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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ithaka
Eingestellt am 30. 11. 2017 21:00


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Sunyata
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2017

Werke: 15
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Das Wetterleuchten erhellte die dunkle Front, die sich langsam vor die Sonne zog, als er mit federnden Schritten die Stufen des Einwohnermeldeamts hinunter schritt. Er sog die klare FrĂŒhjahrsluft ein, sah sich seine neue Heimat an und sinnierte einen Moment, welchen Ort man als NĂ€chstes aufsuchen sollte.
Einen neuen Anzug zu kaufen, wĂ€re eine gute Idee. Schließlich lebte David ja jetzt in einer neuen Stadt, hatte endlich jenen neuen Job, den er sich immer gewĂŒnscht hatte, und da wĂ€re ein neues, ein besseres Outfit doch passend.
Er könnte auch schon mal sein viel grĂ¶ĂŸeres BĂŒro einrichten, sodass es ein bisschen persönlicher wĂ€re. Gleichzeitig wĂŒrde man auch ein paar seiner zukĂŒnftigen Kollegen kennenlernen.
Am meisten reizte es ihn jedoch, anstatt des Busses den Fußweg zu wĂ€hlen, um die fĂŒr ihn noch unbekannte Umgebung kennenzulernen.
David ĂŒberquerte die Straße und ging nach links, weniger, weil er vermutete, dass dies der kĂŒrzeste Weg sei, sondern weil es dort so schien, als gĂ€be es mehr zu entdecken.
Alles um ihn war ungewohnt, unbekannt und ungemein aufregend. David war schon in vielen ihm fremden StĂ€dten gewesen, aber diese war anders: Hier wĂŒrde er bleiben, hier war er, wo er immer sein wollte. Jahrelang hatte er hart gearbeitet, um sich seinen Traum zu erfĂŒllen. Nun war er auf die Position befördert worden, die er immer anpeilte, das Streben hat nun ein Ende, hier wĂŒrde er endlich Ruhe finden und die FrĂŒchte seines Erfolges genießen.
Alle seine TrĂ€ume waren erfĂŒllt.
Er war am Ziel seines Lebens angekommen.
Sein Herz war leicht und sein Kopf klar. David vermutete, dass er unentwegt lÀchelte, denn sein Gesicht spannte bereits.
Nach einigen hundert Metern bog David rechts ab, um urplötzlich vor einem Glaspalast zu stehen. Der Kristallquader passte nicht wirklich zwischen die JugendstilhĂ€user, aber er kam ihm gerade recht. David wollte sich nĂ€mlich eine LektĂŒre kaufen, am Besten gleich eine, die zu seiner Stimmung passte. Er durchschritt die warme Luftwand, das letzte Äquivalent zu einer TĂŒr bei diesen Konsumgiganten, und betrat den BĂŒchertempel. In seiner ursprĂŒnglichen Heimat gab es nur kleine, gemĂŒtliche Buchstuben. Nun stand er in einem viergeschossigen, kalt anmutenden Monstrum.
Noch ehe David sich orientieren konnte, wurde er durch Pfeile am Boden – als ob man sich auf seine eigenen FĂ€higkeiten nicht verlassen könnte – direkt zu den Bestsellern geleitet.
Bereits von weiter Ferne konnte er die Menschenmassen erkennen, die sich an diesem Freitagabend zwischen den populĂ€rsten Romanen und SachbĂŒchern und vor allem den riesigen WĂŒhltischen fĂŒr „Sonderangebote“ drĂ€ngten – jenen BĂŒchern, die nur unter zwei Euro einen Leser finden, der sie jedoch nicht wegen ihres Inhalts, sondern ihres Preises schĂ€tzt.
Die Menschen um David herum konnten seine Stimmung nicht trĂŒben, denn das ließ er gar nicht zu. Er ließ es auch nicht zu, dass die 20 BĂŒcher in dunklem Einband zu seiner Linken mit immer dem gleichen Thema – Mord und Totschlag – ihn in irgendeiner Weise daran erinnerten, wie grausam Menschen sein können.
