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Leselupe.de > Science Fiction
Invasion - In dieser Nacht
Eingestellt am 16. 12. 2004 00:36


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mye
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Invasion - In dieser Nacht



"Glaubst du an Geister?", fragte Pete und blinzelte in die Abendröte. Seine Stimme klang losgelassen. Er hÀtte ebenso gut nach seinem Lieblingsburger fragen können, die Intonation war dieselbe.
Collin antwortete nicht und sah ihn umstĂ€ndlich fragend an. Die DĂ€mmerung fĂ€rbte sein blondes Haar ein wenig dunkler und ihre Körper warfen lange, verzerrte Schatten auf den kernigen Sand. Ein Knistern war unaufhörlich ĂŒber ihren Köpfen zu Gange, das Spiel des Windes mit dem verbliebenen Blattwerk, das halbverdorrt an den Ästen baumelte. Sie waren allein, lehnten unweit des nicht wirklich pulsierenden, aber durchaus beherzten Lebens an einer Schwarzerle und kauten Grashalme.
"Hm?", hakte er nach, ohne ihn anzusehen. "Was denkst du?".
"Ich denke nicht, nein", sagte Collin und sicherte sich die Aufmerksamkeit seines Freundes, denn seine Worte waren in eine unpassende HĂŒlle gelegt wie ein Schokoriegel in Backpapier. Irgendetwas stimmte nicht.
Pete sah ihn jetzt an. Ein irritierter Blick, der im Gesicht seines GegenĂŒbers begann und sich herabbewegte, an seinem Kinn endete und wieder zu den Augen stieg, die sich blau und verstohlen abwandten. Sekundenlang musterte er ihn mehr, als dass er ihn nur ansah. Ein Schweigen entstand aus dem Nichts und fĂŒllte ihre Mitte, knisternd, geheimnisvoll.
Collin stand auf. Sein Schatten geriet in Bewegung und wurde verfolgt. Pete trottete hinter ihm her und sie liefen den HĂ€usern entgegen, die wie Monopolysteine in der Ferne glĂ€nzten. Die letzten Sonnenstrahlen des zur Neige gehenden Tages reflektierten auf den Fensterscheiben und warfen gleißende Lichtfetzen in ihre Richtung. Die beiden Jungen nĂ€herten sich dem kleinen Ort wie Schiffe einem Leuchtturm. Keiner sprach ein Wort, doch die Fragezeichen (Petes GefĂŒhl von Ratlosigkeit und Collins unergrĂŒndliche, aber unweigerliche Barriere, die er zwischen Petes Frage und seiner Antwort geschoben hatte) wichen bald dem Glanz jungfrĂ€ulicher Herbstferien.

Morgan war jung und in den Augen einiger Ă€lterer Gemeindemitglieder war sein Alter mit seiner Erfahrung und Kompetenz als Pfarrer gleichzusetzen. Obwohl er bald zwei Jahre in ihrer Kirche predigte, war es ihm nie gelungen, das Band zwischen ihm und seinen Skeptikern zu flicken. Trotz erheblicher MĂŒhen. Schon drei Monate nach seinem Antritt hatte er ein Fest geplant, das mehr ein Basar war und dessen Erlös einer sozialen Stiftung entgegenkam. Er wollte ein Zeichen setzen, beweisen, dass er der Kritik an seiner Person gewachsen war, sie zur Kenntnis nahm und einen Weg einschlagen wollte, der die Fragen der Älteren beantworten und nicht ignorieren sollte. Morgan wollte sich den kritischen Augen stellen und ihnen mit offenen, von Ehrgeiz erleuchteten Augen entgegentreten. So war es gedacht und so scheiterte es. Die Kritikerschar selbst hatte einen Weg gefunden, den neuen Pfarrer zu missachten, ohne ungeschriebene Regeln zu brechen. Sie hatten einen eigenen Stand eröffnet, der nur der Erinnerung des verstorbenen Pastors galt. Und auch wenn viele diesen Schachzug im Stillen erkannten, wagte es natĂŒrlich niemand, dagegen Wort zu erheben. DafĂŒr war die Sache oberflĂ€chlich gesehen zu menschlich, zu heilig. Niemand wagte es. Und am Ende des Tages sprach auch Morgan sein ehrliches Lob fĂŒr ihre Idee aus, Vater Grant so die Ehre zu erweisen.

Sein Blick verschwand in der Nacht. Dort draußen, dachte er und bemĂŒhte sich, nicht zu blinzeln. Irgendwo.
Die TĂŒr schwang leise auf. Schritte nĂ€herten sich ihm, bedĂ€chtig, verbergend. Collins RĂŒcken war der ZimmertĂŒr zugewandt. Er sah die Person nicht, die wie eine listige Katze auf ihn zu schlich. Scheinbar erstarrt hörte Collin in die Tiefe der Dunkelheit und hinter ihm gruben sich die FĂŒĂŸe weiterhin vorsichtig in den beigen Teppichboden. Ein lautloser Gang, aber zielstrebig wie ein durch Wasser ziehender Torpedo. Dann eine Hand, die sich nach der Schulter des Jungen ausstreckte. Sie war klein, die Finger lĂ€ngst nicht ausgewachsen und schlich ebenso durch die Luft wie die dazugehörige Person durch das Zimmer. Leises Atmen betastete in gehauchter WĂ€rme Collins Nacken, doch aus diese Existenz bemerkte er nicht. Seine Nerven waren gespannt und seine Konzentration befand sich in einer Ballung, die ihn nahezu vollends von der Außenwelt abgekapselt hatte. Erst die BerĂŒhrung, Haut an Haut, ließ ihn wieder erwachen. Zischend sog er Luft durch seine ZĂ€hne und drehte sich in einer hektischen Bewegung um.
"Was wollt ihr?", schrie er und sein verzerrtes Gesicht blickte in ebenso verunsicherte, weit aufgerissene Augen.
"Wer denn?", fragte sein Bruder und seine GesichtszĂŒge entspannten sich nur mĂŒhsam.

Die Zeiger standen still. Aber sie hatte es noch nicht gesehen. Sybille warf einen schnellen Blick auf ihre Armbanduhr, die von einem eichefarbenen Band gehalten wurde. Ihr Handgelenk sah unnatĂŒrlich mager aus. Wie lange war es jetzt schon her, dass sie eine vernĂŒnftige Mahlzeit zu sich genommen hatte? Dass sie mal wieder das GefĂŒhl hatte, wirklich satt zu sein? Sie wusste es nicht. Zwar wuchs ihr die Arbeit nicht ĂŒber den Kopf, aber sie spĂŒrte doch eine leichte Resignation ihres Körpers.
Wieder lief sie unter der Wanduhr hindurch und ihr Blick blieb gesenkt. Noch siebenunddreißig Minuten, dachte sie angestrengt und spĂŒrte eine Vorfreude in ihr aufkochen. SpĂ€testens in fĂŒnfzehn Minuten wĂŒrde es anfangen zu sieden und in zwanzig Minuten wĂŒrde ihre Vorfreude Gefahr laufen ĂŒberzukochen. Ein weiterer Blick auf die Armbanduhr: 23 Uhr 24; der Sekundenzeiger leuchtete grĂŒn und bewegte sich hastig ĂŒber das Ziffernblatt. Bald. Und um ihren Gedanken Untermalung zu bieten, begann die nĂ€chtliche Finsternis zu zittern. Es schien, als wĂŒrde das Jenseits kurz seine Pforten öffnen und ein Blitz, in der Form eines Dreizack, raste unerbittlich durch den irdenen Himmel. Der kurzlebigen Helligkeit folgte wieder SchwĂ€rze. Einnehmende SchwĂ€rze. Und es begann zu regnen.

"Himmel, sieh dir das Wetter an". Ein Seufzer folgte.
"Sieht ja bedrohlich aus".
Petes Eltern wollten den Abend gemĂŒtlich vor dem Fernseher ausklingen lassen. Elena mit einem trockenen Rotwein, Dave mit einer heißen Schokolade (ohne Pelle; er liebte heiße Schokolade, aber die Pelle konnte er auf den Tod nicht ausstehen). Der breite Rand des Weinglases war von zartrosa Schlieren besudelt. Elena hatte Lippenstift aufgetragen, am Nachmittag, bevor es zum allsonntaglichen Essen bei den Stiefeltern ging. Jetzt verlor ihr Gesicht mit jeder verblassenden Minute wieder an Farbe und Daves Zufriedenheit stieg auf einer parallelen Bahn, denn er konnte es, genau wie die Pelle, auf den Tod nicht leiden, wenn seine Frau in den Schminkkasten gefallen war. Aber verbieten? Das war nicht seine Art. Und verbieten lassen erst recht nicht ihre.
"Denkst du Pete schlÀft schon?", fragte sie.
"Er hat Ferien. Ich denke also nicht, nein". Sie sahen sich nicht an, wĂ€hrend sie miteinander sprachen. Ihre Blicke waren durch unsichtbare Heftklammern mit dem Fernsehbildschirm verbunden. Das Bild, ein gestriegelter Nachrichtensprecher, hatte sich scheinbar in die Iris gebrannt und so eine stete Verbindung geschaffen. Draußen prasselte der Regen in großen Tropfen auf das Dach ihres zweistöckigen Hauses. Ein besonders hartnĂ€ckiger Vertreter, dessen Klopfen wohl die gesamte Nacht ĂŒber andauern sollte. Dabei hatte es niemand angesagt. In keinem Wetterbericht.
"Vorhin war noch so schönes Wetter". Wieder ein Seufzen. Diesmal von ihm. Der Regen war unterdessen zu einer dichten Wand aus reinem Wasser geworden, dass alles in seinen Bann zu nehmen schien, dass die Welt, auf die es fiel, in seiner Existenz bedrohte. Es regnete nicht nur, es fielen buchstÀbliche Wassermassen vom Himmel und trÀnkten alles Leben in ein unberechenbares Meer.
Elena nippte an dem Rotwein. Das Glas war fast leer und sie sah verstohlen nach unten, wo die Flasche aus grĂŒnem Glas unter der Marmorplatte des Wohnzimmertisches stand. Dann neigte sie ihren Kopf und ließ ihn auf der Schulter ihres Mannes nieder. Das SchlĂŒsselbein war hart, aber sie sagte nichts. Der Moment sollte nicht gestört werden. Nicht jetzt.
Aus der KĂŒche drang das Ticken wie von einer Zeitbombe. Doch es ging in dem statischen Gerede des Nachrichtensprechers unter. Die Uhr, ein ErbstĂŒck, das in ihrem Schlafzimmer kein Platz mehr gefunden hatte, bewegte ihre Zeiger wie gewohnt; und wĂ€hrend der Kleine das obere Ende fast erreicht hatte, kam auch der große Zeiger, der wie ein metallischer Arm wirkte, der Zwölf immer nĂ€her. Es fehlte noch ein Viertel. Nur noch fĂŒnfzehn Minuten.
Elena hatte ihren Kopf auf seine Schulter und ihre Hand in seinen Schritt gelegt. Unter leichtem Massieren spĂŒrte sie die Regung hinter dem Reißverschluss. Und sie musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, dass seine Augen geschlossen waren.
"Wollen wir rĂŒbergehen?", fragte sie, bekam aber keine Antwort. Dave stand ohne ein Zögern auf und nahm ihre Hand. Dann fĂŒhrte er sie aus dem Wohnzimmer. Das Rotweinglas blieb zurĂŒck. Die heiße Schokolade blieb zurĂŒck. Und mit ihnen die unausgesprochenen Zweifel einer monatelangen Keuschheit.
Fast so, als hÀtten sie gewusst, dass es ihre letzte Chance war. Dass sie dem Ende des Tunnels so unangenehm nahe waren; das Licht musste sie schon blenden.

