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Leselupe.de > Kurzgeschichten
In the End
Eingestellt am 23. 10. 2003 16:31


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Esta
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2003

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IN THE END
~


Wie lange mag es nun schon her sein? Zwei Jahre. Ein rascher Blick auf den grauen Stein und die Antwort liegt klar vor meinen Augen. Zwei Jahre – dort steht es. Die einzige Angabe, die ich dem Geschriebenen entnehmen kann.
Es geschah vor zwei Jahren. Zwei ganze Jahre schon? Ich kann es kaum glauben. Mir erscheint es, als wären erste Wochen, vielleicht Monate vergangen – doch ganz bestimmt keine zwei Jahre.
So kann man sich täuschen. Ganz einfach. Für ihn wurde die Täuschung zum Verhängnis. Der falsche Glaube, Hoffnung sei eine Illusion, der zu folgen es sich nicht lohnte.

Ich weiß noch, wie wir uns das erste Mal trafen. Ein schüchternes Mädchen und ein 17-jähriger Junge, für den Regeln ganz offensichtlich zum Brechen gemacht waren. Keine Richtlinien, an denen man sich orientieren sollte, die den Menschen ein harmonisches Zusammenleben ermöglichen und das Leben in einigermaßen geordnete Bahnen lenken sollten. Regeln wurden aufgestellt, um gegen sie zu verstoßen. Alles andere war Verleumdung – in seinen Augen. In diesen unergründlichen Augen.
Für die anderen Schüler stellte Kitz lediglich eine Art Pausenclown da. Jemand, der es immer wieder schaffte, seine Lehrer mit ein paar wenigen Worten und Bewegungen auf die Palme zu bringen, der eine interessante Stunde garantierte, in der es etwas wie Ordnung nicht gab und nie geben würde. In den Augen der Lehrer war er freilich ein störendes Glied in der ansonsten perfekten Kette.
Kitz, der VerrĂĽckte.
Nun ja, eigentlich hieß er nicht Kitz. Viel eher hatte er sich diesen selbst Namen zugelegt. Eine Art Deckname für den etwas überdrehten Jungen. Seinen eigentlichen Namen, dieses fremdländisch klingende Wirrwahr aus russischen Buchstaben, gab es schon seit einer geraumen Zeit nicht mehr. Wozu auch? Niemand machte sich die Mühe, sich einen Aussprache und Reihenfolge der Silben einzuprägen, hatte er die Möglichkeit, einen sehr viel kürzeren, einfacheren Rufnamen zu nutzen – Kitz.
Selbst die Lehrer gewöhnten es sich bald ab, ihn mit seinem dreiteiligen Vornamen anzusprechen. Zumindest die meisten Lehrer taten es. Eine Ausnahme blieb erhalten – und sie, unsere damalige Russisch-Lehrerin, blieb stur bei ihrem „Aleksander-Vladimir Dimitri“. „Dein Name ist eine Art Identifikationsmittel“, pflegte sie ihm vorzuhalten, wann immer er es wagte, ihr auf den Namen hin mit einer intoleranten Miene entgegenzutreten. „Ohne Namen bist du ein Niemand. Was sagt schon der Begriff ´Kitz`? Was erzählt er über dich? Nichts. Deine Eltern geben dir einen Namen, der dich dein Leben lang begleiten wird. Er ist ein Teil von dir – du kannst ihn nicht einfach ablegen wie ein altes Kleidungsstück.“
Ich habe keinen blassen Schimmer, wie oft wir uns eine solche Argumentation damals anhören mussten – wie oft Kitz anschließend schmollend die Unterlippe vorschob und leise brummte: „Namen, Namen – was ist das schon? Letztendlich landen wir doch als Zahl mit zwei drei Strichen auf irgendeiner Statistik – und niemand fragt nach dem Namen! Warum also dieser Aufwand mit der Namensgebung? Überhaupt sollte man sich seinen Namen selbst aussuchen können ...“ Schon eigenartig, wie sehr Kitz sich damals sträubte, ihre Worte zu beherzigen ... bedachte man doch, dass sie eigentlich aussprach, was er wollte.
