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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Irrlichter (Kurzgeschichte)
Eingestellt am 03. 04. 2011 00:09


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silentboy
Hobbydichter
Registriert: Apr 2011

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Die Sommer waren damals länger und uns kaum bewusst, dass es auch ein Leben jenseits der nächsten Monaten geben würde. Ich bin in einer Arbeitersiedlung in der Nähe einer großen Reifenfabrik aufgewachsen. Im Juli und August sammelten sich die Fliegen schon in Schwärmen an der Decke unserer winzigen Küche. Die schwüle Luft stank nach Gummi. Es fiel einem kaum mehr auf. Der beißende Gestank wurde zum Hintergrundrauschen. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, ist er wieder da, so dicht und fett als würde er in diesem Moment wieder durch meine Nase strömen. Die zum Trocknen aufgehängten Laken waren oft voll mit Ruß, den der Wind von der Fabrik hergetragen hatte. Doch wir hatten es hier wunderbar. Ein paar Minuten von uns entfernt erstreckte sich eine ausgedehnte Au. Für kleine Jungs war es das Paradies. Wir bauten Brücken aus Treibholz, kletterten in die Hochstände der Jäger und bretterten mit unseren klapprigen BMX-Rädern durch die schmalen, zugewachsenen Pfade. Vor der Au lag ein weites, offenes Feld. Ein einsamer Weg zerschnitt es in der Mitte und führte in die Au hinein. Unsere Abenteuer begannen dort, wo man von der blendenden Sonne auf dem Feld hinein in die Au trat. Der Boden wurde dann mit jedem Schritt feuchter. Es war so dunkel, dass man ein paar Sekunden warten musste, bis man wieder sehen konnte. Für uns das Tor in eine andere Welt.
An einem eben jener schwülen, drückend heißen Tage wollten wir, das heißt Thomas, Robert und ich, schon früh am Morgen aufbrechen. Ich hatte meinen roten Wanderrucksack vollgepackt. Mein ganzer Stolz war ein kleiner, grüner Plastikkompass. Als Proviant packte ich eine Thermosflasche und ein paar belegte Brote ein. Der Wecker läutete um Punkt Fünf. Ich wälzte mich ächzend aus dem Bett. In Windeseile schlüpfte ich in meine Sachen und putzte mir noch schlaftrunken die Zähne. Ich trank ein großes Glas Wasser und hetzte aus dem Haus. Draußen war die Straßenbeleuchtung noch an und ich konnte im Morgendunst die Umrisse von Tom und Robert erkennen. Ich lief mit großen Schritten auf sie zu, mein Rucksack hüpfte dabei auf und ab.
„Hallo. Habt ihr schon lange auf mich gewartet?“, fragte ich.
„Nö“, sagte Tom. „Sind auch grade erst gekommen. Was ist? Gehen wir?“
„Klar“, sagte ich. Robert nickte. Wir gingen langsam zum Ende unserer Siedlung. Die asphaltierte Straße bröckelte hier und ging langsam in den staubigen Feldweg über.
Einmal hatte uns dort draußen am Feld ein Gewitter überrascht. Es blitzte und donnerte wie verrückt. Vor lauter Schiss vom Blitz getroffen zu werden, rannten wir wie die Teufel. Später sind wir dahintergekommen, dass sich Tom tatsächlich in die Hosen geschissen hatte. Klar, dass wir ihn noch wochenlang damit aufzogen.
Eine traumhafte Kindheit, auch wenn unsere Familien kaum Geld hatten. Wir waren praktisch jeden Tag im Freien. Am Ende des Sommers begann schließlich die Zeit der Schlangenhäutung. Die oberste Schicht unserer dunkelbraunen Haut löste sich in Fetzen ab. Es war eine Zeit vor Sonnenschutz nach australischem Standard. Eine Zeit vor Ozonloch und Hautkrebs.
Tom kickte Steine vor sich her. Er pfiff eine ausgedachte Melodie und schien vor Tatendrang nur so zu platzen.
„Was ist?“, fragte er, „Steigen wir in einen der alten Bunker ein?“
Die Au war übersät mit alten Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg.
„Bist du irre?“, platzte Robert heraus. „Mein Bruder hat mir erzählt, die sind vermint und voll mit Skeletten deutscher Soldaten. Haben sich am Kriegsende die Kugel gegeben. Keinen Schritt setz ich da rein!“
Tom blieb stehen und sah ihm in die Augen.
