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Leselupe.de > Kurzprosa
In einem Zug
Eingestellt am 09. 03. 2006 00:23


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Warne Marsh
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Der Zug steht im Hauptbahnhof ZĂŒrich und hört auf den Namen „Friedrich Glauser“; sehr sympathisch - doch: was Ă€ndert's? Lesen die Leute deswegen mehr BĂŒcher? Bestimmt nicht, und ich bin mir ziemlich sicher, kaum eine handvoll Reisende weiss, dass der Glauser den Wachtmeister Studer erschrieben hat.

Ziemlich voll ist dieser Glauser - Zug, vorwiegend Flugreisende. Ich sitze im hintersten Wagen zwischen zwei HandygesprĂ€chen und Ă€rgere mich, dass dieser Zug keine Ruheabteile mitfĂŒhrt. Ein arroganter Deutscher bespricht geschĂ€ftliches, was kein Schwein interessiert, und ein vollcooler nicht mehr so ganz Jugendlicher fĂŒhrt ein EasygesprĂ€ch mit ner ganzen Menge Dezibel zuviel.

Vielleicht sollte ich mich einfach nicht mehr unter Menschen begeben. Ich halte sie und die von ihnen stammenden GerĂ€usche nicht mehr aus. Die Menschen kotzen mich an. Dieses unablĂ€ssige Geraschel von Verpackungen. Aus den Kopfhörern triefende Musik. Pandemie der Stillosigkeiten. SelbstverstĂ€ndliches Essen und Trinken auf offener Strasse. Wer sich mit der Bierflasche in der Hand auf öffentlichem Grund und Boden; in Verkehresmitteln bewegt, gehört standesrechtlich erschossen. Der Landessprache nicht mĂ€chtige BĂŒrger werden interniert, nachgeschult, versuchsweise reintegriert oder definitiv des Landes verwiesen; diplomatisches Personal eingeschlossen. Das Verwenden von Sprachentstellungen wie „Sinn machen“ wird mit drei Monaten Haft und Sprachtraining geahndet. Jugendlichen und Rentnern ist es bei Strafe untersagt, sich zusammenzurotten. SĂ€mtliche Mobiltelefone und tragbaren MusikabspielgerĂ€te mĂŒssen bis Monatsende an den entsprechend gekennzeichneten Sammelstellen abgegeben werden. In der Öffentlichkeit wird ab sofort nur noch geflĂŒstert. Zuwiderhandlungen werden mit StimmbĂ€nderamputation bestraft.

Eine Frau mit Schneeleopardenhandschuhen aus Kunstfasern und nervig raschelnder PapiertĂŒte setzt sich, kaum hörbar fragend und meine Antwort schon gar nicht abwartend, mir gegenĂŒber hin. Ich schaue sie mit einem „Was-bist-denn-Du-fĂŒr-ne-hirntote-Fotze?“-Blick an und kann mich schon gar nicht mehr erinnern, dass sie gefragt hat, ob hier noch ein Platz frei sei. Aus der grossen PapiertĂŒte buddelt sie eine kleinere hervor, aus welcher sie in regelmĂ€ssigen AbstĂ€nden abgebrochene StĂŒcke eines GebĂ€cks gierig in ihren Mund stopft. Ich hab sie und ihre Tasche den ganzen Gang entlang rascheln gehört und instĂ€ndig gehofft, sie möge sich wo anders hinsetzten; vergebens.

Der Zug fĂ€hrt, und in meinem Gesichtsfeld befinden sich drei tastaturklickernde Powerbooks. Die Frau zieht ihren synthetischen, grĂŒn-gemusterten Pullover aus; es knistert. Ein rosanes Oberteil, welches bis zuoberst zugeknöpft ist, beleidigt meine Augen. Sie schnieft Eckel erregend durch ihre Nase. Ebenso der links von mir sitzende Powerbookler. FrĂŒher trug man noch StofftaschentĂŒcher auf sich. Dann kamen diese unpraktischen Papierdinger auf den Markt; aber selbst die benutzt heute kein Schwein. Er tippt wild mit weit geöffnetem Mund; sieht so was von behindert aus. Ich wende meinen Blick von ihm ab, bevor sein Speichel in dĂŒnnen FĂ€den aus seinem Mund zu fliessen beginnt.

