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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Internet Affairs
Eingestellt am 26. 07. 2002 23:13


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Petit Chaperon rouge
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2002

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Internet Affairs

Das Herz zerklopft mir die Brust vor Angst. Es ist das erste Mal, dass ich dich sehen werde. Bisher kenne ich nur bruchst├╝ckhafte Worte von dir, unterbrochene Buchstabenfolgen, symbolisch verschl├╝sseltes Zwinkern und Lachen. Deine Stimme kenne ich auch. Dein jungenhaftes Lachen am Telefon, still, kaum wahrnehmbar, sch├╝chtern, als w├Ąrest du unsicher. Einmal konntest du gar nicht aufh├Âren, dabei war das, was ich gesagt hatte, gar nicht so lustig. Aber du lachtest in einem fort und es knackte so komisch in der Leitung. Alex, was lachst du so, fragte ich und du lachtest immer weiter. Es war mir unheimlich.

Nicht einmal ein Foto hast du mir geschickt, aus Angst, du k├Ânntest meinen Traum zerst├Âren. Du hattest nicht damit gerechnet, dass ich eines Tages pl├Âtzlich vor dir stehen w├╝rde und nun, nun ist er gekommen dieser Tag.

Mein dunkelrotes Haar habe ich zu einem Pferdeschwanz gebunden mit einem schwarzen Samtgummi. Meinen K├Ârper habe ich ausgehungert, um dich mit Bewunderung zu erf├╝llen. Knochig sind meine H├╝ften und mein Gesicht hat jetzt deutlich sichtbare Wangenknochen. Meine Kleidung ist schwarz, weil das deine Lieblingsfarbe ist. Hinter meinen Ohrl├Ąppchen schimmern duftende Tautropfen. Ich trage mit Absicht keinen BH, damit meine Brustspitzen dich provozieren, wenn ich auf dich zugehe. Das erste Mal. Alles habe ich inszeniert in unendlichen Gedankenspielen jeden Abend vor dem Einschlafen.

Der Zug h├Ąlt an und mein Herz h├╝pft als erstes auf den Bahnsteig. Es hat sich verselbst├Ąndigt und ich schiebe meinen angsttauben K├Ârper hinterher. Wo ist er nur mein Hochmut, wenn ich ihn brauche? Mit den Augen suche ich dein liebes Gesicht. Ich kenne es nicht, aber ich bin mir sicher, dass es lieb ist. Es kann gar nicht anders sein, denn ich weigere mich an die Inkongruenz von Traum und Realit├Ąt zu glauben.

Da sp├╝re ich etwas Warmes, Weiches auf meinen Augen. Es m├╝ssen deine H├Ąnde sein. Kuckuck, sagst du, Kuckuck. Und dann gibst du meinen Blick frei. Ich stehe vor dir, du bist so gro├č, bestimmt zwei K├Âpfe gr├Â├čer. Ich vergesse zu atmen, dein Gesicht ist so nah, ich kann danach greifen. Dein Atem verirrt sich in meinem Haar. Du l├Ąchelst verst├Ârt und ich merke, dass du jemand anders bist.

Verlegen laufen wir den Bahnsteig entlang, es zieht wie Hechtsuppe. Der Vergleich stammt von meinem Vater. Was hat er mit uns zu tun? Du schweigst, wie ein Grab und ich gebe einem Penner ein Geldst├╝ck, um handeln zu k├Ânnen. Der Penner l├Ąchelt zahnlos und spuckt aus. Ein gr├╝ngelblicher Rotzfleck landet neben einem benutzten Papiertaschentuch. Der Zug, mit dem ich gekommen bin, zieht weiter. Eine ungeahnte Fremdheit ummantelt mich kalt und ich fange an zu laufen. Immer schneller laufe ich, weg von dieser Szene. Ich will mich in Sicherheit bringen, so als w├╝rde ich von einer unsichtbaren Gefahr bedroht.

An der Bahnhofsmission treffen wir uns wieder. Wir l├Âffeln stumm hei├če Erbsensuppe aus tiefen Papptellern und du lachst pl├Âtzlich und sagst, ich bin nur eine Summe von Emails. Ich betrachte deine alten Turnschuhe und lache auch. Mein Magen f├╝hlt sich schwer an, es schwimmen lauter hei├če Erbsen darin. Blind Date, sage ich. So ist das. Willst du wieder zur├╝ck, fragst du ernst geworden und nun stelle ich fest, dass deine Augen wirklich graublau sind. So stelle ich mir Gletscherseen vor. Genau so eiskalt.. Nein, ich bleibe noch etwas bei dir, sage ich ruhig. Deine Wohnung habe ich noch nicht gesehen und dein altes Klapperauto auch nicht. Du kratzt dich am Kinn und nun bemerke ich erst deinen hellen Bartflaum, so, als h├Ątte ich davor alles nur verschwommen gesehen, wie in einem Rausch.
Zu dir oder zu mir, fragst du gek├╝nstelt und prustest los. Eine Putzfrau leert einen Abfalleimer neben mir. Ich lache mit dir und dabei kommen mir die Tr├Ąnen.

