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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Internationale Meldungen
Eingestellt am 03. 12. 2011 17:48


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Dani im Sommer
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2011

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Internationale Meldungen
(Erstes Kapitel meines Romans "Der schwebende Frieden")

„Washington, 27. April. Das Weiße Haus teilt in Besorgnis mit, der PrĂ€sident der Vereinigten Staaten von Amerika ist heute Morgen gegen 9.15 Uhr bei einem kurzen Erholungsspaziergang im Park des Weißen Hauses verschwunden. NĂ€here Angaben zum Geschehen werden nicht gemacht. Obwohl sich einer der Sicherheitsbeamten in der unmittelbaren NĂ€he des PrĂ€sidenten aufhielt, hatte dieser nichts bemerkt. Der Stabschef des Weißen Hauses nahm sofortige Verbindung mit dem VizeprĂ€sidenten der Vereinigten Staaten auf. Eine Tagung des nationalen Sicherheitsrates wurde einberufen. Alle staatlichen Organe – sowohl Bundesorgane als auch die Organe der Bundesstaaten – sowie weltweit im Ausland wurden mit entsprechenden Maßnahmen zur Suche des PrĂ€sidenten beauftragt. Der VizeprĂ€sident leitet das koordinierte Vorgehen.“
Auf aller Welt wurden die Dienststellen der CIA in Alarmbereitschaft versetzt, die Bundespolizei FBI setzt ihre fĂ€higsten Agenten in Bewegung, zwar wurden viele hintergrĂŒndige Informationen ĂŒber das Leben des PrĂ€sidenten zusammengetragen, auch Informationen die bisher nicht oder nur unterschwellig bekannt waren. Doch letztlich fĂŒhrte auch nach einer Woche nichts auf eine Spur des PrĂ€sidenten. Sogar die verrĂŒckte Idee, der PrĂ€sident könnte auf die Internationale Raumstation entfĂŒhrt worden sein wurde nicht ausgelassen. Die Boulevardzeitungen spekulierten ĂŒber Außerirdische, wurden aber von kompetenten Wissenschaftlern nicht unterstĂŒtzt.
Nach einer Woche also versammelte der VizeprĂ€sident nunmehr die Minister, den Sicherheitsrat, die Leiter der verschiedensten Dienststellen und die fĂŒhrenden Vertreter seiner Partei im Ovaloffice.
Der VizeprĂ€sident stand seitlich hinter dem großen Schreibtisch des PrĂ€sidenten neben dessen Stuhl. Darauf zu sitzen, vermochte er nicht zu wollen. Da er sich mit beiden HĂ€nden auf dem Tisch abstĂŒtzte, musste er sich etwas nach vorn beugen. Die HĂ€nde hatte er zu FĂ€usten geballt, die Knöchel der Finger mussten wohl das ganze Gewicht des hageren, sehr lang aufgeschossenen Mannes abfangen. Die Augen wirkten ĂŒbermĂŒdet und fanden keinen festen Blick. Seine ausstrahlende Unruhe stand im Gegensatz zu seinem tadellos sitzenden Anzug mit einer ebenso geordneten Fliege am Hemdkragen.
Nach einigen einfĂŒhrenden Worten ĂŒber die Situation ließ der VizeprĂ€sident die einzelnen Dienste zu ihren Berichten kommen. Zwischenfragen wurden gestellt, gleich beantwortet. Kreuz und quer gingen die Worte hin und her. Jeder meinte, etwas sagen zu mĂŒssen. Die Diskussion entglitt langsam aber sicher der FĂŒhrung durch den nunmehr amtierenden höchsten ReprĂ€sentanten des Staates.
Das chaotische Wortdurcheinander ließ den VizeprĂ€sidenten mal dahin, mal dorthin horchen, ohne irgendwelche ZusammenhĂ€nge zu begreifen. Er begriff nicht einmal einzelne Worte: „Drogen“, „Gewissen“, „Wahlen“ „EntfĂŒhrung“, „Hosen voll haben“, „Geliebte“, „Feigling“.
Erst das Wort „Feigling“ ließ ihn aufhorchen. Mit sich ĂŒberschlagender Stimme schrie er in den Raum: „Unser PrĂ€sident ist kein Feigling“. Er schrie dies ohnmĂ€chtig, wahrscheinlich, weil er gar nicht wusste, worauf sich dieses Wort bezog. Denn in Wirklichkeit hatte einer der Parteioberen ihn, den VizeprĂ€sidenten mit diesem Wort tituliert, leise zwar, hin-ter vorgehaltener Hand, aber dennoch hörbar. Jeder im Raum fĂŒhlte sich nun aber genötigt, beschwichtigend hervorzuheben, nein, der PrĂ€sident sei wirklich kein Feigling.