Kann ein Mensch innerhalb eines Tages vier Kilo Körpergewicht verlieren?
Sybille sah in den hohen Spiegel und lĂ€chelte mĂŒde. Ihre ausgemergelte Gestalt wirkte gespenstisch, aber sie hatte nichts anderes erwartet. Und eigentlich fand sie es sogar lustig. Es vergingen noch weitere zwanzig Sekunden, in denen sie sich vor dem magischen Glas drehte, ihre HĂŒfte betrachtete (oder eher ihre HĂŒftknochen), eine Pirouette vollzog wie ein stolzes Model nach der Kosmetik und schließlich wieder in der Ausgangsposition verharrte. Auch ihr LĂ€cheln verharrte. Die Vorfreude siedete bereits.
Der Regen war wie Musik in ihren Ohren. Und sie genoss jeden einzelnen Ton, kostete ihn aus, als wĂŒrde sie sahnige Schokolade auf ihrer Zunge zergehen lassen. Es schmeckte köstlich. Der Geschmack von Macht, bevorstehender Macht. Sie war einem Freudentaumel nahe, einem inneren Tanz, der sie schweben ließ, ohne dass sie vom Boden abhob.
Ihr Gang war zielstrebig, ihre Bewegungen schienen einstudiert. Ein Plan existierte in ihrem Kopf und ihr vernetzter Verstand richtete sich nur noch auf eine Sache. Grinsend lief sie in Richtung der Garage. Ihr Gesicht war eingefallen, als wĂŒrde der SchĂ€del mit aller Macht nach außen drĂ€ngen, als wollte er durch ihre Haut brechen und sich in Freiheit wĂ€gen. Die TĂŒr knarrte heftig. Dahinter war es dunkel. Doch sie konnte sehen, sie konnte tatsĂ€chlich sehen, als wĂ€re sie eine Versuchsperson zu pupillenspezifischen Experimenten. Als wĂ€re ein NachtsichtgerĂ€t in ihre Augen eingepflanzt. Dann tauchte das Objekt ihrer Begierde schemenhaft in einer staubumwirbelten Ecke der Garage auf. Schnell passierte sie den mattgrĂŒnen Buick. Ein Blick auf die Armbanduhr: noch etwa zehn Minuten. Sie beschleunigte ihren Gang. Ihr Gesichtsausdruck blieb unverĂ€ndert. Sie dachte an fĂŒnf MĂ€nner. Dann umschloss sie den hölzernen Griff und trat mit der Axt in den HĂ€nden hinaus in den Regen.
Fast im selben Augenblick klickte eine Schloss. Eine TĂŒr öffnete sich und wurde schnell wieder geschlossen. Morgan hatte das Haus betreten, das Sybille gerade verlassen hatte.

Collin trÀumte.
Nacht. Finsternis umhĂŒllte die Gemeinde und schloss einen dĂ€monischen Kreis, der ĂŒber ihre Grenzen hinweg reichte. Seine jungen Augen benetzten den Himmel. Hatte er eine Vorahnung? War das möglich? Sternenklar. Er sah hinaus in die endlosen Weiten, die wie ein schwarzes Loch vor seinem Haus lagen. AbgrĂŒnde taten sich auf und ein Nebel beherrschte seinen Verstand. Er spĂŒrte MĂŒdigkeit, tiefe MĂŒdigkeit, die seinen Adrenalinspiegel rasch zu senken schien und seine Aufmerksamkeit raubte. Sollte er wegsehen? Der Drang war enorm. Unsichtbare Arme zerrten an seinem Körper und wollten ihn in sein Bett treiben. Doch er hielt stand. Der Himmel war unverĂ€ndert. Weiße Lichtpunkte hingen wie eine monströse Adventsbeleuchtung in der Dunkelheit. Dann die Sekunden, die sein Leben verĂ€nderten. Er blinzelte. Ein Wimpernschlag, der die Wissenschaft auf den Kopf stellte und neue Ansichten lieferte; auf einen Schlag. Es sah aus wie eine Sternenschnuppe; das wusste er, ohne je eine gesehen zu haben. Aber er wusste auch, dass es keine war. Senkrechtes Licht. Hellblau wie der untere Bereich einer Bunzenbrennerflamme. Dann wieder SchwĂ€rze. Und er wusste, dass etwas gelandet war.
Collin erwachte schweißgetrĂ€nkt. Erst kam die Erinnerung. Dann Angst.

Der Feldzug begann.
"Wie spÀt ist es Alfred?", fragte eine verschlafene Frauenstimme.
"Bald Mitternacht".
Die alte Frau wirkte in dem weißen Nachthemd wie ein Geist. Sie blinzelte in das nur vage erhellte Wohnzimmer und hatte sichtlich MĂŒhe, die Augen offen zu halten. "Warum bist du denn noch wach", fragte sie leise.
"Bin halt noch nicht mĂŒde. Leg dich wieder hin, Magda, ich komme bald". Alfred saß nicht in dem hellgrauen Sessel, er war hinein gesunken. Magda sah ihn noch eine Weile an, hob dann verstĂ€ndnislos die dicht beharrten Brauen und kroch wieder ins Schlafzimmer zurĂŒck. So ist es immer, dachte sie auf ihrem Weg. Und dann schlĂ€fst du im Sessel ein.
Als Sybille das flackernde Zimmer betat, schlief der alte Mann. Nur der Fernseher war noch wach und zeigte ein wild kĂŒssendes Paar inmitten halshoher MaisstrĂ€nge. Sybille warf einen kurzen Blick auf den Bildschirm, schien aber nicht zu verstehen, was die beiden Menschen dort trieben. Ihre Ratlosigkeit stieg, als der junge Mann geifernd die BrĂŒste der lĂ€ngst entblĂ€tterten Angebeteten umschloss.
Viele Menschen sehen friedlich aus, wenn sie schlafen. Alfred nicht. Getrockneter Speichel klebte abstoßend an seiner blassen Haut. Es war ein weißer Rinnsal, der zwischen den dicken, rosigen Lippen begann und sich unterhalb des Doppelkinns verflĂŒchtigte. Sybille grinste dennoch. Der Regen hĂ€mmerte weiter. Die Minuten verstrichen. Wieder das braune Lederarmband. Wieder ein Blick auf das Ziffernblatt. Dann kochte es ĂŒber, endgĂŒltig. In ihrem Kopf lĂ€uteten Glocken... zwölf Mal, dicht hintereinander. Der Plan musste eingehalten werden.
Als Magda das zweite Mal in dieser Nacht (in dieser bedeutenden Nacht) ins Bad wankte, wurde sie noch immer von dem flackernden Lichtschein des Fernsehers begrĂŒĂŸt. Wie gesagt, dachte sie und Ă€nderte ihren Weg. Nicht ganz, dachte das Schicksal und lieferte ein Bild, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Alfred, die Augen todesstarr aufgerissen (anscheinend hatte Sybille ihn einen Sekundenbruchteil vorher geweckt), ertrank fast in seinem eigenen Blut. Erst hatte sie die klaffende Wunde gar nicht gesehen, denn ein roter FlĂŒssigkeitsschirm lag verbergend darĂŒber. Sein Bauch war quer ĂŒber fĂŒnfzehn Zentimeter aufgeschnitten. Magda unterdrĂŒckte den Schrei. Dann sah sie etwas, das wie eine verdrehte, tote Schlange aussah. Aber warum hing sie aus dem Bauch ihres Mannes? Jetzt schrie sie, atemlos und schrill. Dann spĂŒrte sie ein sinnbenebelndes Stechen in ihrer Brust.
Das erste Opfer. Zufriedenheit. Ihr Gang war beherzt. Und das nĂ€chste Ziel lag nur drei HĂ€user entfernt. Sie spĂŒrte Dankbarkeit, dass sie fĂŒr den kleinen Ort ausgewĂ€hlt wurde. Ein lĂ€ngerer Fußmarsch war undenkbar. Ihr Körper rebellierte nun vehement. Die Muskeln in ihren Beinen waren aus Metall; sie war ein schwerer Roboter, wusste es nur noch nicht. Ihre HĂ€nde waren wie gelĂ€hmt. Die Axt wog Zentner. Nur die Zufriedenheit trieb sie voran wie ein Soldat auf dem Weg in die Heimat. Ja, sie war eine Kriegerin. Eine AuserwĂ€hlte. Ein Drazir.

Er telefonierte mit dem Polizeirevier und meldete seine BefĂŒrchtungen.
"Meine Frau ist seit Tagen nicht mehr dieselbe. Ich weiß nicht, was los ist. Sie ist so verstört. Es fĂ€llt mir schwer, aber ich befĂŒrchte, dass sie -wenn es zum Letzten kommt- in dieser Nacht Menschen ermorden wird".
"Und sie sagen, dass eine Axt fehlt, aus der Garage? Wo könnte ihre Frau jetzt sein?", Deputy Howard klang unerfahren. Er war noch jung. Vielleicht zu jung fĂŒr diese Nacht.
"Ich kann nur vermuten", sagte er. "Aber ich hoffe...", dann verstummte er jĂ€h. Was hoffte er eigentlich? Er war sich nicht mehr sicher. Er hatte schon lange aufgehört, Gottes Existenz zu spĂŒren.
Nach dem Telefonat sah Morgan aus dem Fenster. Triefend war die Welt in Wasser gehĂŒllt. Der Regen peitschte seine erbarmungslose Wut auf ihre Erde, weichte sie auf, wĂŒhlte sie auf.

Ihre Haut legte sich auf ihre Knochen wie ein Laken ĂŒber den schlaffen Körper einer Leiche. Sie magerte ab; binnen weniger Minuten. Ein wandelndes Skelett, das einen mörderischen Feldzug durch die Nacht vollzog. Angetrieben von einem satanischen FlĂŒstern aus geschlossenen MĂŒndern. Der Plan war verankert, unerschĂŒtterlich wie die Grundmauern des Vatikan. Als Sybille das zweite Haus betrat, lagen ihre einst blauen Augen unnatĂŒrlich rund in traurigen Höhlen. Feine Äderchen zĂŒngelten wie blutige Miniaturblitze um die fahlen Pupillen.
Carl fĂŒhlte eine ungewohnte PrĂ€senz. Nach dem Tod seiner Frau hatte sich das GefĂŒhl von Einsamkeit als ein widerwĂ€rtiger Druck auf seiner Seele entpuppt. Und somit festgefressen. Jede Abweichung spĂŒrte er deutlich. Er genoss sie. Unter normalen UmstĂ€nden zumindest. Jetzt waren die UmstĂ€nde alles andere als normal.
Schritte in seinem Haus? Kurz nach Mitternacht? Carl sah sich verwirrt um. Furcht pirschte sich als eine Vorahnung heran. Da war es wieder. Ein GerĂ€usch, als wĂŒrde ein Kind auf leisen Sohlen ĂŒber den Parkettboden tapsen. Er ging hinter der BadezimmertĂŒr in Deckung. Und die GerĂ€usche kamen nĂ€her. Aus der Furcht wurde Todesangst. Eine Gefahr, das wusste er, hatte sein Haus betreten. Dann kam die Erkenntnis.

