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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Irgendein Donnerstag, Mutmaßungen, (13.03.2008)...
Eingestellt am 15. 04. 2008 16:00


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Carlo Ihde
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Registriert: Apr 2007

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... Zug, gegen 10:26 Uhr und alte Leute sind ja so distanzlos. Sind außerhalb des Zuges vielleicht allein, in ihrer Wohnung, in ihrem Gefühlsleben; seit 20 Jahren vielleicht allein in der Wohnung, seit immer schon allein in ihrem Gefühlsleben weil sie da irgendwie nicht rechtzeitig das Wesentliche...
und gehen dann irgendwann distanzlos auf alle fremden Menschen zu, sprechen sie an, Ok sag ich mir, besser als sich ins Kämmerlein zurück ziehen und versauern, versterben aus dem gleichen Gefühl von Langeweile heraus ohne eine Notwendigkeit.
Aber diese Distanzlosigkeit ist seltsam, weil die auch irgendetwas anderem widerspricht. Und gerade alten Leuten gegenüber habe ich nicht die - wenn auch teils nötige - Chutspe, zu sagen, dass sie mich durch ihre Diskussionsnötigung von meinen wichtigen Dingen abhalten. Normalerweise ist es mir willkommene Ablenkung, wenn ich im Zug sitze und die Reisebekanntschaft zu älteren Leuten schließe, ich fühle mich dabei ganz und gar nicht alt, das vermögen ältere Leute nicht, ihr Altsein auf mich zu übertragen, und wohlgemerkt sind mir DIE älteren Leute am liebsten, die charaktermäßig so rein gar nicht alt wirken wollen. Denn mal ehrlich: alt sein ist doch vielmehr eine Kategorie des Äußeren. Wer sich nicht so fühlt und das auf menschlicher Ebene angenehm transportieren kann, der wird in keinem Fall alt genannt werden, wie man es langläufig verstand. Damit ist nicht gesagt, dass nur Leute, die mit dem Alter eigentlich ein Problem haben und es durch aufgesetzte Jugendlichkeit nach Art ihrer Vorstellung sublimieren,die besseren Alten seien. Aber Altsein beginnt doch innerlich dort, wo man zu sehr sich selbst sieht und sich unbekannten Menschen unangenehm zu machen gezwungen ist, wenn man nichts zu verlieren hat nachdem man Jahre lang allein geblieben war seit mit den Toden der alten Gefährten man sich stückweise mehr und mehr begraben fühlt unter der Zeit.

Doch. Scheiße.
Alter Fehler. Ich beurteile tatsächlich die Menschen danach, wie angenehm sie mir sind, es gibt für mich wenig nervenderes als ältere Menschen, die sich vorrübergehend als Reisebekanntschaften, Wartebekanntschaften im Arztwartezimmer oder als Empörungsbekanntschaften in öffentlichen Ämtern aufdrängen. Die nebenbei - wenn man im Zug schon längst wieder in seinem Buch versunken ist - von Früher zu sprechen anfangen. Danach fragen, wie alt man sei und was für einen Beruf man ausübe und ob man Grete Schmidt-Meier aus Hamburg-Wandsbek kenne, mit dem Verweis darauf, dass man die wohl nicht MEHR kennen KÖNNE. Das ist natürlich übertrieben. Nur mich stört diese Unbedingtheit, mit der dieser gewisse Teil von allen älteren Leuten seine letzten Monologe hält. Monologe. Denn ob ich nun zuhöre oder nicht - hab ich bemerkt - macht in solchen Fällen kaum einen Unterschied. Sie wollen einfach im Zug nicht so alleine sein wie vielleicht außerhalb des Zuges. Sie begehen vielleicht die letzten Fahrten in ihrem Leben, oder mancher auch ungewiss DIE letzte Fahrt, und auf dieser Reise will man sich vergewissern ob es möglich ist, mit der eigenen langen Geschichte Gehör zu finden bei denen, die das ganze Spektakel noch eine Weile überleben müssen. Und man will wahrscheinlich selig lächelnd am Ziel ankommen mit der Gewissheit, dass diese Gesellschaft fähig ist, ALLE Geschichten zu hören, alle Anhänger DES - und Arbeiter AM großen Ganzen mit der Honoration ihrer individuellen Geschichte zu entlohnen.

Damit es sich noch lohnt, eine Geschichte zu haben. Schwere Geschichten zu haben als Alterslegitimation. Weil sich in dieser Welt so vieles Schwere gar nicht mehr lohnt. Das Altwerden nur, wenn man dadurch zu einer Geschichte kommt, die sich hören lassen kann...

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