Nach einer Pause, in der man eine Stecknadel fallen hĂ€tte hören können, meinte der SenatsprĂ€sident: „Das Land braucht eine FĂŒhrung. Das sind wir dem amerikanischen Volk schuldig. Und die Welt erwartet das von uns. Mister VizeprĂ€sident, Sie sollten die PrĂ€sidentschaft heute, hier, in dieser Stunde ĂŒbernehmen.“ Mit einer Pause wollte er diese Worte auf die Anwesenden wirken lassen und beobachtete dabei mit ausdruckslosem Gesicht den noch amtierenden VizeprĂ€sidenten. Der hatte sich hoch aufgerichtet und ruderte mit den Armen, als triebe er im tiefen Wasser nach dem Untergang eines Bootes, hĂ€tte keinen Boden unter den FĂŒĂŸen, litt unter Atem-not und könne zudem auch nicht schwimmen. Mit einem Male beruhigte sich der VizeprĂ€sident und sagte mit noch belegter Stimme: „Meine Damen und Herren. Der PrĂ€sident lebt, solange er lebt, bleibt er im Amt. Ich habe laut amerikanischer Verfassung nicht das Recht, dieses höchste Amt zu ĂŒbernehmen. Oder was sagen die Rechtsexperten?“
Wie nebenbei warf der Stabschef in die Runde: „Die Rechtsfrage haben wir doch lĂ€ngst geklĂ€rt. Wir könnten den PrĂ€sidenten nach einer gewissen Karenzzeit fĂŒr Tod erklĂ€ren lassen.“ Doch der VizeprĂ€sident wollte sich noch auf keine weitere Diskussion zu diesem Thema einlassen, denn innerlich fĂŒhlte er sich der Situation nicht gewachsen. Er wollte viel lieber auf Zeit spielen. Das hatte er von seinem Chef gelernt. Zumal die weiteren Ereignisse der Diskussion auch keine Zeit ließen, denn der SekretĂ€r des Ovaloffice war leise in den Raum getreten und flĂŒsterte dem VizeprĂ€sidenten einige Worte ins Ohr, worauf dieser sich unglĂ€ubig umsah und ratlos mit den Schultern zuckte.
Zur selben Zeit liefen nĂ€mlich ĂŒber die Nachrichtenticker der Welt folgende Zeilen:
„London, 4. Mai. Ihre MajestĂ€t die Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland ließ durch ihren Pressesprecher mitteilen, dass der Premierminister ihrer Regierung am heutigen Vormittag auf dem Wege von der Downingstr. in das Finanzministerium auf unerklĂ€rliche Weise verschwunden ist. Ihre MajestĂ€t, die Königin, beauftragte den Finanzminister mit der Leitung der breit angelegten Suchaktion des Premierministers und den Außenminister, sich mit entsprechenden Regierungsstellen der USA in Verbindung zu setzen, um eventuelle Gemeinsamkeiten mit dem Verschwinden des seit einer Woche nicht mehr aufgetauchten US-
PrĂ€sidenten zu ermitteln. Scottland Yard, MI 5, das Justizministerium und weitere Organe des vereinigten Königreichs nahmen weltweit ErmittlungstĂ€tigkeiten auf.“
Der VizeprĂ€sident verließ ohne weiter Worte nach dieser Meldung das Ovaloffice und zog sich in seine PrivatrĂ€ume zurĂŒck. LĂ€hmung schien sein Handeln und sein Denken zu prĂ€gen. Bis er an sein Spezialtelefon gerufen wurde. Der Finanzminister des Vereinigten Königreichs fĂŒhrte ein kurzes TelefongesprĂ€ch mit dem VizeprĂ€sidenten, um Koordinierungsmöglichkeiten in Gang zu setzen, und der LĂ€hmung eine Ende zu bereiten.
Anderswo auf dieser Erde, nicht nur in den Vereinigten Staaten, regten sich dagegen Geister, diskutierten, organisierten und handelten.
Pierre, ein Ă€lterer rundlicher Herr mit einem breitkrempigen Strohhut auf dem Kopfe, ging schnellen Schrittes eine Gasse zwischen den engen, niedrigen, fast fensterlosen HĂ€usern und den Mauern der Höfe hinunter. Er hatte den Hut in den Nacken geschoben, denn er befĂŒrchtete die steil von hinten stechende Sonne wĂŒrde ihm den Nacken verbrennen. Die Gasse war ihm wohl bekannt, denn er legte sie manchmal am Tage mehrmals von seinem Haus am Stadtrand zum Markt in der Unterstadt und zu alten Bekannten zurĂŒck. Vor vielen Jahren, als er vom Dorfe in diese Stadt kam, hatte er sich in dem Gewirr der vielen Gassen und GĂ€sschen kaum zurechtfinden können. Erst nach vielen Umwegen fand er den kĂŒrzesten Weg in dieser sich vielfach nach rechts und links windenden, von vielen schmaleren und breiteren DurchgĂ€ngen gekreuzten Gasse. Nun aber kannte er fast jeden Stein am Wege auswendig. An einigen Stellen musste er vorsichtig von Stein zu Stein balancieren, um nicht im Schlamm von AbwĂ€ssern auszurutschen, die sich der Gasse folgend in die Tiefe zum Fluss hin schlĂ€ngelten. Hinter den Mauern ertönte Radiogedudel, Kindergeschrei, energische Frauenstimmen riefen zu Ordnung oder drohten mit Maßnahmen.
Nunmehr ging er an geschĂ€ftigem Treiben vorbei. Ein HĂ€ndler neben dem anderen bot seine Waren feil, Hausrat, Kleidung, GemĂŒse und Obst auf der einen Seite, Elektroniund Elektrik auf der anderen Seite. Dazwischen vielfach Nudeln, Brote und Konserven. Kunsthandwerker zeigten ArmbĂ€nder, Ketten, Ringe, Skulpturen aus Gips und Kunststoffen, Imitationen weltbekannter Exponate des stĂ€dtischen Museums in allen GrĂ¶ĂŸen, Möbel standen herum, vor allem kleine SchrĂ€nkchen, Hocker, StĂŒhle und Tischchen, daneben waren Spiegel, Lampen und Mosaike verwirrend durcheinander gestellt, bunte Teppiche priesen Wohlstand, Traditionen und Meisterschaft an. Wein in Flaschen und KrĂŒgen wurde dargeboten. Es roch einladend nach Gebratenem und Gebackenem.