Bis zum Morgen ĂŒberschlugen sich die Nachrichten in der ganzen Welt. Überall gab es Morde, bestialische Morde. Die Menschheit lag in einem starken Griff, in einer Faust, die fester zudrĂŒckte, je mehr Zeit verging. Ein Schrecken hatte sich entfesselt und war im Begriff, sich ĂŒber das Land auszubreiten. Über das Land? Über alle Landen.

Carl sah stumm in eine blutverschmierte Klinge. Dann erfuhr er am eigenen Leib, wie rasierklingenscharf sie war. Dennoch reichte ein Schlag nicht aus. Die weißen Fliesen zu Sybilles FĂŒĂŸen wurden kontrastreich gefĂ€rbt. Das Rot glĂ€nzte förmlich auf der blank polierten FlĂ€che.
Der zweite Schlag war weniger kraftvoll, dafĂŒr aber umso effektiver. In ihren Ohren hallte noch das dumpfe Stöhnen wider, das sie soeben gehört hatte. Jetzt gab es nur noch das GerĂ€usch eines Aufpralls, dann ein widerliches Knacken, als der SchĂ€del auf dem steinharten Untergrund aufschlug, die Augen wieder zu einer Todesstarre geöffnet. Sybille trat einen Schritt zurĂŒck, um ihre schwarzen Schuhe von der sich ausbreitenden Blutlache fernzuhalten. Zufriedenheit. Wieder hatte sie ein Lebensfeuer erloschen. Kurz dachte sie an die Geschehnisse, die sich in diesem Moment an den verschiedensten Flecken dieses merkwĂŒrdigen Planeten ereigneten. Ihr Grinsen wurde breiter. Und mit einem letzten Blick auf die verklebten weißen Haare des Mannes schloss sie auch dieses Kapitel und verließ das Haus, das nun endgĂŒltig von Einsamkeit regiert wurde.

Schlaflosigkeit. Collin hatte nach seinem Traum kein Auge mehr zugetan. Wieder saß er auf dem Schreibtisch und starrte aus dem Fenster. Der Himmel bestand aus unzĂ€hligen Grautönen. Die Wolken weinten bitterlich. Es regnete noch immer.
Er erinnerte sich an das hellblaue Licht, das wie ein strahlender Wasserfall auf die Erde fiel, damals. Dann senkte er seinen Blick und sah auf die Straße, die mehr ein Fluss war. Niemand zu sehen. Nur die Schatten der Äste huschten verschwiegen ĂŒber den Asphalt. Die Welt war ein Spiegel, in der sich die Nacht wiederfand und es sah aus, als wĂ€re sie zu Boden gestĂŒrzt, um alles Leben in SchwĂ€rze zu hĂŒllen. Benommen kniff er die Augen zusammen. Der Anblick war verstörend. Sein Atem wurde schneller und sein Herz pochte spĂŒrbar. Die Frau des Pfarrers?, dachte er und versuchte die schmale Silhouette zu erkennen, die sich geheimnistuerisch durch die Stadt schleppte. Der Anblick erinnerte ihn an einen Zombiefilm aus den 80er-Jahren. Plötzlich stockte sein Atem. Collin presste die HandflĂ€che auf seinen Mund, um einen Schrei zu ersticken. Sofort schmeckte er seinen eigenen Schweiß. Die Axtklinge glitzerte silbern zwischen den Regenströmen. Und darauf waren Punkte zu sehen, Schlieren, verschmiertes Schwarz, das sich dunkel auf der metallenen Klinge absetzte. Die Erkenntnis rauschte in seinem Kopf wie der donnernde Motor eines alten Dodge. Dann schlug sie ihm mit brutaler RealitĂ€t ins Gesicht: Blut, dachte er und sein eigenes schien auf der Stelle zu gefrieren.

Die Welt war erfĂŒllt von Skandalen, die die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zogen und beherbergten wie einen wertvollen Schatz.

Die Polizei war am ersten Tatort und sofort machten sich zwei weitere Deputys auf den Weg zum nĂ€chsten Haus. Morgans BefĂŒrchtungen schienen sich zu bewahrheiten. Doch wieder kamen sie zu spĂ€t. Die einzige Spur von Sybille war die kopflose Leiche auf den quadratischen Fliesen. Der junge Deputy Howard wĂŒrgte schmerzhaft und rang mit der Benommenheit, die sich auf ihn presste wie eine tonnenschwere Last. FlĂŒchtig erhaschte er einen Blick in den Spiegel ĂŒberhalb des Waschbeckens bevor er den Tatort wieder verließ. War sein Gesicht wirklich grĂŒnlich? Oder spielte ihm seine BefĂŒrchtung nur einen bösen Streich?
"Los komm", sagte er unverstĂ€ndlich, denn seine Hand verschloss seinen Mund. "Zum nĂ€chsten Haus. Vielleicht kriegen wir sie dort". WĂ€hrend er sprach, rief er sich die verbliebenen drei MĂ€nner in Erinnerung. Er wusste nicht, warum er gerade jetzt daran dachte, aber ihm fiel auf, dass nur einer von ihnen ein Kind hatte, das noch zu Hause wohnte. Ein Junge, wenn er sich nicht tĂ€uschte. Traurig dachte Deputy Howard an ein zerstörtes FamilienglĂŒck. Erst dann fiel ihm ein, dass es noch nicht zu spĂ€t sein musste. Vielleicht hatten sie noch eine Chance. Er stĂŒrmte aus dem Badezimmer, nur ein Ziel vor Augen und gab seinem Kollegen ein Zeichen, das er ihm folgen sollte. Wie hieß der Junge noch gleich, ĂŒberlegte er. Pete?.
Der andere Polizist rÀusperte sich und versuchte angestrengt, nicht durch die Nase zu atmen. Der Gestank von menschlichem Zerfall war komafördernd.
"Der Pfarrer scheint recht zu haben. Sie rĂ€cht sich fĂŒr ihn", er ĂŒberlegte kurz und sah ein letztes Mal zu der Leiche des alten Mannes. Dann sagte er leise: "Er sollte beten... fĂŒr uns alle".

Er bekam nichts mit. Pete schlief seelenruhig. Das hatte er schon, als seine Eltern kurz vor Mitternacht ĂŒber ihn sprachen ("Denkst du Pete schlĂ€ft schon?" - "Er hat Ferien. Ich denke also nicht, nein"). Erst der Schrei ließ ihn erwachen. Und er dachte kurz, dass es ein Traum war. Nur ein Traum. Doch er irrte sich.
Instinkthandlungen sind nicht immer vorteilhaft: "Mum?", rief er. "Dad?", noch etwas lauter. "Was ist los?". Pete stand auf, der Teppichboden gab angenehm weich unter seinen nackten FĂŒĂŸen nach. Er schlurfte aus dem Zimmer. Nirgendwo brannte Licht. Der Korridor, der sein Zimmer von dem Schlafzimmer seiner Eltern trennte, war ein undurchsichtiger Flur, dessen Ende er nicht sah. Kein Schrei mehr. Kein einziges GerĂ€usch, außer dem Dauerfeuer außerhalb der schĂŒtzenden WĂ€nde. Wenn schon eine VerĂ€nderung, dann hatte der Regen noch zugenommen.
Es war das letzte Kapitel seines Feldzuges. Und noch immer waltete die Leidenschaft in ihm, mit der er seine Aufgabe erfĂŒllte. Dazu wurde er ausgebildet. Und dafĂŒr wĂŒrde er sterben. DafĂŒr wollte er sterben. Ein duales GlĂŒcksgefĂŒhl. Auf der einen Seite die persönliche Genugtuung, der Reiz der Zerstörung und auf der anderen Seite der Gemeinschaftssinn. Er war ein Drazir. Ein Vertreter des Volkes. Nur der Sieg seiner Rasse war von Bedeutung. Er konnte die Spitze der Pyramide schon sehen, die sie mĂŒhsam aufgebaut hatten; ĂŒber Jahre und Lichtjahre hinweg. Endlich war es soweit. Endlich hatten sie begonnen, ihren Plan zu verwirklichen und die Pyramide wie eine Armee todbringender Insekten zu besteigen.

Morgan betete nicht. Er saß nur ruhig im Wohnzimmer ihres Hauses. Lichtlos und GerĂ€uschlos. Weder der Fernseher lief, noch war das Radio in Betrieb. Er saß nur da... und grinste dĂ€monisch. Gott hat scheinbar verschlafen.

Pete rannte wie noch nie in seinem Leben. Was er gerade gesehen hatte, legte jeden seiner Gedanken lahm und nur noch einen Instinkt frei: ĂŒberleben. Das Bild hing vor seinem geistigen Auge wie eine unbewegliche Leinwand. Ein Brandzeichen, das seine Psyche auf ewig verletzt hatte. Als er die EingangstĂŒr erreichte, waren die Schritte der Gestalt, die aussah, als wĂ€re sie einem Horrorfilm entsprungen, so dicht hinter ihm, dass er sich fĂŒr einen Augenblick damit abfand, tot zu sein. Bald. Jeden Moment. Jetzt. Er hörte tatsĂ€chlich ein Lachen, ein gurgelndes Lachen, als wĂŒrde es aus einer blutgefĂŒllten Kehle stammen, als er die WohnungstĂŒr aufriss. Die MotorengerĂ€usche hatte er gar nicht wahrgenommen.
Deputy Howard riss es fast von den Beinen. Er taumelte kurz, konnte sein Gleichgewicht aber halten. Dann sah er auf und geriet erneut ins Wanken. Was ist das um Himmels Willen, rebellierte sein Verstand gegen das, was seine Augen aufnahmen. Eine wandelnde Leiche. Eine entblĂ¶ĂŸte Mumie. Der Tod.
In einer gekonnten Bewegung riss er seine Pistole aus dem Halfter und fixierte die strichmĂ€nnchenhafte Abbildung eines Menschen. Die Axt streifte den Boden und hinterließ weiße Einkerbungen in dem Beton. Sofort war Sybilles langes, blondes Haar durchnĂ€sst und hing ihr verfilzt ĂŒber den Augen. Das rechte Bein (ein Streichholz?) zog sie beim Laufen hinter sich her, als wĂ€ren ihre Muskeln zu ewigen KrĂ€mpfen verdammt. Der gesamte Anblick war furchteinflĂ¶ĂŸend und mitleiderregend zugleich. Aber innerlich lachte der Drazir. Deputy Howard regte sich nicht. Er beobachtete nur. Und er sollte noch lange Zeit AlbtrĂ€ume von dem haben, was er als nĂ€chstes sah. Sieh genau hin, dachte der Drazir und hatte noch immer Schwierigkeiten, das Wesen der Menschen einzuordnen. Aber es war egal. So oder so hatten sie kein Recht, weiterhin am Leben zu sein. Dessen war er sich sicher. Er ergötzte sich an seinem Erfolg. Sie konnten ja nicht wissen, diese naiven Geschöpfe, dass genau das zu ihrem Plan gehörte. Genau das. Die Polizei. Das Erwischen auf frischer Tat. Der Skandal.

