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Leselupe.de > Kurzgeschichten
In ordine inverso
Eingestellt am 22. 05. 2009 10:58


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Raniero
Textablader
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In ordine inverso

Es war ruhig geworden, in der Olympia Halle der europÀischen Hauptstadt, in der sich rund sechzehntausend Zuschauer eingefunden hatten, um dem diesjÀhrigen Spektakel, dem Finale des Eurovision Song Contest, wie es sich nannte, beizuwohnen.
Keine MĂŒhen, keine Kosten hatten die Veranstalter gescheut, um alles bisher da gewesene bei diesem so genannten SĂ€ngerwettstreit zu ĂŒberbieten.
Kein Wunder, stellte doch die Ausrichtung eines solchen Finales fĂŒr das gastgebende Land ein derart gigantisches Prestige-Projekt dar, das sich nur noch von Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften ĂŒberbieten ließ.
Hierzu trug erheblich der Umstand bei, dass dieses Musikspektakel ĂŒber Fernsehsatelliten in eine stĂ€ndig ansteigende Zahl von LĂ€ndern des gesamten Kontinentes ĂŒbertragen wurde, direkt in die Wohnstuben der teilnehmenden Nationen.
So fieberten denn nicht nur die Zuschauer in der Halle, sondern draußen an den Bildschirmen Aber- und Abermillionen Menschen dem Beginn des Wettstreits entgegen.


Endlich war es soweit. Fanfaren erklangen, das Moderatorenpaar des Gastgebers, eine bildhĂŒbsche Dame Ende zwanzig, eine ehemalige Teilnehmerin des Wettbewerbes, und ein elegant gekleideter Herr im gleichen Alter, lĂ€chelten in die Kameras, als plötzlich ein Mann im vorgerĂŒckten Alter, ganz in Schwarz gekleidet, neben die beiden trat und sie ein wenig rĂŒde beiseite schubste.

Im Publikum wurden Pfiffe laut, doch mit einer energischen Handbewegung brachte der Alte sie zum schweigen.
Mit sonorer Stimme verkĂŒndet er sodann:
„Meine Damen und Herren, hier in der Halle wie auch weltweit an den Bildschirmen, im Namen des gastgebenden Landes begrĂŒĂŸe ich Sie alle auf das herzlichste. Wie uns soeben vom EuropĂ€ischen Komitee des Eurovision Song Contest mitgeteilt wurde, hat sich das Komitee ad hoc entschieden, das heutige Finale zum ersten Mal nach einem anderen Modus als bisher durchzufĂŒhren.“
Die beiden Moderatoren blickten sich verblĂŒfft an.
Die ehemalige SĂ€ngerin zog das hĂŒbsche StupsnĂ€schen kraus:
„Entschuldigen Sie bitte“, rief sie ins Mikrofon, und alle hörten mit, „warum wissen wir nichts von dieser Entscheidung?“
„Und wie soll dieser andere Modus aussehen?“ wollte ihr Partner wissen.
„Weil die Entscheidung, wie ich soeben ausfĂŒhrte, gerade eben erst getroffen wurde“, gab der Alte, ein wenig Ă€rgerlich zurĂŒck.
„Nun, wie dem auch sei“, wandte er sich wieder ans Publikum, „das Komitee hat entschieden, das heutige Finale in ordine inverso durchzufĂŒhren.
Die Moderatoren blickten den Alten fragend an.
„In ordine inverso?“ fragten sie unisono.
„Jawohl, meine Herrschaften, so ist es. FĂŒr diejenigen unter Ihnen, die der italienischen Sprache nicht mĂ€chtig sind“, wandte er sich erneut ans Publikum, „das bedeutet, in umgekehrter Reihenfolge.“
„Was soll das denn bedeuten?“ entrĂŒstete sich die junge Moderatorin, „soll die Reihenfolge der Auftritte etwa geĂ€ndert werden? Das geht jetzt nicht mehr. Die Inszenierung ist auf das genaueste ausgetĂŒftelt, die SĂ€nger samt Bands entsprechend darauf eingestellt. Das können wir doch jetzt nicht mehr Ă€ndern!“
„Sie haben mich missverstanden, meine GnĂ€digste“ gab der Alte ungerĂŒhrt zurĂŒck, „die umgekehrte Reihenfolge bezieht sich nicht auf die einzelnen Auftritte, sondern auf etwas anderes.“
„Auf etwas anderes? Was soll das denn heißen?“
„Ganz einfach. Bisher wurde immer zuerst gesungen, dann die Stimmen der einzelnen TeilnehmerlĂ€nder eingeholt. Diesmal machen wir es umgekehrt.“

