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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Jagd
Eingestellt am 31. 01. 2002 09:14


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Jagd

Ich trat aus dem Lokal auf die n├Ąchtliche Stra├če hinaus. Nachdem die gepolsterte T├╝r zugefallen war, blieb ich einen Augenblick stehen. In dieser Stunde, zwischen vier und f├╝nf, schien die Stadt in einen kurzen Schlaf zu fallen. Auf der Hauptstra├če fuhren fast nur noch Taxis. Es musste geregnet haben, der B├╝rgersteig war noch etwas feucht, die Luft war trotz der W├Ąrme sauber und frisch. Der Himmel war wieder wolkenlos, eine schmale Mondsichel stand ├╝ber den D├Ąchern. Ich f├╝hlte mich auf angenehme Art betrunken und war gl├╝cklich, alleine zu sein. Das leise Dr├Âhnen in meinen Ohren ebbte langsam ab, ich f├╝hlte mich sentimental und ├╝berm├╝tig. Fernweh, Sehnsucht ÔÇô h├Ątte mich jetzt ein Matrose auf eine Seereise entf├╝hren wollen, ich w├Ąre sofort mit ihm gegangen.
Merkw├╝rdig, wie sch├Ân jetzt die Ruhe war. Dieser Moment, in tiefer Nacht aus einer verr├Ąucherten Kneipe in die Stille zu treten, war fast der sch├Ânste des ganzen Abends. Ich kannte alle Tricks, um l├Ąstige Verehrer abzusch├╝tteln, zahlte jedes Getr├Ąnk direkt ÔÇô man sagte mir, die Schotten w├╝rden das genauso machen ÔÇô um sofort gehen zu k├Ânnen, wenn ich genug hatte. Genug von gelallten Versprechungen, genug von traurigen Blicken, genug von den Geschichten ├╝ber die Ungerechtigkeit der Welt und genug von meinem eigenen Lachen. Dann stand ich auf, und ging v├Âllig unvermutet f├╝r die tr├Ągen Jungs an der Theke. Nicht das ich Angst vor ihnen gehabt h├Ątte, mit denen konnte ich es allemal aufnehmen, aber es war l├Ąstig und sie zerst├Ârten mir das sch├Âne Gef├╝hl des Alleinseins.
Meine Schritte hallten durch die schmale Stra├če, ein Ger├Ąusch, das manche Frauen ├Ąngstigt. Ich dagegen kam mir wie ein einsamer Ritter vor, ein Eindringling, dem die Bewohner der Stadt ausgeliefert sind. Nat├╝rlich, ich bin gr├Â├čer und st├Ąrker als die meisten anderen, aber das ist es nicht alleine ÔÇô ich bin eine J├Ągerin, kein Opfer.
Ein leichter Wind kam auf. Dankbar breitete ich die Arme aus, lie├č mir den Rauchgeruch aus dem Kleid blasen, ├Âffnete mein hochgestecktes Haar und kratzte gen├╝├člich die Kopfhaut. Das war es, was ich eigentlich den ganzen Abend ├╝ber tun wollte, zumindest erschien es mir jetzt so. Zufrieden l├Ąchelnd setzte ich meinen Heimweg fort, als ich einen halben Block vor mir eine Gestalt erblickte. Ich mag es grunds├Ątzlich nicht, auf meinem Heimweg jemanden zu begegnen. Am ehesten kann ich noch die l├Ąrmenden kleinen Gruppen vertragen, die nehmen aber meist die gro├čen Stra├čen. Ein Trupp Menschen, der aus einer Bar oder Disko kommt, ber├╝hrt mich nicht. Sie sind genauso f├╝r sich, wie ich es bin. Manchmal johlen und pfeifen einige Typen, wenn sie mich sehen, aber eigentlich interessiere ich sie nicht. Einen Augenblick sp├Ąter haben wir alle die Begegnung vergessen. Etwas anderes sind diese einsamen Asphaltcowboys, sie sind mir ├Ąhnlicher, sehen mich mit wissenden Augen an, beobachten mich, erkennen mich. Das st├Ârt mich. Dieser Mann dort vor mir wurde sogar langsamer, als er meine Schritte hinter sich h├Ârte. Verstolen blickte er ├╝ber die Schulter und verlangsamte noch einmal seinen Schritt. Ich holte rasch auf und konnte ihn jetzt deutlicher sehen. Ein kleiner Kerl, wahrscheinlich schon ├Ąlter. Solche Typen boten mir, wenn ich vorbeiging, hundert Mark an. Ich ha├čte sie. Ich kam immer n├Ąher, seine Bewegungen waren kaum noch zu sehen, er war stehen geblieben. Als h├Ątte ich nichts bemerkt kam ich auf ihn zu. Vielleicht war es die herrlich k├╝hle Luft oder ein Jagdtrieb, der ├Ąlter war, als mein Bewu├čtsein ÔÇô jedenfalls auf den letzen Metern begann ich direkt auf ihn zuzulaufen. Die Arme vorgestreckt, mit einem kehligen Schrei, sch├╝rzte ich auf ihn zu. Ich war ein Falke der sich auf eine Ratte st├╝rzt. Und tats├Ąchlich, mit einem kleinen Quieken floh er aus dem H├Ąuserschatten auf die Stra├če.