Collin hörte das Klopfen, das mehr ein HĂ€mmern war und nicht mehr aufhören wollte. Wie lange war es her, dass er sie gesehen hatte? Nur einige Minuten. Angst kroch durch jede Pore seines Körpers in seine Glieder. Er erinnerte sich an die Frau des Pfarrers. Bis eben hatte er ĂŒberlegt, was er tun sollte. Jetzt hatte er das GefĂŒhl, das sich die Frage von selbst beantworten wĂŒrde. Wer sonst konnte um diese Zeit vor seiner HaustĂŒr stehen?
Vorsichtig beugte er sich ein StĂŒck weit aus dem Fenster, um den Eingangsbereich auszuspĂ€hen. Vergebens. Collin konnte nichts erkennen. Selbst bei Sonnenschein hĂ€tte er nicht an der hoch aufragenden Douglasie vorbei sehen können. Er fluchte gedanklich. Dann fiel ihm etwas auf und er entschied sich. Er lief aus dem Zimmer, passierte das Schlafzimmer seiner Eltern (aus dem winzigen TĂŒrspalt war ein friedliches Schnarchen zu hören) und stieg die gewundene Holztreppe herab. Es knarrte leise wie das Knurren eines verĂ€rgerten Hundes. Es könnte ja auch..., dachte er und sein Gedanke wurde bestĂ€tigt. Die WohnungstĂŒr hatte in der Mitte ein senkrecht verlaufendes Fenster aus milchigem Glas. Die Gestalt, die sich dahinter abzeichnete, konnte unmöglich die Frau des Pfarrers sein. Zumindest nicht aufrecht stehend. Noch immer klopfte es wild. Collin aber verlangsamte seinen Gang und dachte noch ein letztes Mal angestrengt nach. Sie ist eindeutig in Richtung von Petes Haus gegangen, erinnerte er sich und öffnete zaghaft die TĂŒr.
Sofort wurde sie aufgestoßen und jemand stĂŒrmte ins Haus. Collin sah der Person verwundert nach, dann schloss er die TĂŒr und bekam Angst, als er Pete in die Augen sah. Wirkliche Angst.
Sein Blick sprach wortlos von Panik, von Verstörtheit, Grauen. Was Pete auch erlebt hatte, Collin ahnte, dass nichts mehr so sein wĂŒrde wie es einmal war. Was sollte er sagen? Gab es Regeln, nach denen man sich in solchen Situationen richten konnte?
"Ich bin jederzeit fĂŒr dich da, egal was ist, in Ordnung?".

Er trat in den Regen und sah in den Himmel. Es schien, als wĂŒrden die unzĂ€hligen Tropfen in Zeitlupe fallen. Morgan öffnete den Mund. Es schmeckte sĂŒĂŸlich. Es schmeckte wunderbar sĂŒĂŸlich wie der Geschmack von GlĂŒck.
Dann lief er los. Er wusste genau, wohin. Sie genossen einen perfekt ausgefeilten Orientierungssinn. Und mit dem wohltuenden GefĂŒhl, an alles gedacht zu haben, streifte er durch den Regen, dachte noch einmal kurz an den Brief, den er einladend auf dem KĂŒchentisch hinterlassen hatte und verschwand in einem Waldgebiet am Rande der Stadt, auf das auch Collin eine prĂ€chtige Sicht hatte, wenn er an seinem Fenster saß und den Blick schweifen ließ.

Deputy Howard zögerte nur wenige Sekunden. So lange, wie der Schock in an Ort Stelle pflanzte. Dann stieg er in den Wagen, startete den Motor und fuhr los.
Die Scheibenwischer auf den höchsten Intervall gestellt, fegte er durch die nĂ€chtlichen Straßen, auf denen die Leere und Ratlosigkeit schwamm, die auch er spĂŒrte. Wieso, dachte er unentwegt und wollte die HĂ€nde vom Lenkrad losreißen, um sich das Bild aus dem Kopf zu schlagen, dass ihn so sehr beschĂ€ftigte. Dass ihn immer wieder in die Vergangenheit reisen ließ, zu den wenigen Sekunden, in denen Sybille Selbstmord begann.
Er erreichte das Haus (ein KĂŒrbis grinste ihn unter der Naturdusche an) und dachte an ihre letzten Worte: Gott hat auch ihn verlassen. Es musste nicht Klick machen, es dauerte auch keine lĂ€ngere Zeit bis er ihre Worte begriff. Deputy Howard wusste sofort, was sie bedeuteten. Er parkte den Wagen direkt vor dem Hauseingang, stieg aus und betrachtete das GebĂ€ude einen Augenblick. Hinter keinem der sichtbaren Fenster brannte Licht. Auch in dem Haus war es noch Nacht. Und in so vielen Herzen, mit diesem Gedanken und gezĂŒckter Waffe betrat er das Haus des Gemeindepfarrers und seiner Frau.
Wieder der Selbstmord. In seinem Kopf, aber klar erkennbar wie das schÀrfste Bild des besten Fernsehers der Welt. Das Grinsen. Warum hat sie so schrecklich gegrinst. Dann die Bewegung, die ihr Leben beendete.
Deputy Howard schlich durch die Dunkelheit, darauf gefasst, jeden Moment angegriffen zu werden. Sein Herz pochte. Seine Lungen waren verklebt. Jeder Schritt schmerzte in seinen Muskeln. Ein GerÀusch? Reaktionsschnell drehte er sich nach rechts. Nichts. Nur SchwÀrze.
Erst die Klinge beendete das Grinsen. Sybille hatte die Axt in einer rasanten Bewegung nach vorne fallen lassen, herumgedreht und sie ebenso schnell in ihrem Gesicht vergraben. Fast millimetergenau hatte sie sich den SchĂ€del zwischen dem Nasenbein gespalten. Ein perfekter Skandal. Der neue, junge Pfarrer und seine Frau sind fĂŒr den Mord an fĂŒnf Menschen verantwortlich... an den fĂŒnf grĂ¶ĂŸten Kritikern seiner Person.
Vor ihm lag die KĂŒche. Einzelne GerĂ€te (KĂŒhlschrank, Wandschrank, SpĂŒlmaschine) warfen ihre Umrisse in den lichtkargen Raum. Dann sah er einen Brief und faltete ihn auseinander. Sein Gesicht verlor schlagartig an Farbe.

In Rom hatten infiltrierte Satanisten in Uniformen der Schweizergarde ein Massaker in der Vatikanstadt angerichtet. So hieß es zumindest in den Medien.

In Paris hatten mutmaßliche Terroristen den Eifelturm gesprengt. Hunderte Franzosen und Touristen aus aller Welt kamen bei dem Anschlag ums Leben. So hieß es zumindest in den Medien.

In Frankfurt haben Bankangestellte einen blutigen Aufstand verĂŒbt und haben die eigenen Banken aufgrund unzĂ€hliger Entlassungen maskiert ĂŒberfallen. Dutzende Menschen starben. So hieß es zumindest in den Medien.

Die Welt stand Kopf.
Pete hatte in den ersten Minuten kein Wort gesprochen. Dann brach er das Schweigen. "Meine Eltern sind tot", flĂŒsterte er. Collin fĂŒhlte sich ĂŒberfordert und tat dennoch das einzig Richtige. Er nahm ihn in den Arm und sagte nichts, spĂŒrte nur die TrĂ€nen, die sich langsam durch den Stoff seines T-Shirts bahnten. Endlich, dachte er. Endlich weinst du.

Deputy Howard las den Brief nur einmal, dann sank er auf die Knie. Er konnte nicht fassen, was er doch eigentlich schon geahnt hatte. Vor etwa zwei Jahren. Er dachte an Vater Grant, dann an seinen Nachfolger. Pfarrer Morgan. Er steckt tatsÀchlich dahinter. Dann tauchten die Zeilen wieder in seinem GedÀchtnis auf, die seinem Gesicht die gesunde Farbe geraubt hatten wie ein genmanipulierter Egel, der einem das Leben buchstÀblich aus dem Körper saugen konnte. Er war der erste Mensch, den ich umgebracht habe. Und glauben sie mir, es war toll. Vater Grant hat geröchelt, als ich ihm die Kehle durchgeschnitten habe.

Morgan watete durch den flĂŒssigen Untergrund. Knöcheltief versank jeder seiner Schritte im Schlamm. So langsam wurde die Last störend. Er sah an sich herab und konnte noch immer kein VerstĂ€ndnis fĂŒr die Anatomie dieses merkwĂŒrdigen Körpers aufbringen. Also legte er ihn ab wie ein willenloses KleidungsstĂŒck und ließ die fleischigen Fetzen auf den feuchten Tannennadeln liegen. Blut und Regen vermischten sich. Ja, stöhnte er zufrieden, viel besser. Nur wenige Minuten spĂ€ter sprach er das erste Mal seit fast zwei Jahren wieder in seiner eigenen Sprache.
Es waren zwei Gestalten, die auf ihn warteten. Die Körper waren dĂŒnn, die Gliedmaßen in der Form von Spinnenbeinen, hakenschlagend und mit herausstehenden Gelenkknochen verbunden. Sofort unterhielten sie sich angeregt. Doch ein Wort fiel hĂ€ufiger, als alle anderen: Ablenkungsstrategie. Und sie schienen zufrieden zu sein. Scheinbar war ihr Plan aufgegangen. Skandale in aller Welt. Die Spitze der Pyramide war in Reichweite.