„Sie wollen damit sagen, wir sollen erst die Stimmen einholen und dann auftreten lassen? Erst votieren, dann singen? Meinen Sie das im Ernst?“
„In der Tat. So hat das Komitee entschieden.“
„Und Sie glauben, dass an dieser Entscheidung nichts mehr zu Ă€ndern ist?“
„Normalerweise nimmt das Komitee eine einmal getroffene Entscheidung nicht mehr zurĂŒck. Ich könnte höchstens anfragen, ob es damit einverstanden ist, nach Einholung der LĂ€nderstimmen auf die LiedbeitrĂ€ge ganz zu verzichten. Ja, warum eigentlich nicht, ist doch dann eh nicht mehr notwendig.“


Bei diesen Worten brach in der Halle ein nicht enden wollender Jubel aus, ein Jubel, den man wohl als absolute Zustimmung deuten konnte.

Auf diese Weise wurde an dem Abend ein historischer Meilenstein gesetzt, der erste seit Bestehen des gesamten Musik Spektakels.

Bleibt abzuwarten, wie lange es dauert, bis der zweite Meilenstein folgt, der nur noch lauten kann:
weder votieren noch singen; das wĂ€re wohl endgĂŒltig der lang erwartete Durchbruch des in Ehren ergrauten Festivals.

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

hallo @raniero,

deine geschichte hat mich sehr amĂŒsiert!

sie suggeriert, beim "european song contest" sei bis dato alles mit rechten dingen zugegangen, und erst bei einem zukĂŒnftigen wĂŒrde es keinen wettbewerb mehr geben, sondern eine vorwahl und der contest selbst wĂ€r nur noch ein schauspiel.

sonderbar - ich war bisher immer der meinung, so wĂ€re es lĂ€ngst, und die internationale pop-mafia hĂ€tte schon seit jahrzehnten alles im griff. jedenfalls schien es so, bis der "osten" neu ins spiel kam, seine eigene mafia wirksam einsetzte und moguln wie meinunger, fahrian und haller alt aussehen ließ.

ein regulĂ€rer "wettbewerb" war dieser scheißdreck noch nie. er lĂ€ĂŸt sich am ehesten mit "wrestling" vergleichen, wo ein paar gehirnamputierte fleischbrocken einer regie folgen, die auf das taschengeld eines geisitg gelĂ€hmten prekariats spekuliert. es ist das nĂ€mliche, das sich im dschunglkĂ€mp aufhĂ€lt, "dahoam is dahoam" verfolgt und herrn jauch gern als bundesprĂ€sidenten hĂ€tte.

manchmal schreibt das wirkliche leben die beißenderen satiren.

liebe grĂŒĂŸe aus mĂŒnchen

bluefin

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Raniero
Textablader
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Hallo bluefin,

freut mich, dass Dir die Story gefallen hat. Es steht zu befĂŒrchten, dass dieser "Wettbewerb" weiter stattfinden wird, trotz meines Schwanengesanges. Dem Vernehmen nach nimmt beim nĂ€chsten Mal der Vatikan teil, aus gut unterrichteten Quellen sickerte durch, dass diesbezĂŒglich schon Kontakte mit Dieter Bohlen aufgenommen wurden.
Dieser Knabe, mit Ratzinger im Duett, in lateinischer Sprache...


Gruß Raniero

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