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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Innere Werte
Eingestellt am 19. 12. 2001 05:16


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axel
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Registriert: Apr 2001

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Sie legte eine Hand auf ihre HĂŒfte und betrachtete sich im Spiegel:
„Manchmal frage ich mich, ob du mich denn ĂŒberhaupt ein bisschen schön findest.“
Obwohl ihr Blick weiterhin dem Spiegel galt, waren diese Worte ganz offensichtlich an mich gerichtet und ebenso offensichtlich wollte sie nun eine Antwort hören.
Ich hatte aber nicht die geringste Lust zu antworten.
Was soll man in so einem Augenblick sagen?
Dass sie die aller, aller Schönste ist, viel schöner als all die Frauen in den Katalogen oder die, nach denen ich mich auf der Straße manchmal umdrehe?
Wollte sie so etwas jetzt hören? Dann hÀtte ich trotzdem keine Lust gehabt, es ihr zu sagen.
HĂ€sslich war sie nun weiß Gott nicht, im Großen und Ganzen ziemlich passabel, doch das hĂ€tte sie bestimmt auch nicht hören wollen.
Was sollte diese Frage denn eigentlich? Seit zwei Monaten waren wir so etwas wie ein Paar, und seit fast genauso langer Zeit musste ich mir anhören, dass Äußerlichkeiten doch nun wirklich nicht zĂ€hlen. Der Charakter ist wichtig, die inneren Werte, viel mehr als alles andere. Das war doch ein regelrechtes Erziehungsprogramm, was sie da mit mir veranstaltete.
Ich habe das nie groß kommentiert, wir MĂ€nner bekommen eben nie den Mund auf. Bei Bedarf ist auch das wieder ein brauchbares Argument, aber was soll man denn sagen, wenn alles, was man denkt, zuvor schon in die NĂ€he von perversen Abartigkeiten definiert wurde?
Ein mieser Charakter ist auf Dauer schon ziemlich abstoßend, doch in einer hĂŒbschen HĂŒlle dauert es vielleicht eine ganze Zeit, bis man den ĂŒberhaupt mal bemerkt.
Außerdem habe ich noch nie verstanden, wieso denn ein hĂ€ssliches Äußeres die Chance auf einen guten Charakter erhöhen soll. Ich habe genug hĂ€ssliche Frauen erlebt, bei denen der erste Eindruck schon voll und ganz reichte, um zu erkennen, wie dumm, ordinĂ€r und stillos sie doch waren.
Wenn sie hĂ€sslich gewesen wĂ€re, dann hĂ€tte sie keine Chance gehabt. Sie war nicht hĂ€sslich, sie hat mich ziemlich angemacht, als sie mich die ganze Zeit so raffiniert umgarnt hat. Sie ist mir nicht von der Seite gewichen, hat immer um mich herum getanzt mit ihren HĂ€nden in der Luft und immer ganz nah an meinem schon deutlich alkoholisierten SchĂ€del. Warum hat sie denn mich fĂŒr ihre feurigen Blicke ausgesucht? Ein tiefer Blick in das Innerste meines Charakters?
Tanzen konnte sie verdammt gut, und ich hĂ€tte mich doch beinahe schon wehren mĂŒssen. Warum hĂ€tte ich das tun sollen? Der Orgasmus in der eigenen Hand ist mit dem in einer Muschi eben doch nicht zu vergleichen, und wenn man das einige Zeit nicht mehr erlebt hat, dann ist man nicht gerade abgeneigt. Dass es gleich an unserem ersten Abend dazu gekommen ist, rechne ich mir auch nicht als eigenen Verdienst an. Wenn ich am nĂ€chsten Morgen abgehauen wĂ€re, hĂ€tte sie mir kaum etwas vorwerfen können, ich hatte ihr schließlich rein gar nichts versprochen, und wenn doch, dann wĂ€re ich betrunken gewesen.