"Ich habe davon gewusst", sagte er und seine Stimme verbarg ein Flehen um Verzeihung.
"Was?", Pete sah ihn herausfordernd an.
"Ich habe etwas gesehen. Vor fast zwei Jahren", und nach einer Pause, "Es tut mir leid".
"Was gesehen?".
"Ein blaues Licht".
"Und?", fragte Pete.
"HĂ€tte ich damals jemandem erzĂ€hlt, dass ich Außerirdische gesehen habe. Wer hĂ€tte mir denn geglaubt?".
"Ich verstehe ĂŒberhaupt nichts. Wovon redest du denn? Was hat das mit jetzt zu tun. Warum...?", doch er wusste die Antwort bereits. Sekundenlang sahen sie sich nur schweigend an. Collin nickte. Und Pete war wieder nach Weinen zumute. "Aber, wir haben uns geschworen, dass wir uns nie belĂŒgen".
"Ich habe dich auch nie belogen. Du hast mich ja nicht danach gefragt. Wie solltest du auch?", sagte Collin und hatte das zermĂŒrbende GefĂŒhl, seinen Freund falsch behandelt zu haben.
"Aber gestern noch, da haben wir doch an unserem Baum gesessen und ich hab dich gefragt, ob du an Geister glaubst. Du hĂ€ttest es spĂ€testens dann sagen mĂŒssen", seine Stimme vibrierte.
"Ja, Geister. Du hast mich aber nicht nach Aliens gefragt. Es tut mir leid". Dann stand er auf und trat einen Schritt nach hinten. Sein Blick war auf Pete gerichtet. Eine Bewegung in Richtung Hosentasche, gezielt und bedacht, und er hatte ein Messer in der Hand. Pete konnte sich nicht rĂŒhren, konnte keinen Laut von sich geben wie Berninis Statuen in Rom. Collin zögerte nicht. Regen knallte gegen die Fensterscheibe, als wĂŒrde das Schicksal persönlich anklopfen. Noch immer sah er Pete an und löste diese Verbindung auch dann nicht, als er die Klinge in seine eigene Haut bohrte. Der Brustkorb barst knirschend. Dann zog er einen sauberen, fast chirurgischen Schnitt bis zum Bauchnabel, griff in sein Inneres und riss die beiden Hautlappen auseinander. Pete konnte selbst dann noch nicht schreien, als er den pulsierenden, spinnenartigen Körper darunter erblickte.
Ein langgezogener Schrei, in dessen Flut etliche Traumata mitschwammen. Pete erwachte auf einer staubigen Decke. Es war dunkel; wieder einmal. Dann sah er neben sich und sein Herz atmete erleichtert auf. Zumindest fĂŒr den Bruchteil einer Sekunde. Dort lag Collin, die Augen geschlossen. Er schlief.
Petes Erleichterung verblasste so schnell wie der Atemhauch an einer Fensterscheibe und die volle Erkenntnis raste wie ein Wasserfall aus Scherben auf ihn nieder. Er stand nicht auf. Er sah sich nicht um. Er wusste ohnehin, wo er sich befand. Der riesige, quadratische Raum, die schmutzige Halle aus Stein. Viel zu lange war er schon hier, um vergessen zu können, wie es um ihn herum aussah. TrĂŒb. DĂŒster. Aussichtslos. Sie waren Sklaven einer höheren Macht.
Apokalypse.




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Abgesehen davon, dass das Ganze trotz Aliens (als BegrĂŒndung fĂŒr das Gemetzel) eher in die Rubrik Horror passen wĂŒrde (weil dies das offensichtliche Thema ist, nicht die Ankunft der Aliens oder ihr Plan oder sonstwas in der Art), also abgesehen davon stört vor allem eines die Wirkung: Du hast es zu gut gemeint, zu oft zu dick aufgetragen, zu "schön" geschrieben. Und mehr als einmal hast du dabei zu "schönen, stimmungstrĂ€chtigen" Worten und Wendungen gegriffen, die du nicht beherrschst. (Beispiel: Es ist ein "ausgemergelter Körper" - "ausgemerzt" heißt "vernichtet, beseitigt"). Außerdem - aber das kann einfach an meiner noch nicht wieder voll hergestellten NervenstĂ€rke liegen - hab ich bei all den Figuren den Überblick verloren. Sie erscheinen alle irgendwie gleich wichtig und haben alle irgendwie den gleichen Charakter - und zwar sind alle in gleichem Maße nur Statisten, SchnappschĂŒsse, Pappfiguren. Und das obwohl (oder eher weil) du an alle in gleichem Maße "herangerĂŒckt" bist - du "siehst durch alle Augen", was höööööchst selten funktioniert (vor allem nicht bei einem kurzen Text, und das ist ja doch einer).

Tipp: Nur dort "dick auftragen", wo die "Dekoration gebaut wird", an allen anderen Stellen mehr die Handlung als Maß nehmen und die Stimmung eher dezent andeuten. Zwei, höchsten drei "HandlungstrĂ€ger" wĂ€hlen - dafĂŒr aber dann noch dichter ran an die entsprechenden Personen. Die anderen sind dann "Objekte", die mit den Augen der drei betrachten werden - es ist egeal, wie die Opfer sich fĂŒhlen; allein die Tatsache, dass und wie sie abgeschlachtet werden, zeigt den Horror. (Zumal du das Leiden der Opfer nicht mal - als zusĂ€tzlichen Grusel-Aspket sozusagen - rĂŒberzubringen vermagst. Aber das ist auch schwer.)
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hallo

und danke erstmal, dass du dich mit meinem text befasst hast. auch wenn es mir so vorkommt, versteh mich nicht falsch, als hĂ€ttest du den text ĂŒberflogen und dann eine recht spontane bewertung geschrieben, statt konstruktiver kritik.

du schreibst: Und mehr als einmal hast du dabei zu "schönen, stimmungstrÀchtigen" Worten und Wendungen gegriffen, die du nicht beherrschst.

ich denke nicht, dass ein beispiel (auch wenn du hier recht hast, habe es auch schon geĂ€ndert) veranlassen sollte zu sagen, ich wĂŒrde eine sache insgesamt nicht beherrschen. denn ich finde durchaus, dass die restlichen bilder stimmig sind. du kannst gerne sagen, dass ich zu dick auftrage, denn damit habe ich tatsĂ€chlich so meine probleme und arbeite auch gerade daran, dies zu Ă€ndern; einfacher, möglicherweise gezielter zu schreiben. aber dennoch: man sollte nicht von einem beispiel auf meine allgemeine fĂ€higkeit schließen, das wĂ€re nicht fair.

weiterhin denke ich, dass die bennenungen Statisten, SchnappschĂŒsse, Pappfiguren nicht wirklich der wahrheit entsprechen. wie kann eine figur ein schnappschuss sein, wenn ich ihr einen gesamten absatz widme... dritter absatz, der die figur morgan vorstellt und meiner ansicht nach sehr wichtig ist, um den leser erstmal auf eine falsche idee zu bringen.
und was ist mit den ersten beiden absĂ€tzen? ich war der meinung, eine gute einleitung gefunden zu haben. dachte eigentlich, die freundschaft zwischen den beiden zumindest angerissen zu haben. und immerhin befassen sich die absĂ€tze auch lediglich mit diesen beiden figuren, ohne dass jemand getötet wird oder viel action in der handlung steckt. eher eine unterschwellige spannung, oder? oder irre ich mich da? fand die idee mit der frage nach geistern und dem anschließenden zögern eigentlich nicht schlecht. da steckt meiner meinung nach schon etwas drin, das lust auf mehr macht oder zumindest machen sollte. vielleicht ist es mir ja nicht gelungen.
was ist mit den fĂŒnf herren? reicht es nicht, wenn ich das, was sie ausmacht, nĂ€mlich die beziehung zu morgan, in dieser form anreisse... wie im dritten absatz?
wie gesagt, ich gebe dir definitiv bei der sache mit dem "schönschreiben" recht. das ist ein problem von mir. auch wenn ich dachte, dass ich das hier schon ein wenig reduziert habe, aber gut... du kennst meine anderen texte nicht, wahrscheinlich ist es da noch sehr viel schlimmer .

noch eine letzte anmerkung: du hast im grunde nur etwas zu meinem schreibstil gesagt, den inhalt der geschichte aber nicht berĂŒcksichtigt. wie ist die idee? nur generell, ohne die umsetzung zu beachten? wĂŒrde mich natĂŒrlich auch interessieren.
achso, noch was: war anfangs auch der meinung, dass die geschichte eher in die rubrik "horror&psycho" gehört, habe sie sogar dort eingestellt, dann aber meine meinung geÀndert. wenn du jetzt auch der meinung bist, sie gehört in den horrorbereich, dann verschiebe sie doch bitte, danke.

liebe grĂŒĂŸe und ein schönes weihnachtsfest wĂŒnscht

mye
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In der Tat war mein Kommentar "nur" ein erster Eindruck - so nach dem ersten Lesen. Ich kann dir gern auch ein ausfĂŒhrliches Lektorat zukommen lassen - wenn du warten kannst, denn sowas ist außerordenltlich zeit- und nervenaufwendig - und mit beidem (Zeit und Nervenktaft) muss ich etwas geizen.

Zur Idee: Sie hat was, hat mich auch etwas ĂŒberrascht. Sie ist nicht abgegriffen - was ja schon 'ne Menge Wert ist - und haut mich sicher nur deshalb nicht vom Hocker, weil ich als SF-Leser (mit Vorliebe fĂŒr ErzĂ€hlungen und Kurzgeschichten) einfach schon sehr sehr viele "hat was"-Ideen gesehen habe.

Zum Nicht-Beherrschen: Diese eine Wortgruppe ist ja nur ein (wenn auch ein gravierendes) Beispiel. Oft ist es "nur" ein Missgriff in der Stilebene, ein "Klang-Problem", manchmal aber auch ein inhaltlich-bildliches (oder eben auch auch mal ein echt falsches Wort). Der Hinweis ist ĂŒbrigens - auch wenn "nicht beherrschen" erstmal hart klingt - nicht als Deklassierung gemeint. Es ist normal, dass man Nicht-AlltĂ€gliches (und die Sprache, zu der du dich hingezogen fĂŒhlst, ist nicht-alltĂ€glich) zwar interessant findet, aber darin nicht geĂŒbt ist.

Zu den Papp-Figuren: Ja, du hast den Figuren ganze AbsÀtze gewidmet. Aber wozu? Und mit welchem Ergebnis?
Wozu?: Um sie als Menschen darzustellen - das trĂ€gt zur Geschichte nichts bei (sie tragen zur Handlung nichts bei) und es gelingt nicht (das Schlaglicht ist einfach zu kurz und oberflĂ€chlich dafĂŒr). Um das Grausame zu verdeutlichen - das gelingt nicht.
Das zweite Problem: Indem du alle Figuren (annĂ€hernd) gleich genau beobachtest (und das gelingt dir durchaus, keine Frage!), machst du sie alle gleich. Dabei entscheidet nicht (allein) die LĂ€nge der "Beobachtungsphase", sondern die IntensitĂ€t. Ich habe eben beim ersten Lesen die "Hauptfiguren" nicht finden können - habe mich von einer "wichtigen Figur" zu nĂ€chsten geschickt gefĂŒhlt. Und dabei zunehmend dem Eindruck "wichtig" nicht mehr gegelaubt. (Oft genug hab ich aber auch viele Zeilen lang gar nicht gewusst, wer da gerade am reden/handeln ist - und das ist ein "echter Schreibfehler".)


Zu einigen konkreten Fragen:
Der Einstieg ist gut konstruiert.
Die "falsche FĂ€hrte" ist eine legitime Idee - in diesem Fall fĂŒhlt sie sich aber eher wie eine kĂŒnstliche VerlĂ€ngergung der Geschichte" an. Zumal man (ich zumindets) sich nicht wirklich auf dieser FĂ€hrte weiterfĂŒhrt fĂŒhlt. Überhaupt scheinst du zu viel auf "falsche FĂ€hrten" und "Unklarheiten" zu bauen - das macht alles uuuunglaublich schlecht verfolgtbar.
Was fĂŒr "fĂŒnf Herren"?