Vor mir steht ein Pappbecher mit der Aufschrift „Heisser Kaffee“. Zwei Briefchen Zucker. Weiss. Dunkelblau bedruckt. „Candrian Catering“ .Kaffeesahne. Markenlos. „China“ steht unter dem aufgedruckten Bild.

Die Frau kaut an ihren FingernĂ€geln. Ich ĂŒberlege mir, ob sie wohl am Flughafen aussteigen muss. Sie bleibt aber sitzen, als der Zug dort einfĂ€hrt, obwohl ich hoffte, sie möge aussteigen; stattdessen knabbert sie auch noch die NĂ€gel der anderen Hand.

Flughafen ZĂŒrich. Der deutsche GeschĂ€ftsmann ist weg. Nicht jedoch die junge, coole Stimme, welche VortrĂ€ge ĂŒber Marketing hĂ€lt; Telekommunikation. Was gibt's da ĂŒberheblich zu labern? Runter mit den Preisen, Ihr Arschlöcher!

Die Bahnhofshalle zu durchqueren ging problemlos; bis ich diese Dunkelhaarige sah mit ihren Rehaugen. Jung und klein. Kaum ein Meter Sechzig mit unwiderstehlichem StubsnĂ€schen. Ich lĂ€chelte, als ich sie auf mich zu kommen sah. Vergeblich. Erst, als sie sich bis auf zwei Meter genĂ€hert hat, schrak sie hoch und riss die Augen auf. Ich stand da, die linke Hand in der Manteltasche vergraben, in der Rechten den Kaffeebecher und begann Grimassen zu schneiden; so, als ob meine Nase juckte. Zudem blinzelte ich mit den Augen. Ich stellte auf diese Weise ein starkes Jucken in der Gegend der Nasenwurzel dar; und alles nur, weil diese junge Schönheit derart entrĂŒstet auf mein Ă€usserst charmantes LĂ€cheln reagierte. WĂ€re sie lĂ€chelnd vor mir stehen geblieben, hĂ€tte ich die SĂŒsse geknutscht und vor den entgeisterten Blicken der Leute an Ort und Stelle so was von durchgeknallt, ihre HĂŒfte auf den dreckigen Boden genagelt, dass ihr Hören und Sehen vergangen wĂ€re und uns die herbeigeeilte Bahnpolizei wie kopulierende Hunde hĂ€tte trennen mĂŒssen. So aber steh ich da und blicke dieser kleinen Schlampe, die es nicht fĂŒr nötig hĂ€lt, mich anzusprechen, nach. Ich stehe wie angewurzelt da, blinzle mit den Augen, komme wieder zu mir, und der Druck in meinen Eiern lĂ€sst mich einige Schritte so gehen, als hĂ€tte ich in die Hosen geschissen. Ich werde von einem krawattierten Arschloch mit dĂ€mlicher BaseballmĂŒtze gerempelt, begebe mich auf den Bahnsteig, sehe den Zug einfahren, schneide einer Rentnerin den Weg ab, damit ich vor ihr die Treppe zur TĂŒre hochsteigen kann und setzte mich in den Zug.

Seit knapp neunzig Minuten muss ich mir dieses Marketinggequatsche anhören. Er stellt ihr PrĂŒfungsfragen, sie antwortet. Beide reden zu laut. Sie labert und faselt und quaselt. Sie ĂŒberbieten sich gegenseitig mit phrasengedroschener Klugheit und laut vorgetragenem Halbwissen. Ich bin gnĂ€dig. Mein BauchgefĂŒhl sagt mir, dass ich die beiden leben lasse. Warum weiss ich noch nicht so genau, ist auch egal. Ich stehe auf und gehe zu den beiden hin. Dabei stelle ich fest, dass sich ausser uns dreien niemand mehr im Zugsabteil befindet.