Ich bin nicht abgehauen, ich bin geblieben und habe die Weisheit des Kaiser Franz walten lassen, denn hĂ€sslich war sie ja nun wirklich nicht, auch nĂŒchtern betrachtet nicht.
Mein Bleiben hat sie dann allerdings völlig falsch interpretiert, denn ihre raffinierte UnterwĂ€sche verschwand beinahe sofort im hintersten Winkel ihres Kleiderschranks. Die Haare an den Beinen und unter den Achseln durften auch wieder sprießen, das war doch nun alles nicht mehr wichtig.
Wichtig waren ihre VortrĂ€ge ĂŒber Charakter und innere Werte, ihre Gedanken an die Zukunft und Familienplanung, die sie bei mir ganz selbstverstĂ€ndlich ebenso vorhanden wĂ€hnte. Das alles sagte sie stets in einem Stil, der kaum einen Widerspruch duldete, denn so empfinden doch alle Menschen, jedenfalls alle, die normal veranlagt sind.
Ich fĂŒhlte mich gefangen wie in einem Spinnennetz und hĂ€tte spĂ€testens in diesem Moment das Weite suchen sollen.
Dass ich das nicht getan habe, lag vielleicht auch an Silvia.
„Schon wieder nur ein paar Tage oder Wochen! Wieso schaffst du es eigentlich nie, mal eine wirkliche Beziehung aufzubauen? Wenn dir das immer wieder passiert, dann musst du doch irgendwann erkennen, dass der Grund dafĂŒr bei dir liegt. FĂŒr mich bist du ja ein lieber Freund geworden, aber anscheinend bist du völlig beziehungsunfĂ€hig.“
Sie hatte mir das schon so oft gesagt, und mich doch zum GrĂŒbeln gebracht. Ihre eigenen Liebschaften dauerten zwar auch nie viel lĂ€nger als meine, aber das spielte in solchen GesprĂ€chen nie eine Rolle.
Doch ich bin ja nicht gleich abgehauen, habe sogar die prĂŒfenden Blicke ihrer Eltern ausgehalten und es klaglos hingenommen, dass sie sich meiner sicher wĂ€hnte.
Als sie sich dann aber an jenem Abend auch noch darĂŒber beklagte, dass ich ihr nicht genug Komplimente fĂŒr ihr Aussehen machte, da musste ich weg!
Ganz schnell, und möglichst weit.
Sie hatte zuvor schon angedeutet, dass sie den Abend gerne zu Hause verbringen wollte. Dass sie das ohne mich tun wĂŒrde, musste ich ihr noch beibringen. Dass das ein Abschied fĂŒr immer sein wĂŒrde, erwĂ€hnte ich in dem Augenblick noch nicht. Ich brauchte auch gar nicht zu lĂŒgen, denn mir war einfach danach, unter Leute zu gehen, mich abzureagieren und einfach zu tanzen.
Vielleicht ahnte ich ja schon, dass sich in dieser Nacht etwas Neues ergeben wĂŒrde. Wenn ich diese ganz bestimmte Stimmung habe, dann passiert das meistens. Ich weiß nicht, warum das so ist, habe bisher aber auch nie den großen Drang verspĂŒrt, nach einer Ursache dafĂŒr zu suchen.
Auf jeden Fall hatte ich danach einen triftigen Grund, mich nun endgĂŒltig und offiziell von ihr zu verabschieden und bei der Gelegenheit meine liegengebliebenen Sachen aus ihrer Wohnung abzuholen.
Zwei Sachen parallel laufen lassen, das mache ich nie, denn dafĂŒr bin ich eine viel zu ehrliche Haut.

