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Leselupe.de > Kurzgeschichten
In umständlicher Weise freundlich und geschäftig²
Eingestellt am 18. 04. 2011 15:35


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Carlo Ihde
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Registriert: Apr 2007

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In Büdelsheim ist man irgendwann einfach stehen geblieben. Ein alter Büdelsheimer Mythos erzählte schon vor langer Zeit davon, dass der Ort eine glorreiche Zeit sehen wird, nach der es nur noch abwärts geht. Vor 'abwärts' hatte man stets die gebührende Angst, besonders wenn alte Büdelsheimer Witwen bei diesem Wort mystisch das Gesicht falteten, sich selbst gerettet sehend darin, dass ihnen vor der Zeit von 'abwärts' ein gnädiger Tod beschieden sein mag. Deshalb blieb man vor dreißig Jahren, aus vager Hoffnung - dies sei nun die glorreiche Zeit - und mangels eines Geräts zur konsistenten Messung ob an dem nun mehr Spekulation sei als Substanz, in eben jener Zeit stehen, nicht rechnend mit der Fragwürdigkeit des eigenen Konzeptes von Glanz, und seit jeher ja in dieser pastoralen Einöde ohnehin zufrieden auch mit allem, das nur stumpf schimmerte - zur höheren Wertschätzung nicht etwa zu glänzen brauchte - und weiterhin nicht wirklich vorbereitet auf Zeiten in denen größerer Glanz merklich Büdelsheim dermaßen um den mondänen Finger wickelt, dass es mit der lieb gewonnenen Beschaulichkeit dahin wäre. Ja zwar spürten besonders die jüngeren Büdelsheimer nun nach dreißig Jahren Stillstand in einer sich kaum großartig anfühlende Phase eine leise Ahnung, dass die Prophezeiung von usurpierender Glorie aus Zeiten stammte, wo man sich hier mit der Bedeutungslosigkeit und auch seelischen Armut noch nicht abgefunden hatte, und ohnehin alles Vage, Schlimme, Vorläufige und Nichtige nur zu ertragen imstande war, indem man es vom Ende her dachte und ihm etwas Intentionales vom gegenteiligen Wert als verborgene Tendenz einschrieb, deren Zeit des Entdecktwerdens kommen müsste nach dem Erfüllen eines gewissen Kriterienkatalogs - aber die jüngeren Büdelsheimer spürten auch, dass gegen die eigene Herkunft kein Staat zu machen ist, solange man sich nicht offen über den Deutungsbedarf der traditionellen Mythen austauschen darf und da hätten dann auch die Witwen ihre Wörter mit zu reden gehabt und niemals hätten sie auf die Erhabenheit aus der unverschuldeten Vorzeitigkeit ihres Todes vor 'abwärts' verzichten wollen, nein dazu waren sie zu gewöhnlich. Sie wollten 'abwärts' nicht mehr erleben müssen. So behielt man seit dreißig Jahren um der Alten willen die Lüge bei, man trabe über ein glorioses Plateau, wohlgemerkt in Null-Geschwindigkeit. Ein 'abwärts' würde in Büdelsheim so für alle umgangen werden können. Vieles andere aber auch.
Ein positiver Charakterzug hat sich jedoch konserviert: der alte Schicksalsglaube von Büdelsheim hat dazu geführt, dass man allen Gästen und Fremden freundlich begegnete und durch allerlei Betulichkeiten für sich zu gewinnen und dem Schicksals einen freundlichen Blick auf die ethischen Bilanzen anzuempfehlen bemüht war, wobei die aufrichtige Betulichkeit ganz gewiss goldenen Zeiten den Teppich in Büdelsheim ausrollte, wenn es mal zu einer rechnerischen Gesamtschau der Masse ethischer Handlungen in der Menschenwelt kommt, was man in Büdelsheim unter keinen Umständen 'Tag des jüngstes Gerichtes' nennen durfte, auf dieser Wortgruppe lastete mittlerweile eine längere Zuchthausstrafe.
