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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Isolation der Wirklichkeit
Eingestellt am 26. 03. 2002 11:10


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Metatron
Hobbydichter
Registriert: Mar 2002

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„Take care of yourself!“, hatte er mir zum Abschied ins Ohr geflĂŒstert. Dabei berĂŒhrten seine samtweichen, blutdurchflossenen Lippen mein linkes OhrlĂ€ppchen. Er sprach Leise, fast durch die ZĂ€hne redend und mit angsteinflössender Traurigkeit, die in mir GĂ€nsehaut verursachte. “The same to you!” Ich blutete. Schmerzende Messerstiche ĂŒberall in meinem Körper.
Ich umarmte ihn nochmals was weiß ich wie oft ich das nun schon getan hatte. Mein Gott, wie hasste ich Abschiede und besonders von ihm. Da war es, das erwartete und wie immer viel zu frĂŒh ertönende Pfeifen
des ZugfĂŒhrers. Er stieg in den Wagon und nahm an einem Fenster platz. Ich blickte ihm in seine traurig blauen Augen und dabei lĂ€chelte er. Der Zug setzte sich in Bewegung und er formte seine Lippen zu einem „Take care of yourself!“ Dabei zerfiel ich zu Staub. Der Wind blies jedes Einzelne Staubkorn fort und er fing sie auf. Alle, oder zumindest fast. Wir waren zwei Singvögel, die der AbenddĂ€mmerung entgegenflogen.
Ich stand wie angewurzelt. Mein, „The same to you!“, lag wohl außerhalb seines Blickfeldes. Ich sah dem Zug noch lange hinterher, obwohl er schon lĂ€ngst hinter dem Horizont verschwunden war. „Hinter’m Horizont geht’s weiter...“, hallte es in gleichbleibendem Rhythmus durch meine Gedanken.
Mag sein, aber meiner war leider da Zuende, wo die Strommaste das Feld berĂŒhrten und der goldgelbe Raps in der DĂ€mmerung verschwand. Und seiner begann wohl ziemlich wahrscheinlich genau dort.
Es war ziemlich SpĂ€t an einem Sommerabend. Die Sonne war gerade dabei von der Erde verschluckt zu werden und der klassische Geruch eines SpĂ€tsommerabend lag in der Luft. Doch heute war irgendwie alles anders. Der Bahnhof war leer. Nur eine einzige Person lehnte noch am, vom Rost und Zahn der Zeit zerfressenen, einmal blau gewesenen GelĂ€nder und schaute wehmĂŒtig der DĂ€mmerung entgegen, die ihre FlĂŒgel ĂŒber dem Land ausbreitet. Was hatte ich auch besseres zu tun?
Ich kreiste um das GelĂ€nder und stĂŒtzte dann meine Ellenbogen auf die Eisenstange und ließ den Kopf in die HĂ€nde fallen. Das tat gut. Ich hatte Schmerzen, ĂŒberall. Schmerzen, die nicht einmal von einer Überdosis Morphium gestillt werden konnten. Und die schwĂŒle, zum GlĂŒck langsam abklingende, WĂ€rme, tat ihr ĂŒbriges.
MĂŒckenschwĂ€rme tanzten ihren Fandango im Schutz der nahem BĂ€ume. Ich verschrĂ€nkte die Arme vor meiner Brust, spĂŒrte man doch, wenn man ganz still stand und in Richtung des Waldes sah, die frischen, wohltuenden Winde, die der Herbst als seine VorlĂ€ufer in unsere Richtung sendete. Das Bild, seiner ach so traurigen Augen und dem LĂ€cheln kreiste durch meine Gedanken. Jedes Einzelne Bild brannte sich in mein Gehirn. Eine graue Taube ließ sich neben mir nieder und gurrte. Falls sie sich etwas zu Fressen erhoffte, musste ich sie leider enttĂ€uschen, mir knurrte ja selbst der Magen. Wenige Augenblicke spĂ€ter verwandelte sie sich und fiel tot von der Stange. Ist fĂŒr sie sicher das Beste. Ich wĂŒnschte, ich wĂ€re eine Katze.
Ich lenkte meine Schritte der Bahnhofshalle zu. Doch, auch die, war an diesem Tag wie leer gefegt. Die HĂ€nde in den Hosentaschen versenkt und den Kopf zwischen die Schultern gezogen trat ich meinen Heimweg an.
Verdammt wie hasste ich Sonntage, ließen sie mich doch immer wieder in einen melancholischen Halbkoma fallen. Gedankenverloren lief ich die Allee hinab. Weder ein Auto, noch ein FußgĂ€nger oder Radfahrer ĂŒberholten mich. Geschweige denn wurde von mir ĂŒberholt. Das war bei meinem stetigen Schlendertempo kein Wunder. Ich sehe es ja ein, normale Menschen liefen Sonntag Abend nicht auf der Strasse herum.
Inzwischen waren seit Abfahrt des Zuges schon wieder 2 Stunden vergangen. Und noch immer dachte ich an die tiefblauen und doch so traurigen Augen. Jeder Abschied ist ein Abschied fĂŒr immer. Und so wird es wohl immer
