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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Interview mit einer Kastanie
Eingestellt am 13. 08. 2012 23:21


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klaragabel
One-Hit-Wonder-Autor
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„Mein Gott, Max. Verstehst du nicht? Das ist deine letzte Chance! Ich will dich nicht verlieren, aber mittlerweile machst du es mir unmöglich, überhaupt noch was für dich zu tun!“
Chefredakteur Willy Meister hasste diese Art Gespräche. Von Natur aus eher bequem und daher unangenehmen Dingen lieber aus dem Weg gehend war er nun besonders ärgerlich, da ihn sein alter Freund Maximilian Busch und ehemals bester Journalist der kleinen Zeitung in so eine Situation gebracht hatte. Leider war, als Max bei der letzten Redaktionssitzung mal wieder durch Abwesenheit glänzte, das Fass endgültig übergelaufen. Willy konnte und wollte keine Ausreden mehr erfinden, als Ute Morgenstern nach dem noch ausstehenden Artikel „Kein Nachwuchs mehr: Kleintierzüchterverein in Not“ fragte.
„Was weiß ich.“, erwiderte er nur verstimmt. „Der Max wird der ganzen Sache noch den letzten Schliff geben.“
„Ha! Sicher doch! In der Kneipe, oder wo?“
Willy musterte Ute stumm. Sie war eine tolle Frau. Zu toll, zu intelligent und auch zu schön für ihn und er konnte es immer noch nicht so recht verstehen, warum sie gerade mit ihm ein Verhältnis hatte. Der Verdacht in ihm ein Karrieresprungbrett zu sehen, verhärtete sich sofort, als sie unbarmherzig fortfuhr: „Willy, das hat alles keinen Sinn mehr. Freundschaft hin oder her, aber die Tatsache bleibt, dass Max ein Problem hat. Ein Riesenproblem sogar! Sieh der Wahrheit ins Gesicht. Er bringt´s nicht mehr. Und wenn dir überhaupt noch was an unseren Lesern liegen sollte, dann schmeiß ihn raus!“
Das saĂź wie ein Faustschlag. Auch Ute merkte, dass sie nun doch zu forsch gewesen war und versuchte schnell einzulenken.
„Denk doch an die anderen Mitarbeiter, die tagtäglich ihr Pensum erfüllen. Es ist nicht fair, dass es da einen gibt, der sich wie eine Diva aufführt und gar keine Regeln kennt. Glaub jetzt bitte nicht, dass ich was persönlich gegen ihn habe. Bei weitem nicht. Ich helf ihm sogar, wo ich kann. Zum Beispiel hab ich vorhin mit dem Vorsitzenden der Kleintierzüchter gesprochen. Er hat gesagt, dass Max gar nicht erschienen sei. Ich hab mich natürlich entschuldigt und das Interview schnell am Telefon gemacht. Wenn du willst, schreib ich dir den Artikel in zehn Minuten und er kann noch in die heutige Ausgabe. Die Fotos sind auch schon geschickt worden.“
Patent war sie, das musste Willy zugeben, aber gleichzeitig beschlich ihn das ungute Gefühl, dass sie viel zu gerne über Leichen ging. Sein aufkeimender Protest wurde jedoch durch die zwingende Logik ihrer Argumente, aber noch mehr durch einen verführerischen Augenaufschlag mit dem Versprechen auf einen vergnüglichen Tagesausklang im Keim erstickt. Zur Hölle mit Max Busch! Tja, und jetzt saß dieser zerknittert, unrasiert, ein großes Pflaster an der rechten Schläfe und mit dunklen Augenringen vor ihm und zuckte gleichgültig die Schultern.
„Woast wos? I mog ned!“
„Wie bitte?“
WĂĽtend schlug Willy mit der flachen Hand auf die Schreibtischplatte. Max zuckte zusammen. Er hatte es zwar geschafft und Willy endlich durch seine renitente Provokation zum Handeln gezwungen, aber dass er nun doch so heftig reagieren wĂĽrde, stand nicht auf dem Zettel. FĂĽr beide gab es jetzt kein ZurĂĽck mehr.