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Deminien
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schlicht und ehrlich

Ein interessanter Einblick, teilweise belustigend und doch sehr real. Einzig der Satz " ... Hand ist mit dem in einer Muschi ... " hÀtte angenehmer umschrieben werden können, das Wort "Muschi" fÀllt aus dem Rahmen.

Besonders gefÀllt mir das Ende, widerspricht den allgemeinen abwertenden Ansichten (deren Wahrheitsgehalt nicht belegt ist).

Wenn Frau das mÀnnliche verstehen will ist dieser Text wahrlich ein guter Einstieg.

best regards


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axel
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Hallo Deminien.

Vielen Dank fĂŒr deinen Kommentar, der mich sehr gefreut hat, da ich genau das zum Ausdruck bringen und zur Diskussion stellen wollte, was du dem Text bescheinigst.

Das Wort Muschi gehört fĂŒr mich nicht zu den BĂ€h-Worten wie „Fotze“ oder Ă€hnliches, aber das ist vielleicht Geschmackssache.

Und das Ende? Nun, sich Hals ĂŒber Kopf in „etwas Neues“ zu stĂŒrzen, um „das Alte“ ohne weitere BegrĂŒndung verlassen zu können, dafĂŒr gibt es nach meiner Wahrnehmung genug lebende Vorbilder.

Ich war einige Tage fernab der Reichweite eines Computers, werde gleich mal schauen, ob es auch von dir mittlerweile etwas „Eigenes“ zu lesen gibt.
Schöne GrĂŒĂŸe.
axel

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
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Hallo Axel,

sie hat mir recht gut gefallen - deine kleine Beziehungskiste. Den Satz: "Ein mieser Charakter ist auf Dauer schon ziemlich abstoßend, doch in einer hĂŒbschen HĂŒlle dauert es vielleicht eine ganze Zeit, bis man den ĂŒberhaupt mal bemerkt." werde ich mir einrahmen lassen.

Hier noch ein paar Anmerkungen:
Deine Protagonistin besitzt keinen Namen. Muß ja auch nicht sein. Dann lĂ€ĂŸt Du aber plötzlich eine Silvia auftauchen, von der man eigentlich außer einer von ihr getroffenen Aussage nichts erfĂ€hrt. Das paßt nach meiner Auffassung nicht ganz. Dann gib der Frau vor dem Spiegel auch einen Namen. Apropos Spiegel. Dort setzt die Handlung ein, aber das war es dann auch schon. Alles andere sind Gedanken und RĂŒckblicke. Der Schluß wĂŒrde mir besser gefallen, wenn Du (bevor Du das Weite suchst) noch einmal kurz zu der Spiegelszene zurĂŒck kehrst und sie (verbunden mit den Gedanken bzw. Triebfedern des Verlassens) allein lĂ€ĂŸt.
Na, hoffentlich habe ich mich hier einigermaßen verstĂ€ndlich ausgedrĂŒckt.

Gruß Ralph
__________________
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axel
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Hallo Ralph

Es ehrt mich natĂŒrlich sehr, wenn du dir einen von mir geschriebenen Satz einrahmen möchtest, aber hast du dir das wirklich gut ĂŒberlegt? Ich stelle mir gerade mal vor, du bekommst vielleicht Damenbesuch, und die Holde sieht diesen Satz ĂŒber deinem Sofa hĂ€ngen – was soll sie bloß denken?
„Will er mich damit vor sich selber warnen? Oder meint er mich? Soll ich das als Kompliment fĂŒr mein Aussehen auffassen? Macht er vielleicht Werbung fĂŒr Schönheitschirurgen?“
Auf jeden Fall könnte es fĂŒr einige Irritationen sorgen, fĂŒr die ich nicht die Verantwortung tragen möchte.

Die Namenlosigkeit der Kurzzeit-Beziehung im Gegensatz zu der alten Freundin Silvia ist durchaus bewusst so gewÀhlt, sie ist eben eine von ganz vielen, ihr Name vielleicht irgend wann völlig vergessen.

Viel Handlung ist nicht drin in der Geschichte, da hast du schon recht. Beim „Schmuddelhaus“ hattest du das ja auch schon moniert, da reift in mir so gaanz ganz langsam eine Idee fĂŒr eine neue Fassung des ersten Teils. Und bei diesem Text?
Da wĂŒrde ich (aus heutiger Sicht) sagen, dass das vielleicht nicht notwendig ist. Die Aufforderung zu einem Kompliment ist fĂŒr den Kerl der berĂŒhmte Tropfen zuviel, von daher ist ja schon eine gewisse RĂŒckkehr zur Ausgangssituation vorhanden. Den Spiegel dabei in irgend einer Form nochmal zu erwĂ€hnen, ist eine interessante Idee. Werde ich mal drĂŒber nachdenken.
Schöne GrĂŒĂŸe und einen guten Rutsch.
axel

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