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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Jahrestag auf Helgoland
Eingestellt am 16. 10. 2012 22:21


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Ciconia
Routinierter Autor
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12. Oktober - Ausflug mit Luisa nach Helgoland

Ein Mann in sportlicher Kapuzenjacke marschiert an diesem Freitagmorgen mit entschlossenen Schritten und betont aufrechter Haltung zum Anleger der Helgoland-FĂ€hre. Die ins Gesicht gegrabene Traurigkeit, betont durch dunkle Augenringe und tiefe Falten um die Mundwinkel, will nicht recht zu seinem forschen Auftreten passen. Er mag um die sechzig sein.

Auf dem Wasser, das behĂ€big elbabwĂ€rts fließt, glitzert die frĂŒhe Oktobersonne. Der Mann kramt eine altmodische Sonnenbrille aus seinem Rucksack und blickt einige Minuten gedankenverloren ĂŒber den Fluss.
Aus Richtung Hamburg rauscht der Katamaran “Halunder Jet“ heran. Nur wenige FahrgĂ€ste steigen hier am Willkomm Höft zu, die Mehrzahl der Passagiere ist seit den LandungsbrĂŒcken an Bord. Der Mann auf seinem Fensterplatz verfolgt das Ablegemanöver. Die Wasserjets quirlen das trĂ€ge Elbwasser auf und deuten an, was sie spĂ€ter auf hoher See leisten werden.
An Backbord ducken sich FachwerkhĂ€user hinter den Deich, rot-weiße LeuchttĂŒrme ragen stolz darĂŒber hinaus. Das Alte Land ... Im FrĂŒhling zur KirschblĂŒte war der Mann oft mit seiner Frau dort. Luisa hat die SpaziergĂ€nge auf den Deichen sehr gemocht.

BrunsbĂŒttel, der Nord-Ostsee-Kanal ... Er steht in Gedanken vertieft auf dem engen offenen Oberdeck und erinnert sich an die Norwegen-Kreuzfahrt im vorletzten Sommer. Zum ersten Mal an diesem Tag kĂ€mpft er mit den TrĂ€nen.
Der Zwischenhalt in Cuxhaven lenkt ihn vorĂŒbergehend ab. Er beobachtet das hektische Treiben am Kai. Gutgelaunte Wochenend-Touristen drĂ€ngen auf den Katamaran. Sein Blick gleitet wehmĂŒtig zum Feuerschiff Elbe 1. Drei Jahre liegt nun schon die Museumsfahrt zurĂŒck.

Nach dem Ablegen protzt der Katamaran auf dem offenen Meer mit Höchstgeschwindigkeit. Er zieht eine dichte weiße Gischtwolke hinter sich her, deren ausdĂŒnnende Spur am Horizont in der Mittagssonne bronzen funkelt. Die See ist ruhig, beinahe spiegelglatt. Das hĂ€tte Luisa gefallen. Sie wurde schnell seekrank, trotzdem liebte sie das Meer. Noch eine knappe Stunde bis Helgoland.
Im warmen Salon döst der Mann ein wenig und hĂ€ngt seinen TrĂ€umen nach. Unwirklich und geheimnisvoll taucht irgendwann der Felsen aus dem Meer auf. Die bunten Hummerbuden am Kai begrĂŒĂŸen die Ankommenden. Der Mann wartet, bis die FĂ€hre alle Passagiere ausgespuckt hat und geht als Letzter von Bord. Er hat keine Eile.

Das kleine Fischrestaurant an der Ecke ... Auch heute sind einige Tische auf der Terrasse gedeckt, die milde Sonne lĂ€dt zum Sitzen ein. Er bestellt Pannfisch und Bratkartoffeln, Luisas Lieblingsgericht, wenn sie an der KĂŒste unterwegs waren.