„Willy.“, setzte er leise und vorsichtig zu einer Erklärung an. „Willy, ich bin ausgebrannt, frustriert, am Ende und du weißt das sehr genau! Du bist daran nämlich nicht ganz unschuldig. Du hast mich jahrelang unterfordert, mich gezwungen Schund zu schreiben. Du weißt, dass ich ein großes Talent bin, aber die augenblickliche Lage...“
Eine groĂźe Welle Selbstmitleid ĂĽberflutete ihn. Willy schnaubte genervt.
„Du weißt genau, dass wir nur eine kleine Zeitung mit Lokalkolorit sind. Großer Enthüllungsjournalismus, wie er dir vorschwebt, ist bei uns nicht gefragt. Mittlerweile solltest du das kapiert haben. Also, hier kommt mein letztes Angebot. Du machst das Interview zum Thema „Sommer“, schreibst einen schönen, spritzigen Artikel und dann geb ich dir den Urlaub, den du schon vor zwei Jahren beantragt hast.“
Max Augenbrauen schnellten nach oben. Da war gerade das Zauberwort gefallen. Urlaub! Endlich könnte er entspannen, die Seele baumeln lassen und eventuell seinen Krimi schrieben, der ihn zum Bestsellerautoren an die Spitze der schreibenden Zunft katapultieren würde. Die Pforte zur Freiheit war einen kleinen Spalt geöffnet und er musste nur noch hindurchschlüpfen.
„Ok, ich schreib den Schmarrn, obwohl das eigentlich jeder Praktikant machen könnte. Wäre doch was für diese untalentierte Tussi, die nur Unfrieden stiftet! Wie hieß sie noch mal? Ach ja, Ute. Du weißt schon, die mit der du dich gerade auf deine Scheidung mit Helga zuarbeitest!“
Das erschrockene Gesicht seines Freundes war ein zusätzlich gerechter Lohn für die Strapazen dieses Gesprächs. Grinsend verließ Max das Zimmer. Als er drei Minuten später vor dem Redaktionsgebäude stand, musste er erst einmal überlegen, wie er die Sache ohne viel Aufwand und Mühe erledigen sollte. Der Pförtner nickte ihm freundlich zu. Warum nicht? Hier hätte er ja sozusagen auf dem Präsentierteller seinen ersten Interviewpartner.
„Herr Babic, auf ein Wort. Was halten Sie von unserem Sommer?“
Als Antwort kam lediglich ein lautes Lachen. Irritiert wartete Max, aber der Pförtner deutete nur grinsend auf seinen Regenschirm und drückte den Türsummer für einen Besucher. Auch schön. Dann würde er eben schreiben: „Kroatische Mitbürger amüsieren sich köstlich über die ernstgemeinte Frage zu augenblicklicher Jahreszeit“. Oder war Babic Serbe, Mazedonier, Bosnier oder gar Albaner? Egal, dem Niveau der Leserschaft entsprechend konnte er auch Jugoslawe schreiben. Merkte bestimmt kein Mensch! Dankend winkte er noch zum Abschied und ging schnurstracks zu dem kleinen Biergarten am Eingang des Parks. Eigentlich war heute ein wunderbarer Tag! Der Himmel weiß blau – so wie es sich gehörte – die Sonne schien warm – mindestens 20 angenehme Grad – und im Biergarten war schon allerhand los. Hier würde er fündig werden, aber erst nachdem er eine wohlverdiente Maß getrunken hatte. Max setzte sich auf seinen Stammplatz am äußersten Rande des Lokals. Er brauchte Resi gar nicht erst zu winken, denn sie hatte ihn bereits gesehen und stellte kurz darauf mit einem Augenzwinkern sein Bier auf den Tisch.
