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Leselupe.de > Anonymus
In einem seltsamen Lande
Eingestellt am 09. 02. 2006 10:07


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
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Seltsame LĂ€nder gibt es, wir wissen das. LĂ€nder, in denen Narren als Weise gelten und Ministerposten bekleiden; in denen Könige als solche geboren werden und es lebenslang bleiben, und seien sie noch so dĂ€mlich; LĂ€nder, in denen Sklaven selbstverstĂ€ndlich die Laufbahn eines Sklaven einschlagen und zu Ende bringen, und seien sie noch so tĂŒchtig. Maurer bleiben Maurer und Schuster Schuster, falls denn die Mörtel- und die Lederpreise nicht ins Unermeßliche steigen, und ein jeder bleibt in der Regel bei seinem Leisten, vom Kindergarten ĂŒber die Grundschule bis zum Grabe. Seltsam, seltsam...
Eines der allerseltsamsten LĂ€nder jedoch gab es in alten Zeiten, möglicherweise nicht weit von hier. (Manche behaupten, es habe genau da existiert, wo sich heute unser Land befindet. Aber wer kann so etwas schon glauben, das klingt, finde ich, nicht nur seltsam, sondern ganz und gar unwahrscheinlich. Leben wir doch in einem modernen und geistig-kulturell hochstehenden Land, dem Land der „Dichter und Denker“, sagen manche. Und ein solches Land kann sich doch wohl kaum auf dem Boden einer solchen Abartigkeit entwickelt haben.)
In jenem seltsamen Lande waren die Leute nett, aber nicht sehr gescheit. Viele Fragen, die wir heute stehenden Fußes und ohne große MĂŒhe oberflĂ€chlich oder einfach nur falsch, dafĂŒr aber schnell und ĂŒberzeugt, beantworten, bewegten sie lange und intensiv. Zum Beispiel die Frage, warum Reisende aus fernen LĂ€ndern, besuchten sie ihr Land, stets mit einem Schmunzeln oder gar laut lachend und kopfschĂŒttelnd herumliefen. Es gab die unterschiedlichsten Theorien fĂŒr die ErklĂ€rung des PhĂ€nomens. Sie reichten von der Vermutung, es sei eine auslĂ€ndische Krankheit, bis zu der These, LĂ€cheln und Lachen resultierten aus einem tiefsitzenden Minderwertigkeitkomplex und sollten davon ablenken.
Wer in jenem Lande ein klein wenig gescheiter war, gehörte der Akademie an. Diese beschÀftigte sich mit besonders schwierigen Fragen.

Einer der bekanntesten Gelehrten der Akademie war Dr. Deut. Er hatte wichtige, große Fragen gelöst, das halbe Land kannte ihn, das andere halbe hatte ihn einmal gekannt, aber wieder vergessen, da man allgemein leicht vergesslich war. Dr. Deut war eine Antwort eingefallen auf die Frage, warum Himmel und Erde getrennt seien und erst im Paradies wieder eins wĂŒrden. Er hatte nach jahrelangem GrĂŒbeln eine plausible ErklĂ€rung gefunden und feierlich vor der Akademie verkĂŒndet, die Trennung sei nur scheinbar, Himmel und Erde könnten bereits hienieden verschmelzen. Man mĂŒsse nur eine Herde von störrischen Ochsen in Richtung Horizont treiben, irgendwann erreiche sie einen Punkt, an dem sich Erde und Himmel berĂŒhrten. Das Wort „Herde“ stamme sonstiglich und allerwahrscheinlichst von den beiden Begriffen „Himmel“ und „Erde“ zugleich ab, sie seien gewissermaßen Vati und Mutti des Wortes „Herde“...
Weiterhin beweise der entfernungsbedingt abnehmende Schallpegel davonlaufender BrĂŒllochsen und die damit einziehende paradisische Ruhe eindrucksvoll die postulierte Verschmelzung von Himmel und Erde...
Eine weitere Großtat, die man Dr. Deut zuschrieb, war die Beantwortung der Frage, was hinter dem Horizont kĂ€me. Viele hatten sich der schwierigen Frage angenommen. Viele VorschlĂ€ge waren den Akademiemitgliedern im Laufe der Jahrzehnte zu Ohren gekommen. Sie reichten von der Vorstellung, es seien Riesen und Menschenfresser, bis hin zu jener, die unfruchtbare, tote WĂŒsten vermutete.
Dr. Deut kam zu der Erkenntnis, man könne, da man nie hinter den Horizont gelange, doch lediglich von einem Raum der Auslegung, der Interpretation, quasi der „Deutung“ sprechen! Er erntete großen Beifall fĂŒr seinen Vorschlag, allerdings meldeten sich anschließend anonyme Stimmen, die ihm die Instrumentalisierung seines Namens vorwarfen mit dem Ziel, merk- und erinnerbar in die Geistesgeschichte einzugehen.