„Ich habe euer Marketinnggequatsche nun bestimmt schon seit eineinhalb Stunden anhören mĂŒssen!“ Ich fixiere sie einzeln mit meinem Blick. „Findet ihr das in Ordnung?“ Fragende Gesichter. „Hm?“.

Der Typ will was sagen, da springt seine Unterlippe auf und ein feiner Blutfaden zieht eine Spur in Richtung seines Kinns. Ich muss dabei an Tröpfcheninfektion, Aids und an Vogelgrippe denken und daran, dass es Menschen gibt, die denken, Krebs sei ansteckend. Mein Faustschlag hat gesessen. UnglĂ€ubig schaut er erst zu mir hoch und dann auf seine Marketingunterlagen. Blitsch! Blitsch! Blut tropft. An den Haaren reisse ich seinen Kopf hoch, er soll mir in die Augen schauen. Er starrt mich erschrocken an, und ich fĂŒhle mich entspannt. So ist gut. Zeige- und Mittelfinger meiner rechten Hand stosse ich ihm in seine weit geöffneten Nasenlöcher und reisse ihm mit einem kurzen und heftigen Ruck den grössten Teil seiner Nase weg. Verwirrte Versuche, zu schreien werden von Blut erstickt, was er angewidert vor sich auf den sich immer dunkler fĂ€rbenden Teppich spuckt.

Seine Begleitung, bleich im Gesicht, fĂŒhlt sich unwohl, wie mir scheint, kreischt in derart unertrĂ€glichen Höhen, dass ich mich gezwungen sehe, dem Einhalt zu gebieten. Ich lasse von dem HĂ€ufchen Elend, was von diesem Versager ĂŒbrig geblieben ist ab und fasse an eine ihrer knackigen Titten. In Sekundenbruchteilen sammelt sich fast das ganze Blut, das in mir zirkuliert in meinem Schwanz, der so hart wird, dass es zu schmerzen beginnt. Ich spĂŒre, wie er sich pochend in meiner Shorts hoch und runter bewegt, wie ein schnaubender Stier kurz bevor er den Torero angreift. Ich stelle mir vor, wie ich ihr meinen StĂ€nder in den Mund ramme, wie sie laut glucksend das Erbrechen unterdrĂŒckt, ich ihn einige Zentimeter zurĂŒck ziehe, weil ich nicht von ihr angekotzt werden will, in ihren Mund abspritze und sie daran und an meinem Schwanz erstickt.

Geschockt starrt sie mich an. Als hĂ€tte sie meine Gedanken lesen können, lĂ€sst ihre zum Schutz vor SchlĂ€gen hochgezogenen HĂ€nde zitternd sinken. Damit hat sie bestimmt nicht gerechnet: sie fĂŒrchtete sich vor SchlĂ€gen und wird von mir begrabscht. Das scheint ihr Hirn zu ĂŒberfordern. Sie jappst nach Luft - niedlich – hĂ€tte ruhig schreien dĂŒrfen, hört ja eh keine Sau hier. Einen letzten, kurzen Moment geniesse ich die WĂ€rme ihres festen Busens, spĂŒre, wie die Brustwarze, von Panik gerieben, hart wird und beginne langsam meine mit ihrer Titte gefĂŒllte Hand zu schliessen und hoffe, dabei nicht vom Schaffner erwischt zu werden.