„Mei Resi, du Goldstück. Dank dir recht schön!“
Zärtlich gab er ihr einen Klaps auf das üppige Hinterteil und sie quietschte – so wie es sich gehörte.
„Maxel, du Schlawiner! Du wirst di nie ändern!“
Es war offensichtlich, dass sie dies auch gar nicht wünschte, aber bevor Resi wieder an die Arbeit gehen konnte, hielt Max sie am Handgelenk fest, zog sie zu sich und wisperte ihr ins Ohr: „Was ist Ihre Meinung zum Thema Sommer, schöne Frau?“
Etwas verdutzt schĂĽttelte sie den Kopf, bevor auch sie in Lachen ausbrach, sich befreite und an einen Tisch ging, an dem sich schon seit fast zehn Minuten eine Gruppe Japaner bemĂĽhte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
„Notiz für den Pulitzerpreis gekrönten Artikel: „Auch Einheimische erheitert die Sommerfrage“.“, murmelte Max grinsend in sein Bier. Es war tatsächlich eine Frechheit, ihn auf so ein Thema anzusetzen. Zwei junge Frauen – die Röcke zu kurz, die Beine zu dick – setzten sich jetzt zu ihm an den Tisch und begannen lautstark in weichem, wienerischen Dialekt über ihre Einkäufe zu reden. Er versuchte erst gar nicht mit ihnen ins Gespräch zu kommen, trank stattdessen das Bier aus, signalisierte Resi den Bedarf an Nachschub und strich im Gedanken die beiden Frauen von seiner Liste potentieller Interviewpartner. Als gebürtiger Bayern konnte er ja schließlich nicht jeden nehmen. Ein letzter Blick auf die üppigen Dekolletés der Nachbarinnen machte ihn für ein paar Augenblicke in seinem Entschluss schwanken, aber als daraufhin beide sofort böse Blicke in seine Richtung warfen und zu flüstern begannen, lehnte er sich doch lieber zufrieden an den Stamm der großen Kastanie in seinem Rücken und wartete auf Resi. Die war wenigstens nicht so eine Giftnudel. Die Biere wurden gebrachte und die Japaner machten sofort ein paar Fotos. Max schloss die Augen. Schön war es! Er hörte das Anstoßen am Nebentisch, die Gespräche der Leute, irgendwo bellte ein Hund. Ja, wenn er endlich Urlaub hätte, dann würde es noch schöner werden. Er seufzte, griff mit geschlossenen Augen nach seinem Bier, trank, seufzte wieder, trank noch mehr. Ja, Urlaub! Vielleicht würde er sogar in Erwägung ziehen, eine Weile nach Österreich zu fahren. Bei diesen schrägen Vögeln dort und der gottgegebenen Kulisse würde er in Windeseile einen neuen Alpenthriller schreiben. Die Stimmen wurden leiser, das Gläsergeklirr rückte in weite Ferne, die Nachbarinnen hatten sich sowieso nichts mehr zu sagen, eine Biene summte.
„Mit Verlaub!“
Oh nein, nicht schon wieder so eine vorwurfsvolle Stimme! Max beschloss sie zu ignorieren.
„Mit Verlaub, aber Sie riechen nicht besonders gut! Außerdem schwitzen Sie meinen Stamm voll!“
Was sollte denn dieser Blödsinn?
„Hallo, hören Sie denn nicht?“
Gut, Max konnte jetzt wirklich nicht mehr weghören. Schließlich war er zweimal beleidigt worden. Ob zu Recht oder zu Unrecht spielte keine Rolle.
„Wohl auf Krawall gebürstet, was?“
Ă„rgerlich drehte er sich um, denn die Stimme kam eindeutig von hinten. Dort war aber niemand.
„Ja Kruzitürken, was soll denn des?“
Eine Weile passierte gar nichts. Hatte er vielleicht doch zu viel getrunken? Misstrauisch sah er auf das halbvolle Glas. Nein, er war noch weit von seinem täglichen Pensum entfernt.