Pierre jedoch zeigte an alledem kein Interesse und ging schnell an allem vorĂŒber, bog an einer Ecke in eine ruhige, noch schmalere Gasse ein und betrat schließlich einen Hof durch ein weit geöffnetes Tor. Nur ein Baum mit dĂŒrrem GeĂ€st und schmalen, lĂ€nglichen BlĂ€ttern spendete auf dem Hof einen gegen die Sonnenhitze kaum wirksam Schatten. Ein junger Mann stand an der Ecke einer kleinen HĂŒtte gegenĂŒber dem neuen Wohnhaus und besserte mit einigen Ziegeln und Mörtel die fast zerfallenen Ecke der HĂŒtte aus. Pierre winkte dem jungen Mann zu und rief: „Hallo AndrĂš, hast du schon die neuste Meldung gehört?“ AndrĂš blickte kurz auf, wandte sich sofort wieder seinem Handwerk zu und erwiderte gemĂ€chlich, ganz im Gegensatz zur aufgeregten Stimme Pierres, dabei: „GrĂŒĂŸ dich, Pierre, du bist ja ganz außer Atem, kommt setzt dich erst einmal und hole Luft.“
Pierre ließ sich auf einer kleinen Bank im Schatten des nur einstöckigen Wohnhauses nieder und gab gleich in kurzen aber klaren SĂ€tzen, die aber durch schnelles Luftholen immer wieder unterbrochen wurden, die jĂŒngste Meldung ĂŒber das Verschwinden des britischen Premiers wider. „Wer könnte nur dahinter stecken? Du kannst sagen, was du willst, aber ich glaube, das ist wieder einmal das Werk der CIA.“ Waren seine abschließenden Worte. AndrĂš hatte bis dahin gleichmĂŒtig zugehört und dabei weiter gemauert, doch nun richtete er sich auf: „Kann sein, oder kann nicht sein. Oder ein Terrornetzwerk, oder jemand andres. Es gibt so einige weltweite Organisationen, denen das zuzutrauen wĂ€re. Ich werde mich nachher in Internet umhorchen, denn nun scheint es doch anders zu laufen, als wir beim Ami-PrĂ€sidenten dachten.“ Pierre meinte noch: „Sei vorsichtig im Internet, du weißt, man hört mit“, bevor Shila, AndrĂšs Frau und Pierres Tochter, auf den Hof kam, Pierre freundlich begrĂŒĂŸte und beide ins Haus zum Tee einlud. Dieser betrachtete seine Tochter mit lĂ€chelndem Stolz, denn ihr sah man ihre Schwangerschaft an, gleichwohl sie noch Wochen bis zur Entbindung Zeit hatte. „Wie geht es dir? Ich hoffe, du fĂŒhlst dich wohl, mein Kind?“ Shila lachte: „Klar, wir beide“, dabei legte sie ihre rechte Hand auf ihren sanft rundlichen Bauch, „sind munter, besonders das Kleine hier. Aber jetzt gibt’s erst einmal Tee und gefĂŒllte Kekse.“
Die GesprÀche beim Tee drehten sich um das erwartete Kindchen, um Gesundheit und immer wieder um diese Meldungen der verschwundenen Politiker.
In einer anderen Stadt, viele tausend Kilometer entfernt, wurde auch ein Tee getrunken, heißer Tee vor einem summenden Samowar, stehend an einem wackligen, krĂŒmelbedeckten Tisch. In Moskau ĂŒberschritt der bisher wĂ€rmste Tag des Jahres langsam seinen Höhepunkt. Die Sonne verschwand bereits hinter den hohen HĂ€usern am Rande des großen Marktes. Der LĂ€rm des Verkehrs auf den ĂŒberfĂŒllten Straßen, Motorenkrach gemischt mit dem Quietschen der Straßenbahnen und dem Hupen der Autos, drang fast ungemindert zwischen die MarktstĂ€nde. Igor, ein Mann Ende FĂŒnfzig, genoss diesen letzten Tee in der Hauptstadt, er wĂŒrde heute Abend noch in seine Heimat, einem StĂ€dtchen im fernen SĂŒden, fliegen. Das Marktgeschehen war in den letzten Minuten abgeflaut, langsam nĂ€herte sich der Feierabend, als plötzlich an einigen StĂ€nden in nicht allzu großer Entfernung ein Tumult ausbrach. Igor war neugierig, wie viele andere Leute auch, was wohl geschehen war. Jemand drehte die Lautsprecher eines Radios hoch.