Ich kopier mir den Text jetzt mal, um offline sowas wie in Ultra-Kurz-Lektorat zu machen. Ich meld mich dann wieder.
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hi,

vielen dank... auch fĂŒr die bereitschaft, dich lĂ€nger mit dem text zu befassen. ich warte gerne !

schöne feiertage!

mye
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Ich weiß, das hier sieht aus wie ein "komplett-Lektorat". Das ist es nicht: An vielen vielen Stellen bin ich auf Sprachliches und auf Strukturelles gar nicht eingegangen. Schwerpunkt war die Figuren-Zeichnung, anderes drĂ€ngte sich dabei so heftig auf, dass ich dann doch was dazu sagen musste





ERSTER ABSATZ

quote:
"Glaubst du an Geister?", fragte Pete und blinzelte in die Abendröte. Seine Stimme klang losgelassen. Er hÀtte ebenso gut nach seinem Lieblingsburger fragen können, die Intonation war dieselbe.
Was bitte ist eine "losgelassene Stimme"? Wie wĂŒrde denn eine "festgehaltene Stimme" klingen? Nach wessen Lieblingsburger? Im Moment ist nur Pete „da“ (dass ein GesprĂ€chspartner existiert, ist an dieser Stelle nur eine Vermutung / besser: "Er hĂ€tte Collin ebensogut nach dessen Lieblingsburger fragen können...")

quote:
Collin antwortete nicht und sah ihn umstÀndlich fragend an.

Man kann zwar jemanden "umstÀndlich fragen" (indem man drumrum redet), aber niemanden "umstÀndlich ansehen".

quote:
Die DÀmmerung fÀrbte sein blondes Haar ein wenig dunkler und ihre Körper warfen lange, verzerrte Schatten auf den kernigen Sand.

Schatten in der DÀmmerung? Das wÀren schon sehr spezielle LichtverhÀltnisse! Es ist "körniger" Sand (, es denn, jemand hat dort massenhaft Obst gegessen und die Kerne in den Sand gespuckt).

quote:
Ein Knistern war unaufhörlich ĂŒber ihren Köpfen zu Gange, das Spiel des Windes mit dem verbliebenen Blattwerk, das halbverdorrt an den Ästen baumelte.
DĂŒrres Blattwerk knistert nicht, es raschelt. "zu Gange sein" = "etwas (emsig, ausdauernd; auffĂ€llig) tun" (Was bitte tut das Knistern?)/ "im Gange sein" = "ein Prozess / ein Geschehen lĂ€uft ab" (es knistert – ein Knistern ist im Gange)

quote:
Sie waren allein, lehnten unweit des nicht wirklich pulsierenden, aber durchaus beherzten Lebens an einer Schwarzerle und kauten Grashalme.
Das beinahe pulisierende, beherzte Leben von was? Eines Ameisenhaufens? Einer Stadt? Der Zivilisation schlechthin?

etc - etc - etc -
(Anmerkungen dieses Kalibers unterlasse ich im Folgenden, weil sowas stĂ€ndig auftaucht und allein schon Seiten fĂŒllen wĂŒrde.)

quote:
...Leuchtturm. Keiner sprach ein Wort, doch die Fragezeichen (Petes GefĂŒhl von Ratlosigkeit und Collins unergrĂŒndliche, aber unweigerliche Barriere, die er zwischen Petes Frage und seiner Antwort geschoben hatte) wichen...
Klammern sind in erzĂ€hlenden Texten tabu (Ausnahmen: Ein Text, in dem Klammern vorkommen, wird "abgebildet" oder es ist ein eher comedyartiger Text.). In diesem Fall ist es sogar ein "echter Schreibfehler" - wenn der Leser nicht auch so weiß, was es fĂŒr Fragezeichen sind, dann hat der Autor was falsch gemacht. Das, was in den Klammern GESAGT wird, hĂ€ttest du außerhalb von Klammern ZEIGEN mĂŒssen...
Ansonsten ist die ErzÀhlstruktur in Ordnung, die Personen sind - gemessen, daran, dass sie spÀter noch eine Rolle spielen - angemessen genau beobachtet.
PERSONEN IM ERSTEN ABSATZ: Collin und Pete sind Freunde. Einer von beiden ist blond (ich hab nicht rausbekommen, wer.). Collin hat blaue Augen. Die beiden sind „Jungs“ (7 Jahre? 12? 15?)


ZWEITER ABSATZ
quote:
Morgan war jung und ...Vater Grant so die Ehre zu erweisen.
Hier stimmt die ErzĂ€hlstruktur, die falsche FĂ€hrte beginnt ganz sanft, "nur" etliche sprachliche Details mĂŒssten bereinigt werden.
PERSONEN: Morgan ist jung (18? 20? 30?) und Pfarrer. Man hĂ€lt ihn fĂŒr zu jung, fĂŒr inkompetent. Er versucht den Eindruck zu Ă€ndern, der Versuch scheitert. Sein VorgĂ€nger hieß Grant und ist gestorben.

DRITTRER ABSATZ
quote:
Sein Blick verschwand in der Nacht. Dort draußen, dachte er und bemĂŒhte sich, nicht zu blinzeln. Irgendwo.
Die TĂŒr schwang leise auf. Schritte nĂ€herten sich ihm, bedĂ€chtig, verbergend. Collins RĂŒcken war der ZimmertĂŒr zugewandt. Er sah die Person nicht, die wie eine listige Katze auf ihn zu schlich.
Wessen Blick verschwand, wer dachte dies und blinzelte nicht? Collin oder der, dessen Schritte Collin hörte? Und: Diese "FÀhrte" ist jetzt schon stÀrker (interessanter) als die "Vorgeschichte" von Morgan...
Ansonsten ist der Absatz gut konstruiert und "nur" schlecht formuliert.
PERSONEN: Collin hat einen Bruder. Collin erlebt einen grusligen Moment. (Neigt er dazu, sich zu fĂŒrchten, oder ist das „neu an ihm“ oder hĂ€tte sich in der Situation jeder gegruselt?)

VIERTER ABSATZ
quote:
Die Zeiger ... SchwÀrze. Und es begann zu regnen.
Struktur stimmt, Sprachdetails sind zu bearbeiten.
PERSONEN: Sybille ist mager. Sie wartet auf etwas.

FÜNFTER ABSATZ
quote:
"Himmel, sieh dir das Wetter an". ... ihre letzte Chance war. Dass sie dem Ende des Tunnels so unangenehm nahe waren; das Licht musste sie schon blenden.
Die Absicht ist lobenswert und die Spannung funktioniert auch halbwegs. Aber die angedeuteten Eheprobleme (die offenbar TIEFGREIFEND sind - "Keuschheit" ist ein extrem starkes Wort!) sind ĂŒberflĂŒssig - sie tragen nicht zur Spannungssteigerung bei, erzeugen aber das GefĂŒhl, die Personen seien "wichtig" genug, sich mit ihren persönlichen (ja intimen) Problemen zu beschĂ€ftigen.
PERSONEN: Petes Eltern heißen Elena und Dave. Dave trinkt gern Schokolade ohne Pelle. Elena trĂ€gt Lippenstift. Elena hat Stiefeltern (heißt: Sie hat ihr „echten“ Eltern nicht mehr). Elena geht offenbar allein zu ihren Stiefeltern. Dave hasst es, wenn sich Elena schminkt. Er mag nicht bevormunden. Sie mag nicht bevormundet werden (Wir wissen jetzt schon ĂŒber Petes Eltern – Nebenfiguren! – mehr, als wir je ĂŒber die Hauptfiguren Pete und Collin erfahren!) Irgendwer, der nicht ersichtlich wird, sieht in der KĂŒche die Uhr auf zwölf zugehen (Petes Eltern hören die Uhr nur!). Dave und Elena sind heiß aufeinander – nach langer Zeit voll „Keuschheit“ und Zweifel. (Oh Mann! Das ist ja fast ein Roman! Über zwei Leute, die nur als Opfer gebraucht werden
)

SECHSTER ABSATZ
quote:
Kann ein ... weitere zwanzig Sekunden, in denen sie sich vor dem magischen Glas drehte, ihre HĂŒfte betrachtete (oder eher ihre HĂŒftknochen),
Zauberspiegel? Und: Klammern sind tabu. Und: Was soll das Kursive bei "Knochen" (Das ist ein erzÀhlender Text, keine Cartoon-Sprechblase!)
quote:
... eine Pirouette ...geschlossen. Morgan hatte das Haus betreten, das Sybille gerade verlassen hatte.
Was offenbar als Spannungelement gemeint ist, erzeugt vor allem Verwirrung: Der ganze Absatz baut die Spannung um Sybille herum auf, Morgan da einfach nur lapidar eintreten zu lassen, lÀsst diese Spannung schlagartig verlöschen, weil man sich fragt, was Morgan in Sybilles Haus will.
PERSONEN: Sybille ist ganz schnell abgemagert. Sie findet das offenbar irgendwie cool. Sie verliert peu a peu den Verstand (oder hatte sie noch nie alle Tassen im Schrank? Man weiß es nicht...) Sie nimmt eine Axt und freut sich auf das, was immer sie vorhat. Sybille geht aus – offenbar – ihrem Haus, Morgan betritt dieses (Sybilles) Haus. Warum?

SIEBTER ABSATZ
quote:
Collin trÀumte.
Nacht. Finsternis .... Bereich einer Bunzenbrennerflamme. Dann wieder SchwÀrze. Und er wusste, dass etwas gelandet war.
Collin erwachte schweißgetrĂ€nkt. Erst kam die Erinnerung. Dann Angst.

Was heißt denn "erst kam die Erinnung."? Erst kam der Traum! Zumindest steht da erst der Traum. Dann das Erwachen (hoffentlich mit dem damit verbundenen Sich-Orientieren) und DANN erst die Erinnerung.Und: Die Erinnerung an was? An den Traum? Wenn nicht an den Traum: Wo war die Angst denn vorher (zwischen erinnertem Ereignis und jetzt), warum kommt sie erst jetzt, nach diesem Traum?
PERSONEN: Collin trÀumt schlecht.