„He! Hallo, was soll denn das?“, wiederholte er daher genervt seine Frage. „Erst einen anmachen und dann sich verstecken ohne den Schneid zu haben, Rede und Antwort zu stehen.“
„Glauben Sie mir, das was ich am besten kann, ist stehen und zwar genau hinter Ihnen.“
Max fuhr wieder herum. Jetzt hatte er es ganz deutlich gehört. Verwundert blickte er auf den Baumstamm vor seiner Nase.
„Ja, spinn I jetza vollkommen? Des is doch ned etwa diese Pflanze, die mit mir redet?“
Das Laub ĂĽber ihm raschelte beleidigt.
„Und wenn´s so wäre? Typen wie Sie sollten froh sein, wenn überhaupt jemand mit ihnen spricht!“
Max rieb sich die Augen. War er denn wirklich schon so weit in die Tiefen des Alkoholismus hinabgestiegen, dass ihn jetzt Halluzinationen heimsuchten? Es war offensichtlich, dass der Baum mit ihm redete. Und zwar nur mit ihm, denn die anderen Leute im Biergarten schienen nichts zu hören. Nachdenklich legte er seine Hand auf die Rinde. Unglaublich! Er hatte jetzt zwei Möglichkeiten; schnell aufstehen und gehen, oder sich darüber freuen, dass ein miesepetriger Baum Kontakt zu ihm aufgenommen hatte. Seine angeborene Neugier siegte über eine leicht aufsteigende Angst.
„Ähm, könnt ihr alle reden?“, versuchte er das Gespräch unverfänglich in Gang zu bringen. Wieder raschelte das Laub, aber diesmal eine Spur zugänglicher.
„Klar! Aber wir wünschen es nicht. Wir lehnen es eigentlich ab, mit Kreaturen, die primitiver als wir sind, zu reden!“
„Hey, jetzt halt aber mal den Ball flach. Das ist ja diskriminierend!“
„Vielleicht, aber mich kümmert´s nicht!“
In Max gewann jetzt der Reporter die Oberhand. Das war ja ein KnĂĽller, eine Sensation! Behutsam nahm er den Faden wieder auf.
„Ähm, na, dann dank ich dir, dass du das Wort an mich gerichtet hast. Das ist wahrscheinlich ein sehr hohe Auszeichnung.“
Eine grüne, harte, kleine Kapsel – der Anfang einer Kastanie – fiel herab und landete genau in Max Bierglas. Hm, zielsicher war das Gewächs also auch.
„Ich bin übrigens Max. Max Busch. Und du? Habt ihr überhaupt Namen?
„Selbstredend! Mein Familienname ist Kastanie und gute Freunde – die ich nicht habe – dürften mich beim Vornamen nenne: Ross!“
Max unterdrückte ein Grinsen, denn er hatte es hier offensichtlich mit einem sehr stolzen und überaus empfindlichen Gesprächspartner zu tun und wollte ihn nicht verärgern.
„Angenehm. Dürfte ich Ihnen Herr oder Frau Kastanie eine Frage stellen? Ich bin nämlich Reporter und auf der Suche nach interessanten Interviewpartnern.“
„Ich weiß! Und das ist auch der Grund, warum ich mich gezwungen sah, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen!“
„Wirklich?“, fragte Max verblüfft.
„Wirklich!“, antwortete der Baum und fuhr gleich fort. „Ich betrachte mich übrigens als Herr. Wir können uns das aussuchen, da wir monözische Kreaturen sind. Manche wechseln im Laufe des Jahres von einer Seite auf die andere. Vor allem im Winter werden sie gern jammervoll und weibisch. Ich aber nicht. Ich stehe meinen Baum.“
„Respekt! Und wie lange stehen Sie denn hier schon so?“
„Exakt neunundsiebzig Spätsommer. Ich rechne lieber ab der Zeit, als ich als Kastanie auf den Boden fiel.“
„Wow, echt? Dann bist du ja älter als meine Mutter!“
Wieder fiel eine Kapsel herunter. Diesmal traf sie Max auf die Nase.