Nach zwei Semestern schließlich gab unsere Lehrerin es auf. Doch sie blieb beharrlich bei „Aleksander-Vladimir Dimitri“ – während er selbst immer mehr zu „Kitz“ wurde. Hatten wir nicht gerade Russisch – niemand erinnerte sich an dieses kleine etwas, das sich Name nannte ... und das doch so ausschlaggebend für die eigene Persönlichkeit ist.
Nun, Kitz hatte sich also diesen Spitznamen zugelegt ... hauptsächlich um der Schule vorzuhalten wie einmalig er doch war – den zweiten, in meinen Augen wichtigeren, Grund konnte kaum jemand benennen. Denn, man mochte es kaum glauben, selbst der große, unfehlbare Kitz hatte irgendwo seine ganz eigenen Probleme.
Eines davon war sein Vater. Wahrscheinlich das größte überhaupt.
Er war es, der Kitz diesen schrecklichen Namen gegeben hatte und er war es auch, der ihn tagtäglich erleben ließ, wie sich ein einzelnes Leben doch ändern kann. Wie plötzlich es bergab gehen konnte – ohne anschließend wieder besser zu werden.
Ja, Kitz’ Vater war ein reicher Mann gewesen. Er war angesehen, er hatte Geld, Kinder, eine liebreizende Frau – er war glücklich. Doch die Zeit verstrich und das Geld rann dahin, verschwand und kehrte nicht zurück. Kitz konnte mir nie erklären, was genau vorgefallen war – fest stand, dass irgendein Ereignis den Vater des Jungens heimgesucht haben musste, das sein stolzes Dasein im Handumdrehen umkrempelte. Die Villa verfiel, die Frau musste putzen und die Kinder in eine reguläre Schule ohne Privatlehrer. Irgendwann verschlug es sie nach Deutschland. Weiß der Geier warum. Kitz kam auf meine Schule und begann schon bald durch außergewöhnliche Taten zu glänzen ... Taten, die weniger auf schulischen Ansprüchen und Aufgaben basierten. Und, wie könnte es anders sein, der russische Vorname schwand zusehends dahin. Zurück blieb der ungestüme Lausebengel ohne jedes Benehmen – der seinen schriftlich belegten Namen hasste wie die Pest.
Die Wochen verstrichen und Kitz entwickelte sich zu einer echten Plage. Die Stunden begannen für ihn, wenn ihm gerade danach stand, dem Unterricht zu folgen gehörte nie zu seinen Interessen und dementsprechend benahm er sich auch. Das Wort ´Respekt` existierte in seinem Wortschatz nicht und die Tatsache, dass es so etwas wie Schulregeln gab, ignorierte er ganz einfach. Nicht ein Schüler unserer Schule kannte den Namen Kitz nicht – und einige unter ihnen rümpfend darüber nur abwertend die Nase.
Für Kitz waren diese Andersgesinnten nichts weiter als heiße Luft. Es interessierte ihn nicht, was die anderen dachten und es schien ihn auch nicht weiter zu stören, dass Verweise und Schulstrafen in sein tägliches Leben schneiten wie für andere die hellen Tropfen vom Himmel. Überhaupt interessierte ihn eigentlich ziemlich wenig.
Irgendwann habe ich ihn gefragt, warum er sich immer so unmöglich benahm. Er hat mich daraufhin angesehen, als würde ich ihm jeden Moment beichten, dass ich ihm nur gerade einen neuen Witz erzählt hatte. Etwas, über das man lachen konnte. Ich habe es natürlich nicht getan und Kitz musste nach ein paar Minuten einsehen, dass ich nicht locker lassen würde, bis er mir endlich antwortete. Er verteidigte sich zwar mit Zähnen und Klauen, ließ sich allerdings irgendwann doch breitschlagen endlich mit der Erklärung herauszurücken.
