Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5531
Themen:   94510
Momentan online:
322 Gäste und 15 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Irgendwer von Nirgendwo
Eingestellt am 21. 10. 2004 01:44


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
SvenKratt
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2004

Werke: 12
Kommentare: 16
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um SvenKratt eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Irgendwer von Nirgendwo




Die Schreie klingen immer noch in meinen Ohren nach. Die Schreie von all denen, die zurĂŒckgelassen wurden. Von all denen, die allein zurĂŒckblieben. Allein, verlassen. Auf sich selbst gestellt. Ich höre ihre Schreie jede Nacht. Jede Nacht, in der ich Ruhe finde. Ruhe von der endlosen Reise durch dieses GefĂ€ngnis aus Stahl, Beton, Abgasen, Rost, Staub. Die Stadt ist mein GefĂ€ngnis, so endlos, rastlos, lieblos und verstĂ€ndnislos. So grau. So unendlich, unendlich grau. So voller Stahl, Beton, Abgasen. So voller grauem Stahl und Beton. Sie verschlingt jedes einzelne Licht. Nur die Straßenlaternen spenden manchmal ein bisschen kaltes, graues Licht. Gerade noch genug, um sich nicht zu verlaufen. Doch verlaufen kann ich mich nicht. Verlaufen können sich nur die, die ein Ziel haben, ein Zuhause, ein MĂ€dchen, das auf sie wartet mit hungrigem Herzen und kalter Seele, ein Bett, in dem sie schlafen und vom nĂ€chsten Tag trĂ€umen, eine Flasche Schnaps, die ihnen hilft, den letzten Tag zu vergessen. Die können sich verlaufen, wenn sie ihren Gedanken nachhĂ€ngen und sich von ihren FĂŒĂŸen tragen lassen. Die können sich verlaufen. Doch meistens verlaufen sie sich nicht. Sie denken an ihr Ziel, an ihr MĂ€dchen oder an ihren Schnaps und wissen, wo das alles auf sie wartet. Ich kann mich nicht verlaufen, denn ich bin rastlos, ruhelos, immer unterwegs ohne Ziel vor Augen, ohne Bett, ohne MĂ€dchen und ohne Schnaps.


Aber allein, allein bin ich nicht. Mir bleiben immer noch die Schreie derer, die allein gelassen wurden. Die Schreie in den NĂ€chten, in denen ich Ruhe finde, mich vielleicht in die Arme einer billigen Hure fallen lasse und einen Hunderter fĂŒr ein paar Stunden geheuchelter Liebe, erlogenem VerstĂ€ndnis und einen weichen, grauen, kalten Körper bezahle, damit sie sich auch ein bisschen zu Essen kaufen kann. Ein Hunderter fĂŒr ein paar Stunden Geborgenheit vor dieser grauen, kalten Stadt, die mich verschlingt und wieder ausspuckt, mich rastlos umherhetzt ohne ein Ziel vor den Augen. Ein Hunderter fĂŒr ein paar Stunden Ruhe, in denen ich versuche zu vergessen. Versuche die Schreie zu vergessen. Die Schreie von den Alleingelassenen. Versuche zu vergessen, dass ich ohne Ziel, ohne Zuhause und ohne Schnaps bin. Und wenn ich dann so neben ihr liege in ihrem Bett und denke, dass ich jetzt vielleicht ausruhen kann, dann, dann drĂ€ngt mich die Stadt weiter. Weiter durch die steingrauen Nebengassen und die versifften Wohnviertel, wo man leicht mit einem Messer in den Rippen und leerer Brieftasche endet. Durch die Einkaufsstraßen, die zum Bersten mit Leuten gefĂŒllt sind und in denen man doch allein ist. Tausende von Leuten laufen herum, reden, lachen, verlieben sich, verfeinden sich, prĂŒgeln sich manchmal oder bleiben kurz stehen, um so einem armen Teufel ein paar Pfennige in den alten Hut zu werfen. Einem von denen, die keine Chance hatten, denen nichts zurĂŒckblieb. Armer Teufel sagen sie, aber in Wirklichkeit denken sie: Geh arbeiten, du fauler Sack! Was kĂŒmmert mich dein Elend? Was kĂŒmmert’s mich? Ich hab Geld und kann es mir leisten dir ein bisschen was davon abzugeben, um zu zeigen, wie sehr ich dich bemitleide. Aber die Wahrheit ist, dass du gar kein Mitleid verdienst. Die Polizisten sollten dich mal ein bisschen Aufmischen, dich ein bisschen mit ihren KnĂŒppeln streicheln, dass du merkst, wie viel hĂ€rter es noch sein könnte. Das verdienst du, du StĂŒck Dreck!


