Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92210
Momentan online:
217 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Jagdbeute - Püttmann...
Eingestellt am 30. 08. 2011 15:19


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

Werke: 72
Kommentare: 59
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Wolfgang Bessel eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die Jagdbeute

Blasmusik von alle Hörner beendete auch dat letzte Treiben. Endlich war Feierabend mit die verdammte Treiberei!
Signale erschallten aus jeder Waldecke und drangen erlösend in meine Treiberlauscher.
Meine Fresse – dat war heute wirklich Schwerstmaloche für Treiber und Hunde gewesen.
Jetzt durften auch die Jägersleute ihre Schießstände verlassen. Diese faule Bande hatte dort den ganzen Tag ne ruhige Kugel geschoben. Die Herrschaften standen da den lieben, langen Tag am Waldrand oder hockten auf en bequemen Sitzstock und lachten sich wat int Fäustchen. Soffen sich einen nach anderen aussem Rucksack und hofften darauf, dat ma son Tier vorbeigaloppiert kam. Dann rissen se schnell ihren Püster hoch und machten „bumm“.
Mein neuer Kumpel, Baron Hanniball, durfte nach dem Abblasen auch endlich seine Beute ausse Nähe beäugen. Langsam schritt er mit die Büchse im Anschlag auf dat Wildschwein zu.
Ich hatte ja bereits die Bekanntschaft mit diesem gemeinen Tier gemacht und blieb ängstlich hinter Hanniball stehn. Man weiß bei som wilden Tier ja nie ganz genau, ob et sich tot stellt, oder heimlich auf dich lauern tut. Dat Schwein war wirklich hin. Restlos alle.
Ich stand respektvoll vor einem Kafensmann von Wildsau! Wildschweine hatte ich nur ma im Zoo oder inne Glotze gesehen. Dat hier, dat war ja ganz wat anderet. Dat war Leif-Äkschen inne freien Wildbahn, wie man heute sagen tut.
Hanniball lüftete andächtig den Hut und peilte ergriffen auf seine fette Beute. Er bückte sich und prüfte mit Kennermiene die Stoßzähne. Er murmelte: „Gewehre zwanzig bis zweiund-zwanzig Zentimeter, Abschliff Haderer – sieben Jahre, reifer Keiler, vielleicht Lebenskeiler.“ Ich verstand nur Bahnhof. Ich ging zu ihm und drückte ihm die Flosse.
„Hanniball, ich gratulier dir ganz herzlich zu deinem Glücksschwein. Dat hat ja sogar nen sauberen Koppschuss. Hasse da auch wirklich hingezielt, oder iss dat nur son Zufallstreffer gewesen?“
„Waidmannsdank, Wilhelm, jage seit sechzig Jahren, nichts ist Zufall, nur ständige Übung und Disziplin bringen dem Jäger Erfolg. Mir ist noch kein Schwarzkittel durch die Lappen gegangen.“
Er brach en Fichtenzweig ab und steckte ihn zwischen dat furchterregende Maul von dem Untier.
„Hanniball“, fragte ich ängstlich, „wat machse da? Dat Tier iss doch hoffentlich tot, dat braucht doch heute nix mehr zu fressen!“
Hanniball lächelte milde und antwortete:
„Wilhelm, das nennt der Jäger den ‚letzten Bissen’, das ist alter Waidmannsbrauch, ich ehre mit dieser Handlung das erlegte Geschöpf.“ Dat ging mir aber doch zu weit!
„Ach, so iss dat, du ehrst noch dat Sautier, wat mich da oben inne Hecke fast kaputt gemacht hat! Dat kommt nun wirklich nich in meine Treiberbirne rein.“
Hanniball grinste.
Ein Traktor mit Leiterwagen hielt direkt vor unserem kapitalen Keiler.
Da hingen an den Seiten und am Mittelbalken schon jede Menge Hasen, Fasanen, Kaninchen, fünf Füchse und drei Rehe dran, schön anne Hinterbeine mit nem Strick festgebunden, damit se nich mehr abhauen konnten.
Vier Treiberkollegen sprangen vom Wagen und staunten Bauklötze über dat dicke Wildschwein, wat da schön tot aufe Seite lag, aufe Schwarte, wie die Jäger für dat Fell sagen tun.
„Waidmannsheil, Herr Baron, toller Schuss“, lobhudelten se und gaben Hanniball brav die Hand. Mit fünf Mann hievten wir den Kollos auf den Leiterwagen. Dabei kam mir dat ausgestreckte Urviech noch viel gewaltiger vor.
Beim Hochheben besudelte mich der Keiler von oben bis unten mit nem Strahl Blut aus dem Einschussloch. Wollte er mir damit noch wat sagen? Drohen?
Et dämmerte bereits als wir die Wildsammelstelle erreichten. Die geschossenen Tiere wurden von den Schützen und Treibern ausgenommen und zum Auskühlen gespreizt. Ich half beim Schleppen und erledigte Handlangerarbeiten – so gut ich dat eben konnte.
Bääh, dat war ne verdammt blutige Angelegenheit. Ich staunte nich schlecht, wie schnell und geschickt die Männer dat machten, obwohl se weder Metzger noch Chirurgen waren. Obertreiber Adolf tat sich als geschicktester Metzger hervor. Sogar ne Trichinenprobe konnte der von dem Keiler nehmen. Dat soll Vorschrift vom Veterinäramt sein. Wenne so wat nich machs, iss dat ne Straftat. Junge, Junge, wat ich hier in son paar Stunden schon allet gelernt hatte! Toll!
Allet erlegte Wild wurde auf Fichtenzweige gebettet, schön aufe Herzseite gelegt und dann exakt ausgerichtet, ganz oben lag "meine" Wildsau.
Sie wurde natürlich von allen Leutchen ausgiebig begutachtet. Jeder schüttelte Hanniball anerkennend die Hand.
„Waidmannsheil, Herr Baron, Waidmannsheil, sauberer Schuss.“ Mir gratulierte kein Aas. Der Mann, der dat große Waidmannsheil eingeleitet hatte, ging leer aus. Sonne dicke Sau hätten se alle gern geschossen. Glaub ich ihnen. Pech gehabt! Die Herrschaften hatten aber keinen Treiber Püttmann inne Nähe, nur Faulpelze, die en weiten Bogen um schwierige Hindernisse machten.

