Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92250
Momentan online:
123 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Jagdgericht und Jägerschlag
Eingestellt am 08. 11. 2011 11:54


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

Werke: 72
Kommentare: 59
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Wolfgang Bessel eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Jagdgericht und Jägerschlag

Nach dem leckeren Abendessen, äh, ich meine Schüsseltreiben, teilte Jagdkönig Hanniball Liederbücher aus, sonne Art Mundorgeln für Jäger. Die älteren Gäste schmetterten voller Begeisterung die herrlichen alten Jagd- und Wanderlieder.

Mir fiel auf, dat die jüngeren Jäger und Treiber kaum dat Maul aufkriegten. Die kannten die Lieder überhaupt nich! Wieso eigentlich nich? Lernt man die Lieder nich mehr inne Schule oder wenigstens aufm Jagdlehrgang?
Dat Gute war, dat ich die Volkslieder noch gut aus meiner Jugendzeit beim CVJM und vonne Bundeswehr drauf hatte. Ich brauchte dat Liederbuch überhaupt nich.
Diana, Herr Kuhlenkamp und der Baron waren vonne Socken, als ich immer noch ne Strophe mehr singen konnte, als in dem Liederbüchsken stand.
Mensch, wat war ich häppi. Ich durfte endlich ma wieder laut singen! Wenne ma inne Kneipe son schönet, deutschet Volksliedchen trällern tus, kucken dich direkt son paar Gäste von ganz links an. Die Typen meinten, dat die bekanntesten Volkslieder alte Nazilieder wären, so blöd waren die Kerle!

Gott sei Dank war dat hier nich der Fall. Hier waren Heimatlieder, unser schönet, deutschet Liedergut, noch nich vergessen!
Nach jeder neuen Runde wurde ich mutiger und sang sogar dat „Löns - Geheimnis“ als Solo. Dat iss dat Lied vonne grünen Heide und den roten Rosen. Kennen Se sicher noch, oder?
Den Refrain grölten se alle mit und zogen den Text gaaanz laaang. Die Heideee wurde immer grüüüner und die Rooosen noch viel roooter.
Danach spielten wieder die Blasmusiker. Dat war der Auftakt zu ner jägerischen Kulthandlung.
Son nettet Kind, ne süße Jungjägerin mit langen, blonden Haaren erhielt den Jägerschlag, weil se heute ihr erstes Reh geschossen hatte – ihr erstet Stück Schalenwild, wie die Jäger sagen.
Dat Mädchen hieß Belinda, war zarte achtzehn Jahre jung und kam aus Vreden, son typischet Münsterländer Fräulein war dat. Sie schnürte kess zum Jagdkönig und musste hier vor versammelter Mannschaft drei Prüfungen ablegen.
Zuerst war die Demonstration vonne Ente beim Landeanflug mit möglichst typischen Entengeräuschen angesagt. Dat hat se prima hingekriegt, „quaark, quaark“. Wir bogen uns vor Lachen.
Dann sollte dat Fräulein Belinda en geschmückten Jagdbecher in einem Zug austrinken. Angeblich war der mit Traubensaft gefüllt. Ein Sahnehäubchen schwamm einladend auf der Brühe. Als sie aber nach dem zweiten Schluck dat Gesicht zu ner Grimasse verzog, war ich mir sicher, dat se neben Traubensaft, auch noch ne ganze Ladung Tabasco geschluckt hatte, die Arme.
Die dritte Prüfung – Belinda sollte einen Jägerspruch aufsagen oder ein Jagdlied singen. Sie entschied sich fürn Spruch. Sacht dat pritti Belinda:
„Die Blume ziert der Jungfrau Locken, dem Hasen hält’s das Waidloch trocken!“
Alle johlten wie bekloppt. Hanniball lobte dat Jagdfräulein und schlug sie zur Jägerin. Bei jedem seiner drei Jagdsprüche, schlug er ihr mit einem riesigen Jagdmesser auf den Hintern.
Dat Messer nannten die Jäger Waidblatt. Verdammt raue Sitten herrschten hier.
Sie erhielt nach den Schlägen nich nur großen Beifall, sondern auch en warmen Händedruck, mit besten Wünschen und „Waidmannsheil“ vom Jagdkönig und Jagdpächter.