Eine dröhnende Stimme, allseits bekannt als Nachrichtensprecher, verkĂŒndete wiederholt die dem Leser bereits bekannte Meldung des britischen Königshauses. Genau darauf bezog sich wohl auch der entstandene Tumult: „Oh, mein Gott, wohin soll das noch fĂŒhren. Das ist der Anfang vom Ende.“ „Das sollte bei uns passieren.“ „WĂ€re nicht schlecht.“ „Na hallo, dann kĂ€me zu dem alltĂ€glichen Chaos noch ein weiteres hinzu.“ „Was das wohl alles bedeuten soll, da sieht keiner mehr durch.“ „Jawohl, weg mit den Hunden, ob hier oder dort.“ „Aber uns kleine Leute fragt ja niemand.“
Igor schĂŒttelte den Kopf, als er das hörte, nicht weil er es unangebracht oder gar falsch hielte, was so an Kommentaren abgegeben wurde, nein, weil er es immer noch nicht verstand, auch nach so vielen Jahren nicht, wohin sein Land gekommen, in welches tiefe Loch es gefallen war. Wo war all der Stolz geblieben, mit dem er in seiner Jugendzeit die Welt hĂ€tte verĂ€ndern wollen. Fast könnte er depressiv werden, wenn er an die Vergangenheit dachte. Ja, frĂŒher war er gern in die Hauptstadt gekommen, das quirlige Leben, das Neue, dem er hier stets begegnete, die Menschen vieler Kulturen des Landes, all das faszinierte ihn. Obwohl auch jetzt Vieles zusammenkam, Gutes und Schlechtes, wie ehedem, war es doch anders geworden. Unfreundlich waren die Leute nun, hektisch, man konnte sich kaum noch mit ihnen unterhalten. Und das Elend, das man auf den Straßen, vor den Metrostationen und in den Parks sah, schockierte ihn oft, obwohl es nicht neu fĂŒr ihn war, er hatte es selbst erlebt, Jahre seines schlechten Lebens im Labyrinth des Irrsinns. Doch was Ă€nderten die Meldungen aus Amerika und England daran. Klar, die Leute haben etwas zu reden, sie können ihren Unmut irgendwo, nur nicht bei ihnen selbst, abladen. Anderswo sind die Politiker nicht besser als bei uns, korrupt und anmaßend, aber sie verstecken es besser. So dachte er, bis er sich schließlich von seinem Tee löste. Der Tumult auf dem Markt hatte sich gelegt, die Leute mit der Zeit verlaufen. Er musste nach Hause. Es war Zeit geworden.
Igor hatte auf dem Markt vor allem GemĂŒse und Brot fĂŒr zuhause eingekauft, fuhr jetzt endlich mit Metro und Bus zum Flugplatz. Voll war es in der Metro, eng standen die Menschen beieinander gedrĂ€ngt. Trotz der Beengtheit hatten einige Leu-te Zeitungen in der Hand und versuchten mit hoher Geschick-lichkeit die neuen Meldungen zu lesen. GesprĂ€che darĂŒber gab es kaum, denn der FahrtlĂ€rm war zu stark. Im Bus dann fand er sogar einen Sitzplatz. Er kĂŒmmerte sich nicht um die Leute, nur der penetrante Geruch von Fisch, den irgendjemand in seiner Tasche trug, war unangenehm. Igor sah gedankenlos aus dem Fenster. Er checkte sich schließlich fĂŒr seinen Heimatflughafen ein. Überall auf den Monitoren, auch auf dem Flugplatz, in den Abendzeitungen und in den Radiosendungen, die von hier und dort auf ihn einprasselten, war das Konterfei des britischen Premiers zu sehen, seine letzten Worte zu vernehmen oder irgendwelche Stimmungen und Meinungen der Leute auf der Straße oder von UniversitĂ€tsprofessoren widergegeben. So, wie in Moskau jene Stunden, oder Ă€hnlich oder ganz anders, verlief der Tag wohl auf der ganzen Welt.
Hatte das Verschwinden des US-amerikanischen PrĂ€sidenten vor einer Woche ein weltweites RĂ€tselraten und eine breite Verbundenheit der meisten Regierungen der Erde mit den USA ausgelöst, verfielen die Politiker und große Teile der Bevölkerung nunmehr in ein tiefes Entsetzen, das nicht nur das politische Leben lĂ€hmte. Jeder, der auch nur ein wenig ĂŒber seinen Dorf- oder Stadtrand hinaus sah, wusste, dass Großbritannien der stĂ€rkste VerbĂŒndete der USA in ihrer Weltpolitik war. Wo also waren diese beiden wichtigsten MĂ€nner der Gegenwart? Immer öfter wurde die Vermutung der Urheberschaft einer weltweit agierenden Terrororganisation laut.
Am Abend jenes Tages saßen AndrĂš und Shila an ihrem PC und tauschten Meinungen mit ihren Chatpartnern per Internet aus. Kreuz und quer flogen die Meinungen um die Welt, kreuz und quer waren auch die Vermutungen ĂŒber Schicksal der beiden MĂ€nner und ĂŒber die Absichten, die hinter dem Geschehen stecken konnten. Ob die beiden noch lebten? Bestimmt, mit den Leichen hĂ€tten sich bestimmt die EntfĂŒhrer gebrĂŒstet. Aber warum werden die beiden nicht im Fernsehen vorgefĂŒhrt? Wo bleiben irgendwelche Forderungen, wie es bei EntfĂŒhrungen ĂŒblich sei? Doch welchen Sinn habe die EntfĂŒhrung, die Amis oder die NATO wĂŒrden ihre Kriege höchsten verstĂ€rken, als einstellen. WĂŒrde es neue Kriege und brutalere geben? Aber vielleicht sei das auch die Absicht, dann könnte es tatsĂ€chlich die CIA sein, die hinter diesem Verschwinden stecken könnte. So also ging es hin und her mit den Vermutungen, nicht nur in den Chats von AndrĂš und Shila mit ihren GesprĂ€chspartnern in nahen und entfernten Teilen der Welt. Auch völlig unbekannte Menschen teilten sich derart mit.
Fast ĂŒberall, wo sich in diesen Tagen Leute im Internet trafen, wurde Ă€hnliches geĂ€ußert, spekuliert und diskutiert. Doch niemand wusste etwas Genaues. So saß auch ein John nach Dienstschluss noch im BĂŒro an seinem Computer und verfolgte eifrig die Diskussionen in sehr unterschiedlichen Chatrooms mit Menschen sehr verschiedenen Erfahrungen, Lebensauffassungen und Ideen. John war fern seiner Heimat auf einem StĂŒtzpunkt seines Landes zuhause. Ja, inzwischen war dies sein zuhause, obwohl er infolge seiner schweren Verletzung lĂ€ngst ausgemustert hĂ€tte sein sollen. Seine Eltern, sein Vaterhaus, seine Schule, sein MĂ€dchen, alles war fern, fast unwirklich, nur Vergangenheit. Deshalb klammerte er sich in seinem Rollstuhl mit eiserner Hand an dieses Zuhause und wurde demnach geduldet und mit der Zeit sogar geschĂ€tzt ob seiner vielen kleinen Handreichungen, die er im alltĂ€glichen Ablauf seines StĂŒtzpunktes leisten konnte.
