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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Ja auf See, da iss wat los
Eingestellt am 09. 07. 2007 16:32


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Ja auf See, da iss wat los

Dat Geld ausse Panzerverschrottung juckte meine Berta schrecklich inne Finger. Sie wurde tĂ€glich unruhiger. Sie wollte dat gute Geld unbedingt zum Fenster rausschmeißen und kam stĂ€ndig mit neuen VorschlĂ€gen angedackelt.

Heute Morgen hatte Frau QuÀlgeist wieder ne fabrikneue Idee:
„Willilein“, sĂ€uselte se, „kuck ma hier inne Zeitung rein, da wird ne ganz tolle Seereise zum Spartarif angeboten. Vierzehn Tage, zwei Personen, fĂŒr nur 999 DM! Mittelmeer-Atlantikreise bis Madeira mit die ‚MS Heimat’. WĂ€r dat nich ma wat fĂŒr uns?
Wir haben doch jetz dat viele Geld versteckt, dat vermehrt sich unter die Matratze nich, und stell dir ma vor, dat wĂŒrde uns ma geklaut.“

Ich konnte Bertas ausgefallenen Luxuswunsch einfach nich begreifen. „Berta, spinnze jetz total? Andere Menschen wĂ€ren froh, wenn se ma mit m Zug int Sauerland reisen dĂŒrften, Frau PĂŒttmann muss natĂŒrlich ne Kreuzfahrt buchen! Berta, so wat iss nur wat fĂŒr schwerreiche Leute, nich fĂŒr uns, merk dir dat. Außerdem wird mir schon kotzĂŒbel, wenn ich nur an den Seegang denke, und dann erinner dich bitte ma anne Titanic, du weiß ja wohl, wat da mit dem Eisberg passiert iss?
Willze mich loswerden? Soll ich vielleicht auf sonne Reise ersaufen? Dat ganze Leben liegt noch vor mir!“

Ich konnte mich ĂŒberhaupt nich beruhigen:
„Berta, selbst neureiche GeldsĂ€cke juckeln mit ihrem VW nur bis anne Spaghetti-Riviera. Du muss natĂŒrlich mit nem Luxusdampfer durch dat ganze Mittelmeer und den Atlantik kreuzen, bis nach, na, sach schon, wo kommt der billige Wein her? Mattreira?“
„Willi, dat heißt Madeira, dat iss ne Insel im Atlantischen Ozean, hier kuck ma inne Karte rein. Du kannz ja mit m Hintern zu Hause bleiben, ich amĂŒsiere mich auch ohne dich. Ich fahr auf alle FĂ€lle!“
Berta fĂŒhrte ma wieder dat große Wort und piesackte mich tĂ€glich mit der verdammten Kreuzfahrt. Die wollte mich auf diese schrĂ€ge Tour weichkloppen, ich blieb aber unerbittlich.

„Williken, die Herbstferien stehn vor der TĂŒr. Ich hab schon mit Mama gesprochen, die nimmt die Blagen fĂŒr vierzehn Tage. Sie meinte auch, dat wir uns endlich ma wat gönnen sollten. Und ĂŒbrigens, der entscheidende Tipp fĂŒr dat Panzerversteck, der kam von mir, deshalb bestimm ich auch, wohin die Reise gehen tut.“
Ich war nach fĂŒnf Wochen dat ewige Maulen und Quengeln satt. NatĂŒrlich wollte ich meine Berta auch nich schutzlos inne weiten Welt rumjuckeln lassen.

Berta buchte im ReisebĂŒro dat besagte Sonderangebot: Innenkabine, Neptundeck auffe „MS Heimat“. Sie strahlte, ich schmollte, die Blagen knatschten. Sie mussten inne Ferien zur Oma.
Berta rannte bis einen Tag vor der Reise wie bestusst inne Stadt rum, um Koffer und anderet Reisegedöns zu kaufen.
„Willi, mit Persilkartons kannze son vornehmet Schiff nich betreten, dat macht nen sehr schlechten Eindruck, und neue Klamotten brauch ich auch.“

So völlig ĂŒberflĂŒssige KĂ€ufe hab ich fĂŒr mich strikt untersagt.

Mit ner erlesenen Reisegruppe von gut zweihundert Personen ging et um 22.05 Uhr vom Bochumer Bahnhof mit dem Zug nach Genua. TodmĂŒde kamen wir nachmittags im Spaghettiland an und wurden mit klapprigen, ĂŒberhitzten Bussen zum Einschiffen gekarrt.
Vor der „MS Heimat“ wurden wir ganz toll empfangen. Die Bordkapelle spielte extra fĂŒr uns den zackigen deutschen Marsch: „Alte Kameraden“. Son ausgeflippter Fotograf machte von jedem Passagier Empfangsfotos, und ein Kerl in dunkelblauer Uniform und goldenen Litzen auffe Schulterklappen gab jedem Schiffsgast zur BegrĂŒĂŸung die Flosse.
Zwei Schiffsdiener in beiger Uniform nahmen lĂ€chelnd Bertas Überseekoffer, drei Taschen und meinen kleinen Pappkarton. Sie fuhren mit uns per Aufzug fĂŒnf Etagen tiefer.
Ich sachte fĂŒr die Diener:
„Ey, Kameraden, wir befinden uns ja schon lĂ€ngst unter Wasser, dat lĂ€uft nich, fahrt sofort wieder hoch. Wenn dat Schiff ma lecken tut, saufen wir hier unten ab wie die Ratten. Wir sind doch nich lebensmĂŒde!“
Der krÀftigste vonne beiden erklÀrte mir dat:
„Mein Herr, Sie haben die preiswerteste Kategorie gebucht, die befindet sich im untersten Deck neben dem Maschinenraum, dem Aufzug und dem Anker. Wir können leider keine Umbuchungen vornehmen, wir sind ausgebucht.“

Ich peilte Berta ma kurz schrÀg vonne Seite an. Die kannte meine Gedanken!
Gut, als Bergmann unter Tage hab ich schon andere Ängste ausgestanden. Ich wollte auch nich sofort Stunk machen, deshalb hielt ich mein Maul.

