Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
143 Gäste und 3 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Insel aus Stahl
Eingestellt am 05. 09. 2010 14:03


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Dr Time
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2010

Werke: 20
Kommentare: 85
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Dr Time eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Endlich in Rente. Endlich wieder in Deutschland. Endlich hatte Friedrich sein altes Leben hinter sich gelassen und auch jemanden kennengelernt.

Ruth war in seinem Alter. Die beiden trafen sich immer donnerstags am Kiosk beim Busbahnhof, weshalb sie diesen Ort auch immer ihre ÔÇ×Kuss-HaltestelleÔÇť nannten. Aber ├╝ber K├╝sse waren sie bisher nicht hinausgekommen. Nicht einmal umarmt hatten sie sich. Sie verhielten sich, als sei ein Date zwischen zwei mehr als erwachsenen Menschen ein verschweigenswertes Ereignis. Im Grunde war es Bl├Âdsinn, daraus ein Geheimnis zu machen. Weder Ruth, noch Friedrich schuldeten irgendwem Rechenschaft. Vielleicht aber springt man in diesem Alter auch nicht mehr verliebt durch bl├╝hende Kornfelder und macht verr├╝ckte Dinge. Friedrich machte zwar durchaus alles, wozu er gerade Lust hatte. Er legte nicht all zu viel Wert auf Konventionen, dazu war er zu lange aus Deutschland fort gewesen. Gerade heute erst hatte er sich eine Kappe gekauft und trug sie wie ein Hip-Hopper, auch wenn es nicht so recht zu seinem Vollbart passen wollte. Aber ob Ruth sein neuer Kopfschmuck gefallen w├╝rde? Gespannt wartete er, doch der Bus versp├Ątete sich wie immer. Um sich die Langeweile zu vertreiben, w├╝hlte Friedrich in einer M├╝lltonne nach etwas Lesbarem, doch die Zeitschrift, die er fand, war bereits drei Wochen alt. Fast h├Ątte er sie gleich wieder weggeworfen, aber dann erblickte er eine kleine Nachrichtenmeldung und dar├╝ber dieses Foto. Es zeigte seine alte Arbeitsstelle.

Die Insel aus Stahl.

20 Jahre lang hatte er dort f├╝r eine Horde hartgesottener M├Ąnner gekocht, die ihm mit ├Âlverschmierten Fingern hungrig ihre Teller entgegenhielten. Nie w├╝rde er sie vergessen ÔÇô all die bartstoppeligen Gesichter, die gezeichnet waren vom rauen, salzigen Seewind drau├čen auf der Plattform. Jeder dieser Burschen h├Ątte m├╝helos die Hauptrolle in der Verfilmung des R├╝bezahls bekommen. Aber stets hatten sie ihn angel├Ąchelt, obwohl er nie viel Besseres zustande gebracht hatte, als angebrannte Specksuppe. Damals hatte sein Leben einen strengen Rhythmus: Die Schicht auf der Plattform dauerte 14 Tage. Also 14 Tage Kochen und Koje, Kakerlaken und kanadisches Fernsehen. Dann hatte er drei Wochen lang Feierabend. Viel zu kurz um seine Frau in Deutschland zu besuchen. Aber zu lang f├╝r Liebesschw├╝re am Telefon. Die Beziehung ging schnell in die Br├╝che und danach hatte er beschlossen f├╝r immer in Kanada zu bleiben.

Nun aber war Friedrich doch zur├╝ckgekehrt. Er starrte auf das Bild in der Zeitung und f├╝r einen Moment sp├╝rte er f├Ârmlich wieder diesen Geruch. Wie eine Mischung aus Metall und ├ľl. Vielleicht aber war es auch nur der Dieselgestank des Busses, der soeben gehalten hatte. Ein bei├čender, tr├Ąnentreibender Gestank und als Ruth aus dem Bus stieg, sah sie Friedrichs feuchte Augen. Er las ihr vor, was dort in der Zeitung stand:

ÔÇ×Hubschrauberabsturz vor ├ľlplattform ÔÇô 11 Arbeiter kommen ums Leben.ÔÇť

Ruth zog ihn z├Ąrtlich an sich. Sehr lange noch standen sie so da, ehe sie Arm in Arm davon gingen.