Plötzlich ging die Saalbeleuchtung aus. Nur die Tischkerzen spendeten noch son bissken Licht. Wat war denn jetz schon wieder los?
Da schritten vier verkleidete Gestalten auffallend langsam in den Saal. Sie verzogen keine Miene. – „Das hohe Jagdgericht! Bitte erheben Sie sich von den Plätzen“, gebot der Jagdkönig.
Mensch, wat hatten sich die Kerle gemustert! Zwei der Gestalten trugen knallbunte Perücken aufm Kopp, alle hatten ihre Jagdmäntel hinten zugeknöppt und die Jagdhüte verkehrt rum aufgesetzt.
Sie hatten ernste Gesichter und schleppten dicke Bücher unterm Arm. Ein anderer finsterer Bursche stand lauernd am Richtertisch und hielt einen Strick und Handschellen in seiner rauen Faust.
Meine Diana erklärte:
„Wilhelm, jetz tritt das Jagdgericht zusammen. Da stehen der Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und der brutale Gerichtsbüttel. Der Büttel schleift die Delinquenten vor den Richtertisch. Das sind Jäger, die bei der Jagd schwere Verfehlungen begangen haben.
Wilhelm, nimm meine Hände und wünsche mir, dass ich nicht auch von dem Kerl geholt werde.“
Ja, ihre Hände und Daumen drückte ich liebend gerne, sogar während der gesamten Gerichtsverhandlung. Dat half sogar. Denn statt der ängstlichen Diana wurde ein Herr „von Loose“ aufgerufen, vom Büttel in Handschellen gelegt und mit dem Strick um den Hals zum Richtertisch gezerrt.
„Hier iss der Lump!“, brummte der Büttel.
Der Staatsanwalt, schrie sofort dat arme Schwein an:
„Sie müssten statt von Loose, „zu Lose“ heißen, Sie sind ja wirklich ein ganz Loser, dazu noch ein ganz erbärmlicher Jäger. Haben Se Ihren Jagdschein in som Kräschkursus gemacht oder hat man Ihnen den Schein hinterher geworfen, damit Se bloß schnell vom Lehrgang verschwanden? Haben Se überhaupt einen, zeigen Se den Lappen ma her.“ Der arme Kerl übergab dem Staatsanwalt den Jagdschein.
„Den ziehe ich erst mal ein. Gehn Se statt zur Jagd doch lieber Pilze sammeln! Sie haben ja nich den geringsten Funken Jagdpassion inne Knochen! Wissen Se eigentlich, warum Se hier stehen? Oder pennen Se immer noch?“
Mensch, war dat ein scharfer Hund.
„Diana“, fragte ich, „iss dat wirklich son richtigen Staatsanwalt?“
„Nein, Wilhelm, das ist der Herbi Becker aus Remscheid. Der ist Malermeister von Beruf. Es gibt keinen besseren Jagdstaatsanwalt in Deutschland. Der Mann ist Kult in der Jagdszene.“
„Herr Staatsanwalt“, erklärte der Angeklagte, „ich hatte beim zweiten Treiben eine gewisse Blutleere im Kopp. Ich muss wohl son bissken eingeschlafen sein.“
„Sie Loser traf man im zweiten Treiben schlafend an, dat ist im höchsten Maße kriminell! Minderwertig is dat, ein Kapitalverbrechen!“, brüllte der Staatsanwalt. „Und wo hatten Se nach Ihrem krankhaft abnormen Mittagschläfchen ihre Flinte? Nein, dat wissen Sie nich?
Man nahm Ihnen die Waffe aus ihren unqualifizierten Händen. Entwaffnet hat man Sie! Dat war Ihr großes Glück! Vier Schwarzkittel sind auf Ihnen rumgetrampelt, selbst dat haben Se nich mitgekriegt. Die Sauen wären doch besser auf den Abzug getreten und hätten Sie erschossen, wat für die Jagd wahrhaftig kein Verlust gewesen wär!
Sie sind ein ganz elender Saboteur dieser Jagd! Büttel, holen Se die bestochenen Zeugen rein!“ So ging dat hin und her.
Immer wieder musste sich dat hohe Gericht wegen der schwerwiegenden Vergehen mit Körnchen stärken. Büttel Helmut soff die doppelte Menge ständig mit.
Der Verteidiger war über die Untat seines Mandanten derart entsetzt, dass er sich den Anschuldigungen des Staatsanwalts anschloss und danach sein Mandat niederlegte.
Der Richter, dat war der mit ner roten Perrücke, verurteilte diesen Herrn zu ner Doppelrunde, fünfzig Euro für die Treiberkasse und zehn Pfunde mit dem Waidblatt.
Dat waren zehn harte Schläge mit der breiten Klinge auf den Hintern. Dat letzte Wort wurde dem armen Sünder verwehrt.

