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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Irgendwie feige
Eingestellt am 12. 05. 2008 17:41


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

Werke: 849
Kommentare: 4769
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Wie es anderen Schreibwilligen geht, ahne ich nur. Mir jedenfalls geht manches in unserer sogenannten Gesellschaft erheblich auf den Wecker. Und der ist, wie andere Uhren auch, bereits mehrere Sekunden ĂŒber fĂŒnf vor zwölf hinaus.
Wer ĂŒber Menschen schreiben will (und welcher Autor will das nicht), muss seine Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zwangslĂ€ufig stĂ€ndig beobachten und auf sich wirken lassen. Auf mich wirken sie. In Bus und Bahn, im BĂŒro und in FußgĂ€ngerzonen, auf Steh- und anderen Partys hinterlassen sie, was sie, so nehme ich zu ihren Gunsten an, viel lieber nicht hinterließen.
Ein kunstinteressierter Rechtsanwalt, den ich bei der Finissage zur Ausstellung „Zeitzeichen zur Unzeit“ traf, meinte nachdenklich ĂŒber sein graues, kurzgeschorenes Haupthaar streichend, die ehrlichsten Politiker seien noch jene, die zugeben, dass sie stĂ€ndig lĂŒgen. Und in meiner Stammkneipe höre ich bei jedem meiner dortigen Besuche selbst von Leuten mit gehobener Bildung und ebensolchem Wortschatz die stets wiederkehrende Floskel: „Wir werden doch stĂ€ndig beschissen!“
„Wenn die da oben schon anfangen sich rauszureden, Politik sei heute nun einmal wahnsinnig kompliziert und vielschichtig!“ klagt mein Freund der Oberstudienrat, der sicherlich differenziert denken kann. Und meine ZahnĂ€rztin droht mir: „Glauben Sie ernsthaft, sich demnĂ€chst noch eine neue BrĂŒcke leisten zu können?“ „Und Geld verteilen die nur noch nach oben um!“ empört sich Dieter, arbeitet bei der Stadt und ist bei „verdi“ in der Gewerkschaft.
Da muss sich der gewöhnliche Gedichte- und Geschichtenschreiber zwangslĂ€ufig aufgerufen fĂŒhlen, der Wahrheit und Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen. Doch wer will schon einer dieser unbequemen Rechthaber sein. Lieber erfinde ich unterhaltsame Geschichten, die es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nehmen mĂŒssen. Hauptsache sie erscheinen glaubwĂŒrdig, sind unterhaltsam und lenken vom wahren und deswegen oft unertrĂ€glichen Leben ab.
„So was wollen die Leute eben lesen! Und vor allem Promi-Tratsch zwischen zwei Buchdeckeln auf denen irgendetwas von Wahrheit steht!“ meint mein BuchhĂ€ndler, seufzt, blickt sehnsĂŒchtig zu seinem Regal mit den Klassikern und beginnt seine Tageseinnahmen zu ĂŒberprĂŒfen.
Und ich nicke und komme mir irgendwie feige vor.

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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Thys
Guest
Registriert: Not Yet

Alles ist relativ

Da hast Du ja eine ganze Menge in Deinem Text reingepackt,
Karl. Ich weiss gar nicht, wo ich genau anfangen sollte.
Zu vielen "Stichworten" hier fÀllt mir jede Menge
ein und ich könnte mich darĂŒber totschreiben.

Wenn ich den einleitenden Absatz Deines Textes lese, kann
ich Dir nur 100% zustimmen. Jetzt wird mir auch Dein
hartnÀckiges Nachfragen klar, warum ich schreibe .
Naja, ich weiss nicht so genau, wer was aus meinen Texten
herausliest - herauslesen will. Kann und darf jeder fĂŒr sich
selber ausmachen. Auf jeden Fall schreibe ich nicht, um
unterhaltsame Geschichtchen zu hinterlassen. Mir ist es
vollkommen egal, ob ich damit eine Geschmacksrichtung treffe,
die gerade angesagt ist oder ob jemand meinen Text nun
zeitvertreibmĂ€ĂŸig unterhaltsam kurzweilig findet. Was ich
so von mir gebe, beschÀftigt mich meist auf die eine oder
andere Art mehr oder weniger. Irgendwann muss das dann mal,
fĂŒr mich, abgeschlossen werden und es landet auf's (e)Papier.