„Pah! Dein Bruder erzählt doch nur Kacke, der will doch nur, dass du dir wieder in die Hosen machst.“
„Fang nicht mit dieser dämlichen Geschichte an, du weißt genau, dass sie nicht stimmt!“
Eigentlich hätte er es wissen müssen – Tom um etwas zu bitten war der denkbar schlechteste Weg ans Ziel zu kommen. Reflexartig spielte Tom den Ball zurück.
„Ach so? Und dass es so stinkt, haben wir uns nur eingebildet oder was?“ Er fing an zu lachen und wedelte mit der Hand vor seiner Nase, als wollte er den Gestank vertreiben.
„Weißt du was? Leck mich!“ Ich konnte sehen, dass Robert bereits Tränen in den Augen standen. Er war der sensibelste von uns und generell auch etwas langsamer. Gerade deswegen konnte Tom wohl nicht widerstehen. Robert machte kehrt und stampfte davon.
„Krieg dich wieder ein!“ Tom verdrehte die Augen. Ich wurde nervös, als ich zusehen musste, wie mein Expeditionstrupp schon auf den ersten paar Metern schlappzumachen drohte. All das wegen kindischen Streitereien. Verzweifelt sah ich Tom an. Er grunzte missmutig.
„Ent-schul-di-gung“, sagte er. „Komm schon zurück – es tut mir leid, ok?“
Fünf Minuten später schien es so, als wäre nie etwas passiert.
Es verging nur wenig Zeit, zumindest kam es uns so vor, da kamen wir schon ans Ende des Feldwegs. Dort, an der Grenze zum Wald, stand ein großes, rostiges Eisentor. Links und rechts davon war nicht etwa ein Zaun oder eine Mauer. Es stand einfach so da. Wahrscheinlich um Leute am Müll abladen zu hindern. Ohne Erfolg. Alle paar hundert Meter lag ein alter Kühlschrank, eine Waschmaschine oder sonstige Haushaltsgeräte. Wie Artefakte aus einer anderen Welt standen sie zwischen den Bäumen. Bis sie schließlich im Boden versanken und vom Wald verschlungen wurden. Nur eine Frage der Zeit.
Einmal fanden wir sogar einen Vibrator. Ungläubig standen wir um ihn herum. Robert stupste ihn mit einem Stock an. Eine schrumplige Trophäe in Schweinchenrosa, die meiner Mutter unerklärlicherweise die Schamesröte ins Gesicht trieb.
Um das Tor herum führte ein kleiner halbkreisförmiger Trampelpfad. Wir machten einen Wettbewerb daraus, wer um das Tor fahren konnte, ohne vom Rad abzusteigen. Ich hatte damals, wie auch heute noch, keinen tollen Gleichgewichtssinn. So hatte ich dabei meistens das Nachsehen. Nachdem wir das Tor hinter uns gelassen hatten, änderte sich der Geruch schlagartig. Die Luft war feucht und modrig. Der Boden in der Mitte des Weges war mit einem dünnen Moosfilm bedeckt. Links und rechts davon standen Pfützen, aus denen schlammige Reifenspuren führten. Wir blieben kurz stehen, sogen den Geruch in uns auf. Wir hielten inne, bis sich unsere Augen an das düster diffuse Licht gewöhnt hatten.
Tom ging als Erster von uns weiter. Er ging mit entschlossenem Schritt. So, als ob er ganz genau wüsste, wohin er wollte.
„Kommt, wir schaun mal, ob sich am Knochenberg was getan hat“, sagte er. Der Knochenberg war eine Stelle in der Nähe eines Hochstands, wo die Jäger frische Tierteile ablegten. Sie fingen schon im Wald damit an, das Wild zu zerlegen. Wir fanden Reh- und Wildschweinschädel, manchmal auch kleinere Teile wie abgeschnittene Hufe oder Pfoten von Hasen. Manche waren frisch und noch mit hell glänzendem Blut beschmiert. Manche lagen schon seit Tagen oder Wochen dort. Myriaden von Insekten trafen sich hier zum gemeinsamen Festmahl. Von Ekel und Faszination gelähmt, beobachteten wir einmal, wie sich unzählige Maden über einen Tierschädel hermachten. Die Madenmasse schien zwischen den blanken Zähnen des Tieres zu kochen. Obwohl uns schon der Brechreiz überkam, konnten wir nicht wegsehen. Deswegen war ein Besuch am Knochenberg immer einer der ersten Fixpunkte unserer Ausflüge. Wir nickten und folgten Tom, der jetzt abseits des Weges schnurstracks darauf zulief. Wir kannten jeden Baum, jeden Strauch und jedes Loch im Erdboden. Unserer eigenen unsichtbaren Linie durchs Dickicht folgend, kamen wir schnell voran. Wir machten einen Sport daraus, uns möglichst schnell durch den dichten Wald zu bewegen. Etwa hundert Meter vor dem Knochenberg blieb Thomas abrupt stehen. Er deutete uns mit aufgerissenen Augen, in Deckung zu gehen.