Es folgten noch zwei Gerichtsverhandlungen, die ich aber wegen des ansteigenden Alkoholpegels und der liebreizenden Ablenkung durch die süße Diana nich mehr ganz mitbekam.

Bis weit nach Mitternacht wurden noch Lieder gesungen, herrlich derbe Vorträge gehalten und brandneue Witze erzählt. Wenn et ma im Saal zu laut wurde, schrie der Jagdkönig:
„Ruhe im Saal! Vortrag geht vor Geschwätz!“, und drohte mit Pfunden.
Ja, Ordnung musste sein, auch noch zu später Stunde.
Diana hatte mir beim Händchenhalten sehr ausführlich von ihren drei unglücklichen Ehen erzählt. „Endlich“, so klagte sie, „habe ich einen tapferen Helden und Gentleman kennengelernt, ausgerechnet dieser liebe Mensch ist verheiratet.“ Sie schluchzte.
Ich tröstete sie so gut et ging. Sie hatte beim Abschied immer noch Tränen inne Augen.
Mein Freund, Baron Hanniball, wünschte, dat ich ihn ma wegen einer Toiletteninstallation anrief. Er wäre et nach sechzig Jahren endlich leid, in seinem alten Jagdschloss immer noch auf den Donnerbalken im Hof marschieren zu müssen!
Ruckzuck war et zwei Uhr. So langsam wurde ich unruhig. Ich fragte mich:
„Wie kommze jetz eigentlich nach Hause?“
Ich rief meine Berta an:
„Bisse am Apparat, Bertalein, mein Mauseschwänzchen? Warum bisse noch nich im Bett? Hick. Wa… wartesse schon auf mich? Niemand hat deinen Wilhelm erschossen, hab mir deshalb einen geswwwischert, Hick. Geld für’n Tagschii hab ich auch nich mehr, hab ne Dobbelruunde geschmischen, Geld iss fuuutsch, Hick.“ Meine Zunge muss wohl schon ein wenig geschliffen haben. Stellen Se sich dat ma vor, Berta kriegte en hysterischen Anfall und schrie durch dat Telefon:
„Alter Saufkopp, sieh zu, wie du nach Hause kommz!“ und hat einfach aufgelegt.
Ich rief se wieder an:
„Ho…, Horrido, mein Bertaleincheeen, dein liebet Willilein, dein angetrauter, Hick, Ehemann, hat kein Geld inne Tasche. Iss drauschen bidderkalt, werde noch erfrieren. Wünscht du meinen Tod, Liebling? Ho…, hol doch deinen lieben Wilhelm bidde, bidde ab.“
Berta hatte doch noch wat für mich übrig. Sie brauste nach ner guten Stunde an. Wütend war se.
Drei arme Jäger, die nich so verständnisvolle Frauen hatten, lud ich selbstverständlich ganz herzlich zum Mitfahren ein. Wir stimmten im Auto aus großer Dankbarkeit ein Ständchen für mein zorniget Bertalein an. Wir wussten ja schließlich, wat sich gehören tat.
Sie verbat sich nach der halben Strophe ganz energisch jede weitere Zugabe und auch dat Rauchen in ihrem Auto, sprach kein Wort mit uns und gab beim Absetzen der Sängerknaben, auch keinem die Hand. Sie zischte die armen Kerle wie sonne Giftschlange an:
„Ihre Frauen werden sich ja riesig über Ihren Anblick freuen!“ Du liebe Zeit, wat war die sauer!
Erst am nächsten Mittag war ich wieder einigermaßen nüchtern und konnte meiner Berta allet von der gefährlichen Begegnung mit dem Keiler und meiner großen Ehrung berichten.
Ich erkannte in ihren Augen son gewisset Leuchten. Dat war dat seltene Schönwetterleuchten, wat ich noch aus längst vergangenen Tagen kannte, wenn se mir wieder verzieihen tat.

Dazu hatte se diesmal auch wirklich allen Grund. Schließlich bin ich ja nun offizieller Ehrentreiber mit vorzüglich ausgeprägten Jagdinstinkten und ein Mann, der selbst den bezaubernden Verlockungen einer Jagdgöttin nich nachgab.
__________________
Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Fremdsprachiges und MundART Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!