„Aua, hör sofort auf! Das tut weh!“
„Sie haben gerade Salz in meine offene Rinde streuen wollen. Ich beginne schon zu bereuen, Ihnen mein richtiges Alter genannt zu haben. Normalerweise gebe ich nie zu, dass ich noch so jung bin. Geht keinen was an. In meinen Kreisen schwindelt man da lieber und der hübschen Buche da hinter dem Ausschank habe ich erzählt, dass ich schon hundertunddrei bin. Sie hat es mir solange geglaubt, bis die arrogante Birke auf der Wiese sie aufgeklärt hat. Seitdem wispern die beiden immer über mich, aber ich stehe über den Dingen. Soll sie doch der Blattfraß holen!“
„Oh, das kenn ich! Weiber!“
Plötzlich fühlte sich Max solidarisch und brachte das auch gleich zum Ausdruck, indem er über den Stamm strich.
„Lassen Sie das! Ich kann es nicht ausstehen, wenn man mich betatscht!“
„Oh, Verzeihung!“
Als hätte er sich verbrannt, zog er rasch die Hand weg.
„Schon gut. Ich bin da eben empfindlich. Da gibt es so eine durchgeknallte Frau, die jeden Tag vorbeikommt und mich umarmt! Fürchterlich, sag ich Ihnen!“
„Naja, kommt auf die Frau an, würd ich sagen.“
„Glauben Sie mir, die sieht nicht gut aus. So eine selbstgestrickte nur Fallobst essende Schreckschraube. Im Herbst sammelt sie meinen Nachwuchs ein und ich möchte gar nicht wissen, was aus ihm wird.“
„Oh. Unter diesen Umständen kann ich dich natürlich sehr gut verstehen. Was hältst du davon, wenn du mir ein bisschen mehr von dir erzählst? Zum Beispiel, was du den ganzen Tag so machst. Wie du den Sommer findest? Was so deine Vorlieben und Abneigungen sind? Eben alles.“
„Im Ernst? Sie möchten das Interview mit mir machen?“
Jetzt schĂĽttelte die Kastanie erregt die Krone.
„Ja, warum denn nicht?“
„Gut. Also, das vorrangige Thema ist soweit ich verstanden habe: Sommer. Wie langweilig! Dazu kann ich lediglich sagen, dass diese Jahreszeit allgemeinhin überschätzt wird. Ich muss das schließlich wissen, denn ich habe einige erlebt. Ich ziehe die ruhigen Herbsttage und die endlosen Winter vor. Der Frühling ist mir zu hektisch. Obwohl ich es dann auch genieße, den Allergikern die Nasen zum Schwellen und die Augen zum Tränen bringen zu können. Sehr amüsanter Zeitvertreib! Prinzipiell ziehe ich es jedoch vor, dem Trubel fern zu bleiben. Wie Sie bereits feststellen konnten, habe ich absichtlich meine Wurzeln hier an den Rand des Biergartens in die Erde gegraben. Mit den anderen aus meiner Familie – vor allem dem großen Kerl, der immer behauptet, nicht mein Vater zu sein, und genau dort im Zentrum neben dem Podest für die Blaskapelle steht – spreche ich seit achtundfünfzig Jahren nicht mehr. Ein Pack ist das! Bilden sich etwas darauf ein, dass sie beliebte Schattenspender sind, den Menschen zum Segen. So ein Baumschwamm, als ob man auf der Welt wurzelt, um eine Aufgabe zu erfüllen. Nein, es war schon gut von mir, etwas abseits zu keimen. Aber wem erzähle ich das? Sie sind auch so ein Typ, der gerne am Rande von allem sitzt. Vorzugsweise täglich und mit mindestens drei bis fünf Litern Bier.“
Versonnen lauschte Max dem Bericht und drehte dabei den leeren MaĂźkrug hin und her.
