Ąuserzeilen hindurch. In einer Fu├čg├Ąngerzone dr├Ąngten sich Menschen um eine Vielzahl von Marktst├Ąnden. Das Leben um mich herum pulsierte. Jeder ging eifrig seinen Gesch├Ąften nach.

Ich kam mir vor wie ein fremder Beobachter, der sich mitten im Geschehen befindet und doch nicht dazu geh├Ârt. W├Ąhrend mein Blick nerv├Âs umhereilte, sp├╝rte ich, dass irgendetwas nicht so war, wie es sein sollte. Ich sah die Autos, die durch die Stra├čen jagten, ich sah die Stra├čenbahn, die gerade hinter einer Kurve verschwand, ich sah die Marktfrauen, die ihre Waren anpriesen, ich sah ...

Ich erstarrte vor Schreck. Genau, das war es. Schlagartig wurde mir bewusst, was hier nicht in Ordnung war und was mich so irritierte. Es war nicht das, was ich sah, sondern das, was ich h├Ârte, beziehungsweise nicht h├Ârte. Es war n├Ąmlich nichts zu h├Âren. Totenstill war es um mich herum! Weder die Autos, noch die Stra├čenbahn, noch die Marktfrauen waren zu h├Âren. Es war so, als liefe vor meinen Augen ein Film ohne Ton ab.

Nur m├╝hsam gelang es mir, mich zu beherrschen. Ich hielt einen Mann an, der mir entgegen kam. Obwohl es mir irgendwie l├Ącherlich erschien, fragte ich ihn, wo ich hier ├╝berhaupt w├Ąre und ob es tats├Ąchlich so still sei, wie es mir vork├Ąme. Als ich meine Frage stellte, stockte mir der Atem - keine einzige Silbe, kein Laut war zu h├Âren. Fassungslos versuchte ich es noch einmal. Nichts - es war so, als w├╝rde sich jeder Ton sofort aufl├Âsen und verschwinden, bevor er ├╝berhaupt meinen Mund verlassen hatte.

Der Mann sah mich verwundert an. Sofort h├Ątte ich vor Scham im Boden versinken k├Ânnen. "Nat├╝rlich", schoss es mir durch den Kopf, "ich w├╝rde wahrscheinlich auch seltsam gucken, wenn mich jemand mitten in der Stadt anhalten und dann vor meinen Augen lediglich den Mund auf und zu machen w├╝rde".

Aber hatte ich wirklich nichts gesagt? Noch einmal blickte ich in das Gesicht des Mannes und schrie entsetzt auf, wobei wieder kein Ton meines Schreies zu h├Âren war. Sein Gesicht - es war starr wie eine Maske. Dieses Gesicht konnte sich gar nicht wundern; es konnte sich auch nicht ├Ąrgern, freuen oder eine andere Gef├╝hlsregung zeigen. Wie versteinert stand ich da und starrte den Mann an. Sein nichtssagender Blick durchbohrte mich regelrecht. Dann drehte er sich um und ging mit einem leichten Kopfsch├╝tteln weiter.

Ich blieb fassungslos zur├╝ck. Nun erst bemerkte ich, dass alle Menschen um mich herum genau die gleichen ausdruckslosen Maskengesichter hatten. Es war gespenstisch. Panik breitete sich in mir aus. Diese Stille, diese Masken - immer verr├╝ckter kam mir das vor was ich sah, und immer mehr zweifelte ich an meinem eigenen Verstand. Da standen Menschen zusammen, die sich unterhielten; die Marktfrauen priesen immer noch ihre Waren an; ein weinendes Kind trottete neben seiner Mutter an mir vor├╝ber; vor einem Gesch├Ąft bellte ein angeleinter Hund und an einer Stra├čenecke sa├č ein bettelnder Akkordeonspieler. Das alles sah ich, ohne auch nur einen Laut zu h├Âren.

Ich schrie. Ich schrie, bis mir der Hals weh tat. Doch niemand drehte sich um. Warum h├Ątte es auch irgendjemand tun sollen? Es war ja nichts zu h├Âren gewesen.