Die Kabine war so eng, dat wir uns kaum drehen konnten. Dusche und Lokus maßen zusammen höchstens einen Quadratmeter.

Ich entdeckte son bedrucktet Blatt auffem Bett: „Dinner und BegrĂŒĂŸungsabend fĂŒr Neptundeck im Pinguinsaal um 20.30 Uhr“.
„Berta, sach ma, wat heißt denn ‚Dinner’?“
„Mensch, Willi, wat bisse fĂŒrn ungebildeten Pannemann. Dat iss dat Abendbrot, mittags lunscht du. Merk dir dat, sonst fĂ€llze hier schwer auf, da bisse sofort son sozioleten Vogel.“

Die erste Dinner-Abendbrot-Schicht war bereits um 18.30 Uhr, aber nur fĂŒr die zwei vornehmen oberen VIP-Decks. Ich hatte Hunger wie n Wolf und kriegte vom langen Kohldampfschieben fast n Anfall.

Wir marschierten Ă€ußerst pĂŒnktlich zum Speisesaal. Am Eingang stand n freundlicher braun gebrannter Herr in schmucker dunkler Uniform, Propeller um, son richtigen feinen Schiffer-Gentlemann im mittleren Alter war dat. Auf seinem Namensschild stand: „Zahlmeister Otto Schluckebier“.

Er begrĂŒĂŸte uns Kerle mit Handschlag, die Weiber mit Handkuss. Berta lief von dem erotischen Handkuss total verwirrt vorneweg und verschwand im Pinguinsaal.
Mich pickte dieser nette Empfangs-SeebÀr aus der Schar der einfallenden DinnergÀste heraus.
„Wo wollen Sie denn hin?“, fragte er mich, „doch wohl nicht in den Speisesaal, mein Herr?“
„Doch“, sachte ich, „wat meinen Sie denn wohin, ich hab Kohldampf wie n Ochse.“
„Ach, sind Sie nicht der Herr PĂŒttmann vom Neptundeck? Ihre Kabinen-Stewards berichteten mir bereits ĂŒber Ihre Aversion gegenĂŒber der besagten Deckklasse.“
„Ja, dat bin ich. Ich bin der Willi PĂŒttmann aus Herne-Baukau, dat iss wirklich ein Scheiß-Loch da unten.“

„Herr PĂŒttmann, kommen Sie doch bitte mal mit. Ich erklĂ€re Ihnen mal, wie das hier auf dem Schiff so ablĂ€uft. In Ihrem Aufzug können Sie auf keinen Fall beim Dinner erscheinen.“
„Wat soll dat denn heißen, Aufzug? Ich hab ne saubere Badehose am Hintern, frische weiße KniestrĂŒmpfe, und auch dat bunte Hemd iss sauber.
Ich hab keine anderen Klamotten im Karton. Dat iss meine erste und letzte Schiffsreise.“
„Nein, lieber Herr PĂŒttmann, so können Sie nicht zum Dinner erscheinen. Es gibt Bordgepflogenheiten. Sie bekommen von mir fĂŒr die Zeit Ihrer Reise einen dunklen Anzug geliehen. Ziehen Sie bitte dieses weiße Hemd an und binden Sie sich eine Fliege. Die Turnschuhe tauschen Sie bitte gegen dieses Paar schwarze Schuhe. Die GrĂ¶ĂŸe dĂŒrfte stimmen.“
Ich war von dem Service echt beeindruckt. „Hörn Se ma, Herr Schluckebier, ich kann keine Fliege binden, können Se dat ma fĂŒr mich ĂŒbernehmen?“
„Na klar.“
Er goss uns beiden n doppelten Kognak ein und rief hocherfreut:
„Prima, Herr PĂŒttmann, so gefallen Sie mir!“
Jetz war mir der Zahlmeister echt sympathisch. Son richtigen Kumpeltyp war dat.
„Hömma, Zahlmeister, bei uns im PĂŒtt sagen se alle ‚du’ fĂŒr einen. Wenne nix dagegen hass, bisse fĂŒr mich der Ötte, ich bin der Willi. Komm, lass noch ma die Luft ausse GlĂ€ser.“
Der Zahlmeister grinste, goss die Schwenker bis zum Rand voll und rief:
„Chiers, Willi! Wir werden bestimmt ne tolle Zeit an Bord verleben!“

Ich wieder ab nach oben zum Dinner-Abendbrot-Saal. Ich suchte meine Berta, die fand ich auch nach n paar Minuten. Die saß mit son paar aufgedonnerten Figuren an einem Sechsertisch und erkannte mich ĂŒberhaupt nich.
„Ey, Berta, kennze mich nich mehr? Ich bin dein Mann. Hasse schon mit die Herrschaften einen verpitscht?“

Berta war sprachlos. Son fein gekleideten Ehemann hatte se ja noch nie inne Augen gehabt! Sie stellte mir wegen der neuen Klamotten zum GlĂŒck keine Fragen.