Allerdings habe ich auch nicht den Anspruch, damit die Welt
verĂ€ndern zu können. Damit wĂŒrde ich mir etwas zu große
Stiefel anziehen. Ich hatte dir ja schon in meiner Antwort
zu "schwarzmeererde" gesagt, dass Worte, wenn sie wirken,
meist auf eine unerwĂŒnschte Art und Weise wirken.

Jetzt zu der Überschrift "Irgendwie feige". Abgesehen davon,
dass Du meiner Meinung nach die Möglichkeiten von solchen
Texten ĂŒbeschĂ€tzt, hĂ€ngt es von tausend Dingen und mehr ab,
wie eine Mensch die ihn umgebende Welt wahrnnimmt, sie
beurteilt, ob er sich wohlfĂŒhlt oder unwohl fĂŒhlt, ob er
etwas positiv oder negativ bewertet. Genau so ist es auch
mit der Motivation zu schreiben. Manche schreiben, um zu
unterhalten, manche, weil sie einen Ergeiz in die Richtung
entwicklen und und und. Wieso sollte jemand, der alles
bestens findet, kritisch schreiben? Wieso sollte jeder
Mensch bei der Beobachtung anderer Mitmenschen zu den
gleichen oder Ă€hnlichen SchlĂŒssen kommen wie Du oder zu
Ă€hnlichen SchlĂŒssen kommen wie ich?

Die Beurteilung einer Gesellschaft und der LebensumstÀnde
hÀngt von vielen Faktoren (Position, wirtschaftlicher
Wohlstand, persönlicher Hintergrund, eigenen Erfahrungen uvm)
ab. Ich bin mir 100% sicher, dass Deine Empfindungen nicht
von allen Zeitgenossen nachvollzogen werden können/wollen.
Ein Politiker z.B. wird sein Handeln in einem ganz anderen
Licht sehen als Du und es auf einer Positiv/Negativ-Skala
auch drastisch anders bewerten.

Dichter und Texteschreiberlein können millionenfach kritisch
betroffene BlÀtter hinterlassen, es wird nicht viel Àndern.
Es gibt einen schönen Aphorismus, der sie Situation hĂŒbsch
beschreibt:

Diktaturen verstopfen den Kritikern den Mund mit Knebeln,
die Demokratie - mit Kaviar.


Lassen wir mal außen vor, dass wir meiner Meinung nach keine
Demokratie im Sinnes des Wortes haben, sagt der Aphorismus
aber doch jede Menge aus. Der Homo als Masse reagiert nun
einmal leider so, dass sich mit hĂŒbsch vollgefressenem Bauch
eine erhebliche Schwere im Denken und Handeln einstellt.
Außerdem finden es auch viele Zeitgenossen sehr bequem,
Denken, Verantwortung und eigenstÀndiges Handeln an
irgendwelche Stellvertreter abzugeben... solange das Futter
stimmt bassds scho! Du darfst einmal gerne mit Mitmenschen
ĂŒber (mehr) Demokratie diskutieren; d.h. ihnen wĂŒrde die
Möglichkeit gegeben, selber aktiv ins Geschehen einzugreifen
und mitzubestimmen. Du wirst aus dem Staunen nicht mehr
rauskommen, wie sich viele Zeitgenossen winden und sich
quasi selber als zu dumm fĂŒr Demokratie erklĂ€ren. Da kann
ich persönlich nur noch sprachlos staunen und den Kopf
schĂŒtteln. Wie kann man sich selbst nur freiwillig
entmĂŒndigen, kalt stellen und das eigene Schicksal in den
HĂ€nden von abstrakten Institutionen legen???