Stattdessen sah er nach links, zu dem Regal mit BĂŒchern in warmen Farben, andere auch in grĂŒn und mit den Gesichtern sympathisch erscheinender Menschen darauf, manche hatten auch Pflanzen oder GemĂ€lde abgebildet. Die Titel waren in grellen Farben gedruckt, dazu noch groß, dick und oftmals mit einem oder mehreren Ausrufezeichen. Da die BĂŒcher ihm wohlgesonnen schienen, trat er einen, vielleicht waren es auch mehrere Schritte, heran und schaute sie sich genauer an.
Die Vielfalt der Titel ĂŒberraschte ihn, mit den meisten konnte er nichts anfangen, und einige verwirrten ihn zutiefst, wie „Power – Meditation. Umfassende Erleuchtung in drei Minuten“, ganz abgesehen von „Was zu sagen ist, wenn man mit sich selbst spricht“. Ein Titel machte ihn dann doch stutzig: „Die ultimative Karriere Bibel: Definitiv alles, was Sie fĂŒr Ihren beruflichen Erfolg unbedingt wissen mĂŒssen“. David dachte sich, dass es vielleicht sinnvoll wĂ€re, gleich von Anfang an einen guten Eindruck bei seinem Traumjob zu hinterlassen. Dieses Buch könnte ihm dabei helfen. Er las den Klappentext und wusste, dass er es kaufen musste: „Hören Sie auf sich zu fragen, weshalb Sie fĂŒr jede Sprosse auf der Karriereleiter so lange brauchen. Lesen Sie dieses Buch und verwandeln Sie die Leiter zu einem Fahrstuhl! 
“
David las den Klappentext nicht zu Ende. Ihm war klar geworden, dass die jahrelange Plagerei, die er unternahm, um seinen Traum zu erfĂŒllen, nicht notwendig gewesen war. HĂ€tte er die „Karriere Bibel“ einige Jahre frĂŒher gelesen, wĂ€re er schon seit einer halben Ewigkeit so glĂŒcklich wie jetzt.
Oder wie bis gerade eben, denn diese Erkenntnis bedrĂŒckte ihn nun sehr. Nach weiterem beruflichen Aufstieg dĂŒrstete es ihn nicht, trotzdem nahm er ein Exemplar und trug es zur Kasse, doch es wog viel schwerer in seiner Hand, als es eigentlich war, denn an David zog gleichzeitig die Schuld gegenĂŒber seinem frĂŒherem Ich.
Der Erwerber hatte keine Ahnung, ob er noch genauso fröhlich aussah wie vorhin oder ob sich seine verschlechterte Stimmung bereits in seinem Antlitz niedergeschlagen hatte, aber er vermutete, dass sein Gesicht wahrscheinlich eine Mischung aus beidem darstellte, jedenfalls wirkte die Kassiererin verstört, als sie ihn sah.
David kramte in seiner Hosentasche und gelangte, als er eine Handvoll Scheine, MĂŒnzen, Bustickets und SchlĂŒssel herauszog, zur Überzeugung, dass Brieftaschen eigentlich doch vorteilhafter sind. Er bezahlte und wurde von der Person hinter sich weggeschubst. Beinahe hĂ€tte er auch noch etwas von dem Kram in seiner Hand verloren. Leicht genervt drĂ€ngte er sich an der Schlange, bestehend aus Menschen aller Alters- und Sozialklassen, vorbei.
Wieder zurĂŒck in der FußgĂ€ngerzone, erfasste ihn ein schwĂŒler Windhauch, und tintenschwarze Wolken verdeckten jeden Blick zur Abendsonne. Ein Grollen aus der Ferne schreckte als Ruf der Natur in der leblosen Betonumgebung die spendablen AbendeinkĂ€ufer auf.
David erinnerte sich der Zuversicht und des GlĂŒcks, von dem er noch vor wenigen Minuten erfĂŒllt war, als er hier stand, und beschloss, nicht weiter ĂŒber mögliche Fehler in der Vergangenheit nachzudenken. Zwar konnte er sich nicht ganz von seinen Selbstzweifeln lösen, doch ging es ihm zumindest etwas besser.
