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Leselupe.de > Kurzgeschichten
In einer Bar
Eingestellt am 27. 12. 2015 17:15


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der Kelly
Hobbydichter
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In einer Bar

„Noch zwei Bier?“, fragte der Barkeeper. Ich sah zu Tom hinüber. Seine Blicke fixierten gerade das leere Glas vor ihm. Wir übersahen in der Vergangenheit mehrmals den richtigen Zeitpunkt, um diese verrauchte Spelunke zu verlassen. Trotz des Ärgers den wir uns mit unseren Frauen damit einhandelten, blieben wir unserem wöchentlichen Donnerstags-Kneipentreffen treu.

„Zwei Bier, die gehen auf mich!“, antwortete Tom dem Barkeeper. Ich war überrascht, hatten wir uns doch bereits ausgiebig unterhalten. Trotz des Alkohols, dessen Wirkung ich nicht mehr zu verbergen vermochte, stießen wir mit unseren Krügen an. Ich merkte sofort, dass Tom etwas am Herzen lag.
„Na Alter! Wo drückt der Schuh?“ krächzte ich in Toms Richtung, ohne ihn direkt anzusehen.

Er nahm einen großen Schluck Bier und zündete sich anschließend eine Zigarette an.
„Gestern sind die Scheidungspapiere gekommen, jetzt ist es amtlich! Nach zwei Jahren Scheidungskrieg, … Ich kann es kaum glauben, aber Eva und ich sind geschieden.“ Tom wirkte erleichtert. Er blies den Rauch in den Raum, fast, als wäre alles Übel das mit dieser Scheidung einherging darin enthalten. „Ich freue mich für dich, dass es nun erledigt ist!“, sagte ich nach einer Weile. Er lächelte verschmitzt, senkte seinen Blick und drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus, ehe er sich die nächste anzündete.

Ich setzte an um einen Schluck Bier zu trinken.
„Du schläfst mit ihr? Richtig?“ fragte Tom und sah mir tief in die Augen, als könnte er die Antwort direkt von meiner Netzhaut ablesen. Ich hustete in mein Glas, fast hätte ich mich verschluckt. Mir wurde plötzlich heiß. Umgehend begann der Schweiß entlang meiner Wirbelsäule abwärts zu laufen. Am liebsten wäre ich davon gelaufen. „Ich …“, hauchte ich ihm mit zittriger Stimme zu. Ich war unfähig zu antworten.
„Ich ahnte das schon. Ich fühlte es. Ich hatte schon jahrelang keinen Sex mit ihr. Scheiße, wir lebten ja bereits in getrennten Wohnungen. Du gibst ihr offenbar eine Zuneigung, die ich zu geben längst nicht mehr in der Lage bin.“
„Was nun?“ fragte ich ihn zögerlich. Um ehrlich zu sein erwartete ich immer noch, dass er mir zumindest einen linken Haken verpasst, das hätte ich nur allzu sehr verdient. Was war ich nur für ein Mensch, der sich in die Frau, wenn auch jetzt Ex-Frau, des besten Freundes verliebt und mit ihr schläft.
„Ich ziehe in meine Wohnung nach Berlin. Das ist heute unser letzter Kneipenabend.“, sagte Tom mit bestimmter, klarer Stimme und blies mir dabei Zigarettenrauch entgegen.
„Du hast sie schon von Jugendtagen an geliebt, das konntest du nie vor mir verbergen. Ich gebe dir dafür aber keine Schuld. Wir wissen beide, weshalb meine Ehe mit Eva scheiterte.“ Ich sah Tom entgeistert an. Ich konnte nicht glauben, was er jahrelang über mich dachte und vor mir geheim hielt. Einen kurzen Moment vergas ich, dass nicht ich das Opfer war. Ich schämte mich. Tom senkte seinen Blick wieder auf den Tresen.
„Liebst du sie?“ fragte er und blickte dabei in sein Glas. „Ja!“, antwortete ich ohne zu zögern. Ich sah Eva leider zu selten und war mir ihrer Liebe keineswegs sicher. Die Situation war kompliziert, ich wusste nie wie es weitergehen würde und hatte keinen Plan.