bleiben. Ich bezweifelte, die Person, die ich heute wehmĂŒtig im Zug sitzen gesehen habe jemals wiederzutreffen. Gehen doch immer die schönsten unsere Gedanken verloren. Wenn ich meine Augen nur endlich öffnen wĂŒrde, ich werde im TrĂ€nenfluss ertrinken.
Ich schloss die TĂŒr zu meiner Wohnung auf , ließ die Sachen in Flur fallen und schmiss mich auf die einsturzgefĂ€hrdete Couch. Es tat gut, meinen Kopf auf ein Kissen legen zu könne. Das linderte sowohl die Gedanken, als auch die Schmerzen. Mein Blick glitt ĂŒber die Wand und die unzĂ€hligen Bilder. Wohl aus glĂŒcklichen Tagen. Mein großes, blaues Lieblingsposter hing etwas schief. Wir hatten es damals, als ich in meine Wohnung gezogen bin selbst gemacht. Das wichtigste war drauf, die Fotos von uns. Reliquien einer lĂ€ngst vergangenen Epoche. LĂ€chelnd.
Dann kam er endlich zurĂŒck und wir liebten und, kratzten dabei unsere Schatten zu Tode. Wir sprangen in einen See aus schwarzem nichts. Meine Blick fixierte seine Tiefblauen Ozeanaugen. VertrĂ€umt in Vermischung mit dem Schrei nach Liebe.
Ich kenne ihn eigentlich schon ziemlich lange, ja, ich liebe ihn. Eben auf meine ganz eigene Weise. Und er mich. Auch wenn mir jeder einreden wollte, dass er nicht gut fĂŒr mich sei. Am meisten fesselten mich, wie schon gesagt, seine immerblauen Pazifikaugen. Trotzdem waren sie zu der Zeit noch etwas anders. Vielleicht fröhlicher, entspannter und unbeschwerter. Aber das brachte die Zeit mit sich, es gab keine Dinge, die sie nicht zerstörte. Ich hörte „Downtown“. Don’t hanging around. Meines war schon lange eingestĂŒrzt.
Und mein Magen knurrte und Geld hatte ich nicht. Aber ich musste noch bis Freitag ĂŒber die Runden kommen. Dann kam er wieder zurĂŒck. Dann wĂŒrden sicher bessere Zeiten bevorstehen. Schwor ich mir jeden Sonntag.
Ich bekam Besuch. Meine beste Freundin, die Angst legte sich um meinen Köper wie ein eiserner Panzer.
Aber ich war wenigstens nicht allein. Jetzt liebten wir uns heiß und innig die ganze Nacht, bis zum Morgengrauen, dann verließ sie mich und ich war wieder allein. Einsam, alles an was ich mich klammerte war das Poster mit dem Bilder der fröhlichen Augen. Ich weinte. Doch seine Augen wurden davon nicht glĂŒcklicher. Meine Freundin die Angst war gleich wieder zur Stelle. Klotz am Bein, nicht allein. Ich wollte sein Augen wieder lachen sehen. Ich wollte ihn hindern, immer zu fahren. Ich weinte und meine Freundin tröstete mich. Es war keine Lösung, was er tat. Doch es war das Beste. FĂŒr ihn, fĂŒr mich und alle beteiligten. Ich wusste, dass ich ihn nicht wieder sehen wĂŒrde. Es war zuviel-
Die nĂ€chsten fĂŒnf Tage stand ich an seinem Grab, von frischer, dunkler Erde bedeckt. Ich war der einzige Besucher. Ich wollte nicht, dass ihn jemand sah. Er war meine. Mein Schatz. Und seine Juwelen glĂ€nzten. Ich war allein. Er hatte meine Freundin mit sich genommen. Man Schaufelte den Sarg zu und ich erstickte dabei. Auf dem Heimweg sprang eine Katze vom Fensterbrett, begann zu fliegen und zerfiel in tausend Teile. Ich machte mir nicht die MĂŒhe, sie wieder aufzusammeln.
Am Freitag stand ich wie gewöhnlich wieder am Bahnhof und wartete auf ihn. Seine traurigen Augen begrĂŒĂŸten mich. Ich wollte sie wieder glĂŒcklich sehen. Diesmal lies ich ihn nicht mehr gehen und Band ihn an mir fest. Je öfter er riss, umso stĂ€rker verbunden wir uns. Wir ernĂ€hrten uns von Unerfahrenheit.
War sie immer dabei. Ließ und nicht aus den Augen. Ich wollte die Zeit anhalten, doch der Versuch misslang und wir begannen zu schweben. Ich trĂ€umte. Und er fing meine TrĂ€ume auf um sich darin einzunisten. Wie ein Vogel in den Baumkronen. Ich suchte das Loch in der Wand, doch was ich fand, war der Blick in die Vergangenheit. Das nĂ€chste Durchschlupf, war so klein, dass wir nur mit MĂŒhe hindurchkrischen konnten und dann fielen wir rĂŒckwĂ€rts in einen Fluss aus Selbstmitleid. Der RealitĂ€t entschwonnen trieben wir in einem Ozean der TrĂ€nen. Und die Katze war mit von der Partie. Wenig spĂ€ter ertranken wir, weil wir vergessen hatten zu schwimmen. Und seine Augen waren fröhlich, in ihnen spiegelte ich mich, doch was ich sah, war eisige Leere und leblose Schatten.
Es ist Sonntag.

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