Ich stellte mich am Tisch mit nem zĂŒnftigen „GlĂŒck auf “ vor und haute mir, so zum Einstimmen, erst ma ne halbe Pulle Rotwein in den Kopp. Dann ließ ich aufscheppen, dreimal, viermal, fĂŒnfmal, bis mein Ranzen den GĂŒrtel quĂ€lte.
Ja, und die Leute am Tisch, dat waren richtig feine Pinkel. Alle poften ebenfalls unten im Neptundeck, die Sparschweine hatten auch dat beschissene Sonderangebot gebucht. Dat pensionierte Medizinerehepaar kam aus Gelsenkirchen, dann war da noch ne reiche Fabrikantenwitwe aus Remscheid und n Pastor aus Bochum.
Die Witwe balzte mit mir nach der zweiten Pulle Rotwein Ă€ußerst unanstĂ€ndig unterm Tisch rum. StĂ€ndig scheuerte sie ihre KĂ€semauken an meinem vornehmen Leihanzug. Als mir dat im Schritt zu bunt wurde, trat ich ihr zweimal krĂ€ftig gegen dat Schienbein, die Olle schrie wie angestochen auf und humpelte, auf ihr Rheuma fluchend, zur Klabautermann-Bar.

KapitĂ€n Kurt Knurrhahn begrĂŒĂŸte alle Passagiere, stellte die Offiziere und Stewards vor, sachte wat Technischet ĂŒber den Kahn und verzog sich anschließend mit Zahlmeister Otto anne Bar.
Ruck, zuck war dort der BĂ€r los. Die Weiber umzingelten die beiden und rissen sich fast um die armen Kerle. Berta schob ihre Mollis n bissken höher und unternahm nach dem Essen auch n scheuen AnnĂ€herungsversuch, kapitulierte aber achselzuckend vor der Übermacht der jĂŒngeren Weiber.

Ja, die Reise war schon wat Schönet. Da hasse ja unheimlich viel Wasser und Himmel gesehen. Auch der Landausflug inne Mittagsglut nach Ibiza-Stadt war toffte, machte aber schwer durstig.
Die ĂŒbrigen LandgĂ€nge ersparten wir uns wegen der tropischen Hitze und haben uns dafĂŒr auffem Sonnendeck schön inne pralle Sonne geknallt. Der aufmerksame Steward brachte uns etliche kalte Pilsken und geeiste Cocktails – nur so war die Hitze ertrĂ€glich.
Wir kommen spĂ€tnachmittags in unsere Kabine rein, liegt da inne Koje ne elegante Einladungskarte fĂŒr n KĂ€ptnsdinner. „KapitĂ€n Kurt Knurrhahn gibt sich die Ehre 
, Eheleute Berta und Wilhelm PĂŒttmann 
,
bla, bla 
,Tisch 1, 20.30 Uhr am KapitĂ€nstisch.“

Junge, dat war wirklich ma ne tolle Überraschung. Einige AuserwĂ€hlte durften heute Abend mit dem KapitĂ€n und mit die Offiziere an einem Tisch sitzen. Berta hatte sich zum GlĂŒck n dunklet KostĂŒm eingepackt, sonst hĂ€tte se wahrscheinlich auch beim Zahlmeister antanzen dĂŒrfen.

Mann, ich kann Ihnen wat flĂŒstern, wat da allet auffem Buffet an Fressalien draufstand, so wat hatte mir meine Berta zu Hause noch nie geboten.
Die einzelnen GĂ€nge standen auf ner extra gedruckten Karte. Ich wollte die Karte laut vorlesen, konnte ich ĂŒberhaupt nich. Überwiegend französische AusdrĂŒcke standen da drauf, aber lecker war der französische Kram, sogar unheimlich lecker. Und – gesoffen wurde da am Tisch, dat können Sie sich nich vorstellen!
Alle paar Minuten standen KapitĂ€n Knurrhahn oder der Ötte Schluckebier auf, grölten n dreckigen Seemanns-Trinkspruch und hauten sich einen Kognak nach dem anderen hinter die Binde.
Als der Ötte zum zwölften Trinkspruch anhob und sich dabei auffen Stuhl stellen wollte, verdrehte er plötzlich die Augen, kippte nach vorne weg und knallte volle Kanne mit dem Kopp in unsere herrliche Eisbombe.
Zwei KĂŒchenbullen schnappten sich den Ötte und schleiften ihn hinaus. Der KapitĂ€n vertrat ihn hervorragend beim Kampfsaufen – bis er ganz alleine am Tisch saß. Einer nach dem anderen hatte sich heimlich verdrĂŒckt. Wir konnten nich mehr!

Nun halten Se sich fest!
Morgens erfuhren wir ĂŒber den Bordlautsprecher, dat der Zahlmeister seinem Unfall beim KĂ€ptnsdinner erlegen wĂ€r!

Ehrlich, dat war fĂŒr alle an Bord n krĂ€ftigen Schock! Berta wurde kreidebleich, heulte und musste sich setzen. Nee, wat tat uns der Mann leid! So wat Schrecklichet, ausgerechnet auf unserer ersten Kreuzfahrt!