Tausende von Leuten laufen herum und ich bin allein unter ihnen. Bin unbekannt unter Tausenden, Millionen von Gesichtslosen. Aber am schlimmsten sind die Abende. Die Abende, an denen alles passieren kann, an denen man nicht weiß, was auf einen zukommt. Die Abende, an denen sich Banden versammeln und in leeren Gassen aufeinander losstĂŒrmen, die schwĂŒle Nachtluft mit Kriegsgeschrei und dem Duft von Angstschweiß, Pulverdampf und Blut, das auf den heißen Asphalt tropft, erfĂŒllen. Abende, an denen Liebende ĂŒbereinander herfallen, Zecher durch die Straßen torkeln und die alten Lieder ihrer Kameraden grölen: „Ach du schöner Westerwald“ und „Erika“, an denen brave EhemĂ€nner dem Rotlichtviertel einen Besuch abstatten und sich die leichten MĂ€dchen packen, die so sĂŒĂŸlich herb nach billigem ParfĂŒm, altem Schnaps und Zigaretten duften und so verrucht aus ihren Fenstern winken und den vorbeihastenden MĂ€nnern nachrufen. Nach ParfĂŒm und Schnaps und Zigaretten riechen sie. Und nach SĂŒnde und nach Lust. Nach Abenteuer riechen sie und nach Milch riechen sie manchmal, wenn sie wert auf Hygiene legen. Aber meistens riechen sie nur nach ParfĂŒm und Schnaps und Zigaretten und manchmal nach Milch.


Diese Abende sind am schlimmsten, wenn sich alles amĂŒsiert und ausgelassen ist und in die Kneipen und Tanzlokale strömt. Wenn der Duft von Zigaretten, Bier, Schnaps, Liebe, Lust und Blut in der Luft liegt, dann bin ich allein. Dann bin ich wirklich allein und finde keine TĂŒr, die mir offen steht, kein MĂ€dchen, das mich mit offenen Armen empfĂ€ngt, kein Bett, das mich freundlich anlacht. Dann bin ich allein. Dann haste ich durch die Stadt und suche einen Platz, wo ich bleiben kann, wo ich Ruhe finden kann, doch ich finde nichts. Und wenn ich die ganze Nacht lang gesucht habe und nichts gefunden habe, dann setze ich mich meistens auf irgendeinen Platz oder in den Park und beobachte die letzten Liebespaare, die sich endlich doch voneinander losreißen, weil es schon fast Morgen ist und die Sonne schon aufgeht und weil sie Zuhause sein muss, bevor ihre Mutter von der Nachtschicht kommt und weil er dann auch bald auf Arbeit muss in der Fabrik. Meistens glaube ich dann endlich etwas Ruhe zu finden, doch dann kommen meistens die Polizisten und vertreiben die Obdachlosen von den BĂ€nken und aus den BĂŒschen und wĂŒrden am liebsten den ganzen Park desinfizieren. Und wenn keine Polizisten kommen höre ich wieder die Schreie der Alleingelassenen, die sich dann mit meinen eigenen Schreien vermischen und einen grauenhaften Kanon der Desillusion und der Hoffnungslosigkeit und der Angst vor dem Leben bilden, der bis nach oben dringt, bis ganz nach oben, wo die neuen Götter sitzen. Sie sitzen nicht auf Wolken, sondern in dicken Ledersesseln in Wolkenkratzern, welche die Stadt und ihre Bewohner und alle Ruhe – und – Ziellosen ĂŒberragen und von denen aus sie auf uns hinabschauen und zufrieden grinsen, wenn einer von ihnen sagt, dass wir alle wie Ameisen aussehen. Dann grinsen sie zufrieden, weil sie so groß sind und weil ihnen einfĂ€llt, wie leicht man Ameisen zerquetschen kann. Das sind die neuen Götter, die auf uns herabgrinsen. Das sind nicht die Götter des Friedens oder der Liebe. Das sind die Götter des Stahls, des Betons, der Bomben, der Spendengelder. Die Götter der schwarzen Konten und des Krieges. Das sind die neuen Götter, die wir anbeten, weil wir ohne sie gar nichts hĂ€tten. Das sind die Götter, die diese Welt verpesten mit giftigen Abgasen aus ihren Fabriken, die diese Welt zerstören mit ihren Bomben, die den Ton angeben mit ihren Spendengeldern und schwarzen Konten. Die uns vernichten mit ihren Kriegen fĂŒr eine bessere Welt, eine bessere Zukunft.