Wie in Trance lie├č ich mich durch die Stra├čen treiben. Ich konnte nicht mehr denken, ich wollte nicht mehr denken. Mein Verstand, meine Sinne waren kaum noch vorhanden. Fast beil├Ąufig fiel mir irgendwann auf, dass ich auch keine Ger├╝che mehr wahrnahm. Weder das Obst in den Auslagen der Gesch├Ąfte, noch die Blumen in den Beeten, weder den M├╝ll aus den Abfalleimern, noch die Abgase der Autos konnte ich riechen. Doch das war mir inzwischen schon v├Âllig egal. Apathisch ging ich weiter, immer weiter, bis ich zu einem gro├čen Platz kam. In seiner Mitte stand eine Telefonzelle. Unwillk├╝rlich musste ich lachen. Es war das lautlose Lachen eines Wahnsinnigen. Wozu brauchte man hier ein Telefon? Das Lachen blieb mir im Halse stecken. Entgeistert sah ich wie eine Frau auf das Telefonh├Ąuschen zulief. Sie nahm den H├Ârer ab, warf Geld ein, w├Ąhlte und fing an zu reden. Das hei├čt, sie bewegte den Mund so, als ob sie reden w├╝rde, doch es war nichts zu h├Âren - auch als ich ganz nahe heranging, drang kein Ton an mein Ohr.

Ich setzte mich auf eine Bank und wartete. Gleich in der N├Ąhe befand sich ein Springbrunnen dessen stummes Wasserspiel f├╝r einige Minuten meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Vor meinem inneren Auge tauchten Bilder vom Meer, breiten Fl├╝ssen und kr├Ąftigen Gewittern auf. Doch die dazu geh├Ârenden Ger├Ąusche begannen in meiner Erinnerung zu verblassen.

Es dauerte einige Zeit bis die Frau ihr Telefonat beendet hatte. Unschl├╝ssig sa├č ich da und starrte hin├╝ber zu der nun leeren Telefonzelle. Dann gab ich mir einen Ruck und ging langsam zu ihr hin├╝ber - ich musste es wissen. Z├Âgernd nahm ich den H├Ârer ab. Kein Ton klang mir aus der Muschel entgegen. Mit zitternder Hand warf ich etwas Geld ein. Dann wollte ich w├Ąhlen und zuckte zusammen. Die Tasten hatten weder Zahlen noch andere Beschriftungen. Hastig schlug ich ein Telefonbuch auf - es war leer, keine Buchstaben, nur wei├če Seiten! Entsetzt sah ich auf und blickte mich um. Nun erst bemerkte ich, dass nirgends etwas Geschriebenes zu sehen war: keine Reklamen, keine Stra├čenschilder, selbst die Kennzeichen der Autos waren unbeschriftet. Zitternd w├Ąhlte ich trotzdem. Es war kein Rufzeichen zu h├Âren. Langsam legte ich den H├Ârer auf. Das Geld kam nicht wieder heraus.

Diese Stille! Diese Totenstille - es war zum verr├╝ckt werden! Ich zwang mich dazu, tief durchzuatmen. Mein Hals war wie zugeschn├╝rt, mein Herz schlug wild und mein Magen wurde von Sekunde zu Sekunde schwerer. Ich setzte mich an den Rand des Brunnens und tauchte meine Hand in das Wasser, um mich abzuk├╝hlen. Dabei sah ich mein Spiegelbild. Mir wurde f├╝r einen Moment lang schwarz vor Augen. Das Gesicht, das mir da entgegensah, war ausdruckslos mit starrem, mattem Blick. Es war genau so ein Gesicht, wie die anderen Gesichter dort auf der Stra├če - tot.

Ich war nicht mehr zu halten. Au├čer mir vor Panik lief ich die Stra├če hinunter, bog in eine der vielen Nebenstra├čen ein und lief ziellos durch ein Labyrinth von Gassen bis ich irgendwann stehen blieb und mich ersch├Âpft an eine Hauswand lehnte. Damit hatte ich nicht gerechnet: Ich war einer von ihnen! Ich war auch eine Maske! Mein ganzer K├Ârper zitterte. Tr├Ąnen rannen mir aus den Augen. Die Gedanken jagten nur so durch meinen Kopf. Was war nur mit mir geschehen? Wie war ich hier hergekommen? Wie konnte ich aus diesem Horror wieder entfliehen? Ich bestand nur noch aus schierer endloser Angst.