Um 10.30 Uhr wurde ich zum KapitĂ€n gerufen. Er lag wie tot im Bett der Krankenstation. Schiffsarzt Dr. DrĂŒsken fĂŒhlte besorgt seinen Puls.
Der KapitĂ€n röchelte: „Mein armer Kamerad, mein lieber Freund Otto ist tot, ich leide Qualen der Trauer, ich bin vor Kummer sterbenskrank. Herr PĂŒttmann, können Sie sich vorstellen, dass ich in meinem Zustand eine pietĂ€tvolle Seebestattung durchfĂŒhren könnte? Nein, das geht einfach nicht.
Hier ist ein Priester an Bord, der sich weigert, stellvertretend fĂŒr mich die Seebestattung fĂŒr meinen Freund durchzufĂŒhren. Nur weil Zahlmeister Schluckebier kein Kirchenmitglied ist, lehnt der Mann meine Bitte ab, das mĂŒssen Sie sich mal vorstellen! So ein Kleingeist! Der Mann, von dem ich spreche, ist der Pfarrer Drögsack, der Kerl an Ihrem Tisch.
Herr PĂŒttmann, Sie sind meine letzte Rettung. Sie sind nach unserer Information freier Grabredner. Ich bitte Sie instĂ€ndig, die Seebestattungszeremonie vorzunehmen, ich fĂŒhle mich dazu außerstande. Wir laufen ĂŒbermorgen in Casablanca ein, nehmen ein paar Damen an Bord, dann legt das Schiff sofort wieder ab. Der Zahlmeister wird auf hoher See sein Seemannsgrab bekommen.

„Wat fĂŒr Damen nehmen Sie in Casablanca an Bord, KapitĂ€n? Neue Passagiere?“
„Ja, wie soll ich Ihnen das erklĂ€ren? Ich bin in einer ganz vertrackten Situation. Ich habe heute Morgen die Kabine von Zahlmeister Schluckebier inspiziert, und was glauben Sie, was ich dort entdeckte?
Ich fass es immer noch nicht, ich bin noch nicht fĂ€hig, diese brisante Problematik richtig einzunorden.“
„KapitĂ€n, nun sagen Se doch endlich, wat los iss.“
„Herr PĂŒttmann, setzen Sie sich bitte. Dr. DrĂŒsken, schĂŒtten Sie Herrn PĂŒttmann mal n Kognak ein, sonst kippt er uns noch aus den Latschen.“
Ich trank dat Glas leer und war auf allet gefasst. Schließlich hatte ich mit meinen Kunden ja auch schon so allerhand erlebt.
„Jetz ma raus mit die Sprache, KapitĂ€n.“
„Lieber Herr PĂŒttmann, wir fanden in seinem Kabinenschrank drei Heiratsurkunden. Otto Schluckebier war mit drei Frauen verheiratet.“
„Wat iss denn da so schlimm dran?“, fragte ich, „dat kommt doch wohl hĂ€ufiger vor, dat ein Mann dreimal verheiratet war.“
„Herr PĂŒttmann, der Mann i s t mit drei Frauen verheiratet! Gleichzeitig! Das ist ein verdammter Bigamist! Ich wusste nur von einer Verlobten, der Lulu, die das ,Bordella Casablanca‘ im Hafen leitet.
Die Ehefrauen und die Verlobte habe ich per Telegramm informiert, alle haben ihre Teilnahme an der Trauerfeier bestĂ€tigt. Ich kann nicht mehr, Doktor, geben Sie mir auch n Kognak.“

Ich war platt, aber nich doof.
„KapitĂ€n, dat mit meiner Trauerfestrede können Se sich abschminken, ich werde mich fĂŒr dat Drama nich hergeben. Weiber sind Furien, die machen Hackfleisch aus mir, wenn ich fĂŒr den Ötte auch nur ein einziget gutet Wörtchen sagen tu. Nee, nee, werden Se schnell wieder gesund und machen Se Ihren Kram schön alleine.“

Der KapitÀn war verzweifelt und winselte:
„Kommen Sie, Willi PĂŒttmann, wir trinken BrĂŒderschaft, wir MĂ€nner mĂŒssen an Bord zusammenhalten. Ich bin der Kurt. Lass mich bitte nicht hĂ€ngen, ich bin sonst erledigt.“

Der Schiffsarzt nahm mich diskret zur Seite und flĂŒsterte:
„Herr PĂŒttmann, der KapitĂ€n ist wirklich schwer erkrankt, ich mache mir große Sorgen. Wollen Sie, dass er auch noch an Bord verstirbt und das Schiff durch zweitklassige FĂŒhrung auf dem Meer treibt und nachts irgendwo an den Klippen zerschellt? Sie mĂŒssen die Rede halten.“
Seine Worte waren einleuchtend.

Wir kippten noch einige GlÀser, und die beiden kloppten mich mit ihren stichhaltigen Argumenten und Fusel langsam weich:
„Kurt, ich brauch ne Stunde Bedenkzeit, ich muss dat erst ma mit meiner Berta durchquatschen. Die Situation iss verdammt nich einfach. Ich sach dir nachher Bescheid.“

Berta schĂŒttelte wĂ€hrend meines halbstĂŒndigen Berichts immer wieder unglĂ€ubig den Kopp. Sie konnte dat mit den vielen Weibern nich begreifen:
„Nee, Willi, drei arme Ehefrauen und noch ne Nutte! So ein elender Saubalg!“
„Berta, der war eben mit ganz besonderen Genhormonen ausgestattet. Wenn ich auch so gut bestĂŒckt wĂ€r, hĂ€tte ich vielleicht sogar noch mehr Weiber.“
„Dat ich nich lache! Du schaffs mich ja kaum! TrĂ€um schön weiter. Aber da iss noch wat, Willi, ich hab den Eindruck, dat der KapitĂ€n ĂŒberhaupt nich richtig krank iss, höchstens vom gestrigen Saufen. Der Kerl simuliert, dat ist ein ganz mieser Feigling, der wusste mit Sicherheit ĂŒber den Zahlmeister Bescheid! Der hat jetz nur Muffensausen vor den Weibern und seiner Reederei.
Hör zu, du ĂŒbernimms die Trauerfeier nur unter einer Bedingung: Der KapitĂ€n soll uns hier unten aus dem verdammten Loch rausholen. Nur wenn wir fĂŒr den Rest der Reise ne Swiete kriegen, sachsse zu.“
Ich wieder ab zum KapitÀn:

„Ey, Kurt, Berta gestattet mir die Rede nur, wenne uns fĂŒr den Rest der Reise ne Swiete auf deinem Kahn besorgen tus und unsere GetrĂ€nke an Bord fĂŒr lau sind.“
„Mensch, Willi, lass dich umarmen.“
Er griff zum Telefon und wies den Kabinensteward an, die KapitĂ€nssuite fĂŒr das Ehepaar PĂŒttmann herzurichten. Champagner, Obst und Pralinen sollten dreimal tĂ€glich auf VollstĂ€ndigkeit ĂŒberprĂŒft werden. Den GetrĂ€nkegutschein fĂŒllte er sogar selbst aus.
„Noch wat, Kurt, ich wĂŒrde gerne noch son paar Klamotten vom Ötte erben, die passen mir nĂ€mlich wie angegossen.“
„NatĂŒrlich, Willi, auch dieser Wunsch wird dir selbstverstĂ€ndlich erfĂŒllt.“
„Hömma, Kurt, noch ganz wat Wichtiget: Die Ehefrauen muss jemand auffem Schiff in Empfang nehmen, in einen Raum sperren, pö a pö ĂŒber die Klöpse vom Ötte aufklĂ€ren und so lange eingesperrt lassen, bis die sich beruhigt haben, sonst gibt dat bei die Trauerfeier schwer Theater.
Ich versuch Pastor Drögsack fĂŒr diesen Job anzuheuern, der hat dat mit dem Trost und Hoffnung in schwierigen Lagen studiert.“
„Willi, du bist der richtige Organisator, du kennz dich mit den Frauenzimmern und dem Leben aus. Du hast an Bord freie Hand.“

Ich lockte den Drögsack anne Bar, schluckte n paar Bier mit ihm und hab ihn in allet eingeweiht. Als er entrĂŒstet n Stursack spielen wollte, hab ich ihm laut und deutlich vor alle Leute die Meinung gegeigt und ihn an seine verdammte Christenpflicht erinnert. Dat half. Wir konnten gelassen in Casablanca vor Anker gehen.

Die „MS Heimat“ legte zwei Tage spĂ€ter im Hafen von Casablanca an. Berta und ich schauten vonne Reling neugierig auf dat spannende Anlegemanöver. Im Hafen herrschte buntet orientalischet Treiben.
Die Schiffstreppe wurde ausgefahren, und einige Seeleute bildeten am Kai ein Empfangsspalier.

„Peil ma nach rechts, Berta, da kommt ne Damenabordnung, wahrscheinlich iss dat ein Geschenk vom marokkanischen König. Berta, kuck ma, die kurzen Röcksken und die hohen Pömmes, wie toll die ihre Fahrgestelle unterstreichen! Iss dat nich n herrlichen Anblick? Und kuck ma die Mollis, die sind ja kaum bedeckt!“
Bertas Blick hÀtten Se ma sehn sollen!
Et waren neun bildhĂŒbsche, junge Damen, die kleine, bunte Schirme aufgespannt hatten, damit die Haut nich noch schwatter wurde.

Der Erste Offizier begrĂŒĂŸte sie wie alte Bekannte und fĂŒhrte sie laut lachend zum KapitĂ€n.

„Mensch, Berta, ich glaub, dat waren doch wohl keine königlichen PrĂ€sente, dat waren die Weiber aussem Puff.“
Berta musste mich wieder niedermachen:
„Willi, du biss n unheimlichen Schnellmerker, die Sorte Weiber hab ich auffen ersten Blick erkannt.“
Dann betraten drei Frauen in Trauerkleidung dat Schiff. Sie wurden von zwei Offizieren begleitet.
„Berta, dat sind bestimmt die Ehefrauen vom Ötte. Der Nimmersatt hatte echt Geschmack.“
Wieder streifte mich ein verÀchtlicher Blick.

Seit gut zwei Stunden lief mein armet Priesterlein auffem Promenadendeck nervös auf und ab. Er trug extra n silbernet Kreuz auf seinem schwatten Pullover, dat man ihn auch sofort als Seelsorger erkannte.
Ich ging zu ihm.
„So, jetz ma los, Pastor Drögsack, zeigen Se ma, wat Se draufhaben. Ich komm inne Stunde vorbei und kuck ma, ob die Weiber noch eingesperrt bleiben mĂŒssen. Kopp hoch, HochwĂŒrden, klappt schon, ihr kennt euch ja gut mit die Weiber aus, haha.“

Er ging mit gesenktem Haupt auf die drei Ehefrauen zu, begrĂŒĂŸte sie still und fĂŒhrte sie in die Offiziersmesse. Drei Matrosen begleiteten ihn als Leibwache; dat hatte der Feigling zur Bedingung gemacht.

Ich beschloss nach einer Stunde, die beiden weiblichen Lager zu inspizieren, und marschierte zuerst zu unserem schwer kranken KapitÀn in die Hospitalabteilung. Ich traute meinen Augen nich.