John also las mit grĂ¶ĂŸter Aufmerksamkeit, einerseits die offiziellen Meldungen, andererseits auch was ihm an Meinungen, Berichten, sehr persönlichen Äußerungen und Vorstellungen entgegen kam. Nur selten schaltete er sich in die Diskussion ein, dann auch nur mit kurzen, sehr kurzen und wohl-ĂŒberlegten Worten, da er besser mit seinem gesunden Kopf denken als mit der Prothese tippen konnte. Er konnte die Euphorie einiger Leute im Chat ĂŒber ein Ende der amerikanischen und britischen Kriege in verschiedenen Teilen der Welt einfach nicht teilen. Als er auf seinem Monitor las: „Jetzt werden endlich die Amerikaner begreifen, dass Kriege nichts bringen außer Tod fĂŒr die einen und Profit fĂŒr die anderen“, schrieb er nur: „Ein PrĂ€sident geht, der nĂ€chste wird kommen und weitermachen. Die Generale bleiben. Und die Leute regen sich noch nicht.“ „Mh“, war die Antwort von jedermann, „viel-leicht hast du recht.“ Andere Leute schalteten sich ein: „FĂŒr den großen Frieden muss wahrscheinlich noch viel mehr passieren.“ „Was denn nur?“, fragte ein NĂ€chster. Außer einigen großen Worten: „Einsperren mĂŒsste man die alle, bei Wasser und Brot, alle, die Kriege machen“, wurde nur Ratlosigkeit sichtbar.
Bei diesem Wort „einsperren“ lĂ€chelte John, ohne dass dies jemand bemerken konnte, denn er war allein im BĂŒro und hatte auch keine Webcam installiert, dennoch nickte er mit dem Kopf ein wenig.
Inzwischen waren schon einige Monate seit seiner sehr schweren Verletzung wĂ€hrend eines Raketenangriffs des Gegners auf einen Truppentransport seiner Einheit im fremden Land vergangen. Im Lazarett hatte man ihn schon fast aufgegeben, denn er lag im Koma, doch im MilitĂ€rhospital pflegte man ihn wieder zu Bewusstsein. Die Entstellungen im Gesicht und an den Armen, durch hochgradige Verbrennungen bewirkt, blieben ihm wohl sein Leben lang, ebenso die QuerschnittslĂ€hmung, die ihn an den Rollstuhl fesselte. Aber immerhin hatte er fĂŒr die zertrĂŒmmerte Hand eine funktionierende Prothese bekommen, die er mit viel Energie und eisernem Willen zu einer gewissen Fingerfertigkeit trainiert hatte, womit er nicht nur die Tastatur des PC bedienen konnte. So blieb er also bei der Army, die er zuvor wegen ihres Fluidums und der Klarheit ihrer Formen liebte, nun aber wenigstens bei ihr sein Auskommen fand. In der Heimat wĂ€re er nur bemitleideter KrĂŒppel, alles wĂ€re fremd, er selbst wĂ€re ein Fremder, jedermann im Wege, und sich auch.
So hatte er sich also mit viel inneren KĂ€mpfen nicht nur rĂ€umlich, sondern auch seelisch von seiner Freundin in der Heimat getrennt. Nur selten, wenn er in einsamen NĂ€chten vor Schmerzen kaum schlafen konnte, dachte er an sein MĂ€dchen. Vielleicht war sie lĂ€ngst verheiratet und hatte liebreizende Kinder. Gerade deshalb hatte er sich mit Leidenschaft, die fast schon an Fanatismus grenzte, der Computertechnik, vor allem aber der Programmierung hier im militĂ€rischen Bereich verschrieben. Obwohl ihm inzwischen alles MilitĂ€rische zuwider war. Er fĂŒhlte sich eigentlich als Zivilist. Mit der Verwundung hat er sein militĂ€risches FĂŒhlen und Verhalten hinter sich gelassen und provozierte mit seinem zivilen Verhalten auch mal den einen oder anderen Offizier und Soldaten seiner Umgebung.
John fand bei der Army mit einer gewissen Dankbarkeit zwar sein Zuhause, gleichzeitig aber auch einen immer kritischeren Abstand zu ihrer Praxis. Es wuchs ein UnwohlgefĂŒhl bei ihm. In seinem Innern war er sogar oft wĂŒtend, ĂŒber das was er fĂŒr die Army tat. Schließlich empfand er sogar eine tiefe Befriedigung ĂŒber die weltweiten Meldungen zum Verschwinden des amerikanischen PrĂ€sidenten und des britischen Premiers. Deshalb auch hatte er im Chat bei dem Wort „einsperren“ gelĂ€chelt und fand bei der darauffolgenden neuen Verlustmeldung auch seine Genugtuung.