Jetzt h├Ątte ich meinen Weg in Ruhe fortsetzten k├Ânnen, aber eine bebende Lust mein Opfer nicht entkommen zu lassen, lie├č mich nachsetzten. Ich geno├č die Kraft meiner Beine, als ich mit einem kurzen Sprint den Abstand wieder auf wenige Meter reduzierte. Es gab kein Versteck f├╝r die Ratte. Ich beobachtete seinen Versuch, so schnell wie m├Âglich zu gehen, ohne in einen Laufschritt zu verfallen. Sein Kopf h├╝pfte unruhig vor mir auf und ab. Er stolperte und fiel fast hin. Jetzt begann er wirklich Angst zu haben, ich glaubte seinen Schwei├č riechen zu k├Ânnen. Warum empfand ich kein Mitleid, schlie├člich hatte er mir nichts getan. Es war wohl die Mischung aus dem Geruch der Nacht, dem Bewu├čtsein der St├Ąrke und einer geheimen Freude an seiner Furcht.
Ein Weile liefen wir so durch die Gassen. Ich hatte keine Ahnung was ich tun wollte, konnte aber nicht von der Verfolgung lassen. Au├čerdem war die Sache noch nicht fertig. Da war ich mir ganz sicher ÔÇô es mu├čte noch etwas kommen.
Es kam als er einen Befreiungsschlag versuchte. Wie dumm von ihm, gerade als wir an einem kleinen Park vorbeikamen, versuchte er sich dorthin in die Finsternis zu retten. Nat├╝rlich h├Ątte ich ihn sofort einholen k├Ânnen, aber ich lie├č ihm einen kleinen Vorsprung und setzte erst nach, als er sich wohl schon in Sicherheit w├Ąhnte.
Ich brach durch das Geb├╝sch wie ein gro├čes Tier, Zweige brachen und ich meinte die Erde unter meinen Sohlen beben zu f├╝hlen. Er stand wie erstarrt auf einem Spielplatz im Sandkasten - weit gekommen war er nicht. Durch sein Stehenbleiben zwang er mich viel schneller zu einer Entscheidung, als ich es gewollt hatte. Aber das ist das Gesetz der Jagd, der Falke verschont die Ratte nicht, nur weil sie sich ergibt. Oder sich zu einem letzten Kampf stellt. Ohne zu z├Âgern st├╝rzte ich mich auf ihn. Er ging sofort zu Boden. Es war wie ein Rausch, ich legte die Hand ├╝ber sein Gesicht und dr├╝ckte seinen Kopf nach hinten. Dann begann ich ihm seine Kleider vom Leib zu rei├čen. Er wehrte sich kam, schien etwas sagen zu wollen, aber aus seinem Mund kamen nur undeutliche Worte der unterw├╝rfigen Verzweiflung und Bitten. H├Ątte ich jetzt von ihm ablassen sollen? Auch wenn ich es gewollt h├Ątte, es w├Ąre mir in diesem Moment nicht mehr m├Âglich gewesen. Ich konnte den kleinen Mann nicht mehr loslassen, der sich unter mir so verzweifelt wand.
Was folgte, ist f├╝r ihn sicher das dem├╝tigendste Erlebnis seines Lebens gewesen. Als es vorbei war, lie├č ich ihn im Sand liegen. Er war unverletzt, ich hatte ihm auch nicht besonders weh getan, so traf es mich v├Âllig unerwartet, als ich sein Schluchzen h├Ârte.
Dieses weinen werde ich nie vergessen. Ich h├Âre es immer, wenn ich auf die Jagd gehe.

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Murmel
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2002

Werke: 5
Kommentare: 14
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Hallo J├Ągerin,
eine unglaubliche Geschichte, verbl├╝ffend, spannend und am├╝sant. Es ist wohl absichtlich offen, ob die Geschlechter austauschbar sind? Oder nicht?
Ich jedenfalls finde sie gro├čartig. Nicht nur die Geschichte an sich, sondern auch die Art zu erz├Ąhlen. Leider geht bei manchen Geschichten neben den Inhalten mitunter die Form verloren- nicht so bei Dir, Gl├╝ckwunsch!
__________________
Murmel

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