Die schwatten Schönheiten hatten ihre Landestracht abgelegt, saßen auf seinem Krankenlager und befummelten den KapitĂ€n am ganzen Balg. Er streichelte und koste verzĂŒckt ihre Rundungen. Der Doktor stand grinsend daneben.
Von Krankheit keine Spur!
Als ihm die Liebkosungen zu aufdringlich wurden, scheuchte er die jungen Damen vom Bett und zog die etwas Ă€ltere auf sein Krankenlager, nahm die Frau in den Arm und tröstete sie, indem er ihr mehrfach ĂŒber ihren knackigen Hintern streichelte und sie zĂ€rtlich „LulumĂ€uschen“ nannte.

Sonnenklar, diese Frau war Öttes Verlobte, die Chefin vom „Bordella Casablanca“. Die Weiber waren allesamt Gespielinnen vom KapitĂ€n, dem Doktor und dem armen Ötte, da war ich mir ganz sicher, sonst hĂ€tte man ja nur die Lulu an Bord gelassen.

Nee, wat hatten die MĂ€nner der Weltmeere fĂŒr ein herrlichet Leben! Pssst, hoffentlich hatte ich dat nich zu laut gedacht. Berta hörte inne letzten Zeit sogar die Flöhe husten und dat Gras wachsen.

Der KapitĂ€n stellte mich den reizenden Damen als seinen besten Freund vor. Sofort fielen die HĂŒbschen ĂŒber mich her, schmatzten mich ab, kniffen mir in den Hintern und prĂŒften sehr geschickt, ob noch Leben in mir war.

Ich hab in einem gĂŒnstigen Moment die Kurve gekratzt, meine Klamotten geordnet, die Lippenstiftfarbe aussem Gesicht geschrubbt und schaute ma bei Pastor Drögsack vorbei. Auf ein verabredetet Kloppzeichen wurde mir geöffnet.

Da ging et noch hoch her. Die armen Ehefrauen heulten und schrien vor Wut und EnttĂ€uschung. Der Drögsack hatte allet gut im Griff. Ich begrĂŒĂŸte die Damen, stellte mich vor und sprach ihnen mein Beileid aus.

Ich wieder hoch zum KapitÀn.
„Ey, Kurt, da unten bei die offiziellen Weiber iss allet klar, die haben sich einigermaßen beruhigt. Lass dich da unten sehen, fahr mit dem Krankenbett runter und mach da schön Wetter. Ich zieh inzwischen mit die Nutten anne Poolbar.“

Im Nu war die Bar von Matrosen und schmachtenden Tattergreisen umzingelt. Alle Kerle hatten plötzlich ne dröge Kehle.
Berta erkannte die gefÀhrliche Situation, packte mich von hinten und zog mich schimpfend von dieser paradiesischen Bar ab.

Dat Schiff legte ab. Die Bestattungsfeier sollte um 16 Uhr aufm Sonnendeck stattfinden.
Ottos Abschiedsfestplatz hatte Berta mit BlĂŒmkes und großen Topfpflanzen aussem Speisesaal dekorieren lassen. Einen KĂŒchentisch bezog sie mit BetttĂŒchern und richtete ihn wie n Altar her. Dat Betttuch war mit Schmierseife prĂ€pariert und diente als Rampe.

Wir erreichten den vorgegebenen Ankerplatz, die Sonne brannte, allet war unter Kontrolle. Et konnte von mir aus losgehen.

Vom Bordlautsprecher kam die Aufforderung, dat sich die TrauergÀste auf das Sonnendeck begeben möchten und Offiziere und Mannschaften vollstÀndig zur Beisetzung anzutreten hÀtten.

Der KapitĂ€n zog seine Galauniform an, legte sich damit in sein Krankenbett und ließ sich links neben mein Rednerpult schieben. Pastor Drögsack stand rechts von mir.
Beide sollten zur Not einspringen. Offiziere und Mannschaften hatten Order, bei Zoff die Parteien sofort zu trennen und einzusperren.

UngefÀhr zweihundert Personen standen aufm Sonnendeck, andere sahen vom höher gelegenen Lidodeck zu.

Zahlmeister Otto Schluckebier wurde unter leichtem Trommelwirbel von vier Matrosen in einem Seesack an Deck getragen und auf den Tisch gehievt. Ötte wurde auf besonderen Wunsch des KapitĂ€ns von zwei Matrosen in eine Reichskriegsflagge gehĂŒllt.

Man drĂŒckte mir n Mikrofon inne Hand, und ich begann meine erste Grabrede auf hoher See:

„GlĂŒck auf und ahoi, liebe TrauergĂ€ste. Ich begrĂŒĂŸe Sie im Namen unseres schwer kranken KapitĂ€ns ganz herzlich zur Trauerfeier von Zahlmeister Otto Schluckebier. Et heißt ja immer so schön: ‚Eine Seefahrt, die iss lustig 
’ Leider wurde aber diese Reise von einem Unfall getrĂŒbt.
Wenn ein so ehrenwerter Seemann wie der Zahlmeister Otto Schluckebier mit knapp 58 Jahren plötzlich aus seinem himmlischen Leben auf Erden abberufen wird, dann iss dat ne verdammt traurige Angelegenheit.