Denn, kaum hatte die erste Aufregung und Diskussionswelle ihren Höhepunkt erreicht, wurde eine neue Meldung laut: „Aus Jerusalem wird bekannt, wie aus israelischen Regierungskreisen verlautet, dass heute Morgen der palĂ€stinensische MinisterprĂ€sident aus unerklĂ€rlichen GrĂŒnden nicht zur Kabinettssitzung erschienen sein soll und im folgenden nicht mehr auffindbar sei. Soeben wird ebenfalls aus Jerusalem gemeldet, dass auch der israelische MinisterprĂ€sident auf Ă€hnliche Weise wie der US-PrĂ€sident und der britische Premier aus unbekannten GrĂŒnden verschwunden sei.“
Nun wurde das Feuer der Diskussion erneut entfacht. „Warum PalĂ€stinenser und Israeli gleichermaßen?“ „Das kann doch nicht sein, wer steht denn dahinter, die CIA bestimmt nicht. Und Al Qaida?“ „Nein, die auch wohl kaum. Die sind auf keinen Fall paritĂ€tisch.“ „Wenn man wenigstens irgendwelche Spuren finden wĂŒrde, oder ein Bekennerschreiben.“ „Erinnert ihr euch an den 11. September 2001, fĂŒr die AnschlĂ€ge gegen die Twin Towers in New York gab es lange Zeit auch kein Bekennerschreiben.“ So gingen erneut die Meinungen in In-ternet hin und her, umspannten die Welt wie ein engmaschiges Netz. Manch menschliche Gedanken waren darin gefangen und kreisten umher, aber Menschen mit ihren Handlungen nicht, erstrecht keine Generale oder FĂŒhrer.
„Berlin gibt bekannt, die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland ist auf Ă€hnliche Weise wie der US-PrĂ€sident und der britische Premier aus unbekannten GrĂŒnden verschwunden.“ Diese Meldung jedoch schlug nicht mehr wie eine Bombe ein, im Gegenteil, Gleichmut war eingezogen, man fragte nur: „Warum gerade die Deutsche? Sie hat doch nichts getan.“
Die internationale atmosphĂ€rische Spannung war indes dramatisch angewachsen und ließ ein Gewitter erwarten, das sich irgendwann diplomatisch, wenn nicht gar militĂ€risch, entladen musste. Um dem zuvorzukommen, vor allem aber, um die eigene Machtposition, erinnernd an alte Zeiten, zu verstĂ€rken, stellte sich der russische PrĂ€sident an die Spitze internationaler AktivitĂ€ten und schlug eine außerordentliche Tagung des UN-Sicherheitsrates vor. Politische Ratlosigkeit wurde Wesen dieser Tagung. Der UN-GeneralsekretĂ€r rief in einer dramatischen Rede die Politiker der Welt zu Besonnenheit auf: „Meine Damen und Herren PrĂ€sidenten und MinisterprĂ€sidenten, Exzellenzen, meine Damen und Herren Botschafter, was dieser Tage auf unserem Planeten geschieht, ist einmalig in der Geschichte. Nicht das Verschwinden von Menschen ist einmalig, nicht die EntfĂŒhrung von Politikern. Wir erinnern uns an den italienischen MinisterprĂ€sidenten, an den kongolesischen MinisterprĂ€sidenten vor vielen Jahrzehnten, wir erinnern uns an die EntfĂŒhrung des damaligen sowjetischen PrĂ€sidenten. Und wir wissen, dass all dies zu dramatischen Ereignissen in jenen LĂ€ndern fĂŒhrte. Jetzt dagegen scheint aus EinzelfĂ€llen, so schlimm sie auch damals gewesen seien mögen, ein weltweites System von EntfĂŒhrungen geworden sein. Und wir wissen nicht, wer dahinter steckt. Niemand von uns weiß es. Wir wissen auch nicht wohin es fĂŒhren wird. Gerade deshalb ist unsere und Ihre erste Pflicht den Völkern gegenĂŒber, Ruhe zu bewahren. Ich danke deshalb dem russischen PrĂ€sidenten fĂŒr seine Initiative, denn wir mĂŒssen uns erst einmal klar darĂŒber werden, was zu tun sei. Meine Damen und Herren, regen Sie ihre Regierungen und die Regierungen Ihrer jeweiligen VerbĂŒndeten dazu an, keine Aktionen gegen andere Staaten und gegen Organisationen anderswo zu unternehmen. Damit können wir am besten eine außerordentliche Vollversammlung der Vereinten Nationen vorbereiten, die in Übereinstimmung mit der UN-Charta zu einem Vertrag gegen-seitiger Toleranz und des Friedens fĂŒhren mĂŒsste. Handeln wir schnell und konsequent, ehe uns das Ruder der Weltentwicklung aus den HĂ€nden gleitet. Ehe andere die Initiative ergreifen, die statt des Wohls der Völker nur Hass und Egoismus sĂ€en wollen. Handeln wir jetzt und heute und hier.“
Die anschließende Diskussion schien zunĂ€chst von seltener EinmĂŒtigkeit gekennzeichnet zu sein. Doch der Botschafter eines kleinen lateinamerikanischen Staates gab zu bedenken: „Drei Punkte mĂŒssen wir besprechen und lösen. Erstens. Nach wie vor bilden die großen internationalen MilitĂ€rbĂŒndnisse große Hindernisse auf dem Weg zu Toleranz und Frieden. Zweitens. Die Operationen von Geheimdiensten großer Staaten außerhalb deren Hoheitsgebiete und außerhalb bilateraler VertrĂ€ge sind ebenso fĂŒr Frieden und Toleranz schĂ€dlich. Jedes Land kann auf sich selbst aufpassen. Drittens. Ebenso gefĂ€hrlich sind die unkontrollierten AktivitĂ€ten großer Konzerne in vielen LĂ€ndern der Welt, die, wie bekannt, selbst schon die Rolle eigenmĂ€chtiger SouverĂ€ne ĂŒbernommen haben. Hier mĂŒssen wir eine gemeinschaftliche und wirkungsvolle Kontrolle organisieren.“
Welche der MÀchtigen hört schon auf die Vernunft der kleinen LÀnder?
