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Leselupe.de > Fantasy und M├Ąrchen
Irrer Abend
Eingestellt am 09. 12. 2016 15:51


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Bursch
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2016

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Es war eine Abfolge, ein Dreiklang, eine Sequenz von ├ťberraschungen. Sich steigernd, in Vorgang drei kulminierend.
Bernhard mochte dieses "Herbst-City-Fest" nicht. Zwar g├Ânnte er dem ├Ârtlichen Einzelhandel den Event, der ausschlie├člich der Umsatzsteigerung galt und die schlichte Kopie einer entsprechenden Veranstaltung des ungeliebten Nachbarorts darstellte. Schlie├člich war er selbst Unternehmer. Ansonsten aber war das Ganze ihm und seiner Frau einfach nur l├Ąstig.
Sie liebten ihre Citywohnung im vierten Stock. Fanden auch allezeit Parkpl├Ątze f├╝r ihre beiden Autos. Nur an den vermaledeiten f├╝nf Tagen "City-Fest" nicht. Selbst die Seitenstra├čen waren zugeparkt, Schausteller- und H├Ąndlergef├Ąhrte allerorten, ├╝berhaupt ein einziger Rummel, den er auch an diesem Abend in Kauf nehmen musste auf seinem l├Ąngeren Marsch.
Der Tag war nicht nur gut, er war blendend. Morgens rief ihn seine Tochter an: "Examen bestanden, Papa! Mit Auszeichnung!" Nachmittags kam die Auftragsbest├Ątigung eines italienischen Gesch├Ąftspartners, die er sehnlichst erwartet hatte. Sie bedeutete f├╝nf Monate Produktionsauslastung, er w├╝rde neue Leute einstellen m├╝ssen.
Bernhard hatte seine Frau informiert und sie aufgefordert, sich "in Schale zu werfen", es gehe am Abend au├čer der Reihe zum besten Italiener der Stadt, es gebe einiges zu feiern.
Vor lauter Pr├╝fung des Gro├čauftrags hatte er sich aber versp├Ątet und sah sich nach qu├Ąlerischer Parkplatzsuche gezwungen, zu hetzen durch den "City-Rummel".
Als er an einem Verkaufsstand mit M├╝tzen und Schals wegen des Gedr├Ąngels seinen Schritt verlangsamen musste, blickte er nicht so genau hin, sondern foppte auf gut Gl├╝ck den jungen Verk├Ąufer hinter der Theke: "Na, f├╝r Ihr Angebot ist es ja doch wohl entschieden zu warm, wie?"
Rechts hinter ihm lachte jemand schallend. Er drehte sich um und hatte den echten Verk├Ąufer vor sich. Der, den er von der Seite angesprochen hatte, konnte ihm nicht antworten. "Sie haben mit meiner Puppe gesprochen."
Tats├Ąchlich stand dort, oder besser sa├č eine Schaufensterpuppe hinter der Theke, eine m├Ąnnliche, eine ohne Unterleib, die man auf eine Kiste platziert und mit Wollm├╝tze und Schal drapiert hatte.
"Machen Sie sich keinen Kopf", forderte der reale H├Ąndler, "Sie sind heute bestimmt der f├╝nfte, der drauf reinf├Ąllt. Ist mir doch mal was gelungen."
Leicht d├╝piert setzte Bernhard seinen dr├Ąngelnden Weg fort, erreichte den kleinen Platz, von dem unter anderem seine Wohnstra├če abzweigte. Er n├Ąherte sich dem gro├čen Brunnen zur Rechten, dem man zwei Jahre zuvor unter reichlich Pomp die lebensgro├če Bronzeplastik des ehemaligen B├╝rgermeisters Lenzen beigesellt hatte, da geschah ├ťberraschung Nummer zwei. Man k├Ânnte auch von einem veritablen Schrecken sprechen, der ihn f├╝r Augenblicke erfasste.
Wieder hatte er nur oberfl├Ąchlich hingesehen und wollte es nicht glauben: die Plastik war auf einmal lebendig.
Ein Stra├čenpantomime war von Kopf bis Fu├č in bronzene Farbe getaucht, hatte sich f├╝nf Meter von der tats├Ąchlichen Gestalt aus Metall aufgebaut und narrte seit Stunden die Passanten.
"Verdammt!" entfuhr es Bernhard. "Das gibt's doch nicht!"
Was war denn los an diesem Abend?
Er erblickte den Wein- und Spirituosenstand am Beginn seiner Stra├če und beschloss, alle Verwirrung augenblicklich mit etwas Hochprozentigem weg zu sp├╝len.
So seine Absicht. Und das Resultat?
Er ergreift sein Gl├Ąschen, nippt dran, zieht sich einige Schritte zur├╝ck zwischen besagten Wein- und dessen Nachbarstand und kippt das Getr├Ąnk hinunter. Es tut ihm gut, er atmet tief durch. Bestellt vor Begeisterung ein zweites Gl├Ąschen, zieht sich wieder zur├╝ck, l├Ąsst sich diesmal Zeit.
Auf der Sta├čenseite gegen├╝ber steht eine Verlosung. Keine von den gro├čen, die h├Ątte hier keinen Platz gefunden. Eine der kleineren, bescheideneren Sorte. Immerhin ist allerlei Pl├╝schtier im Angebot, kleines, aber auch gro├čes. B├Ąren, Pokemons, L├Âwen. Sowie, beinahe lebensgro├č, Tiger. Drei wei├če Tiger. Pr├Ąchtig nebeneinander gereiht, w├╝rdig, fast majest├Ątisch. Der Hauptgewinn.