„Ich will nicht, dass man mich vergisst“, antwortete er. (Den Akzent lasse ich der Verständlichkeit halber lieber weg.) „Ich will nicht so einfach vergessen werden. Schau dir meinen Vater an – selbst in Russland kennt keiner mehr seinen Namen geschweige denn sein Gesicht. Er ist lediglich so ein ... so ein Ding, dass da irgendwann mal war. So was will ich nicht. Mein Wunsch ist es, dass sich die Leute an mich erinnern.“
„Das ist schon klar, das will wohl jeder irgendwie“, erwiderte ich daraufhin. „Aber deshalb musst du doch nicht gleich ein solches Theater veranstalten. Man würde dich genauso in Erinnerung behalten, wenn du durch etwas andere Auffälligkeiten aus der Masse hervorstechen würdest – zum Beispiel durch besondere Leistung oder so.“
Wir führten dieses Gespräch letztendlich eine unzählige Reihe von Malen und es lief jedes Mal auf das Gleiche hinaus – Kitz erklärte mir beharrlich, dass die Goodie-Goodies (sein Name für die „netten“ Jungs) nie einen ´Ruhm` erlangen würden, wie er ihn anstrebte. Außerdem wollte er nicht zum Streber mutieren – das sei ihm zuwider. (Auf die Frage hin, was denn mit Einstein sei, den doch wohl auch jeder kenne und der ganz bestimmt kein so unerzogener Bengel war wie Kitz selbst, fragte er nur schulterzuckend, von wem ich redete. Den Namen Einstein höre er zum ersten Mal.)
So ging es jedenfalls immer weiter – auch über unsere Schulzeit hinaus. Kitz suchte sich eine kleine Mietwohnung in Westberlin und ich ging an die Uni. Doch irgendwie sind wir in Kontakt geblieben und schließlich kam der Tag, an dem ich ganz einfach eingeladen wurde. Eingeladen, ihn doch zu besuchen und vielleicht seine Familie kennen zu lernen. (Ich gestehe, dass ich das in 5 Jahren gemeinsamer Schulzeit nicht zustande gebracht habe.) Besucht habe ich ihn – seine Familie kennen gelernt ebenfalls. Oder besser gesagt, das, was damals noch davon übrig war. Der Vater an der Flasche und der summende Fernseher. Mehr nicht. Keines der Kinder, keine Frau, kein Tierchen – lediglich die traute Zweisamkeit der Flasche.
Ich habe damals versucht, möglichst höflich zu sein, weder auf Kitz noch auf seinen Vater beleidigend oder herablassend zu wirken. Was den alten Mann angeht – wage ich zu bezweifeln, dass dieser unseren Besuch überhaupt realisierte – und Kitz ... war ganz offensichtlich heil froh, die schmutzige Wohnung nach zwei Stunden verlassen zu können.
„Siehst du?“, sagte er vor der Tür grantig zu mir. „Da hast du den Beweis – du kannst dich in deinem Leben abmühen und fertig machen, du kannst noch zu sehr strampeln um nach oben zu kommen – irgendwann schmeißen sie dich doch vom Thron und du landest in einer lauten Großstadt voller Probleme.“ Er sagte es zwar nicht, doch ich konnte mir denken, was in jenem Moment durch seinen Kopf ging. ´Wozu also überhaupt diese ganze Plackerei? Letzten Endes bringt es ja doch nichts. Wir enden alle auf einem Blatt Papier – als Statistik für Arbeitslosigkeit, niedriges Einkommen oder sonstiges.`
Ich habe ein paar Wochen später selbst etwas genauer darüber nachgedacht. Es machte mich traurig, wie verbittert und verschlossen Kitz sich gegenüber seinem eigenen Vater verhielt und wie wenig er doch an so etwas wie Hoffnung glaubte. Hoffnung an eine Besserung, Hoffnung an die Zukunft.
