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Leselupe.de > Kurzgeschichten
In the end
Eingestellt am 02. 09. 2002 22:37


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Charlene
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Registriert: Jul 2002

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Ich bin auf dem Weg zum Friedhof. Meine Oma ist vor kurzem gestorben. Das Schreckliche daran ist, dass ich nicht wei├č, ob ich dar├╝ber traurig oder erleichtert sein soll.

Trudchen war meine einzige Oma, meine andere starb vor meiner Geburt und ich war fast jedes Wochenende bei ihr. Sie wohnte in einem gro├čen Haus, fast schon einer Villa mit einem riesigen Garten, in dem sie jede freie Minute herumwerkelte. Dabei trug sie immer einen gr├╝nen Schlapphut und ich bekam eine rote Sch├╝rze umgebunden, wenn ich ihr half. Waren wir dann mit der Gartenarbeit fertig, setzten wir uns im Sommer auf die Terrasse und redeten. Oder ich lieh ihr meine Bravo, weil sie wissen wollte, was gerade „in“ war.
„Ich m├Âchte doch immer up to date sein!“, sagte sie lachend, wenn ich sie mit ihrer Schw├Ąrmerei f├╝r Brad Pitt aufzog. Auch sonst war Trudchen keine typische Gro├čmutter. Sie war gro├č, schlank, ihre langen Haare waren schwarz gef├Ąrbt und sie hatte immer eine Dauerwelle.
„Ich bin keine sechzehn mehr, wie du. Mir schauen die M├Ąnner nicht hinterher weil ich h├╝bsch bin. Also muss ich schwerere Gesch├╝tze auffahren.“ War ihre Standartantwort, wenn ich sie auf ihr Outfit ansprach. Meistens hatte sie die schwarzen, langen Locken zu einem Pferdeschwanz gebunden, das Gesicht geschminkt, gro├če Kreolen, ein mit Pailletten besticktes T-Shirt und Jeans. Sie sah wirklich nicht aus, wie eine 75-J├Ąhrige.
Samstag war unser Shoppingtag. Wir lie├čen keinen Laden aus und Trudchen kaufte mir die Kleidung, die sie am liebsten selbst getragen h├Ątte. In den Schuhl├Ąden sch├╝ttelten die Verk├Ąuferinnen nur noch den Kopf, wenn sie mit hochhackigen Pumps durch den Laden stolzierte. Sie kaufte sie zwar nicht, aber ich verlie├č nie das Gesch├Ąft ohne mindestens ein neues Paar neuer Schuhe. Alles in allem war Oma ziemlich durchgedreht und witzig.
Einmal gingen wir extra in die Stadt, weil gerade die neue CD von Linkin Park herausgekommen war und ich sie unbedingt am gleichen Tag haben musste. Allerdings stand sie noch nicht im Regal. Als ich die Verk├Ąuferin, eine arrogante Tussi, die sich ihre roten Fingern├Ągel feilte, fragte, zuckte die nur mit den Schultern. Das konnte Trudchen nat├╝rlich nicht dulden und baute sich vor der Verk├Ąuferin in ihrer ganzen Gr├Â├če auf, bis diese endlich gelangweilt ihren Blick hob und Oma Kaugummi kauend ansah.
„Meine Enkelin Natalie m├Âchte die neue CD von Linkin Park!“, sagte Trudchen mit Nachdruck.
„Der Park is‘ um die Ecke, nich‘ hier!“, gab die Tussi zur├╝ck und widmete sich wieder dem Studium ihrer Fingern├Ągel.
„Jetzt h├Âr mir mal zu, M├Ądchen. Entweder du schaffst mir innerhalb von einer Minute die CD her, oder ich beschwere mich. Dann kannst du dir gleich einen neuen Job suchen, dein Chef ist zuf├Ąllig mein lieber Schwiegersohn.“ Omas L├Ącheln war zuckers├╝├č und wurde immer breiter, als die Verk├Ąuferin vor Schreck ihre Feile fallen lie├č und hastig aufstand.
„Schwiegersohn?“, fragte ich. Mein Vater arbeitete nicht hier!
„Eine kleine Notl├╝ge, Natalie.“, tat Trudchen ab und grinste. Die ganze Angelegenheit bereitete ihr tierisches Vergn├╝gen.
Das war vor einem halben Jahr. Dann hatte sie diesen Schlaganfall und alles ├Ąnderte sich.
Oma lag lange im Krankenhaus, wusste nicht mehr, wo sie war, konnte nicht mehr richtig sprechen, war halbseitig gel├Ąhmt. Kurz, es war einfach schrecklich.
Als sie endlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, kam sie in ein Pflegeheim in unserer N├Ąhe. Meine Eltern k├╝mmerten sich um sie, so oft sie Zeit hatten und ich besuchte sie jeden Tag nach der Schule. Fr├╝her h├Ątte sie sich vehement dagegen gewehrt, in einem Doppelzimmer untergebracht zu werden, aber jetzt lag sie nur teilnahmslos in ihrem Bett. Sie trug immer ein wei├čes Nachthemd, ihre schwarzen Haare wurden am Ansatz allm├Ąhlich grau. Das erste Mal ├╝berhaupt, bemerkte ich die vielen Falten in ihrem Gesicht. Oma konnte sich kaum mehr bewegen, an Gehen war nicht zu denken. Die meiste Zeit war sie geistig verwirrt. Sie wusste nicht wo sie war, manchmal auch nicht, wer sie selbst war. Mich erkannte sie kein einziges Mal. Oma konnte nicht mehr selbst essen, musste gef├╝ttert werden. Aufs Klo konnte sie auch nicht alleine, meistens trug sie Windeln.
Irgendwann wurde mir das alles zu viel. Ich h├Ârte auf, sie zu besuchen. Deswegen hatte ich ein ziemlich schlechtes Gewissen, verdr├Ąngte meine Oma so gut es ging. Aber allein der Gedanke an sie machte mich traurig. Es gab N├Ąchte, in denen ich die ganze Zeit nur weinte.
Dann ist Trudchen gestorben. Allein. Niemand war bei ihr. Der Arzt sagt, sie ist einfach eingeschlafen. Und ich glaube das. Sonst f├╝hle ich mich noch schlechter, wenn ich an sie denke, weil es mir vorkommt, als h├Ątte ich sie im Stich gelassen.
Der Schock ├╝ber ihren Tod war gro├č, aber mein erster Gedanke war: „Gott sei Dank! Es ist vorbei!“ Vielleicht ist das ja auch richtig. Vielleicht war es gut, dass sie gestorben ist und nicht mehr leiden muss.