In Erwartung eines baldigen FrĂŒhjahrsturms wollte David möglichst schnell in seine neue, viel hellere und schönere Wohnung zurĂŒck und in Ruhe ĂŒber dieses Buch nachdenken, welches ihn nun doch nicht mehr losließ. Aber er war nicht mehr sicher, aus welcher Richtung er gekommen war oder wo sich die nĂ€chste Haltestelle seiner Buslinie befand.
Wenn schöneres Wetter gewesen wĂ€re, hĂ€tte ihm das Entdecken großen Spaß bereitet, aber er hatte weder seinen meerblauen Schirm noch seine holzfarbene Jacke dabei.
David irrte umher, lief in alle vier Himmelsrichtungen, schaute in jede Seitengasse und versuchte, StraßenzĂŒge oder GeschĂ€fte wiederzuerkennen. Er war sich sicher, dass seine Bushaltestelle direkt neben einer Filiale einer Kaffeehauskette gelegen war, aber es schien davon an jeder Ecke welche zu geben. Immer wenn er eine fand, suchte er ihre Umgebung ab, fand aber seine Busstation nicht.
Auch andere Haltestellen begegneten David, aber auch sie fĂŒhrten ihn nur in die falsche Richtung, denn sie gehörten einer anderen Linie an.
Endlich, beim vierten standardisiertem Kaffeeladen, dem es offensichtlich an Kunden mangelte, war sein Irrweg zu Ende, denn er fand ein WartehĂ€uschen seiner Route. Ein Omnibus war gerade weggefahren, natĂŒrlich jener, der in die richtige Richtung fuhr. Der Wartende stellte sich unter, denn gerade begann es kleine Wassertropfen vom Himmel zu regnen. Seine FĂŒĂŸe schmerzen, deshalb wollte er sich eigentlich setzen, jedoch waren alle blauen und vermutlich beschmierten Plastiksitzschalen von dubiosen Personen besetzt.
Nach zehn Minuten kam endlich der nĂ€chste Bus. Er war bereits ziemlich stark angefĂŒllt. David hatte einen Sitzplatz ausgemacht, aber er war zu langsam, besser gesagt zu freundlich, denn er wurde unsanft weggeschoben und musste sich an einer Stange festhalten.
Als der Omnibus losfuhr, stach ihm noch ein tiefrotes Plakat am WartehĂ€uschen ins Auge, das er zuvor nicht bemerkt hatte: „Immer noch allein? Die Uhr tickt! Hier klicken
Ein heller Blitz und ein gleich darauf folgender markerschĂŒtternder Donner kĂŒndigten den Beginn des FrĂŒhjahrssturms an. Davids Herz schlug schneller, seine Gedanken wurden von der Angst, etwas verpasst zu haben, verfolgt und kreisten gehetzt um dieses Plakat. Lange war er mit der Art, wie er lebte, zufrieden, fĂŒr kurze Zeit sogar glĂŒcklich. Ihm machte das allein sein nichts aus, es war im sogar eigentlich lieber, und nie dachte er daran, dass sich das Ă€ndern sollte.
Bis heute.
Nun fĂŒrchtete David, dass er sein Verhalten bereuen könnte. Womöglich dann, wenn er beginnen wĂŒrde, seine Einsamkeit zu spĂŒren – in einem Alter, in dem seine Chancen, daran etwas zu Ă€ndern, schlecht stĂ€nden.
WĂŒrde er dann sein damaliges Ich hassen? WĂŒrde er in bitterer Einsamkeit zu Tode siechen? WĂŒrde sich niemand mehr an ihn erinnern?
Die BustĂŒren hatten sich mittlerweile mehrmals geöffnet und geschlossen, wobei deutlich mehr Menschen ein- als ausstiegen. Inzwischen wirkte eine SardellenbĂŒchse im Vergleich zum Innenraum des Omnibusses wie eine Großraumhalle. Viele Leute hielten sich nicht mehr fest, sondern ließen sich von den umgebenden Menschenmassen auffangen. NatĂŒrlich hielt dies einen Fahrradfahrer, der auf der Flucht vor vom Himmel fallenden Wassertropfen war, nicht davon ab, sich mitsamt seines Drahtesels in die Menge hineinzuquetschen, und niemand wagte es, dem Mann mit der wild entschlossenen Miene vorzuschlagen, auf den nĂ€chsten Bus zu warten.