Immer tiefer krallen sich meine Finger in das weiche und doch knackige Gewebe, bohren sich tief hinein. Kurz bevor meine Finger durch ihre Haut in ihr Brustgewebe dringen, lockere ich den Griff. Sie schreit und versucht sich dreisterweise aus meinem Griff zu winden. Wie sĂŒss! Ich lasse von ihr ab, bevor ich zuschaue, wie ihr Kopf von meinen FaustschlĂ€gen hin und her geworfen wird und allmĂ€hlich Blut aus Lippen, Mund und Nase zu fliessen beginnt. Ein letzter Schlag, und ich sehe nur noch das Weiss ihrer Augen. Ihre Stirn prallt hart gegen die Dank meiner RĂŒcksichtsnahme noch nicht geborstene Fensterscheibe; hinterlĂ€sst einen schmierig roten Abdruck. Den Blick so tief nach innen gerichtet, wie sie es wohl in all den Meditationsseminarstunden vergeblich versuchte, lehnt sie am Fenster.

Der Typ wimmert. Ein HĂ€ufchen Elend. UnfĂ€hig, eine Frau zu beschĂŒtzen. Peinlich. Ich gehe einen Schritt auf ihn zu.
„Nein!!!“
Zu spÀt. Zum Abschied beisse ich ihm den kleinen Finger seiner rechten Hand ab und spucke ihm diesen angewidert ins Gesicht. Ausser seinem Winseln und ihrem keuchenden Atmen, herrscht endlich wieder Ruhe im Wagen.

Ich ziehe meinen Mantel ĂŒber und gehe auf die Toillette, wo ich meine HĂ€nde grĂŒndlich Wasche und mein Spiegelbild auf Blutspritzer hin inspiziere. Ich lĂ€chle mir entgegen, atme tief durch und fĂŒhle mich gut.

Meine GesprĂ€chstherapie trĂ€gt FrĂŒchte.
__________________
"Alles ist Werk."

Ludwig Hohl

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HFleiss
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Da gefÀllt sich einer in tiefschwarzem Nihilismus. Was das arme Mensch so alles nicht ertragen kann. Fragt sich nur, welcher deiner Leser diesen Text ertrÀgt, ich sehe schon die angewiderten Gesichter beim Lesen. Nun ja, manch einer kann nicht ohne ObszönitÀten. Alles eine Geschmacksfrage. Aber nicht nur.

Gruß
Hanna

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Warne Marsh
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1. Keine Ahnung, warum dieser Text in "Tagebuch" verschoben wurde, ist mitnichten tagebĂŒchern!

2.@HFleiss: "Aber nicht nur." Was denn noch?

Gruss und Dank, der Warne
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Ludwig Hohl

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HFleiss
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Lieber Warne, so fragt einer, der gar nicht auf die Idee kommt, dass nicht alles eine Geschmackssache ist. Als ließen sich LebensĂ€ußerungen auf den Geschmack reduzieren. Und wenn du nicht weißt, was die Leute noch so alles brauchen, um ĂŒber die Runden zu kommen - wer könnte da Nachhilfe erteilen.

Weiß der Himmel, warum dein Text ins Tagebuch verschoben worden ist, vielleicht soll ihn nicht jeder vor Gott und den niederen MĂ€chten Unschuldige gleich auf den ersten Blick entdecken? Protestier doch. Die wenigsten klicken sich bis zum Tagebuch vor.

Gruß
Hanna

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Warne Marsh
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"Lieber Warne, so fragt einer, der gar nicht auf die Idee kommt, dass nicht alles eine Geschmackssache ist."

Woher wilsste das wissen? Hab nachgefragt, um zu sehen, was denn da noch so alles kommen könnte.

"Und wenn du nicht weißt, was die Leute noch so alles brauchen, um ĂŒber die Runden zu kommen..." Versteh ich nicht ganz, was das mit meinem Text und meiner Frage zu tun hat.

Protestiert hab ich.

Das grĂŒssende Warne
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Ludwig Hohl

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HFleiss
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Du wirst sehen, was kommt: Nichts.

Gruß
Hanna

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