Man ist in Büdelsheim vor etwa dreißig Jahren nach einem minimalen Willensbildungsprozess - der besonders zu prüfen hatte, ob Stillstehen mit dem Mythos noch vereinbar ist oder ihn schon aufzukündigen sich anmaßt - einfach stehen geblieben. Den Grund erklären Forscher durchaus auf andere Weise als die Sozialromantiker sämtlicher politischer Parteien vom Rand zur Mitte der Gesellschaft. Da es sich bei der Vegetation und dem Brainpool in Büdelsheim weder um besonders schützenswerte noch sonderlich produktive Gefilde handelte, kam aus ihm kaum Individuelles, dessen die Welt nicht unbeschadet hätte verlustig gehen dürfen. Machen wir uns nichts vor: Büdelsheim war ein richtiges Posemuckel, ein Hintertupfingen oder wie man bei uns im küstengesäumten Flachdeutschland sagte: ein Kleinkleckersdorf. Soziologen ereiferten sich, man solle in dieses einmalige Experiment des Stillstandes unter keinen Umständen intervenieren, man brächte sich sonst um seltene Erkenntnisse. Die Polizei wurde unruhig, denn es gab für sie nichts zu tun, weder für noch gegen Büdelsheim, und war das nicht Anlass genug für Verdacht? Kabarettisten erkannten das Potential, diesen Ort zum geflügelten Wort machen zu können für alles, was sich nicht bewegt, etwa den Regionalexpress bei 10 Zentimeter Neuschnee oder den Papst in der Kondomfrage. Büdelsheims Stillstand wurde so unzulässig zu Renitenz umetikettiert, man verstand also nicht, mit was man es zu tun hatte. Auf Witze über Büdelsheim stand in Büdelsheim mittlerweile ein lebenslanger Freiheitsentzug.
In Büdelsheim ist man einfach stehen geblieben, auch den Witwen zuliebe und weil man sich in seiner beschränkten Beschaulichkeit gerne eine Ecke ins Sofa-Kissen gedrückt hatte, die nach Bewohntheit aussah und sich feindlich gegen die anstürmende Welt umsah wie ein Menetekel gegen die Falschheit. Es passierte infolgedessen nicht nur nichts, sondern sogar noch weniger als das. Zwar die Gäste bewirtete man gut, man hatte ja nicht wissen können, ob einem auf Dauer der nötige Atem zum Stillstehen beschert sein würde, und für den Fall, dass nicht, musste gesorgt sein, sodass das Gastwesen in Büdelsheim an die antiken Gewohnheiten angelehnt wurde, wie man anhand dessen heute noch in der arabischen Welt ins Schwärmen geraten kann. Es könnte ja sein, dass die glorreichen Zeiten erst noch zu kommen gedenken und dann stünde es um Büdelsheim schlecht, hätte man die Chancen vertan, die zum Hinwirken auf das Eintreten des Guten - der ethischen Bilanz - gedacht waren, aber von der 'Ankunft des Reich Gottes' durfte man in diesem Zusammenhang nicht sprechen, darauf stand, nach dreißig Jahren des Nachdenkens, mittlerweile die Todesstrafe. Man war trotzdem so bis zum Erbrechen bemüht darum, dass es jedem Gast gut gehe, dass diese Fürsorge sich in den Augen nicht weniger der insgesamt doch eher wenigen Gäste ins Gegenteil umkehrte. Wann dieser Scheitelpunkt ungefähr erreicht war, vermag keiner der Überlebenden mehr so genau zu sagen.