Wie hat er doch dat pralle Leben genossen! Wie schön war et immer mit ihm anne Bar! Wir haben ihn ja alle hier erleben dĂŒrfen. Er konnte die dreckigsten Witze reißen, wie ein Schikolo schwofen und die Damen an Bord verrĂŒckt machen, er wurde niemals mĂŒde, half jedem, war immer freundlich und rĂŒcksichtsvoll.
Alle an Bord liebten ihn. Alle Blusen, Ă€h 
, Herzen öffneten sich, wenn er in den Ballsaal trat.
Dieser herzensgute Mensch besaß nich nur ne gute Seele, nein, Otto war die gute Seele vonne ‚MS Heimat’.
Er war ein blendend aussehender Mann, alle Frauen waren verrĂŒckt nach ihm. Er konnte den Damen, die ihn ĂŒberall heiß begehrten, einfach keinen Korb verpassen. Oh nein, dat hĂ€tte der arme Otto niemals ĂŒber sein gutet Herz gebracht. Er war eben ein richtiger Gentlemann! Er war viel zu schade fĂŒr diese grausame Weiberwelt und wurde zwangslĂ€ufig ein bedauernswertet Opfer seines anstrengenden Berufs.

NatĂŒrlich hatte er, wie jeder Mensch, n paar kleine Fehler. Wir Menschen haben Fehler! Wir Menschen machen Fehler! Ich frage euch: Wer von uns hat keine? Ich gebe euch die Antwort: Wir alle bauen Sch 
, Ă€h 
, Mist, denn wir sind nur Menschen, armselige, schwache Menschen.

Ottos Fehler war doch nur, dat er nich Nein sagen konnte, nein zu den unzĂ€hligen weiblichen Schönheiten, die ihn auf allen Weltmeeren anbaggerten. Er gab den meisten Damen bereits nach ner kurzen AffĂ€re n sĂŒĂŸen Abschiedskuss.“

Bislang bemerkte ich noch keine negative Reaktion bei die Weiber, deshalb sprach ich munter weiter:

„Bei den drei großartigsten, hĂŒbschesten Frauen in seinem Leben wurde Otto Schluckebier allerdings schwach, zu schwach.
Er wollte und konnte Ihnen, meine Damen, nich dat Herz brechen. Er konnte Ihre flehenden Bitten, mit ihm in den Hafen der Ehe zu segeln, einfach nich abschlagen.
Er liebte Sie alle gleichermaßen. Dat können nur wenige AuserwĂ€hlte auf Erden, und et zeugt von seinem großartigen Edelmut und grenzenloser Selbstlosigkeit, die schwere Verantwortung fĂŒr drei Ehefrauen und acht Kinder zu ĂŒbernehmen.
Dat iss inne westlichen Zivilisation ne verdammt große Seltenheit. Daran könnt ihr ermessen, wat fĂŒrn selten guter Kerl der Otto, euer lieber Ehemann, war.“

Die Ehefrauen lauschten mit versteinerten Gesichtern meinen tröstenden Worten. Berta und der Pastor schĂŒttelten allerdings permanent ihre HĂ€upter.

Der KapitĂ€n zog StĂŒck fĂŒr StĂŒck die Bettdecke höher. Man sah nur noch die Augen und die SchirmmĂŒtze.

Eine der Ehefrauen wurde rotzfrech fĂŒr mich und zischte mich an: „Sie Schwein, halten Sie endlich Ihr verdammtes Machomaul!“
Dat juckte mich ĂŒberhaupt nich, denn ich war diese Art von TrauerbewĂ€ltigung lĂ€ngst gewöhnt.

Die schwarze Verlobte stimmte ohne meine Aufforderung son arabischen Klagegesang an - furchtbar. Ihre jungen Begleiterinnen stimmten auch noch mit in dat Gejammer ein.

Ich hab se genau zwei Minuten heulen lassen, dann aber um Ruhe gebeten.
Die Verlobte verstand auf einmal Deutsch. Kommt die Schwatte auf mich zu:
„Hör mal, du verdammter Sittenstrolch, hast du da gerade was von drei Ehefrauen gesagt?“
„Ja“, sachte ich, „unser ehrenwerter Otto war mit diesen Damen dort drĂŒben inne ersten Reihe gleichzeitig verheiratet. So wat iss doch gute Sitte bei euch in Afrika, da mĂŒssten S i e doch wohl VerstĂ€ndnis fĂŒr haben.“

Junge, da hatte ich wat gesacht. Ich war doch im Glauben, der KapitÀn hÀtte der Lulu auf seinem Krankenlager allet von den drei Ehefrauen gebeichtet.

Die Frau stĂŒrzte sich mit dem Schirm auf den Seesack und prĂŒgelte wie irre auf die schöne Reichskriegsflagge ein, der arme Otto hat hoffentlich nix mehr davon gespĂŒrt. Die anderen schwatten Weiber hauten aus SolidaritĂ€t mit drauf und kreischten wie Furien.
Der Ötte tat mir in seinem engen Seesack richtig leid. Kriegte der arme Hund auch noch blaue Flecken auf seiner letzten Reise!
Dann fiel die Lulu ĂŒber die drei Ehefrauen her und beschimpfte sie mit furchtbaren AusdrĂŒcken, zog ihre Stöckelpömmes aus und schlug damit brutal auf die Frauen ein.

Ich schrie: „Alle schwatten Weiber festnehmen! Wir sind doch hier nich auf nem Irrenschiff, dat iss hier ne wĂŒrdige Bestattungsfeier!“
Die aufgebrachte Lulu und ihr hĂŒbschet Personal wurden von den eingeteilten SchutzkrĂ€ften geschnappt und in den Maschinenraum gesperrt.

Der KapitĂ€n, der feige Köter, hatte sich wĂ€hrend dieser bedrohlichen Szene die Bettdecke vollstĂ€ndig ĂŒber die Birne gezogen.

Ich sprach weiter:
„KapitĂ€n Knurrhahn bittet fĂŒr diesen unwĂŒrdigen Vorfall um Entschuldigung. Ich kann die arme Frau ja verstehen, dat iss auch wirklich nich so einfach, so plötzlich ohne Verlobten zu sein.