ACHTER ABSATZ
quote:
Der Feldzug begann.
"Wie spÀt ist es Alfred?", fragte eine verschlafene Frauenstimme.
Was hat der Feldzug mit der verschlafenen Frau zu tun? Point of View des ersten Satzes: Die Aliens. Point oft View des zweiten Satzes: Die Kamara im Haus von Magda und Alfred.

quote:
"Bald Mitternacht".
Die alte Frau wirkte ... hellgrauen Sessel, er war hinein gesunken.
Was soll die Betonung durch das Kursive?

quote:
Magda sah ihn noch eine Weile an, hob dann verstĂ€ndnislos die dicht beharrten Brauen und kroch wieder ins Schlafzimmer zurĂŒck. So ist es immer, dachte sie auf ihrem Weg. Und dann schlĂ€fst du im Sessel ein.
Was soll die ganze Vorrede von Alfred und Magda? Eigentlich gehts doch nur darum, dass Sybille ins Haus kommt, den Alten im Sessel findet und ihn aufschlitzt ...

quote:
Als Sybille ... Sybille warf einen kurzen Blick auf den Bildschirm, schien aber nicht zu verstehen, was die beiden Menschen dort trieben. Ihre ... umschloss.
Wer um Hillmels Willen SIEHT das? ("Es scheint so, dass...", heißt "Jemand sieht etwas und interpretiert es so und so".)

quote:
Viele Menschen sehen friedlich aus, wenn sie schlafen.
Wer sagt/denkt das?

quote:
Alfred nicht. Getrockneter ... hĂ€mmerte weiter. Die Minuten verstrichen. Wieder das braune Lederarmband. Wieder ein Blick auf das Ziffernblatt. Dann kochte es ĂŒber, endgĂŒltig. In ihrem Kopf lĂ€uteten Glocken... zwölf Mal, dicht hintereinander. Der Plan musste eingehalten werden.
Warum kuckt Sybille eigentlich immer auf die Uhr? Reichen die offenbar in ihr Hirn einprogrammierten GlockenklÀnge nicht?

quote:
Als Magda das zweite Mal in ... sie aus dem Bauch ihres Mannes? Jetzt schrie sie, atemlos und schrill. Dann spĂŒrte sie ein sinnbenebelndes Stechen in ihrer Brust.

Das ist nur zum Horror gut - weder Alfred noch Magda sind irgendwie von Belang fĂŒr die Story. Und wieder: Viele Sprachdetails zu bearbeiten.

quote:
Das erste Opfer. Zufriedenheit. Ihr Gang ... eine Kriegerin. Eine AuserwÀhlte. Ein Drazir.
Das jetzt (Sybilles Verhalten/Denken) ist wieder relevant und gut strukturiert.
Woran soll der Leser den Unterschied zwsichen dem Denk-Kursiven, dem Betonungs-Kursiven und den kursiven Passagen, die fĂŒr Eigennamen stehen, erkennen??

PERSONEN IM SIEBENTEN ABSATZ Alfred und Magda sind alt. Alfred döst oft mal im Sessel ein. Magda mag den Anblick nicht. Sybille kommt in das Haus und ist offenbar nicht mehr ganz fit im Hirn. Alfred wird gemeuchelt. Magda kreigt n Schreikrampf.

ACHTER ABSATZ
quote:
Er telefonierte mit dem Polizeirevier und meldete seine BefĂŒrchtungen.
"Meine Frau ist seit Tagen nicht mehr dieselbe. Ich weiß nicht, was los ist. Sie ist so verstört. Es fĂ€llt mir schwer, aber ich befĂŒrchte, dass sie -wenn es zum Letzten kommt- in dieser Nacht Menschen ermorden wird".
"Und sie sagen, dass eine Axt fehlt, aus der Garage? Wo könnte ihre Frau jetzt sein?", Deputy Howard klang unerfahren. Er war noch jung. Vielleicht zu jung fĂŒr diese Nacht.
"Ich kann nur vermuten", sagte er. "Aber ich hoffe...", dann verstummte er jĂ€h. Was hoffte er eigentlich? Er war sich nicht mehr sicher. Er hatte schon lange aufgehört, Gottes Existenz zu spĂŒren.
Nach dem Telefonat sah Morgan aus dem Fenster. Triefend war die Welt in Wasser gehĂŒllt. Der Regen peitschte seine erbarmungslose Wut auf ihre Erde, weichte sie auf, wĂŒhlte sie auf.
Es dauert 15 (!) SĂ€tze bis am Ende (!!) des Absatzes gesagt wird, wer in den Absatz mitspielt. Das zĂ€hlt unter grober Fehler. (...und die ĂŒblichen Detailfehler natĂŒrlich)
PERSONEN: Deputy Howard ist jung. Er telefoniert mit jemandem, der sich um seine Frau sorgt. Die Frau könnte Sybille sein (Axt aus der Garage). Der Anrufer ist Morgan.

NEUNTER ABSATZ
quote:
Ihre Haut legte sich auf ihre Knochen ... zĂŒngelten wie blutige Miniaturblitze um die fahlen Pupillen.
Ok - das Schlachten geht weiter. In Ordnung.

quote:
Carl fĂŒhlte eine ungewohnte PrĂ€senz. Nach dem Tod seiner Frau hatte sich das GefĂŒhl von Einsamkeit als ein widerwĂ€rtiger Druck auf seiner Seele entpuppt. Und somit festgefressen. Jede Abweichung spĂŒrte er deutlich. Er genoss sie. Unter normalen UmstĂ€nden zumindest. Jetzt waren die UmstĂ€nde alles andere als normal.
Schritte in seinem Haus? Kurz nach Mitternacht? Carl sah sich verwirrt um. Furcht pirschte sich als eine Vorahnung heran. Da war es wieder. Ein GerĂ€usch, als wĂŒrde ein Kind auf leisen Sohlen ĂŒber den Parkettboden tapsen. Er ging hinter der BadezimmertĂŒr in Deckung. Und die GerĂ€usche kamen nĂ€her. Aus der Furcht wurde Todesangst. Eine Gefahr, das wusste er, hatte sein Haus betreten. Dann kam die Erkenntnis.
...aber wozu braucht die Geschichte die Info, dass das nĂ€chste Opfer Carl heißt, dass besagter Carl Witwer ist und sich einsam fĂŒhlt? Spannung erzeugen klappt hier auch nicht - erstens, weil man sich vorher noch gar nicht entspannen konnte, und zweitens, weil dieser Abschnitt viel zu kurz ist, um AthmosphĂ€re aufzubauen oder gar mit Carl mitzufĂŒhlen.
PERSONEN IM NEUNTEN ABSATZ: Offenbar ist von Sybille die Rede (mager). Carl ist Witwer und fĂŒhlt sich oft einsam. Deshalb genießt er jede Abwechslung.


ZEHNTER ABSATZ:
quote:
Bis zum Morgen ĂŒberschlugen sich die Nachrichten in der ganzen Welt. Überall gab es Morde, bestialische Morde. Die Menschheit lag in einem starken Griff, in einer Faust, die fester zudrĂŒckte, je mehr Zeit verging. Ein Schrecken hatte sich entfesselt und war im Begriff, sich ĂŒber das Land auszubreiten. Über das Land? Über alle Landen.
Was soll dieser "zusammenfassende" Einschub? Vor allem an dieser Stelle? Angesichts von weltweitem Grauen (PS: Es heißt "Über alle LĂ€nder.") ist das Einzel-Entsetzen, das Sybille verursacht, belanglos.
PERSONEN: Die Menschheit .

ELFTER ABSATZ
quote:
Carl sah stumm in eine blutverschmierte Klinge. Dann erfuhr er am eigenen Leib, wie rasierklingenscharf sie war. Dennoch reichte ein Schlag nicht aus. Die weißen Fliesen zu Sybilles FĂŒĂŸen wurden kontrastreich gefĂ€rbt. Das Rot glĂ€nzte förmlich auf der blank polierten FlĂ€che.
Übel: Satz 1 aus Carls Sicht. Satz zwei aus einer Carl beobachtetenden Sicht. Ab dem Satz drei aus Sybilles Sicht. Und: Was fĂŒr ein Schlag? Sybille hantiert doch mit einer Klinge!

quote:
Der zweite Schlag war weniger kraftvoll, ... des Mannes schloss sie auch dieses Kapitel und verließ das Haus, das nun endgĂŒltig von Einsamkeit regiert wurde.
Gute Struktur, schlechte sprachliche AusfĂŒhrung.
PERSONEN: Carl wird getötet. Sybille ist zufrieden.

ZWÖLFTER ABSATZ:
quote:
Schlaflosigkeit. Collin hatte nach seinem Traum... und sah auf die Straße, die mehr ein Fluss war. Niemand zu sehen. Nur die Schatten der Äste huschten verschwiegen ĂŒber den Asphalt. Die Welt war ein Spiegel, in der sich die Nacht wiederfand und es sah aus, als wĂ€re sie zu Boden gestĂŒrzt, um alles Leben in SchwĂ€rze zu hĂŒllen. Benommen kniff er die Augen zusammen. Der Anblick war verstörend. Sein Atem wurde schneller und sein Herz pochte spĂŒrbar. Die Frau des Pfarrers?, dachte er und versuchte die schmale Silhouette zu erkennen, die sich geheimnistuerisch durch die Stadt schleppte.
Mooooment! Eben ist noch "niemand zu sehen", nur der Schatten der Äste. Dann schließt er benommen die Augen (weil es so irrtierend dunkel ist?), dann ist er verstört (weil es mit geschlossenen Augen noch dunkler wird?) und dann fragt er sich "Die Frau des Pfarrers?" - Wie kommt er denn plötzlich auf die? (Erst DANN erfĂ€hrt man, dass er eine Gestalt gesehen hat. Da ist die Verwirrung aber schon perfekt.)

quote:
Der Anblick erinnerte ihn an einen Zombiefilm aus den 80er-Jahren. Plötzlich stockte sein Atem. Collin presste die HandflĂ€che auf seinen Mund, um einen Schrei zu ersticken. Sofort schmeckte er seinen eigenen Schweiß. Die Axtklinge glitzerte silbern zwischen den Regenströmen. Und darauf waren Punkte zu sehen, Schlieren, verschmiertes Schwarz, das sich dunkel auf der metallenen Klinge absetzte. Die Erkenntnis rauschte in seinem Kopf wie der donnernde Motor eines alten Dodge. Dann schlug sie ihm mit brutaler RealitĂ€t ins Gesicht: Blut, dachte er und sein eigenes schien auf der Stelle zu gefrieren.
Die Absicht ist klar - die AusfĂŒhrung hapert an inhaltlichen Ungereimtheiten und sprachlichen Missgriffen.

PERSONEN: Collin leidet an Schlaflosigkeit (schon immer?) Collin kennt Zombi-Filme der 80er Jahre. Collin sieht (offenbar) Sybille (wie erkennt er das Gerippe?) und kriegt Angst. (Und offenbar hat Collin gute Augen – bei dem Licht Blut erkennen!)

13. ABSATZ
quote:
Die Welt war erfĂŒllt von Skandalen, die die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zogen und beherbergten wie einen wertvollen Schatz.
HĂ€? Ein bisschen rumorakelt, na meinetwegen. Aber was hat das mit den Morden zu tun?
PERSONEN: Die Menschheit.