Und wenn der Kanon der Alleingelassenen, der GeĂ€chteten, der Hoffnungslosen, der Ziellosen, der Desillusionierten an ihre Ohren dringt, schĂŒtteln sie sich vor Lachen und ihre dicken BĂ€uche wackeln in ihren großen Ledersesseln, denn sie sind satt und zufrieden und haben ein Ziel, ein Zuhause, ein MĂ€dchen, ein Bett und Schnaps, Schnaps haben sie auch in rauen Mengen. Und je lauter unser Kanon wird, desto lauter wird auch ihr Lachen, bis ihre Gesichter zu vom Wahnsinn gezeichneten Fratzen werden, in denen man ihr wahres Ich erkennen könnte, wenn sie nicht so weit oben wĂ€ren. Und erst, wenn unsere Verzweiflung zu groß ist, um den Kanon weiter hinauszuschmettern, wenn wir merken, dass uns niemand zuhört, dass man ĂŒber unser Elend lacht, erst wenn wir verstummen, weil wir zu verzweifelt sind und uns in die Elbe oder den Neckar oder den Rhein oder den Mississippi stĂŒrzen, erst dann verstummen auch sie und kichern noch etwas verhalten und reiben sich die HĂ€nde und sagen: Wieder ein gutes Werk vollbracht.


Ich bin Irgendwer von Nirgendwo, denn ich habe ein Gesicht unter Millionen von Gesichtslosen und habe kein Ziel unter Millionen von Zielgerichteten, die ĂŒber Leichen gehen, um ihr Ziel zu erreichen und dabei nicht einmal mit der Wimper zucken. Nur ihr LĂ€cheln verformt sich ein bisschen zu einem Grinsen.
Ich bin Irgendwer von Nirgendwo, denn ich komme von Nirgendwo und gehe nach Nirgendwo, weil ich nicht weiß, wohin ich gehen soll. Weil mir kein Ziel gegeben wurde, das ich erreichen wollte. Weil ich keine Hoffnung und keine Illusionen mehr habe, weil mir meine Zukunft geraubt wurde und weil man mir verbat ich selbst zu sein.
Ich bin Irgendwer von Nirgendwo, denn ich kann niemals da bleiben, wo ich bin, weil es mich weiterzieht auf der Suche nach einem Platz, wo ich Ruhe finden kann.
Ich bin Irgendwer von Nirgendwo, denn ich bin einer der Alleingelassenen dieser Welt, die sich nichts mehr wĂŒnschen, als ein Ziel, ein Zuhause, ein MĂ€dchen, ein Bett und manchmal ein bisschen Schnaps, um den Schmerz des Lebens und der Desillusion zu vergessen.
Ich bin Irgendwer von Nirgendwo, denn ich legte meinen Namen und meine Herkunft ab und vergaß beides, weil ich tot oder lebendig gesucht werde, wegen freiem Denken und dem Streben meiner Seele nach Freiheit. Deshalb legte ich meinen Namen ab, damit sie mich nicht finden, denn ein Namenloser kann nicht gefasst werden. Deshalb legte ich meine Herkunft ab, damit sie mich nicht finden, denn sie können nicht wissen, woher ich komme und wohin ich gehe, wenn ich es selbst nicht weiß.
Ich bin Irgendwer von Nirgendwo und wÀre so gerne jemand von Hamburg oder Berlin oder New York oder Stuttgart-Stammheim, doch dies ist mir nicht vergönnt, denn ich habe ein Gesicht und eine Seele und kein Ziel und keine Illusionen und kann keine Ruhe finden an den Abenden, an denen das Leben brodelt.


Ich traf einen Mann im Industriegebiet. Die Maschinen in den Fabriken stöhnten, Ă€chzten und hĂ€mmerten ihren unendlichen Rhythmus: ohne Rast --- ohne Rast --- ohne Rast --- ohne Rast und wir standen uns gegenĂŒber und sahen uns in die Augen. Er reichte mir seine Hand und lĂ€chelte mich nur an und ging weiter. Ich blieb lange stehen und blickte ihm nach und die Maschinen hĂ€mmerten weiter ihren unendlichen Rhythmus: ohne Rast --- ohne Rast --- ohne Rast--- und ich lĂ€chelte ebenfalls, als er verschwunden war, denn er kannte mich und ich kannte ihn. Wir kannten uns so gut, ohne uns davor jemals begegnet zu sein, dass nichts gesagt werden musste, dass alles so klar war, dass keine ErklĂ€rung nötig gewesen war. Ich war wie er und er war wie ich. Wir beide waren Irgendwer von Nirgendwo.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Werbung