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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Jagdgene
Eingestellt am 01. 02. 2012 11:29


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Jagdgene

Durch meine tolle Treiberleistung aufe Hubertusjagd kannten die JĂ€ger den Namen „Willi PĂŒttmann“ fast im gesamten Ruhrpott.
QualitÀt sprach sich in Jagdkreisen sehr schnell rum. Ich war ne begehrte Treiberkanone. Et verging kaum en Wochenende, an dem ich nich als Treiber irgendwo auf ne Jagd eingeladen wurde.
Berta war schon stinksauer und wurde richtig kiebig, wenn wieder son Anruf wegen ner Jagdeinladung kam. Jedet Mal hatte ich Zoff inne Bude. Sie mahnte mich stÀndig:
„KĂŒmmer dich lieber um deinen Betrieb und schreib am Wochenende Rechnungen. Du brings uns noch ins Armenhaus! Meine Mutter hat mich immer vor dir gewarnt, die ahnte schon, dat du die Familie irgendwann vernachlĂ€ssigen wĂŒrdest. Sie hatte Recht!“
Dat Gemecker hörte ich nach jeder Jagdzusage und zwar in immer neuerer und gemeinerer Form. Dat können Se sich einfach nich vorstellen! Schrecklich war dat.
Nich dat Se glauben, ich hÀtte wat auf dat Gerede gegeben. Nee, et war nÀmlich mit meiner Klempnerklitsche genau dat Gegenteil der Fall. Die Bude brummte. Ich musste sogar noch zwei Leute einstellen. Durch meine neuen Jagdbekanntschaften hatte ich dat Auftragsbuch voll! Rappelvoll!
Berta wusste dat natĂŒrlich auch, die machte mir ja schließlich die BĂŒcher. Et war ganz wat anderet, wat sie piesackte. Ihr verdammter Egoismus!
Sie wollte mich unbedingt an sich kleben. Ich sollte am Wochenende möglichst HĂ€ndchen haltend bei Fuß gehen und immer brav nach ihrer Pfeife tanzen. Wilhelm, mach dies, Wilhelm, tu dat. So behĂ€mmert war ich ja nich, dat ich dat nich merken tat.
„Berta, hömma gut zu“, sachte ich, „ich bin nur deshalb son gefragten Treiber, weil ich die Sache mit die Jagd ernst nehmen tu und vollen Einsatz zeige. Mich begeistert dat ganze Drumherum bei die Jagd. Nie hatte ich so viel Freude anne heimatliche Mutter Natur und will jetz endlich diese Mutter mehr und mehr begreifen. Ich geh inne Jagdgemeinschaft richtig auf. Dat könnte meine neue Heimat werden, verstehsse dat eigentlich nich?“
„Wilhelm, hör auf mit der Spinnerei“, höhnte Berta, „da lachen ja die HĂŒhner! Willze deinen Beruf am Nagel hĂ€ngen und Förster werden? Deine Welt und Heimat iss die Familie und deine Klempnerklitsche und sonst gar nix! Schlag dir bloß ganz schnell solche Flausen aussem Kopp!“ Her jeh, wat war die wieder patzig!
Ich hielt den Rand und kuckte beleidigt ausse WĂ€sche. Ich kann son dummet Gequatsche einfach nich verknusen.
Ich wusste genau, dat Berta ganz wat anderet wurmte: EifersĂŒchtig war se auf die neuen Freundschaften und hatte panische Angst, dat ich nach dreißig Jahren hĂ€rtestem Ehealltag aufwachen und meine Freizeit anders verbringen könnte.
Jeden Abend Glotzekucken, öde Familienbesuche, oder beim Taubenvadder Jupp rumhĂ€ngen, dem alten Trauerkloß, dat war ich schon lange leid. Dat wöchentliche Skatdreschen in Theos Kneipe war dat einzige Heileit, wat ich hatte. Ich dachte:
„Willi, dat kann im Leben ja wohl noch nich allet gewesen sein. Bisse inne Kiste springen tus, muss sich noch wat in deinem Leben Ă€ndern. Et wird sich wat Ă€ndern!“