„Was ist denn, was ist denn?“, flüsterte Robert. „Warum bleiben wir stehen?“
„Da drüben am Knochenberg, da ist irgendjemand“, antwortete ihm Tom.
„Was sollte dort schon jemand wollen? Vielleicht ist es ja nur ein Jäger“, sagte ich und begann langsam wieder aus der Hocke aufzustehen. Tom zog mich sofort zu sich runter.
„Bleib unten“, zischte er. „Das ist sicher kein Jäger. Der da drüben hat total abgewetzte, schmutzige Kleider. Außerdem ist er ganz dunkel im Gesicht. Sicher ein Ausländer.“
„Ihr wollt mich doch nur wieder verarschen“, sagte Robert und stand auf. Er klopfte sich das Laub von den Knien. Plötzlich schnalzte er wieder in die Hocke zurück.
„Da ist ja wirklich jemand“, sagte er.
„Klar“, sagte Tom. „Oder glaubst du ich erfind so was? Wart mal.“ Er stand langsam auf und schaute konzentriert nach vorne zum Haufen.
„Siehst du was?“, fragte ich.
„Ja, der Typ hat sich irgendwas von dem Haufen runtergenommen und ist damit weggegangen. Wir müssen ihm nach!“
„Spinnst du jetzt komplett?“, fragte Robert. „Das ist wahrscheinlich irgendein Verrückter, lass uns bloß heimgehen.“ Aber es war schon zu spät. Toms Neugier war geweckt. Er schlich dem Unbekannten langsam und geduckt nach. Ich folgte ihm ein paar Schritte später und sah zurück zu Robert. Er schüttelte heftig mit dem Kopf, als ich ihm mit einer Kopfbewegung andeutete mitzukommen. Ich zuckte mit den Schultern und ging weiter. Hinter mir hörte ich ein tiefes Seufzen, als Robert sich schließlich doch in Bewegung setzte.

Wir gingen hinter einem Hügel in Deckung. Von hier aus konnte man auf das schneeweiße Kiesbett des Baches hinuntersehen. Tom zeigt nach vorne auf das uns nahegelegene Ufer.
„Da!“ Aber wir hatten es schon längst gesehen. Auf dem Kies stand eine Gruppe von sieben notdürftig aus Zweigen und Einkaufstüten zusammengeflickten Zelten. Sie standen rund um ein loderndes Lagerfeuer. Da saß eine Gruppe Erwachsener, die so wie der Fremde nur in dreckigen Fetzen gekleidet waren. Der Fremde kam zur Gruppe dazu und zeigte auf das Fleisch, das noch auf den Knochen hing. Einer der Männer machte sich sofort daran, mit einem Messer das Fleisch abzuschaben.
„Die wollen das doch nicht essen oder?“, fragte Robert und machte ein Gesicht als würde er sich gleich übergeben.
„Vielleicht sind die vom Lager ausgebüchst“, sagte ich. In unserem Heimatort gab es ein großes Asylantenlager und dauernd gab es im Ort irgendeinen großen Wirbel darum. Ich verstand das alles nicht. Warum Leute einsperren und sich dann aufregen, dass sie dort waren? Zumindest mir war das nicht klar.
„Die verdammten Tschuschen“, sagten die Leute im Ort immer. Wer waren die Tschuschen und warum wollte sie hier keiner? Zum Glück hatte Thomas, der ein Jahr älter war als ich, mehr Durchblick.
„Nein du Idiot! Die haben sie nicht genommen. Das sind Illegale – die haben kein Asyl bekommen“, sagte Tom. Ich wollte fragen, was denn Asül wäre, biss mir aber stattdessen lieber auf die Zunge. Ich wollte mich nicht noch mal Idiot nennen lassen. Offensichtlich fehlte mir jede Einsicht in die Sachlage. Ich würde nachher einfach meine Mutter fragen. Ich sah rüber zu Robert. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er ebenso ratlos war.