Die Beantwortung einer noch schwierigeren Frage beschĂ€ftigte aber selbst den zu seiner Zeit genialen Dr.Deut fast ein Leben lang. Es handelte sich um die Frage, wieviel zwei mal zwei sei. Die Wissenschaftler des seltsamen Landes hatten nach langen Forschungen herausgefunden, dass zwei plus zwei vier ist. Somit könne, schlussfolgerten sie, zwei mal zwei unmöglich auch vier sein! Die Priester, die Minister und sonstige Vips hatten ihnen sehr schnell zugestimmt. Die Erkenntnis war als allgemeingĂŒltiger Grundsatz in die Verfassung des Landes aufgenommen worden. Sie war in das öffentliche Denken so weit eingedrungen, dass man sie fĂŒr eine ewige und absolut unumstĂ¶ĂŸliche Tatsache hielt. Logisch war sie sowieso. Und außerdem – recht praktisch. Denn sie eröffnete Raum fĂŒr Interpretation! Wer an ihr zweifelte, zweifelte an der Verfassung, wer solches tat, war ein Staatsfeind und lief Gefahr, als solcher vom Staate behandelt zu werden.
Der Kriegsminister meinte, zwei mal zwei könne auch null sein, denn er habe zwei Siege und zwei Niederlagen in den Schlachten der letzten Jahren eingesteckt, und die Situation des Reiches sei genauso bescheiden wie vordem.
Die Priester meinten, zwei mal zwei sei mit hoher Wahrscheinlichkeit 22, weil das, erstens, die Hausnummer des Königsschlosses sei, und, zweitens, der König zwei Söhne und zwei Töchter habe. Außerdem gab es da noch eine kleine Abgabe fĂŒr die GlĂ€ubigen, sie betrug ungefĂ€hr 22 % vom Einkommen.
Der Finanzminister dachte eine Spur großzĂŒgiger, er kam aus einem sehr edlen Geschlecht. FĂŒr ihn war klar: zwei mal zwei ist zweihundertzweiundzwanzig. Jedenfalls bei der Berechnung seiner MessbetrĂ€ge.
Dr. Deut dachte und dachte, fast ein Leben lang. Dann kam ihm eine dunkle Ahnung. Wenn zwei mal zwei nun doch vier wĂ€re? Nachdenklich schlich er in den folgenden Monaten ĂŒber die Flure der Akademie. Selbst in der Schenke, in der er sonst guten Mutes zwei und manchmal auch noch zwei Bier hinterher trank und dann die Welt besonders gut eingerichtet fand, saß er stumm und grĂŒbelnd am Tisch und ĂŒberhörte die Frage der Kellnerin.
Schließlich vertraute er sich einem engen Freund an, das war ein Bauer vom Markt. Der handelte mit GeflĂŒgel, man kannte sich seit Jahren und kam gut miteinander aus, wahrscheinlich, weil beide immer mit dem GefĂŒhl auseinandergingen, ein SchnĂ€ppchen gemacht zu haben.
Der Bauer hörte sich Dr. Deuts Vermutung in aller Ruhe an. Blickte dann aber nervös um sich. „Achtung!“, zischte er leise und klapperte beschwörend mit den Augenlidern: „Wenn man uns bei solch gefĂ€hrlichen Gedanken belauscht!“
Dr. Deut nickte unmerklich, sah vorsichtig nach beiden Seiten, drehte sich um und wollte schon gehen, da zupfte ihn der Bauer am Ärmel. „Weißt du, mein lieber Deut“, sagte er, „ du hast mich heut noch gar nicht nach einem fetten Huhn fĂŒr deine Suppe gefragt. Aber ich sage dir: ich habe auch keines!“
Dr. Deut sah ĂŒberrascht hoch. Der KĂ€fig des Bauern war tatsĂ€chlich leer. Das laute Gackern kam vom Nebenstand, von HĂŒhnern, Enten und Frauen.
In der letzten Nacht, erzĂ€hlte der Bauer, habe es im Stall rumort. Als er nachsah, fehlten von den vier HĂŒhnern zwei. Er legte sich mit einer Eisenstange auf die Lauer, mĂŒsse aber eingeschlafen sein. Als er erwachte, waren die anderen zwei HĂŒhner auch weg. Der Bauer seufzte.
Dr. Deut war elektrisiert. Seine dunkle Ahnung verdichtete sich zur absoluten Gewissheit. Ja, ja, und nochmals ja: der Fuchs war zweimal gekommen. Hatte jedesmal zwei HĂŒhner mitgenommen. Das war die Lösung! Zwei mal zwei war also nicht zweiundzwanzig, zweihundertzweiundzwanzig oder null, es war ziemlich genau – vier!
Dr. Deut eilte mit den Schweißperlen der Erkenntnis auf der Stirn in seine Stammkneipe. Er schwitzte freudig an diesem Tag! Bestellte sich zwei mal zwei Bier und das Ganze nochmal. Kam auch schnell drauf, dass er wĂŒrde fĂŒr acht bezahlen mĂŒssen. Aber das konnte seiner Freude ĂŒber die Entdeckung keinen Abbruch tun.

Er reichte eine Mitteilung an die Akademie ein.

Nachsatz: Irgendwann folgt der Rest des MĂ€rchens. Vielleicht.

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