„Du hast dein Wurzelwerk doch nur abseits aufgeschlagen, weil wir dich nicht in unserem Kreis haben wollen!“
„Ja, ja scho recht! Von dir lass ich mir nichts sagen, du bist so was von unter meiner Krone! Darf ich vorstellen, meine dicke, krumme und vor allem kleinwüchsige Schwester. Auch so eine, mit der es sich nicht zu reden lohnt. Wo waren wir? Ach ja, mein Standort. Eigentlich ganz gut, wenn da nicht immer diese Radler wären, die ihre Drecksdinger gegen meinen Stamm lehnen. Die Griffe bohren sich in meine Rinde, die Pedale kratzen. Aber keine Sorge, ich weiß mich zu wehren. Schon mal was von Harz gehört? Tja, ich bin sehr wohl in der Lage, diesen dann abzusondern, wenn ich es für nötig erachte. Hihi, da klebt die Hose und das Röckchen – je kürzer desto besser. Die dann folgenden Flüche sind übrigens Gold wert. Zugegeben, manchmal kommt man schon auf seine Kosten hier am Rand des Geschehens, auch wenn ich die Büsche – und mit denen rede ich eigentlich auch nie, denn die sind so was von unter meinem Wuchs – oft jammern höre. Meine Güte, dann werden sie halt mal angepisst – von Ihnen gestern übrigens auch - und die Äste und Blätter von dummen, kleinen Jungen abgerissen. Wen interessiert es, was da am Boden passiert? Kleingewächsprobleme eben. Wenn sie einfach zu blöd sind und sich nicht zu wehren wissen, verdienen sie kein Mitleid, oder? Ich für meinen Teil habe mich über die Jahre hinweg perfektioniert. Schauen Sie mal, das Mädchen mit dem Eis. Jetzt lacht sie noch und ist guter Dinge. Ja, sie kommt näher, näher - hat noch nicht allzu viel von der Köstlichkeit essen können – näher – hihi - und jetzt: Padauz, da liegt sie! Genau, es sieht so aus, als ob sie zufällig über meine Wurzel gestolpert wäre. Tja, aber es war kein Zufall! Wie ich das gemacht habe? Ich werde es Ihnen nicht verraten!“
Max wäre beinahe aufgesprungen, um dem Kind zu helfen, aber gerade noch rechtzeitig besann er sich eines Besseren, denn eine aufgebrachte Mutter – die personifizierte Glucke – warf ihm im Vorbeieilen einen misstrauischen Blick zu, bevor sie die schluchzende Kleinen an ihre trostspendende Brust drückte.
„Danke Ross, jetzt bin ich voll mit Eis!“, machte sich empört eine Haselnuss bemerkbar, die es wirklich schlimm erwischt hatte.
„Schweig stille! Ich habe doch schon gesagt, dass ich mit keinem Busch rede. Herrlich, wie die Kleine jetzt weint! Das ist Musik in meinen Ohren! Manchmal mache ich das den ganzen Tag. Hm, eigentlich vorzugsweise ab Nachmittag, wenn die Betrunkenen hier vorbeitorkeln. Leichte Opfer und großer Spaß! Dass sie dann dabei des Öfteren in die Büsche fallen, soll nicht mein Problem sein.“
Nachdenklich blickte Max vor sich hin. Er war also vorgestern doch nicht zu blau gewesen. Schuld hatte dieser hinterlistige Baum! Dass er dabei so schlimm gestürzt war und daher im Krankenhaus seine Platzwunde versorgen lassen musste, anstatt die ausstehende Reportage zu machen, war also das Werk dieses bösartigen Stück Holzes.