M├╝hsam schleppte ich mich weiter. Nach einiger Zeit f├╝hrte mich die Gasse zur├╝ck zur Hauptstra├če. Die Leute gingen achtlos an mir vor├╝ber. Nat├╝rlich, ich war ja einer von ihnen. Es war alles so unwirklich, so wie in einem Alptraum: Man w├╝nscht sich endlich aufzuwachen, doch der Traum, der schreckliche, geht weiter.

Vor einem Hochhaus blieb ich stehen. Auf dem Dach schien eine Aussichtsplattform zu sein. Frische Luft! Ich brauchte frische Luft zum Atmen. Und ich wollte weg, einfach nur weg. Weg von diesen Strassen, weg von diesen Menschen. Z├Âgernd ging ich hinein. Es war niemand zu sehen. Ein Fahrstuhl brachte mich sanft in die oberste Etage. Von dort aus f├╝hrte eine Treppe auf das Dach. Der frische Wind tat mir gut. F├╝r einen Moment lang konnte ich tief durchatmen und mich ein wenig entspannen. Die ganze Plattform war von einem Drahtgitter umz├Ąunt. Langsam ging ich nach vorne, presste mich dicht an das Gitter und schaute hinunter. Es war eine Stadt wie jede andere auch, mit viel Verkehr und vielen Menschen, doch eben ohne den geringsten L├Ąrm.

'L├Ąrm' - welch andere Bedeutung dieses Wort f├╝r mich bekam. 'L├Ąrm' wurde zu einem Wunsch, zu einem Traum. L├Ąrm - einfach nur L├Ąrm. Wie viel h├Ątte ich jetzt daf├╝r gegeben, im L├Ąrm fast ersticken zu d├╝rfen. Ich wollte so schreien, dass sich alle Leute nach mir umdrehten; ich wollte das Knattern eines Motorrades genie├čen; das Bellen eines Hundes in mich einsaugen; ich wollte eine Ramme stampfen h├Âren; mich ├╝ber das schrille Geschrei eines Kleinkindes freuen und Ohrensausen von zu lauter Musik bekommen. In Gedanken flehte ich um L├Ąrm, wie ein Verdurstender um Wasser. Doch stattdessen umh├╝llte mich eine alles erdr├╝ckende Stille, und eisige Einsamkeit ergriff meinen K├Ârper.

Wieder glitt mein Blick nach unten. "Spring runter!" fl├╝sterte eine Stimme in mir. "Spring, bevor es zu sp├Ąt ist." Ich war nahe daran, es wirklich zu tun. Doch im letzten Moment z├Âgerte ich. So grotesk es auch klingen mag: Wenn ich springen sollte, dann wollte ich mich wenigstens schreien h├Âren. Ein langer erl├Âsender Schrei sollte mich von all dem befreien. - Nein, noch gab ich nicht auf! W├Ąhrend meines R├╝ckwegs nach unten versuchte ich mir immer wieder einzuh├Ąmmern, dass solch eine Welt nicht existieren k├Ânnte. Aber sie war da, und ich mitten in ihr drin!

Direkt vor der T├╝r des Hochhauses war eine Bushaltestelle an der einige Menschen standen. Ein Bus kam, hielt an und ├Âffnete seine T├╝ren. Die Leute dr├Ąngten hinein und zogen mich wie ein Sog mit sich mit. Ich zahlte nicht. Niemand zahlte. Der Bus fuhr los. Mir gegen├╝ber sa├č ein alter Mann. Er sah mich mit diesem starren Blick an und bewegte st├Ąndig den Mund.

"Er redet mit mir!" fuhr es mir durch den Kopf.