Wenn David es sich leisten könnte – er hatte leider die „Karriere Bibel“ ja noch nicht gelesen – so wĂŒrde er Taxi fahren. Geld macht zwar nicht glĂŒcklich, jedoch weint es sich in einem Taxi deutlich besser.
Angst trĂŒbte seinen Geist wie pechschwarzer Nebel. Er fĂŒhlte sich unzufrieden. Ihm kam es vor, als besĂ€ĂŸe er nichts, als hĂ€tte er nichts erreicht, als wĂŒrde er vor einem unendlich hohen Berg stehen, den es zu erklimmen galt. Noch nie fĂŒhlte sich David von seinem GlĂŒck so weit weg wie jetzt.
Beinahe hĂ€tte der Nachdenkliche vergessen auszusteigen, sodass er versuchte, sich so schnell wie möglich durch die ekelhaft riechende Menge zu kĂ€mpfen. Als er auf dem Gehsteig stand, bereute er es wiederum, nicht noch eine Runde mitgefahren zu sein. Ein starker, eisiger Wind klatschte ihm eimerweise Wasser ins Gesicht. Er rannte in die Richtung, wo er seine neue Wohnung vermutete. Hier hoffte der Getriebene Ruhe und neuen Mut zu finden angesichts der RĂŒckschlĂ€ge, die er heute erleiden musste. Er wusste nicht, was ihn stĂ€rker antrieb: der Sturm oder seine Hoffnung auf Zuflucht vor der Welt. Die Aussicht auf WĂ€rme und Geborgenheit gab ihm einen letzten Kraftschub.
DurchnĂ€sst sprang er in die offenstehende TĂŒr des Hauses Nummer zehn und kĂ€mpfte sich mit letzter Kraft in den 6. Stock. Erneut bereute der Treppensteiger, dass er dieses Buch in der TĂŒte, die er bei sich trug, nicht viel eher gefunden hatte. Dann hĂ€tte er sich jetzt eine Wohnung mit Aufzug leisten können.
David war vollkommen entkrÀftet und ahnte, dass er grausig aussehen musste.
Der Schmerz an seinen FĂŒĂŸen und in seinem Herzen gab ihm das GefĂŒhl, im Nirgendwo angelangt zu sein.
Die „Karriere Bibel“ schwamm im grellroten Plastikbeutel, umgeben von kaltem Regenwasser.
Vor seiner WohnungstĂŒr angelangt warf David die „Karriere Bibel“ in die Ecke unter der Klingel.
Er kramte wieder in seiner Hosentasche, fand nur durchweichte Scheine und glitschiges Hartgeld. Kurz darauf suchte er auch in den anderen Taschen.
Erfolglos.
Verzweifelt und am Ende seiner KrĂ€fte setzte er sich auf den Boden, lehnte sich an die fest verschlossene TĂŒr und verfluchte die Götter.
__________________
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Version vom 30. 11. 2017 21:00

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Carmen Engel
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2017

Werke: 3
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Hallo Sunyata,

ich weiß nicht so recht, worin es in Deinem Text gehen soll. Ich bin auch ganz ehrlich, nach der HĂ€lfte bin ich nur noch drĂŒber geflogen in der Hoffnung, jetzt passiert endlich was. FĂŒr mich ist der Text eine ellenlange Beschreibung. Der Protagonist hat ein Problem, aber welches genau? Dass er allein ist? Das er die Karriere Bibel noch nicht gelesen hat? Das er in einer neuen Stadt wohnt? Worum geht es genau???
Am Ende nennst Du Deinen Protagonisten "der Getriebene", der "Treppensteiger". Das hat ihn mir noch mehr entfremdet.

Ich finde, der Text kann gut um die HĂ€lfte gekĂŒrzt werden. Und ich wĂŒrde mich freuen, genauer heraus gearbeitet zu bekommen, worum es geht.

Viele GrĂŒĂŸe
Carmen

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