„Oh, nenn uns doch nicht immer Busch. Du weißt doch genau, dass wir hier eine Kolonie von Haselsträuchern sind. Wir schimpfen dich ja auch nicht gemeine Rosskastanie! Obwohl du wirklich so was von gemein bist!“
„Pappellapapp! Als ob das jemanden interessieren würde. Ich wünsche mir jetzt nur, dass der fette Dackel da, nachdem er das Eis aufgeleckt hat, einen dicken Haufen zwischen euch setzt.“
Der Wunsch erfüllte sich tatsächlich. Unter den Augen seines stolzen Frauchens, verrichtete das Tier sein Geschäft, das es an Größe fast übertraf. Angewidert wollte Max protestieren, aber ein Blick in die fanatischen Augen der Hundebesitzerin genügte, dass er von dem Vorhaben Abstand nahm.
„Eigentlich hasse ich Hunde.“, fuhr der Baum ungerührt fort. „Sie sind noch dümmer als Eichhörnchen, beschnüffeln mit ihren feuchten Nasen alles und jeden und erdreisten sich dann an meinem Stamm ein Bein zu heben. Das Schlimmste ist, wenn einer dieser Hirnlosen damit angefangen hat, kommen alle anderen. Im Winter kann ich mich am besten dagegen wehren, wenn Schnee liegt. Dann lass ich gern eine ganze Ladung auf die Biester hinabfallen. Die dummen Gesichter sind es dann aber wirklich wert! Ach, ich schweife ab? Das Thema ist ja nicht Winter. Sommer, ich weiß, ich weiß. Hm, im Sommer bin ich meist durchgeblüht und habe dann schon meine kleinen Kapseln. Sie haben Sie ja bereits kennen gelernt: grün, hart, schmerzhaft und daher ideale Wurfgeschosse. Moment, ich demonstriere. Sehen Sie den Tauber dort? Er ist vollkommen hormongesteuert und hört und sieht nichts mehr! Wie er seinen Hals aufplustert und dabei dieses unerträgliche Gurren von sich gibt! Einfach widerwärtig!“
Max beobachtete den plumpen Vogel, der sich jetzt durch eine Art Paarungstanz so in Ektase gebracht hatte, dass er nichts mehr von seiner Umwelt mitbekam.
„Jetzt passen Sie mal auf! Konzentration und...“, ein regelrechter Regen aus Kapseln gefolgt von einem kleinen Ast sauste auf das Tier herab.
„Volltreffer!“, jubelte der Baum. „Der ist erledigt!“
„Aber…“, entsetzt starrte Max auf die Stelle, wo eben noch so viel Liebe war.
„Jetzt werden Sie mal nicht sentimental! Einer weniger, der die Denkmäler verschmutzt. Normalerweise habe ich auch nichts gegen Vögel. Mit Ausnahme der Tauben sind sie die intelligentesten Tiere weit und breit. Ferner kitzeln ihre kleinen Krallen so schön, wenn sie sich an meinen Ästen festhalten. Das lässt mich tatsächlich vor Lust erschauern.“
„Hört, hört, Ross empfindet auch mal Lust!“
„Hallo! Seid ihr Büsche oder Bäume? Wer wird hier interviewt? Ihr oder ich? Meine Rinde, sind das Deppen! Ach ja, das waren übrigens meine Cousins. Grade mal über 15 Meter hoch, schon eine große Klappe und schmutzige Gedanken. Mögen euch die Borkenkäfer heimsuchen, wenn ihr euch noch einmal einmischt!“
„Ohoh, wir schweigen, wir schweigen! Mit dir will sich sowieso keiner anlegen, denn du bist ein Mörder!“
Die letzte Bemerkung riss Max aus seinem Schockzustand. Zitternd umklammerte er die Tischkante und versuchte sich aufzurichten.
„Deine Cousins haben Recht. Du bist ein blutrünstiges Scheusal!“, flüsterte er, aber es gelang ihm nicht aufzustehen. Die Angst lähmte seine Glieder.
„So? Na und? Was willst du jetzt dagegen tun?“, fragte die Kastanie höhnisch.