Rund umme Jagdstrecke zündete Treiberkamerad Alfons Fackeln an. Dat war en sehr feierlichen Augenblick. Im Fackelschein sahen die schlamm- und schweißverschmierten Gesichter der Treiber wirklich grausam aus.
Der kurzbeinige Wirt kam mit seiner dickmöpsigen Ollen ausse Kneipe gewackelt und verteilte von großen Tabletts westfälische Körnchen.
Prost und Waidmannsheil! Mensch, der Klare tat gut! Er wärmte von Innen Blut und Seele. Et war en lausig kalter Novemberabend.
Die Gäste wurden nach Treibern, Musikern, Jägern und Hundeführern aufgestellt. Dann meldete der Jagdleiter dem Jagdpächter Kuhlenkamp die Anzahl der geschossenen Tiere.
Der Jagdherr würdigte in seiner Ansprache die Arbeit aller Beteiligten, besonders aber die Leistungen der Treiberwehr und der Hunde. Obertreiber Adolf platzte fast vor Stolz.
Die Blasmusiker hatten extra für heute Abend, je nach Tierart, ne besondere Strophe komponiert.
„Häsken tot, Fuchs toter, Wildsau mausetot, Rehe auch inne ewigen Jagdgründe.“
Die Musiker legten sich für den heutigen Hubertustag wirklich mächtig inne Noten. Während der Blasmusik lüfteten, trotz klirrender Kälte, alle Mann die Hüte. Dat war wohl son ehrender Brauch wie bei ner Beerdigung.
Die Schützen, die Fuchs, Reh und dat riesige Wildschwein geschossen hatten, erhielten ausse Hand vom Jagdherrn en grünen Fichtenzweig inne Hand gedrückt. Schützenbrüche waren dat. Die Dinger durften se sich anschließend am Hut stecken, schön rechts dran.
Als mein Freund Hannibal-Hubertus seinen Schützenbruch entgegennahm, holte er mich, so dreckig und blutverschmiert ich war, aus der Treibergruppe raus, nahm seinen Jagdhut vom Kopp, brach von seinem Schützenbruch en kleinen Zweig ab und steckte ihn an meinen Hut.
„Ohne Wilhelm“, sachte er zum Kuhlenkamp, „keine Sau.“ Und für mich: „Waidmannsdank, Wilhelm.“ Wie Recht er hatte!
Mich überraschte natürlich diese edle Geste. Ich war glücklich, stolz und erst ma völlig sprachlos.
Ich fasste mich überraschend schnell, zeigte auf meine Treiberkameraden und die gesamte Jagdgesellschaft und erwiderte laut und deutlich, so laut, das dat auch jeder mitbekam:
„Hubertus, dat iss zu viel vonne Ehre, kuck ma, alle hier inne Runde haben zum Gesamterfolg beigetragen. Deinen Zweig hab ich gerne und stellvertretend für alle angenommen, vielen lieben Treiberdank.“
Junge, meine Dankesrede hatte schwer Eindruck gemacht. Als ich nämlich wieder zurück ins Glied trat, rückte mir sonne kurante Jägertante ganz nah aufn Pelz. Sie flüsterte mir wat in mein linket Ohr rein:
„Mein Kompliment, Herr Püttmann, Sie sind ein wahrer Gentleman. Sie sind ja blutüberströmt. Darf ich Ihnen gleich Ihre Hand- und Gesichtswunden desinfizieren? Ich bin Ärztin.“
„Gerne, danke, Frau Doktor “, sachte ich, „dat brennt wie Sau, haben Se dafür extra Medikamente von zu Hause mitgebracht?“ Leidend peilte ich ihr ganz tief inne Augen rein. Wie gesacht, zuerst ma inne Augen.
Wieder erschallte Hörnerklang.
Dat war die Halali-Strophe, hieß übersetzt: „Jagd endlich vorbei!“
Der Jagdherr schrie noch wat von „Horrido“, und alle antworteten mit „jojo“, oder so ähnlich. Wat dat nun schon wieder bedeuteten sollte, konnte mir auch keiner vonne Jäger genau übersetzen. Die haben mir aber verklickert, dat nach dieser letzten Blasmusik gleich dat Schüsseltreiben inne Kneipe beginnen würde. Junge, dat war ne sehr gute Nachricht.
Mir hing vor lauter Kohldampf der Pansen schon fast aufe Erde.
__________________
Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Fremdsprachiges und MundART Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!