So gute und eindrucksvolle Worte auf der Tagung des Sicherheitsrates auch gefunden wurden, viele Menschen zuckten nur mit den Schultern. Ihr Leben lief den gewohnten Gang. Auch dann noch, als kaum nach Beendigung der Tagung des UN-Sicherheitsrates die Meldung vom Verschwinden des russischen PrĂ€sidenten verbreitet wurde. Zwar wurden die unmittelbaren AnhĂ€nger des russischen PrĂ€sidenten nervös und suchten sich in der Presse wĂŒste Auseinandersetzungen mit den Gegnern, aber wen in den Weiten des russischen Landes berĂŒhrte das schon? Und weiter ging es in der Welt: Nationalistische BandenfĂŒhrer verschwanden ebenso, wie selbsternannte HeerfĂŒhrer. Ansonsten blieb alles beim Alten. War es eine Ruhe vor dem Sturm?
Ganz im Gegensatz dazu war bei den fĂŒhrenden Politikern der USA Hektik angesagt. Erneut hatte der VizeprĂ€sident der Vereinigten Staaten seine engsten Berater, Minister und hohe Sicherheitsbeamte ins Ovaloffice eingeladen. Auf dieser Beratung wirkte der VizeprĂ€sident sehr viel ruhiger und sachlicher. Er hatte allem Anschein nach seine Rolle gelernt und spielte sie nun auch in voller Absicht. Ob er ein talentierter Schauspieler war, sollte sich jedoch erst noch mit seiner Überzeugungskraft erweisen.
In seinen einleitenden Worten resĂŒmierte er die aktuelle Weltlage und die inneramerikanische Stimmung. Er habe aus allen Bereichen der Gesellschaft Briefe mit der Bitte bekommen, die FĂŒhrung des Landes auch offiziell und mit aller erforderlichen Macht zu ĂŒbernehmen. „Dennoch“, so hob er in Ehrerbietung hervor, „ist es zu frĂŒh, dem abwesenden und verschollenen, vom Volke gewĂ€hlten, PrĂ€sidenten zu gedenken. Wir sollten in allem, was wir tun, das GefĂŒhl haben, der PrĂ€sident wĂ€re unter uns, wĂ€re anwesend. Nur in dieser Dankbarkeit bin ich bereit, dieses Amt entsprechend der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika heute und jetzt zu ĂŒbernehmen.“ Hier nun entstand eine Pause völliger Ruhe, ja Bewegungslosigkeit im Ovaloffice. Was jedoch der Noch-VizeprĂ€sident in seiner Ansprache verschwiegen hatte, ob-wohl dies den meisten Anwesenden durchaus bekannt war, war die einfache Tatsache, dass in einer noch grĂ¶ĂŸeren Anzahl von Briefen, in zahlreichen Stellungnahmen vieler Organisationen, Vereine, Clubs, UniversitĂ€ten und sogar großer Unternehmen Neuwahlen fĂŒr das PrĂ€sidentenamt gefordert wurde. Er wusste sehr genau, ebenso sein SenatsprĂ€sident, eine Chance bei Neuwahlen hatte er kaum, zu sehr stand er in der Vergangenheit im Schatten des großen PrĂ€sidenten, hatte sich nicht durch ein eigenstĂ€ndiges „Bild“ seiner Politik bemerkbar machen können. Darum war ihm der Gedanke an Neuwahlen sehr suspekt.
Er schaute wĂ€hrend der kurzen Pause seiner Rede jedem einzelnen ins Gesicht mit einem eindringlichen Blick, fast wie dem eines Dompteurs in einer Tigerarena gleich. Dann fuhr er mit leiser Stimme fort, offensichtlich besaß er doch ein gehöriges Talent als Schauspieler: „Die Generale in den Einsatzgebieten unserer Soldaten im Ausland erwarten ein straffes Oberkommando, das in der Lage ist, die EinsĂ€tze zielgerichtet, mit ganzer Kraft und mit Erfolg zu Ende zu bringen. Die Außenpolitik unseres Landes und die VerbĂŒndeten in der NATO erhoffen ebenso eine starke FĂŒhrung zum Wohle unseres Landes und zur Sicherheit insbesondere Europas und im Nahen Osten. Ihre SchwĂ€che darf nicht unsre SchwĂ€che sein. Innenpolitisch wird die FortfĂŒhrung der Reformen erwartet, um die wirtschaftliche Entwicklung auf Erfolgskurs zu halten und die Freiheitsrechte der Amerikaner zu stĂ€rken. Unsere Demokratie hat alle erforderlichen KrĂ€fte. Wir schaffen es!“
Der SenatsprĂ€sident schmunzelte innerlich bei nach außen hin gleichgĂŒltiger Miene. Es sei gut, dass der VizeprĂ€sident nicht den Weg der UNO hin zu eigener Kraftlosigkeit einschlug, dachte er bei sich. Er wusste schon, dass der „neue“ PrĂ€sident seiner Spur folgen wĂŒrde, wie eine bereits vereinbarte, nicht offizielle Beratung mit einigen Generalen und RĂŒstungsexperten nach diesem GesprĂ€ch hier im Ovaloffice zeigen wĂŒrde. Um dieser Beratung einen nachhaltigen Charakter zu geben, mĂŒsste der VizeprĂ€sident als vereidigter PrĂ€sident höchste AutoritĂ€t besitzen. Der Oberste Richter der Vereinigten Staaten war schon bestellt. Am Ende dieses Treffens im Ovaloffice des Weißen Hauses war ein neuer PrĂ€sident geschaffen. Die Filmberichte ĂŒber die Vereidigung und anschließenden kurzen Worten des PrĂ€sidenten der USA gingen in Eilmeldungen um die Welt. Mit diesen Ereignissen in Washington schien endlich die Krise der Politik, wenigstens in AnfĂ€ngen und in der Einbildung der Politiker, ĂŒberwunden worden zu sein.