Tom kramte aus seiner Sakkotasche einen grünen, mehrfach gefalteten Zettel hervor und schob ihn zu mir hinüber.
„Sag du es ihr! Ich habe zu Eva keinen Draht mehr, um ihr das mitzuteilen. Sie hasst mich zu sehr. Es soll ihr jemand sagen, der ihr näher steht als ich.“ Er lachte zynisch, dann sah ich wie sich eine Träne ihren Weg über seine Wange suchte.
„Was zum Teufel ist das?“, fragte ich ihn umgehend. „Eine Diagnose“ entgegnete mir Tom. „Der Brief ist heute an meine Adresse ergangen.“ Ich öffnete vorsichtig das gefaltete, dünne Durchschreibepapier. Ein Wort konnte ich auch ohne meine Brille lesen. „Pankreastumor“. Wie ein Blitz durchfuhr mich dieses Wort. Dass Tom krank war, hat er mir offenbar auch verschwiegen.
„Oh mein Gott! Das tut mir so leid!“, sagte ich mit zittriger Stimme und unterdrückte die Tränen in meinen Augen. Ich wollte Tom umarmen, doch er wies mich zurück. Hastig stand er vom Hocker auf, trank sein Glas in einem Zug leer und zog seine Jacke an. Er kramte noch ein weißes Kuvert hervor und legte es auf den Tresen. Darin wurde ihm die Diagnose wohl übermittelt.
„Du wirst es ihr sagen. Das ist alles was ich von dir noch möchte. Ein Leben in dieser Stadt ist für mich nicht mehr möglich. Mach’s gut alter Freund, wir werden uns wahrscheinlich nicht mehr wieder sehen.“ Er knallte einen hundert Euro-Schein auf den Tresen und rannte zur Tür hinaus.
„Tom!“ rief ich ihm nach, doch er drehte sich nicht mehr um. Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss. Was war nur geschehen, fragte ich mich?
Ich zündete mir eine Zigarette an. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Auch wenn es immer heißt, Männer sollten nicht weinen, so konnte ich es nicht verhindern. Ich habe gerade meinen besten Freund verloren. Ich war so wütend auf mich, auf die Tatsache, dass er eine schwere Krankheit hatte.

Ich sammelte meine Gedanken und überlegte, was nun weiter geschehen soll. Ich holte mein Smartphone aus meiner Jackentasche und wählte Evas Nummer. Ich war mir nicht im Klaren darüber, ob das eine gute Entscheidung war, aber immerhin war es eine. Vielleicht gar nicht so schlecht, dass ich betrunken bin, dachte ich mir.
„Hallo“, gähnte die Stimme am anderen Ende ins Telefon. „Ich bin’s“ sagte ich. „Was willst du um diese Uhrzeit Stefan?“
„Ich habe mit Tom gesprochen, er weiß von uns.“, sagte ich ihr langsam und mit schwerer Stimme. Am anderen Ende wurde es still. Ich schluchzte. „Er hat mir einen Brief gegeben, von einem Arzt.“, stotterte ich und faltete das grüne Durchschlagpapier sauber auseinander. „Was steht da drin?“, flüsterte Eva mit einer seltsam anmutenden hohen Stimme. Sie erschien mir plötzlich hellwach zu sein. Ich holte meine Lesebrille aus meiner Brusttasche hervor und setzte sie auf.

„Eine Diagnose, …“, würgte ich heraus. Plötzlich lies ich den Zettel fallen. Meine Kehle schnürte sich zu. Mein Mund blieb offen stehen. Wieder stieg eine Hitze bis zu meinem Kopf empor, Schweiß drang aus allen meinen Poren. „Stefan? Stefan!“ hörte ich Eva nur noch leise aus dem Telefon zurufen, als ich es beiseitelegte. Mein Blick war auf das Kuvert am Tresen vor mir gefallen. Die erste Zeile der Adresse die ich auf dem Kuvert und dann auch auf dem grünen Zettel las war „Eva Lindner“. „Der geht aufs Haus!“, sagte der Barkeeper aus dem unendlichen Nichts das mich umgab und stellte einen Krug Bier auf den Tresen.

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DocSchneider
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