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Leselupe.de > Kurzgeschichten
In diesem Sommer
Eingestellt am 24. 09. 2013 12:07


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DocSchneider
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In diesem Sommer war sie zu Hause, es hatte sich pl├Âtzlich so ergeben, allein fuhr sie zu ihrem Vater, der auch solo war und dem es schwer fiel, sich zu versorgen. Eigentlich wollte er ihr etwas Gutes tun. Wollte, dass sie nicht kochte, dass sie nichts tat, aber das fiel ihr schwer, also kochte sie doch, aber nur ab und zu.

Er ging mit ihr essen, war stolz auf sie, und kaufte ihr Dinge, die sie gerne hatte, auch das wollte sie nicht, aber er lie├č nicht locker und wartete geduldig, bis sie die Umkleidekabine verlie├č, um die anprobierten Sachen zu begutachten und dann zu bezahlen. Er liebte es, mit der Kassiererin zu scherzen, so trat er sonst gar nicht auf, aber in diesem Sommer doch.

In diesem Sommer besuchte sie auch die Tante, die schon den Vater aufgezogen hatte und auch sie selbst. Die Tante sa├č fast hundertj├Ąhrig im Sessel, gefesselt an den Tropf, der ihr die n├Âtige Nahrung gab, konnte nicht mehr rauchen, die Windeln waren ihr zu warm, aber ihr Geist war noch immer hellwach. ÔÇ×Ich will nicht, dass du mich so siehst,ÔÇť sagte die Tante, ÔÇ×ich mag nicht mehr, ich will, dass du mich nur noch auf dem Friedhof besuchst, aber nicht mehr in meiner Wohnung.ÔÇť

Sie erz├Ąhlte von fr├╝her, als sie noch mit dem Vater essen ging, keiner von beiden achtete auf die Linie, die Tante war dick, sie war es immer gewesen, wozu noch sp├Ąter auf die Linie achten, nein, sie a├č was sie wollte. Der Vater war immer schlank gewesen, er konnte essen, was er wollte, er nahm nicht ab, sagte er immer.

In diesem Sommer sagte sie zu der Tante: "Du hattest so ein langes Leben, wie ist das, wenn man so alt ist", aber die Tante wies das barsch zur├╝ck, das sei Quatsch, ihr Leben sei kurz, ganz kurz gewesen, und sie solle nun ihr Leben genie├čen, man sehe an ihr, wie schnell es vorbei sei.

In diesem Sommer ging sie t├Ąglich die Stra├če zwischen der Wohnung ihres Vaters und der ihrer Tante und fast immer traf sie ihn, den Priester aus Kindertagen, sie erkannte ihn sofort, er war noch immer gro├č und schlank und kaum ergraut, aber wie sollte er sie nach zwanzig Jahren erkennen? Sie gr├╝├čte ihn immer und er gr├╝├čte zur├╝ck, vermutlich verwechselte er sie mit ihrer Mutter aus fr├╝heren Tagen, denn sie sah inzwischen aus wie ihre Mutter und deshalb sah der Vater sie auch immer wehm├╝tig an. Sie sprach den Priester nicht an, sie wusste nicht warum, aber sie tat es nicht.

Dieser Sommer ging zu Ende und sie musste zur├╝ck, zur├╝ck in ihr Leben und sie ging noch ein Mal zur Tante und verabschiedete sich, es fiel ihr schwer. Sie behielt das letzte Bild im Auge und Herzen und sah auch den Priester an diesem Tag, er war wie immer in Eile und bemerkte sie nicht. Ihr Vater bedankte sich bei ihr - wof├╝r, es war doch selbstverst├Ąndlich f├╝r sie gewesen, ihm ihre Zeit zu schenken.

Am Tag nach ihrer R├╝ckkehr rief der Vater an, die Tante war am Morgen verstorben, einfach so, einfach eingeschlafen. Er selbst ├╝berlebte sie um elf Monate und f├╝nf weitere Monate sp├Ąter verstarb auch der Priester v├Âllig ├╝berraschend w├Ąhrend einer Reise an einem Herzinfarkt.

Wenn sie heute auf den Friedhof geht, besucht sie alle drei, die diesen Sommer mit ihr geteilt hatten, Tante und Vater ruhen gemeinsam im Familiengrab und sie stellt sich vor, dass sie ein himmlisches Essen genie├čen, ohne auf die Kalorien zu achten, wie sie es zu Lebzeiten schon nicht taten, und jedes Mal geht sie auch zum Priesterh├╝gel, dort liegen alle Geistlichen vereint und sie fragt sich immer, weshalb sie nicht wenigstens ein einziges Mal ein Wort zu ihm gesagt hat.

In diesem Sommer.
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Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals erm├╝dendem Lesen. (Virgina Woolf)

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