In Büdelsheim ist man irgendwann einfach stehen geblieben. Erklären kann ich mir das nur über einen urtiefen Wunsch nach der Verleugnung aller anderen: die anderen nahmen immer schon alles in die Hand, wurden aktiv wenn es brannte, strichen glänzende Pokale für die funkelnden Vitrinen in ihren Vereinsheimen ein. Besonders die Nachbargemeinde von Büdelsheim: Schnepfingen. Da ging die Post ab. In Büdelsheim fanden die anderen Gemeinden nicht mehr statt seitdem man stillstand, nicht in Gesprächen, nicht in Gedanken. Auch das war durchaus ein Dienst an den alten Witwen. Auf das Denken an die schön funkelnde Vitrine im Vereinsheim von Schnepfingen stand mittlerweile eine 48-stündige Folter mit anschließender, quälend langer Hinrichtung durch allerlei schaurige Instrumente. Gäste kamen immer seltener nach Büdelsheim, und darum gebrach es zunehmend an Möglichkeiten, die schon tragend in die ethische Bilanz einkalkuliert waren, immerhin wollte man sich eine Hintertür offenhalten für die Möglichkeit, dass es nach dem Plateau doch noch einige Zeit in ungeahnte Höhen aufwärts geht und diese eventuell Büdelsheim erst noch bevorstehende Hohezeit den jetzigen Stillstand entlarvt als ein durch unverhältnismäßige Angst gezimmertes Gefängnis außerhalb der Zeit, dessen Ende mit einem befreienden Lachen kassiert werden darf. Bis dahin aber tüftelte man in Büdelsheim an einem Plan, wie wohl mehr Gäste anzulocken wären. Man druckte fröhlich anmutende Broschüren über die Gastlichkeiten, man kehrte die Vorzüge eines Ortes mit Tradition hervor, und als einer dieser Vorzüge wurde auch der alte Mythos Büdelsheims in dem besten Offset-Hochglanz vorgeführt: Kindergruppen tanzten die Prophezeiung von Büdelsheim und das Publikum auf den Fotos waren die erhofften Gäste, die man mittels Photoshop in die erträumte Idylle eingefügt hatte. In Büdelsheim war man damit beschäftigt, wie man der Welt eine Stippvisite im Stillstand schmackhaft machen konnte, solange es das (noch) gab, und man war sich einig: betulich muss es sein, sonst kommt keiner. Das Elend der bösen Welt vergessen lassen soll einen ein Besuch in Büdelsheim, gerne auch mit tanzenden Kindergruppen. Das Denken an Schnepfingen überflüssig machen. Den Witwen die Möglichkeit geben, die Glorie noch mitzuerleben, den Abstieg aber nicht mehr. Ein rauschendes Fest braucht Büdelsheim, wenigstens ein letztes Mal noch.
In Büdelsheim war man irgendwie vor dreißig Jahren einfach stehen geblieben. Seine Gäste bewirtete man gut, die Witwen wollten nur eben noch die goldene Zeit miterleben, nicht einen Tag mehr, deshalb schuf man sich ein Bollwerk gegen alles Spätere, das 'abwärts' war nur weil es später war. Mit diesen Denkgewohnheit kam man in Büdelsheim wie in vergleichbaren Situationen nur auf ein Plateau der Beschränktheit, das als soziologisches Experiment von mir aus interessant genannt werden darf, wenn man es im selben Atemzug nicht am Adjektiv "bedenklich" fehlen lässt. Gab es nicht zuletzt drei Todesurteile gegen Kinder, die von Schnepfingens Vitrine träumten? und blieb man nicht kaltherzig auch als man nachweisen konnte, dass es Alpträume waren?
Nein aber gegenüber den Gästen war man immer zuvorkommend. Das wird auch der Eindruck sein, der von Büdelsheim bleibt, selbst wenn es sich schon wieder bewegt und den alten Mythos über Bord wirft und die Witwen und endlich Anschluss an den Rest der Welt sucht, die auf dem Weg zur Zukunft schon mal dreißig Jahre vorgegangen ist und ihr eine touristisch bedeutsame Attraktion auf die Liste hinzusetzt: der Ort, der aus unerklärlichen Gründen dreißig Jahre lang stillstand. Von Büdelsheim wird wohl unter dem Strich die Betulichkeit stehen bleiben, denn trotz allen Stillstandes ist man immer in umständlicher Weise freundlich und geschäftig geblieben.
²Sie haben recht: man könnte daher die Geschichte auch "Büdelsheimer Betulichkeit" nennen.

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"Wenn ich mir die Sehe zuhalte, kann ich nichts mehr augen. War selbst, merkste doof, nich?"

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