Bernhard hebt sein Glas und prostet den dreien ironisch zu, wie wenn sie es nachvollziehen k├Ânnten, wie wenn sie ihn s├Ąhen. Da geschieht es. Der in der Mitte mutiert ganz unvermittelt von totem Stoff zu Leben.
Bernhard traut seinen Augen nicht, er blickt sein geleertes zweites Glas an. Was hat man ihm da reingekippt? Er blickt wieder ├╝ber die Stra├če: keine Frage, das Vieh hat gerade, kaum merklich zwar, aber doch sein Haupt gewendet und richtet seine Augen auf ihn. Findet ihn aber offensichtlich wenig aufregend und beginnt, sich nach Katzenart die rechte Pfote zu lecken. Abendtoilette, denkt Bernhard. Sowie: er kann doch hier unm├Âglich der einzige sein, der das alles wahrnimmt.
Ist er auch nicht. Zwei junge M├Ądchen, die gerade dabei waren, ihre Lose auf m├Âglichen Gewinn hin abzuklopfen, werfen schreiend die erworbenen Zettelchen von sich und vollf├╝hren einen hysterischen Slalom durch die Menge.
Das war die Einleitung. Zu einer Panik, die das beschauliche Mittelst├Ądtchen in Jahrhunderten so nicht erlebt hatte. Kreischende Jung- und ├Ąltere Damen, kopflose Herren, zuv├Ârderst die vom Verlosungsstand selbst, Bedienpersonal s├Ąmtlicher umliegender Verkaufsst├Ąnde, die halbe Stadt in Aufruhr. Beobachter in umliegenden Fenstern trugen das Ihre bei sowie mit dem Handy fuchtelnde Hysteriker auf Balkonen.
Nur einer war die Ruhe selbst: Bernhard. Griff eigenm├Ąchtig zu einer der Cognacflaschen im menschenleer gewordenen Verkaufsstand und genehmigte sich die Nummer drei. Prostete erneut dem wei├čen Tiger zu und hielt Zwiesprache mit ihm. Lautlos, aber intensiv.
Nat├╝rlich lie├č auch das Tier sich nicht aus der Ruhe bringen, es scherte sich nicht um die Albernheiten reihum. Was seinen Unmut erregte, war sein rechter Vordertreter. Offenbar war da zu lange zu wenig geschehen in Sachen K├Ârperhygiene, aber das lie├č sich ja nachholen.
"Prachtvoll", raunte Bernhard wiederholt. "Wirklich majest├Ątisch."
Er wollte es nicht wahr haben, aber es war bereits da, dieses Tat├╝tata aus weiter Ferne, das sich rasch n├Ąherte.
Was ging vor? Sein Unterbewusstsein antwortete: sie sind im Anmarsch. Die Abgesandten dieser dummbeutligen, dieser einseitig gepolten Menschheit, die den Begriff verloren hat f├╝r einfach alles. Du musst etwas unternehmen, Junge. Wahrscheinlich hast du das hier alles evoziert. Also konzentrier dich, proste ihm noch einmal zu, dem Prachtkerl da dr├╝ben. Fordere, w├╝nsche es aus tieftser Seele, dass er so schnell, wie er sich verlebendigte, auch wieder heimkehrt in sein Reich, sie hinter sich l├Ąsst, diese heillose Menschheit. Sonst tun sie ihm ein Leid.
Bernhard schlie├čt die Augen, trotz Alkohol die Konzentration in Person. Er bittet, er betet. Und er schafft es. Die Natur folgt.
Zwei Sekunden, bevor die Beamten ihre Magazine abfeuern auf das schwarz-wei├č gestreifte Tier, ist es wieder aus Stoff. Steif, der Blick starr geradeaus gerichtet.
Ein Stofftier erschie├čen diese Irren. Es flie├čt kein Tr├Âpfchen Blut. Sie t├Âten etwas, das l├Ąngst tot ist.
Bernhard zieht sich zur├╝ck, eilt seiner Wohnung entgegen. Schmunzelt zuerst, dann lacht er laut. Hat das Ganze in Sekunden abgestreift, freut sich auf das Essen mit seiner Frau. Menno, denkt er, was f├╝r einTag, was f├╝r ein Abend!


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poetix
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Hallo Bursch,
der Text l├Ąuft langsam an, wird dann aber durchaus lustig. Gef├Ąllt mir.
Viele Gr├╝├če
poetix
__________________
lineam rectam sequere

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Bursch
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2016

Werke: 19
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Hallo DocSchneider
Hallo poetix,

komme wegen Anders-besch├Ąftigt erst jetzt dazu zu danken und zu antworten.
Lustige Parallelit├Ąt der Gedanken @DocSchneider: habe unmittelbar nach Ver├Âffentlichung auch ├╝berlegt, wer um alles in der Welt stellt sich so einen Stofftiger in die Wohnung? Und wohin? ├ťben die "Dinner for one", eher schlecht als recht, oder wie?
Jedenfalls bestreitest du nicht, dass es die Tierchen als Troph├Ąe seit etlichen Jahren gibt? So wie ├╝berdimensionierte Teddyb├Ąren, die auf der Kirmes heute gr├Â├čer sind als die, die sie abschleppen.

Andererseits Hauptsache, die "irre" Geschichte kommt als solche her├╝ber. Da reicht auch knappes Feedback wie das von poetix.
"Dichten" soll Spa├č machen,

findet mit Vor-Weihnachtsgru├č
Bursch.

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