Glauben Sie mir, liebe Ehefrauen, dem armen Otto iss dat jahrelange Theaterspielen mit euch dreien und einer Verlobten bestimmt nich leicht gefallen. Er hat seine Rolle vorzĂŒglich gespielt. Ihr werdet seinen kĂŒnstlerischen Auftritt auf der BĂŒhne des Lebens hoffentlich nie vergessen.

Wie mir der KapitĂ€n erzĂ€hlte, war Ötte jedet Mal froh, wenn er sich nach dem stressigen Heimaturlaub endlich wieder an Bord erholen durfte. Nach zwei Tagen war er dann wieder fit und erlag erneut den Reizen der Weiblichkeit.

Streikten seine ĂŒberforderten Lenden, besoff er sich schrecklich. Leider war er letzte Zeit jeden Abend voll.“

Die drei Ehefrauen waren durch meine tröstenden Worte so gerĂŒhrt, dat se schon vor Ottos See-Abgang heulend stiften gingen.

Ich sachte zu den restlichen GĂ€sten: „Et wird nun Zeit, unseren lieben Ötte zu versenken. Pastor Drögsack, bitte sprechen Sie n Gebet. Dat nĂŒtzt zwar nix, schadet aber auch nich.“

Der Kerl hielt sich dran. Nach drei Minuten trat ich ihm ma ganz kurz auf seine PlattfĂŒĂŸe, und ruck, zuck sachte er: „Amen.“

Ein Offizier nahm seine Bootsmannspfeife und pfiff dem Otto die letzte Seite, dat iss son ehrender, letzter Gruß bei die Seeleute.

Vier Mann hoben den Tisch, marschierten damit zur Reling, neigten ihn und wuppdich, unser lieber Otto landete mit nem sauberen Köpper im schönen lauwarmen Mittelmeer.

„So“, sachte ich, „nun hasse endlich Ruhe vor die Weiber. Schmeißt noch n Teil vonne Tischblumen hinterher, der Rest kommt heute Abend wieder als Dekor auf dat Buffet.

Liebe TrauergĂ€ste, auf Wunsch von KapitĂ€n Knurrhahn iss heute Abend ab 21.30 Uhr Zahlmeister-Fellversaufen im Casinosaal, alle GetrĂ€nke sind fĂŒr lau.
Wir laufen in dreißig Minuten in Casablanca ein. Unsere lieben Trauerfrauen werden uns dort verlassen.
Die Trauerfeier iss beendet.“

Tosender Beifall von allen Decks erreichte mein Ohr, ich war sehr gerĂŒhrt. Leider kam der Applaus nur von den MĂ€nnern.

Als Ottos Ehefrauen und dat Bordella-Personal von Bord waren, lief KapitĂ€n Knurrhahn putzmunter auffe KommandobrĂŒcke rum. Berta hatte ma wieder Recht gehabt.

Er ließ mich holen, umarmte mich und fragte: „Willi, sag mal, wie hab ich dat wieder geschaukelt?“
Ich hab mir n Glas Wodka eingeschenkt und lediglich „Prost“ gesacht, drehte mich um, ging noch ma zum Sonnendeck und schaute auf die freundliche See.

Ich stellte mir vor, dat da unten ne hĂŒbsche Seejungfrau beim Otto auffem Schoß saß und ihm nen Heiratsantrag machte.

UngefĂ€hr ein Jahr spĂ€ter erhielt ich vom Landgericht Bremen ne Vorladung. Ich sollte dort als Zeuge in der Angelegenheit Reederei „Sturm“ gegen Offiziere der „MS Heimat“ aussagen.

„Berta, wat soll dat denn bedeuten, wat soll i c h denn da?“ „Willi, dat kann ich dir auch nich sagen. Die Kerle haben vielleicht Theater mit die Reederei wegen unserer Swiete gekriegt.“

Ich fuhr mit der Eisenbahn nach Bremen, meldete mich wegen der Spesen vor dem Verhandlungssaal, wurde von dort aber sofort zur Vernehmung in den rappelvollen Gerichtssaal gefĂŒhrt. Da saßen fast nur Frauen. Ich wurde vereidigt und von der Richterin gefragt:
„Herr PĂŒttmann, schauen Sie sich bitte hier im Saal um. Erkennen Sie Offiziere der ‚MS Heimat’?“ Ich drehte mich um. Wen sah ich denn da auffe SĂŒnderbank?
„Klar doch, Euer Ehren“, rief ich. „Hallo, Kurt, ja, dat iss mein alter Kumpel, KapitĂ€n Kurt Knurrhahn, ja, und rechts von ihm sitzt Dr. DrĂŒsken, hallo, Doktor.“ Beide winkten lĂ€chelnd zurĂŒck.

Dann traf mich der Schlag, ich wurde blass. „Frau Richter, haben Se ma n Schluck Wasser, ich glaub dat einfach nich.“
„Was glauben Sie nicht, Herr PĂŒttmann?“
„Ötte!“, rief ich in den Saal, „bisse auferstanden? Ötte Schluckebier, mein guter Ötte, mein lieber Freund, du lebs wieder, H a l l e l u j a ! Nee, dat iss aber schön!“ Ich ging auf ihn zu und umarmte ihn. Ötte und ich weinten vor Freude.

Nach dem unverhofften Wiedersehen trat bei mir jĂ€h ErnĂŒchterung ein.
Ich erkannte links inne ersten Reihe drei Frauen, Ottos Ehefrauen. Da fiel bei mir der Groschen!
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Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

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