Ich bleibe vor Omas Grab stehen und lege den Blumenstrau├č hin. F├╝r Oma ist es besser so. In dem Pflegeheim, das war nicht wirklich sie, ich glaube bei dem Schlaganfall ist schon ein Teil von ihr gestorben, nur die H├╝lle war noch da.
Omas Tod hat meine Einstellung zum Alter ver├Ąndert. Vorher dachte ich immer, man wird alt und stirbt irgendwann. Jetzt habe ich Angst davor. Angst, so zu werden wie Trudchen. Aber auch Hoffnung. Denn in dem Altersheim gab es Leute, die nicht so hilflos waren und w├╝rdig alt wurden.

__________________
"You live to make trouble, don't you?"
"Life is nothing without a little chaos to make it interesting."

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo charlene,

eine traurig-sch├Âne geschichte hast du da zu papier gebracht. da ich glaube, da├č sie (teilweise) autobiografische z├╝ge tr├Ągt, erlaube ich mir einige anmerkungen:

quote:
Jetzt habe ich Angst davor. Angst, so zu werden wie Trudchen. Aber auch Hoffnung. Denn in dem Altersheim gab es Leute, die nicht so hilflos waren und w├╝rdig alt wurden.

diesen abschnitt schreibe ich deiner vermuteten jugend zu, durch meinen intensiven umgang mit sehr alten menschen habe ich da ├Ąhnliche erfahrungen. du solltest keine angst davor haben zu werden wie die gro├čmutter. der lebensabschnitt den du beschreibst war in meinen augen sehr erf├╝llt f├╝r sie, ich denke, ihr hat es spa├č gemacht. viele alte leute leben ihre letzten jahre nur noch in erinnerung an vergangene zeiten, das macht sie alt und grau. die oma war aber sehr bunt, vermutlich lebenslustig und vital.
die hilflosigkeit nach dem schlaganfall ist nun mal so, aber sie wurde ,denke ich, nicht zu tode gepflegt, wie es leider oft der fall ist.
w├╝rdig alt werden - in meinen augen ist sie w├╝rdig alt geworden, wenn auch nicht konservativ w├╝rdig (z. B. beim kaffekr├Ąnzchen). sie ist geblieben, was sie schon immer war/wie sie immer sein wollte.
sie ist vielleicht nicht wirklich w├╝rdig gestorben, da hat deine protagonistin ihren anteil dran, denn sie hat die oma in ihren letzten tagen nicht gew├╝rdigt - eine erfahrung aus der man (du) lernen kann.

stilistisch nur ein vorschlag. statt
quote:
Trudchen war meine einzige Oma, meine andere starb vor meiner Geburt und ich war fast jedes Wochenende bei ihr.

vielleicht besser:
fast jedes wochenende besuchte ich oma trudchen. sie war meine einzige oma, die andere gro├čmutter starb, bevor ich geboren wurde. trudchen wohnte...

gru├č

rainer

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