__________________
Habe keine Angst vor dem (Rei├č)wolf...

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itsme
???
Registriert: Mar 2002

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.....

Zuerst sind es nur aneinandergereihte Buchstaben auf einem Bildschirm. Dann entstehen Bilder im Kopf. Virtuelle Wahrnehmung verschaukelt die Sinne. Der Verstand verhindert nicht Erwartungen. Du bist in der Falle.

Das emotionale Chaos in deiner Protagonistin, hast Du sehr gut vermittelt. Konfrontiert mit der Realit├Ąt befreien sich die Sinne von der Verkleisterung durch Fantasie und melden den Vorrang an. Sehr sch├Ân geschrieben. Mir gef├Ąllt besonders, dass Du keine L├Âsung anbietest, nicht urteilst. Du hinterl├Ą├čt dem Leser Ambivalenz und R├Ąume.

Gr├╝├člinge
itsme
__________________
Life is too short to paint a single kiss

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Petit Chaperon rouge
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2002

Werke: 8
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Hallo itsme,

vielen Dank f├╝r deine positive Reaktion auf meinen kleinen Prosaversuch. Nachdem ich feststellen musste, dass ich von einem angehenden Schriftsteller auf einen Untertiteltexter zur├╝ck gestuft worden bin, habe ich schon das Schlimmste bef├╝rchtet...

Salut
PCr
__________________
Habe keine Angst vor dem (Rei├č)wolf...

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Conny
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2002

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Die Geschichte ist ganz ansprechend.
Einige Vergleiche klingen nicht ganz stilsicher:

Du kratzt dich am Kinn und nun bemerke ich erst deinen hellen Bartflaum, so, als h├Ątte ich davor alles nur verschwommen gesehen, wie in einem Rausch.

Dieses: ...so, als h├Ątte....ist nie gut gew├Ąhlt.
Genauso :als w├╝rde...als sei es....als w├Ąre er....das sind alles Vermutungen und geh├Âren nicht da hin.

Die Aufgabe eines guten Schriftsteller ist es, Bilder und Gef├╝hle zu vermitteln, ohne Annahmen zu verbreiten.

Es reicht doch f├╝r den Leser, wenn du schreibst:

Du kratzt dich am Kinn und nun bemerke ich erst deinen hellen Bartflaum.

Du benutzt die anderen Beschreibungen (als h├Ątte ich davor alles nur verschwommen gesehen...), um der Protagonstin Leben einzuhauchen. Dies sollte aber nicht durch die Beschreibung innerer Annahmen entstehen, sondern durch Dinge, die sie tut.

Wie w├╝rde sich ein M├Ądchen in dieser Situation verhalten? W├╝rde sie wirklich denken: oh, er hat ja Bartflaum, das habe ich gar nicht bemerkt, weil ich vorher alles verschwommen gesehen habe und wie in einem Rausch war?

Mal ehrlich: w├╝rdest du so denken?
Bleibe beim Schreiben bei der Wahrheit.

Verstehst du, was ich meine? Deine Texte sind gut, aber beherzige diesen Tip. Denn dann wirst du noch besser :-)
__________________
"Die H├Ąlfte ist manchmal mehr als das Ganze."

Hesiod

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Petit Chaperon rouge
One-Hit-Wonder-Autor
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Konstruktive Kritik

Hallo Conny,

Vielen Dank f├╝r deine konstruktive Kritik. Ich werde sie mir zu Herzen nehmen.

Mein Traum ist tats├Ąchlich, einmal eine gute Schriftstellerin zu werden und was du da ├╝ber das Vermitteln von Bildern und Gef├╝hlen schreibst, erscheint mir sehr sinnvoll. Ich stehe ja noch ganz am Anfang und werde mir beim n├Ąchsten Mal sicher mehr M├╝he geben.

Du schreibst: "Mal ehrlich: w├╝rdest du so denken?
Bleibe beim Schreiben bei der Wahrheit."

Ja, ich w├╝rde so denken, aber wenn das nicht gut ankommt beim Leser, dann muss ich wohl die Unwahrheit schreiben.

Nochmals vielen Dank f├╝r deine wertvollen Tipps. Ich werde das n├Ąchste Mal beim Schreiben daran denken.

Salut
PCr

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Conny
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2002

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Freut mich, dir weitergeholfen zu haben. Dass du jetzt lieber die Unwahrheit schreiben willst, w├Ąre keine gute Idee. Bleibe bei de Wahrheit und lerne, sie stilvoll auszudr├╝cken, ohne Formulierungen: Als wenn...als ob etc.

:-)
__________________
"Die H├Ąlfte ist manchmal mehr als das Ganze."

Hesiod

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