In mir stieg Wut und Verzweifelung auf. So stark hatte ich diese Gef├╝hle noch nie in meinem Leben erlebt. Ich wollte ihn verstehen! Ich wollte wissen, was er sagte! Diese Machtlosigkeit, diese Ohnmacht! Schon fing ich an zu bereuen, dass ich nicht gesprungen war. Nun war da dieses ausdruckslose Gesicht des alten Mannes vor mir, der mit mir redete ohne dass etwas zu h├Âren war. Mein Magen schien ein einziger Klumpen Stein zu sein. Der ganze K├Ârper tat mir weh und verkrampfte sich immer weiter. Meine Augen hingen an seinen Lippen und bem├╝hten sich, zumindest einige Worte abzulesen. Ich sp├╝rte, wie mir der Schwei├č auf die Stirne trat, w├Ąhrend mein Mund langsam auszutrocknen begann.

"... meine Frau einen Herzinfarkt bekommen. Es wird an der Hitze damals gelegen haben, wissen Sie. Seitdem bin ich vorsichtig - habe auch ein schwaches Herz. Mein Sohn sagt immer, ich soll auch die Gartenarbeit sein lassen, aber das will ich nicht! Etwas Abwechslung braucht der Mensch schon, finden Sie nicht auch? Ja, ja, man wird alt, da kann man dann nicht mehr so, wie man m├Âchte. Aber alles ├Ąndert sich. Als ich noch jung war, bin ich hier mit dem Pferdewagen langgezogen, Autos gab's da noch kaum. Jetzt hat man alles zugebaut, die ganze Natur ist futsch! Und das nennt man dann Fortschritt! Da schneidet sich der Mensch noch ins eigene Fleisch, Sie werden sehen! So, ich muss hier raus. Sie fahren bis zur Endstation? Entschuldigen Sie, wenn ich so viel geredet habe, aber wenn man alleine ist ... Sie wissen schon. Einen guten Tag noch!"

Er stieg aus. Ich sa├č wie benommen da. In wenigen Sekunden war aus dieser starren toten Maske ein normales, menschliches Gesicht geworden. Ein altes Gesicht mit vielen Falten. Und er hatte mit mir gesprochen! Und ich hatte ihn verstanden! Und ich hatte geh├Ârt, was er gesagt hatte! Jedes Wort hatte ich aufgenommen, so, als m├╝sste ich es auswendig lernen. Bis dahin waren mir solche Monologe von fremden Leuten zuwider gewesen. Doch nun ...

Allm├Ąhlich nahm ich auch das Gemurmel um mich herum wahr. Den Autol├Ąrm, die Polizeisirene, die Stimme des Busfahrers - alles war zu h├Âren. Jetzt erkannte ich auch die Stra├čen wieder. Ich sa├č in dem Bus, auf den ich gewartet hatte. Es war wie das Erwachen aus einem tiefen Traum. Noch konnte ich mir das, was ich da gerade erlebt hatte nicht erkl├Ąren, doch die Erleichterung, die mich erfasste, war unbeschreiblich. Es dr├Ąngte mich danach, mit anderen Menschen zu reden. Hatte dieser Alptraum tats├Ąchlich ein Ende gefunden? Zaghaft tippte ich einem Mann, der etwas weiter vor mir sa├č, auf die Schulter.

"Entschuldigen Sie! K├Ânnten Sie mir bitte sagen, wie sp├Ąt es ist?" h├Ârte ich mich fragen.

Es war so wunderbar, mich selber wieder sprechen zu h├Âren. Was f├╝r ein herrliches Gef├╝hl. Ich kam mir vor, wie neu geboren. Und in der Scheibe spiegelte sich nicht mehr eine Maske, sondern ein lebendiges Gesicht. Mein Gesicht!

Der Mann drehte sich um. Fast h├Ątte ich vor Schreck aufgeschrieen, denn mir blickte ein ausdrucksloses, versteinertes Gesicht, mit starren toten Augen entgegen. Der Mann zog wortlos den ├ärmel hoch und lie├č mich auf seine Uhr blicken. Dann drehte er sich wieder um und starrte nach vorne.


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Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen. (anbas)

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