__________________
"der erste Entwurf ist immer schei├če"
Ernest Hemmingway

Version vom 05. 09. 2010 14:03
Version vom 08. 09. 2010 20:37

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


KaGeb
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Dr Time,

sehr sch├Âne Geschichte!
Um das Ende noch kontrastreicher wirken zu lassen, k├Ânntest Du (meiner Meinung nach) ihn sich doch auf der Plattform in Ruth verlieben lassen, und aus diesem Grund geht er dann zur├╝ck nach Hause. Dann h├Ątte die Liebe zu Ruth im letztendlich das Leben gerettet. (Kann nat├╝rlich sein dass das dann zu schw├╝lstig wird - XD )

Kleinere Ideen:

Vielleicht aber springt man in diesem Alter auch nicht mehr wie verliebt durch bl├╝hende Kornfelder und erlaubt sich macht verr├╝ckte Dinge.
"wie" w├Ąre ja nicht ganz richtig, weil sie ja verliebt sind. Die m├╝ssen also nicht "wie" verliebt tun.
Und das "erlaubt sich" fand ich pers├Ânlich bissel gestelzt.


... Jahre lang hatte er dort f├╝r eine Horde hartgesottener M├Ąnner gekocht, die ihm mit ├Âlverschmierten Fingern hungrig ihre Teller entgegenhielten.
"hartgesottener" und "hungrig" ergibt sich ergo direkt aus dem Textzusammenhang.

quote:
Die Schicht auf der Plattform dauerte 14 Tage. Also 14 Tage Kochen und Koje, Kakerlaken und kanadisches Fernsehen. Dann hatte er drei Wochen lang Feierabend.

Vielleicht ginge auch:
Die Schicht auf der Plattform dauerte 14 Tage Kochen, Koje, Kakerlaken und kanadisches Fernsehen, dann hatte er drei Wochen lang Feierabend.

quote:
Seine Erinnerungen lie├čen ihm einen Hauch von salzig ├Âliger Luft in die Nase steigen. Dieser vermischte sich mit dem Dieselgestank des Busses, der soeben gehalten hatte. Ein bei├čender, tr├Ąnentreibender Gestank.

Die Formulierung des 1. Satzes find ich nicht so besonders: Seine Erinnerungen lie├čen ihm ... in die Nase steigen.
Hier f├Ąnde ich es besser, wenn du nicht beschreibst, was passiert, sondern es lieber direkt passieren l├Ąsst wie zum Beispiel:

Er roch f├Ârmlich die salzige Meeresluft, bis der Bus neben ihm hielt und der Dieselgestank das D├ęj├á-vu verpestete (oder so ├Ąhnlich)

Auf jeden Fall sehr gern gelesen,

LG, Karsten

Bearbeiten/Löschen    


Dr Time
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2010

Werke: 20
Kommentare: 85
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Dr Time eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Karsten,

Oh ja, da hattest du mit einigen Dingen Recht. Hier und da habe ich es so gelassen. Zum Beispiel das mit der hungrigen Horde hartgesottener M├Ąnner. Ich habe ein Faible f├╝r solche Alliterationen. (Sorry, aber vielleicht hab ich zu viel C.Funke gelesen.)

Aber das am Schluss hab ich dann nach langem hin und her drehen der Worte mal etwas anders gemacht und bin nun zufriedener. Mir ist n├Ąmlich auch aufgefallen, dass es beim schnellen Lesen so schien, als w├╝rde es zu stinken anfangen, weil Ruth aus dem Buss steigt.

Auch das mit dem nicht verliebten Spring-ins-Feld, bei gleichzeitigem Verliebtsein hast du zurecht bem├Ąngelt.

Also Danke f├╝r die Kritik und sch├Âne Restwoche.

Stephan
__________________
"der erste Entwurf ist immer schei├če"
Ernest Hemmingway

Bearbeiten/Löschen    


3 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!