Von der sofortigen Beratung des PrĂ€sidenten mit den fĂŒhrenden Generalen und Vertretern der RĂŒstungs- und Energiewirtschaft wurde nichts verlautet. Dennoch blieb diese Zusammenkunft nicht lange geheim, wie auch sollte so etwas in Zeiten des Worldwide Web der Öffentlichkeit verschwiegen bleiben. In MilitĂ€rkreisen wurde in den FĂŒhrungsstĂ€ben darĂŒber diskutiert. So gelangte auch John ziemlich schnell an die nötigen Informationen, die er bruchstĂŒckweise nach und nach in abendlichen Sitzungen im Internet weitergab: „Der neue PrĂ€sident macht alte Politik.“ „Er traf sich mit MilitĂ€rs, um den Einsatz neuer, modernster Waffensysteme zu besprechen und zu forcieren.“ „Damit könnten ganze Bergmassive samt Tierwelt und aller Menschen weggesprengt werden.“ Mit ihm trafen sich fast jeden Abend auch AndrĂš und Shila und viele andere Leute in den Chatrooms, um Informationen und Meinungen auszutauschen. In dem Maße, wie John seine SĂ€tze in den Chatrooms eingab, so wurden sie auch ĂŒber die ganze Welt verteilt und trafen sich in Presseschlagzeilen wider. Doch die Quellen blieben ungenannt. Es wurden immer mehr Fragen aufgeworfen, andere Fragen stetig wiederholt. Bei aller Vielfalt der geĂ€ußerten Theorien, die jede stets ein FĂŒr und Wider nach sich zog, verstĂ€rkte sich immer mehr die Idee, Außerirdische könnten weltweit am Werke sein. Praktischer hingegen waren die Fragen an die neue amerikanische Administration: Trug etwa der neue amerikanische PrĂ€sident eine gewisse Mitverantwortung fĂŒr die eingetretenen UmstĂ€nde? War das ein versteckter Putsch gegen den alten PrĂ€sidenten und gegen die Weltordnung? Konnte der Neue die Weltlage in den Griff bekommen und tatsĂ€chlich beruhigen?
Doch schon an den nĂ€chsten Tagen wurde jedermann die Verworrenheit der internationalen Lage erneut deutlich. Von einem Krisenmanagement konnte nunmehr keine Rede sein. Es ging Schlag auf Schlag. Fast tĂ€glich wurden Meldungen ĂŒber verschwundene MinisterprĂ€sidenten und Staatschefs verbreitet. Die Staatschefs und MinisterprĂ€sidenten mancher afrikanischer Staaten, Bandenchefs rivalisierender Gruppen, die seit Jahrzehnten in den Tiefen Afrikas BĂŒrgerkriege schĂŒrten, verschwanden von der weltpolitischen BĂŒhne ebenso, wie die asiatischer und auch einiger europĂ€ischer Staaten.
So dramatisch sich die ZustĂ€nde auch im politischen Leben entwickelte, fĂŒr die Bevölkerung war es zunĂ€chst eher eine akademisch anmutende Diskussion, vor allem in der internationalen Presse und in der Internetgemeinde, wenn man dieses Wort fĂŒr die losen Bindungen der Chatfreunde benutzen könnte.
FĂŒr eine gewisse Genugtuung sorgte schließlich die Mitteilung aus London, der britische Geheimdienst habe in einem Bericht an Londoner Regierungskreise die Vermutung geĂ€ußert, dass auch die FĂŒhrer weltweit operierender Terrororganisationen, insbesondere der Al Qaida, verschwunden seien. Auch die Taliban-Chefs aus Afghanistan waren mit hoher Gewissheit der Welt entrĂŒckt.
Doch zur Beruhigung der GemĂŒter auf dem Globus trug dies kaum bei. Bis eine Meldung am Abend des 13. Mai die Welt endgĂŒltig schockierte: „Washington, 13. Mai. Das Weiße Haus teilt in Betroffenheit mit, dass der neue PrĂ€sident der Vereinigten Staaten von Amerika am Abend Ortszeit auf Ă€hnliche Weise wie sein VorgĂ€nger verschwand. Auch hier fanden alle eingeleiteten Suchmaßnahmen kein Ergebnis. Inzwischen hat der SenatsprĂ€sident kommissarisch die Leitung der StaatsgeschĂ€fte bis zu den Neuwahlen ĂŒbernommen. Die Suche nach den beiden PrĂ€sidenten sowie die Mitwirkung bei der weltweiten Suche nach den PrĂ€sidenten und MinisterprĂ€sidenten der anderen LĂ€nder wird fortgesetzt.“

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DL

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Pola Lilith
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Eine gute Idee -

auch mit Humor gespickt; allerdings hat mich der Text zur Eile angetrieben, vielleicht wg. der etwas verwirrenden EinfĂŒhrung der Protagonisten (?).

Die Beschreibung der Politrunde, insb. des Vizeministers, war gut, fesselnd.

ErklĂ€rungen (z.B. des Kriegsveteranen) wĂŒrde ich sein lassen, diese können jetzt oder spĂ€ter in Handlungen umgesetzt werden.

In die Rubrik Kurzgeschichte passt es nicht.

GekĂŒrzt und etwas klarer - und dein Kapitel macht Lust auf ein zweites.

Lb.Gruß, Pola

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