„Was ist zum Beispiel mit Prinz ... sagen wir Charles?“, fragte ich irgendwann während eines Telefonats. „Niemand würde auch nur im Traum daran denken, den irgendwie in so ein niederes Leben – wie du es ja wohl selbst nennst – zu verbannen. Also kann es nicht sein, dass alle hohen Persönlichkeiten irgendwann abstürzen wie ein Flugzeug ohne Treibstoff.“
„Natürlich nicht“, erwiderte er am anderen Ende der Leitung. „Aber der ist ja auch in seinen Stand hineingeboren ... gegen den darf man gar keinen Einspruch erheben. Immerhin kommt der aus einer reichen Familie. Aber wenn dann so ein Hans Meyer aus Kleinkleckersdorf daherkommt, wird man ihn bei den kleinsten Fehlern zusammenstauchen und ihm Unzuverlässigkeit vorwerfen. Die aus dem einfach Volk haben es doch immer schwerer als diese Hochwohlgeborenen. Und es war erstaunlich, dass mein Vater überhaupt ein solches Vermögen zustande gebracht hat. Meistens hören sie doch die Armen und Unbekannten gar nicht erst an ...“
Ich selbst bin schon immer eine Optimisten gewesen. Für mich gab es diese „Es-bringt-ja-eh-nichts“-Haltung nicht. Ob es was gebracht hat, würde man sehen, wenn man am Ziel ist. Früher würde man darüber keine Aussage treffen können – schließlich durfte niemand über einen Weg richten, den er nie beschritten hat.
Andererseits konnte ich Kitz irgendwo verstehen. FĂĽr seine Familie ging es seit Jahren bergab. Kein Geld, kein Job ... die Mutter davongelaufen, der Vater im Suff ... kein Wunder, dass sich die sieben Kinder ĂĽber ganz Deutschland verteilten und kaum jemand daran dachte, Familienbande zu pflegen.
Um es kurz zu fassen: Kitz war einsam. Und ich vermochte es nicht, diese Einsamkeit zu vertreiben.
Manchmal frage ich mich, warum Kitz dem Leben gegenüber so pessimistisch eingestellt war. Er hätte schließlich versuchen können, eigenhändig ein wenig Frohsinn in sein Leben zu bringen, es ein klein wenig freundlicher zu gestalten.
Er hat es nicht getan – entweder, weil für ihn feststand, dass Freundschaften genauso schnell zerbrachen wie kristalline Gläser und es sich deshalb gar nicht lohnte sie überhaupt erst aufzubauen, oder aber aus dem einfach Grund des Nichtwissens. Kitz kannte so etwas wie Glück schließlich nicht.
Und so verstrich die Zeit. Irgendwann klopfte es an meiner Tür. Ich habe keine Ahnung, wie sie ausgerechnet auf mich kamen, doch ich wurde eingeladen – zu einer Beerdigung. Ich verstehe bis heute nicht, was genau vorgefallen ist, ob es ein Unfall war oder ein klassischer Selbstmord – fest stand, Kitz war tot. Einfach so aus heiterem Himmel. Die Beerdigung selbst gestaltete sich als schnell arrangierte Pflicht-Veranstaltung von irgendeinem Bruder. Unpersönlich, billig, der Grabstein betonfarben, lediglich Geburts- und Sterbedatum eingraviert – doch was hätte Kitz erwarten sollen?

Nun stehe ich hier, auf dem Friedhof und denke über diesen eigenwilligen Jungen nach. Mein Blick wandert zu den anderen Gräbern und Grabsteinen. Ein paar von ihnen sind mit bunten Blumensträußen und brennenden Kerzen geschmückt und mir kommt Kitz’ Lebensmotto in den Sinn.
´Warum sich abmühen? Warum so strampeln? Letztendlich vergessen sie dich doch und du bleibst diese unscheinbare Zahl auf dem Papier.`
„Nein“, sage ich leise, fast flüstern. „Das stimmt nicht.“
Denn ich sehe sie, die lebenden Erinnerungen, in Form von liebevoll gepflegten Gräbern. In Form von Grabinschriften wie „In ewiger Erinnerung an unsere liebe Mutter Maria – wir werden dich nie vergessen.“
War das nicht Beweis genug? Reicht dir das nicht als Beleg – Dimitri?

~~~
Anmerkung: Ich hoffe stark, dass man einigermaßen versteht, was ich eigentlich mit dem text ausdrücken möchte. Nebenbei bemerkt gebe ich gerne zu, dass ein gewisses Lied für dieses Kurzgeschichte Pate stand und - ich schäme mich - ich eigentlich nicht weiß, was eine richtige Kurzgeschichte auszeichnet. Sollten also Fehler dieser Art auftreten, bitte ich hiermit ganz aufdringlicg, mich auf dieser aufmerksam zu machen.
Vielen Dank.
Esta.

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