Durch die wunderbaren Treibererlebnisse bin ich aufgewacht. Ja, man könnte sagen, erst richtig Mensch geworden. Dat merkse plötzlich, du biss auf einen Schlag völlig verĂ€ndert. Son besonderet StĂŒck vonne Natur bisse auf einmal.
Gut, ich hab dat spĂ€t gemerkt, dat ich nen richtigen Mensch war. Hauptsache aber war doch, dat ich dat noch frĂŒh genug erkannt hab und dat neue Lebensfieling ĂŒberhaupt noch ma zu spĂŒren kriegte.
Die Jagdlunte in mir war am glimmen. Ich wollte mehr ĂŒber dat heimische Tier- und Pflanzengedöns und ĂŒber die ZusammenhĂ€nge vonne Schöpfung wissen. Vor allem aber – allet ĂŒber die Jagd.
Von Berta völlig unverstanden, verzog ich mich in meine Schmollecke, knallte mich auf die KĂŒchencouch, schnappte mir alle Familienalbums und bekuckte ganz entspannt die alten, schwarz-weißen Familienfotos.
Berta merkte, dat ich sauer war, setzte sich nach en paar Minuten zu mir, peilte mit inne Albums rein und wollte sich wieder ankötteln.
„Ach, kuck ma, Willi, die Kinder, wie schnell doch die Zeit vergeht. Weiße noch, hier dat Bild inne HĂ€ngematte, inne Hardt war dat. Nee, wie sĂŒĂŸ, kuck ma, wir alle schön zusammen mit die Kinderkes. Ach, Willi, leider kann man die Zeit nich zurĂŒckdrehn.“ Damit hatte Berta ausnahmsweise Recht. Ich schmollte, sie schwĂ€rmte.
Als ich die vierte Seite vom dritten Album aufschlug, traf mich fast der Schlag!
Et war plötzlich aus mit meine Beherrschung.
„Berta, kuck ma, dat darf doch nich wahr sein, kuck ma, wat ich hier sehen tu! Ich hab et geahnt!“
„Willi, wat hasse geahnt?“
„Berta, siehsse dat denn nich, bisse blind? Berta, dat iss ne FĂŒgung, schau dir ma dat Bild hier unten links genau an. Wat siehsse da? Berta, dat iss mein Opa Wilhelm aus Wattenscheid! Der steht da mit nem Jagdhund und ner Flinte aufe Schulter, da unten rechts neben der Fichte am Waldrand.
Dat isset Berta, dat isset! Ich hab et gewusst! Mein Jagdblut iss genetisch! In mir stecken die Urinstinkte vom JĂ€ger und Sammler. Dat Bild iss der Beweis! Alle Jagdgene haben still in mir geruht, jetz sind se endlich erwacht und ausgebrochen, Halleluja!“
Berta hielt mich fĂŒr bekloppt.
„Willi, son Schwachsinn hab ich ja noch nie gehört. Nur wegen son blödet Bild von deinem Opa, oder weil du ma mit uns inne Pilze und Himbeeren gezottelt biss, sind doch nich gleich deine dĂ€mlichen Urinstinkte als JĂ€ger und Sammler ausgebrochen! Hoffentlich iss da nich wat anderet bei dir im Kopp ausgebrochen. Lass dich ma ganz schnell von som Neuroorthopedisten untersuchen!“
„Berta, persönlich brauchse nich gleich zu werden. Mit dir kann ich ĂŒber so hochwissenschaftliche Themen einfach nich ernsthaft reden, dat iss viel zu hoch fĂŒr dich. Ich sach dir ma wat: Tief in meinem Innersten hab ich et schon als Kind verspĂŒrt, dat bei mir wat Jagdlichet schlummern tat. Alle Förster- und TierbĂŒcher hab ich damals nur so verschlungen.
Berta, hol doch ma schnell dat alte Buch vom Hermann Löns, dat steht im KĂŒchenschrank oben rechts im Regal, zwischen „Mein Kampf“ vom Opa und der Bibel. Der olle Löns schreibt da auch wat vonne Jagdleidenschaft, die du im Blut hass. Dat iss eben so, dat steckt einfach in dir drin, du kannz dich nich dagegen wehren.“
Berta zeigte mir hinter meinem RĂŒcken nen Vogel, dat spĂŒrte ich.
„Hömma, Berta, ich hatte inne Jugend bereits die ersten Anzeichen von Jagdleidenschaft inne Knochen. Mit zehn besaß ich meine erste LuftbĂŒchse und hab damit Spatzen und MĂ€use gejagt. Und inne Schulferien, auf Hoffmanns Bauernhof in Vreden, fingen wir Blagen Tauben mit Rattenfallen und Karnickel mit Netzen.
Jetz fĂ€llt et mir wie Schuppen auße Haare. Berta, ich hatte schon als Kind Jagdblut inne Adern drin. Heute iss dat am brodeln.“
Berta sachte nix mehr ĂŒber mein Blut. Sie kapierte wohl endlich, dat ihr Willi et verdammt ernst meinte. Sie rĂ€umte sogar ein, dat die BeschĂ€ftigung mit die Natur wat Sinnvollet sein könnte. Man dĂŒrfte dat aber nich ĂŒbertreiben und nich direkt son Ökorevoluzzer spielen wollen und die Familie vernachlĂ€ssigen.
Dann grummelte se noch sehr abfĂ€llig wat ĂŒber die JĂ€ger:
„Jagd iss doch nur wat fĂŒr reiche SĂ€cke mit dickem Mercedes. Damit fahren se bis unterm Hochsitz und machen “bumm“ auf arme, unschuldige Tiere, und saufen sich anschließend die Hucke voll.“
„Berta, dat iss dat dösige Gequatsche von einigen unwissenden BlödmĂ€nnern, neidhammeligen Quertreibern und Besserwissern. Die Spinner wĂŒrden gerne mit den großen Hunden pinkeln, kriegen aber dat Bein nich hoch. Die Krakeeler bestellen sich seltsamerweise nach jeder Anti-Jagd-Demo, sofort dicke Portionen Wildgulasch, oder, wat gĂ€nzlich unverzeihlich iss, sogar extra große JĂ€gerschnitzel!
Armleuchter gibt et natĂŒrlich auch unter WaidmĂ€nnern. Die gibt et mit Sicherheit, du darfst dat aber nich immer verallgemeinern. Ich hab genug vernĂŒnftige Kerle kennengelernt. Berta, fĂŒr mich steht fest, meine unbĂ€ndigen Jagdgene sind entfesselt, et muss sich wat Ă€ndern, sonst kommt in meiner armen Seele keine Zufriedenheit mehr auf.
Dat kannze doch nich ernsthaft wollen, mein kleinet Dornröschen? Komm, gib Papa schnell ma en KĂŒsschen.“



__________________
Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

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