„Mensch, wir geben dir einen guten Rat: Benutze deine Beine und zwar schnell! Ross ist nicht nur ein Grantler wie es in den Rinden geritzt steht, er findet es auch witzig, sich alle paar Jahre ein kapitales Opfer zu suchen, das er dann heimtückisch mit einem großen, ihm lästig gewordenen Ast erschlägt!“, mischten sich jetzt die Haselsträucher ein. Entsetzt schloss Max die Augen. Die Aura des Bösen, die während des Interviews unaufhörlich gewachsen zu sein schien, hielt ihn jetzt umklammert und machte es unmöglich auch nur einen vernünftigen Gedanken zu fassen.
„Stimmt das? Soll das heißen...?“, fragte er leise. Ross gab keine Antwort. Er ließ lediglich seine Äste knarren und knarzen. Ein leichter Wind hatte anscheinend extra zu diesem dramatischen Zweck eingesetzt. Dann war es auch schon wieder vorbei. In Max erwachten endlich alle Lebensgeister. Panisch sprang er von der Bank auf und merkte erst jetzt, dass er ganz allein war. Finsternis umgab ihn. Die kleine Straßenlaterne vor dem Biergarten spendete nur sehr geizig etwas Licht.
„Mein Gott, da bin ich doch tatsächlich eingeschlafen!“ versuchte er sich und sein pochendes Herz zu beruhigen. „Ich habe alles nur geträumt. Bäume können nicht sprechen und sie können auch keine Menschen umbringen. Wozu auch?“
Vorsichtig tastete er sich durch die Tischreihen dem Ausgang zu. Warum hatte ihn Resi denn nicht geweckt? Aber er wollte jetzt nicht hadern. Vermutlich hatte sie es versucht, doch er war zu erschöpft gewesen und sie hatte ihn nicht wach bekommen. Ein Schmerz durchzuckte sein Schienbein. Er war gegen eine Bank gelaufen. Trotzdem blieb er nicht stehen. Es war so unheimlich, so totenstill. Er musste raus hier. So schnell wie möglich raus! Der Sturm setzte zu plötzlich ein, peitschte mit einer Kraft los, wirbelte Blätter auf, riss Zweige ab und drückte den überraschten Max zurück, als wollte er ihn festhalten. Panikerfüllt ruderte der Mann mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Es gelang ihm nicht, er stolperte und stürzte der Länge nach hin. Ein Gewitter - schoss es ihm durch den Kopf - ein Sommergewitter von der ganz heftigen Sorte. Schnell da, gewaltig im Auftritt und zügig im Abgang. Er brauchte Schutz! Der Ausschank hatte ein kleines Dach. Aber bevor er auch nur die Möglichkeit hatte aufzustehen, schoss der Blitz herab, erhellte das Szenario und schlug zischend hinter ihm ein. Max Entsetzensschrei wurde von dem gewaltigen Donnerknall verschluckt. Dann setzte rauschend der Regenguss ein, der bald darauf von Hagel abgelöst wurde. Unbarmherzig schlugen die Eiskörner auf dem Boden auf, prallten an Tischen, Bänken, Steinen, Mülleimern und dem großen, umgestürzten Baum ab, um dann eine körnig weiße Schicht auf dem Boden zu bilden. Nach zwanzig Minuten war alles vorbei.
Am darauffolgenden Vormittag legte Willy Meister den Artikel zur Seite und wischte sich ĂĽber die Augen.
„Es ist…“, Ute reichte ihm ein Taschentuch und er musste erst einmal wie ein kleines Kind schnäuzen, bevor er fortfahren konnte. „Es ist wirklich sehr gut geschrieben, Ute. Danke! Hiermit hast du Max das Denkmal setzten können, das er verdient hat.“
Ute Morgenstern lächelte huldvoll, drehte ihm den Rücken und trat ans Fenster, wo sie ihrer Schwester zuwinkte, bevor diese weiter Richtung Park fuhr, um sich dort einen neuen Baum zum Umarmen zu suchen.




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