Wenn man sich Mensch und seine Geschichte ansieht, dann
drÀngt sich mir immer wieder die Schafherde auf. Solange
Fresschen und Ruhe und bekannte bewÀhrte ZustÀnde gegeben
sind, kaut man friedlich vor sich hin. Kommt der Köter an
und macht Wind, wird mal kurz unwillig geblöckt aber dann
doch willig in die neue Richtung gewandert. Wenn der Köter
diese Richtung auch immer schön dezent vorgibt, gibts auch
keinen Aufruhr in der Schafherde. Man nennt das auch
"Salamitaktik". Ausbrechen tun die SchÀflein immer nur dann,
wenn das Futter ausgeht oder ein ungeschickter Köter eine
zu drastische RichtungsĂ€nderung vorgibt. Übersetzt heißt
das: Mensch scheint erst immer duch Zwangs- und Notmaßnahmen
aufwachwillig zu werden und einen einmal sich eingestellten
bequemen geliebten Gewohnheitszustand Àndern zu wollen.

Nichtsdesdotrotz finde ich Leute gut, die sich Gedanken
machen und die auch in der Öffentlichkeit kundtun.
Änderungen werden aber nur einsetzen, wenn die Masse
bereit ist, etwas zu Àndern. Einen Sumpf muss man trocken
legen. Als Einzelner im Sumpf rumzurĂŒhren fĂŒhrt nur zu
schnellerem Absacken und zu erheblichen ErmĂŒdungserscheinungen.

Sogesehen mag ich Deinen Text hier.
Kurz: Die Frage "Irgendwie feige" kann nur jeder aus seiner
eigenen persönlichen Sichtweise und Motivation fĂŒr sich
heraus beantworten. Jemand, der sich im Paradis wÀhnt, muss
nichts kritisches schreiben, wozu auch.

Gruß

Thys

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Karl Feldkamp
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Lieber Thys,
herzlichen Dank fĂŒr deinen langen Kommentar. Ich stimme ihm im großen und Ganzen zu.
Dass die Welt mit Belletristik, selbst wenn es sich um hochpolitische Texte handelt, nicht großartig zu verĂ€ndern ist, das ist mir auch klar. Ich neige nicht zu Allmachtsphantasien, dafĂŒr war ich zu lange in der Sozialarbeit und in der kommunalen Kulturpolitik tĂ€tig.
Ich lasse mich gelegentlich durch die klassische Frage "Und wo bleibt das Positive?" sowie durch eine gewisse Harmoniesucht dazu verleiten, zu beschönigen. Dabei bin ich eher ein Realist, der weder sich noch Anderen etwas vormachen will. In diesem Sinne bin ich manchmal feige..
Herzliche GrĂŒĂŸe
Karl

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Lieber jon,
da bin ich allerdings auch deiner Meinung. Inzwischen ist die Auseinandersetzung zu weit vom Ursprungstext entfernt.
Meine Feigheit hat im ĂŒbrigen sicherlich auch etwas mit meinem (falschen) HarmoniebedĂŒrfnis zu tun. Mir gefĂ€llt es, wenn ich mit meinen Texten Zustimmung erzeuge. Gegenmeinungen
empfinde ich hÀufig als Ablehung.
Herzliche GrĂŒĂŸe
Karl
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Liebe Maren,
dass ich ein kleines Licht bin, sage ich mir auch oft genug.
Allerdings verzweifele ich schon ziemlich hÀufig am Zustand unserer Welt und Gesellschaft. Und manchmal bringe ich diese Verzweiflung zu Papier bzw. tippe sie in die Computertastatur... . Und genau diese Verzweiflung mildere ich dann ab, um LeserInnen damit nicht auf die Nerven zu gehen. Darin besteht ein Teil meiner Feigheit...
Herzliche GrĂŒĂŸe
Karl
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