14. ABSATZ
quote:
Die Polizei war am ersten Tatort und sofort machten sich zwei weitere Deputys auf den Weg zum nĂ€chsten Haus. Morgans BefĂŒrchtungen schienen sich zu bewahrheiten.
Mooooment! Woher weiß Morgan, dass Sybille die Mörderin ist??
Mal ein Einschub. Wenn du dachtetest, die Ablehnung, die Morgan im Absatz 2 der Story erfahren hat, wĂŒrde ĂŒber die Info, dass Sybille Morgans Frau ist, zu dieser Idee fĂŒhren, dann irrst du: Es ist nĂ€mlich nirgends erwĂ€hnt, dass die, die damals gegen Morgan wetterten, Alfred, Carl etc. hießen. Oder dass Sybille von der Ablehung wusste. Oder auch nur, dass Morgan irgendwie sauer auf die Typen war...

quote:
Doch wieder ... kriegen wir sie dort". WĂ€hrend er sprach, rief er sich die verbliebenen drei MĂ€nner in Erinnerung.
Welche "drei verbliebenen MĂ€nner"?? Woher weiß der Typ, dass Sybille an fĂŒnf MĂ€nner gedacht hat, bevor sie loszog??? Und woher, an welche sie dachte - vor allem, da nie erwĂ€hnt wurde, dass sie ĂŒberhaupt an fĂŒnf spezielle MĂ€nner dachte...


quote:
Er wusste nicht, warum er gerade jetzt daran dachte, aber ihm fiel auf, dass nur einer von ihnen ein Kind hatte, das noch zu Hause wohnte. Ein Junge, wenn er sich nicht tĂ€uschte. Traurig dachte Deputy Howard an ein zerstörtes FamilienglĂŒck. Erst dann fiel ihm ein, dass es noch nicht zu spĂ€t sein musste. Vielleicht hatten sie noch eine Chance. Er stĂŒrmte aus dem Badezimmer, nur ein Ziel vor Augen und gab seinem Kollegen ein Zeichen, das er ihm folgen sollte. Wie hieß der Junge noch gleich, ĂŒberlegte er. Pete?.

Der Deputy mag eine "wichtige Rolle" in der Story spielen - aber er ist trotzdem nur als Statist beschrieben. Reicht auch, trÀgt aber zum Mischmasch mit den anderen, ebenfalls nicht genauer beschriebenen Figuren (z.B. Morgan: er ist verheirateter Pfarrer und - zumindest bisher - sonst nichts. Nicht mal, dass er sauer auf die Ablehnung reagierte, ist ja - bisher - nie gesagt worden.)

quote:
Der andere Polizist rÀusperte sich und versuchte angestrengt, nicht durch die Nase zu atmen. Der Gestank von menschlichem Zerfall war komafördernd.
"Der Pfarrer scheint recht zu haben. Sie rĂ€cht sich fĂŒr ihn", er ĂŒberlegte kurz und sah ein letztes Mal zu der Leiche des alten Mannes. Dann sagte er leise: "Er sollte beten... fĂŒr uns alle".
...erst jetzt wird die falsche FĂ€hrte wirklich gelegt - erst jetzt ist von Rache die Rede (, und damit angedeutet, dass Morgan das damals doch nicht so leicht weggesteckt hat). Aber: An dieser Stelle weiß der halbwegs geĂŒbte Leser schon, dass etwas anderes - etwas Nicht-Irdisches - dahinter steckt. Und: Wozu muss nun noch die (wenn auch namenlose) Figur eines weiteren Polizisten eingefĂŒhrt werden??

PERSONEN: Morgan hatte BefĂŒrchtungen gehabt. Howard ist noch nicht abg ehĂ€rtet, mimt aber den TatkrĂ€ftigen. Howard kennt alle Leute (sonst fiele ihm das mit denKindern nicht einfach so ein). Howard ist sentimental („zerstörtes FamilienglĂŒck“ macht ihn „traurig“). Morgan dachte, Sybille wĂŒrde sich fĂŒr ihn gerĂ€cht haben (wofĂŒr?)

15. ABSATZ
quote:
Er bekam nichts mit. Pete schlief seelenruhig. Das hatte er schon, als seine Eltern kurz vor Mitternacht ĂŒber ihn sprachen ("Denkst du Pete schlĂ€ft schon?" - "Er hat Ferien. Ich denke also nicht, nein"). Erst der Schrei ließ ihn erwachen.
Ach nöööö... WofĂŒr ist das denn von Belang, dass man so tapsig sein muss, dem Leser klar zu machen, dass er offenbar zu blöd ist, sich was zu merken (oder was soll die Klammer-ErklĂ€rung sonst?)?

quote:
Und er dachte kurz, dass es ein Traum war. Nur ein Traum. Doch er irrte sich.
Instinkthandlungen sind nicht immer vorteilhaft: "Mum?", rief er.
Orakel, orakel... Was ist am "Mum?" instinkthaft? Vor allem aber: Was ist an "Mum?" "nicht vorteilhaft"?

quote:
"Dad?",..., dann hatte der Regen noch zugenommen.
Es war das letzte Kapitel seines Feldzuges. Und noch immer waltete die Leidenschaft in ihm, mit der er seine Aufgabe erfĂŒllte.
HĂ€? SEIN Feldzug? In Pete hat die Leidenschaft gewaltet? Sagtest du nicht eben, er hat bis eben noch geschlafen??

quote:
Dazu wurde er ... Rasse war von Bedeutung. Er konnte die Spitze der Pyramide schon sehen, die sie mĂŒhsam aufgebaut hatten; ĂŒber Jahre und Lichtjahre hinweg. Endlich war es soweit. Endlich hatten sie begonnen, ihren Plan zu verwirklichen und die Pyramide wie eine Armee todbringender Insekten zu besteigen.

Was fĂŒr eine Pyramide?

PERSONEN: Pete nennt seine Eltern „Mum“ und „Dad“. Irgendwer (offenbar weder Pete noch Sybille, denn es ist ein ER) folgt irgendeiner Mission.


16. ABSATZ
quote:
Morgan betete nicht. Er saß nur ruhig im Wohnzimmer ihres Hauses. Lichtlos und GerĂ€uschlos. Weder der Fernseher lief, noch war das Radio in Betrieb. Er saß nur da... und grinste dĂ€monisch. Gott hat scheinbar verschlafen.
Wer bitte denkt oder sagt das mit Gott? Morgan? Wieso grinst er? "Der in Morgan"? Wenn "der in Sybille" nichts von Sex weiß (ein beobachtbares Geschehen!) wie kann "der in Morgan" dann was von Gott wissen (ein nicht-beobachtbares Denk-Dings der Menschen)?
PERSONEN: Morgan hat offenbar auch einen Dachschaden.

17. ABSATZ
quote:
Pete rannte wie noch nie in seinem Leben. Was er gerade gesehen hatte,...
Das wÀre?
quote:
...legte jeden seiner Gedanken ... hatte. Als er die EingangstĂŒr erreichte, waren die Schritte der Gestalt,...
Welche Gestalt? Hat Pete DIE gesehen und rennt deshalb? War die Gestalt nur ein Teil der schrecklichen Szene? Lauerte sie im Hintergrund? Oder wie oder was?

quote:
... die aussah, als wÀre ....Die MotorengerÀusche hatte er gar nicht wahrgenommen.
Deputy Howard riss es fast von den Beinen.
Was riss ihn von den Beinen? Pete? Der Anblick der Leichen? Oder doch nur ein Windstoß?

quote:
Er taumelte kurz, .... Beton. Sofort war Sybilles langes, blondes Haar durchnÀsst...

Bisher war das Haar trocken? Alien mit Regenschirm...

PERSONEN IM 17. ABSATZ: Pete flĂŒchtet (wovor? wohin?). Howard sieht eine „entblĂ¶ĂŸte Mumie“ mit Axt (=Sybille) und bleibt dabei „cool“ (also doch nicht „zu jung“!). Sybille tötet sich selbst.

*** Hier mach ich mal Schluss - jetzt wirkt alles wie mĂŒhsam angehĂ€ngt, wirkt endgĂŒltig wie "nicht aus einem Guss". Ich weiß, die Story geht weiter, aber es ist einfach nur uunglaublich anstregend, sich noch weiter durchzukĂ€mpfen. Und auch ĂŒber die Personen erfahrenwir – ĂŒber die pure Handlung hinaus – nichts Neues. (PERSONEN! Bitte lies mal nur diese Anmerkungen, lass dabei das weg, was Handlung ist, und dann behaupte nochmal, dass die Firguren mehr als Pappkameraden sind
)
Die Handlung spingt nochmal in der Person - diesmal (zurĂŒck) zu Collin. Spannend (gĂ€hn: schon wieder!) wer die Unbekannte Person ist - ach bloß Pete. Collin fragt nicht mal, was passiert ist, warum auch, zu Tode entsetzte Freunde klopfen schließlich jede Nacht an seine TĂŒr...
Morgan entpuppt sich als was auch immer. (Noch eine plötzliche Wendung - gÀhn.)
Sprung zum Deputy: Er rast davon und denkt an Sybilles Selbstmord. HĂ€? Wann ist denn das passiert?? (ich weiß, es wird noch erzĂ€hlt - aber es ist wirklich reichlich genug rumgerĂ€tselt, falsch gefĂŒhrt und rumgemystikt worden in diesem Text, es nervt gewaltig! Irgendwann will der Leser auch mal wissen, was in dem Moment, den er gerade liest, Sache ist.) Zumindest hat sie was orakelt - wir haben es zwar nicht gehört, aber der Deputy, und er weiß auch sofort, was es bedeutet. Nur der Leser erfĂ€hrt nicht, was es bedeutet, warum auch...
Sprung nach Rom - schlimm.
Sprung nach Paris - schlimm.
Sprung nach Frankfurt - schlimm.
"Die Welt stand Kopf." - superschlimm.
Sprung zu Pete: "Meine Eltern sind tot" - traurig (mal was anderes).
Sprung zum Deputy - schlimme Erkenntnis.
Sprung zu Morgan - Grauen, die x-te (inklusive Pyramide).
Sprung zu Collin und Pete - ein bisschen Ruhe, dann noch mal mit Schmackes in die Grauen-Kiste gegriffen - an sich eine "richtige" Struktur, aber erstens zu oberflĂ€chlich ausgefĂŒhrt und zweitens ist man schon so satt von dem Rumgehorrore, dass es nicht mehr wirkt. Außerdem folgt zum Abschluss noch mal ein saftiges Orakel (wo erwacht Pete, wieso ist er dort schon lange und wie lange und warum ist Collin neben ihm, dem doch eben noch eine Spinne "entschlĂŒpft" ist...?)

Fazit: Verquer konstruriert, unĂŒbersichtlich, ein Haufen Figuren - die HĂ€fte davon hĂ€tten als "Objekte" absolut ausgereicht, die andere HĂ€lfte hatte nie eine Chance, sich als Figur zu etablieren. Fehlende Infos - sogar auf der falschen FĂ€hrte, die sich zudem erst auftut, als die richtige FĂ€hrte lĂ€ngst zu sehen ist. Und unzĂ€hlige Detailfehler im Szenenaufbau (GegenstĂ€nde und Personen, die plötzlich da sind, obwohl sie in der Szene noch gar nicht "eingebaut" sind), in den Bildern (sowohl inhaltlich als auch stilistisch/ebenenbezogen), in der Semantik, auf der grammatikalischen Ebene des Stils...
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalÀsst (Klaus Klages)

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