Eine junge Frau aus der Gruppe drehte ihren Kopf in unsere Richtung. Als sich unsere Blicke trafen, fiel mir das Herz in die Hose. Ich riss den Mund auf. Sie wandte sich zu den anderen aus der Gruppe. Einer der Männer, der kurze schwarze Haare und einen buschigen Vollbart trug, winkte mit einem Stock und rief uns zu.
„Hey!“
Aber wir waren schon aufgesprungen und rannten so schnell, dass der Wald an uns vorbeiraste. Ich hörte nur noch mein eigenes lautes Keuchen. Mein Herz klopfte so wild, als wollte es aus meinem Brustkorb fliehen. Tom war der beste Läufer von uns. Ich merkte, wie Robert immer weiter hinter mir zurückfiel. Dabei hatte er sicherlich am meisten Angst. Wir liefen in absoluter Panik weiter. Plötzlich hörte ich hinter mir ein lautes Krachen. Ich drehte mich im Laufen um und sah Robert am Boden liegen. Er hielt sich das rechte Bein und wälzte sich am Waldboden schreiend hin und her.
„Tom!“, schrie ich und lief zu Robert zurück. „Schnell komm weiter.“
„Ich kann nicht, ich glaub, es ist gebrochen.“
Mittlerweile war auch Tom wieder bei uns.
„Worauf wartet ihr noch? Machen wir, dass wir schnell hier wegkommen!“
„Ich kann nicht laufen, mein Bein tut so weh.“
Plötzlich sah ich es. Gerade einmal zwanzig Meter von uns entfernt ragte ein Betonblock aus dem Boden. Ein Bunkereingang.
„Tom, schau! Da drüben!“. Tom sah meinem Finger entlang zu dem Bunker hinüber. Er dachte kurz nach und biss sich auf die Unterlippe.
„Komm schon, mit ihm kommen wir nicht weit.“
„Ok.“ Er sah sich um. „Steh auf!“ Wir stützten ihn beide, während er mit in Richtung Bunker humpelte. In seinem Gesicht mischte sich Schmerz zunehmend mit Angst.
„Ich will dort nicht hinein.“ Blanke Panik.
„Stell dich nicht so an, da unten ist nur altes Laub und sonst nichts“, sagte Tom und stieg in das Loch. „Hilf ihm hinunter. Ich glaube ich kann sie schon kommen hören.“
Ich nahm Robert unter den Schultern und hievte ihn soweit nach unten, wie ich nur konnte. Nach anderthalb Meter gab es eine Zwischenstufe. Von dort aus führten mehrere, schon stark verrostete Eisensprossen bis hinunter. Der Boden war dick mit verrottendem Laub bedeckt und gab unseren Schritten nach. Der Eingang zeichnete sich als Lichtviereck über uns ab. Wir starrten nach oben und bemühten uns absolut still zu sein. Robert versuchte sein Schnaufen so gut es ging zu unterdrücken. Es war nichts zu hören. Ab und zu knackte irgendwo ein Ast. Wir zuckten zusammen.
Wieder nichts. Ein Krähenschrei in der Entfernung.
„Ich glaub nicht, dass die hinter uns her sind“, sagte ich. Tom zuckte mit den Schultern.
Eine Fledermaus schoss plötzlich an uns vorbei und flog nach oben ins Licht. Robert verlor das Gleichgewicht. Er fiel mit seinem Hintern rücklings aufs nasse Laub.
Wir fingen erst leise und schließlich immer lauter, völlig hysterisch an zu lachen. Wir lachten so laut, dass uns schon Tränen über unsere Wangen liefen.
„Hey was ist das?“ fragte Robert, der noch immer lachend am Boden hockte. Er hatte etwas in der Hand. Ich konnte nicht erkennen, was es war. Plötzlich machte es Klick, gefolgt von einem Schnalzen. Ich lachte noch immer, als mich Tom zu Boden riss.
Danach fehlt mir zu einem großen Teil die Erinnerung. Nur noch Fragmente kamen später an die Oberfläche. Das Klingeln in meinen Ohren. Der metallische Geschmack auf meinen Lippen. Die Baumkronen, durch die friedlich das Licht brach.
Viele Menschen beschreiben den Wandel vom Kind zum Jugendlichen als langsames Hinüberwechseln. Für mich war es dieser eine Augenblick. Das Ende meiner Kindheit.

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