Die zollfrei angebotenen Waren in der HauptgeschĂ€ftsstraße interessieren ihn anschließend wenig. Er nimmt den Aufzug zum Oberland und schlĂ€gt zielstrebig den ĂŒblichen Rundweg ein, den sie so oft gegangen sind. Die Bank mit Blick auf die Lange Anna ... Ihr Lieblingsplatz wird gerade frei. Ein junges Paar schlendert hĂ€ndchenhaltend davon. Der Mann verweilt eine gute halbe Stunde und blickt versonnen auf das Wasser. Als sie vor einem Jahr zum letzten Mal zusammen hier waren, fiel Luisa der Rundgang schon schwer. Die Krankheit war weit fortgeschritten. Trotzdem hatte sie darauf bestanden, noch einmal nach Helgoland zu fahren. Heute ist er froh, dass er ihr diese Bitte erfĂŒllen konnte.
Von einem vorbeituckernden Ausflugsboot schallt eine Lautsprecherstimme ĂŒber die Klippen herauf und reißt ihn aus seinen Erinnerungen. Wie unbeschwert das fröhliche Lachen der Touristen klingt!

Zeit zum Weitergehen. Der Weg fĂŒhrt ihn vorbei an der idyllisch gelegenen Kleingartenkolonie zurĂŒck zur GeschĂ€ftsstraße. Vor einem Fotoladen bleibt er lange stehen und betrachtet die Auslagen. Ein Fernglas hĂ€tten sie damals auf der Kreuzfahrt gern dabei gehabt. Braucht er das jetzt noch? Der Mann hat sich schon einige Schritte entfernt, als er plötzlich innehĂ€lt. Entschlossen kehrt er um und verlĂ€sst bald darauf das GeschĂ€ft mit einem Fernglas.

Der kleine CafĂ©garten ... Ihm bleibt nur ein ViertelstĂŒndchen fĂŒr einen Kaffee, dann hastet er zum Anleger. TagesgĂ€ste nĂŒtzen in der Hafenstraße die letzte Möglichkeit, zollfrei einzukaufen, und eilen mit vollgestopften TĂŒten zur FĂ€hre. Der Mann belĂ€sst es bei einer kleinen Flasche Cognac. Er nimmt sich vor, abends ein GlĂ€schen auf Luisa zu trinken.

Der Katamaran legt ab. Vom Oberdeck schaut der Mann eine Weile zu, wie der Jet kraftvoll schaumige weiße Gischt aufwirbelt. Die Insel verschwindet langsam am Horizont. Bis Cuxhaven steht er regungslos mit hochgezogener Kapuze an der Reling. Container-Riesen gleiten fast lautlos hinaus aufs offene Meer.
Die schönste Stunde des Tages ... In der ElbmĂŒndung taucht die tiefstehende Abendsonne das Wasser in krĂ€ftige Farben, von blutrot bis satt goldgelb. Wie Scherenschnitte wirken in dieser Kulisse die Konturen der unzĂ€hligen WindrĂ€der in der flachen Landschaft. In diesem stimmungsvollen Licht hat der Mann vor einem Jahr eines der letzten Fotos seiner Frau aufgenommen: Luisa unter der Schiffsflagge, in ihrem roten Anorak, mit wind- und sonnengeröteten Wangen und trotz der stĂ€ndigen Schmerzen liebevoll lĂ€chelnd. Es wird immer sein Lieblingsfoto bleiben.

AllmĂ€hlich bricht die DĂ€mmerung herein, die KĂŒhle lĂ€sst ihn frösteln. Im Salon bestellt der Mann ein Bier. Nach dem ersten tiefen Schluck zieht er ein dickes blaues Notizbuch und einen Kugelschreiber aus dem Rucksack. Er hat das Tagebuch in den vergangenen Monaten fast vollgeschrieben, nur wenige Seiten sind noch frei.

„Meine liebe Luisa“, beginnt er diesen Eintrag wie alle vorigen, „ich habe heute endlich etwas getan, das mir sehr wichtig war: Ich bin allein nach Helgoland gefahren. Der Jahrestag unseres Ausflugs schien mir gut geeignet, um möglichst alles noch einmal so zu erleben wie damals. Du hast mir in deinen letzten Wochen hĂ€ufig gesagt, ich mĂŒsse auch ohne dich Freude am Leben finden. Der heutige Tag war mein erster Versuch.
Ich habe mir ĂŒbrigens endlich ein Fernglas gekauft. Vielleicht werde ich eines Tages wieder die Kraft haben, eine grĂ¶ĂŸere Reise zu unternehmen. Wohin auch immer – du wirst stets dabei sein. In Liebe dein Reinhard.“


Der Mann schließt das Tagebuch und verstaut es sorgfĂ€ltig im Rucksack. Schon tauchen die Lichter des Schulauer FĂ€hrhauses in der Ferne auf, er ist bereit zum Aussteigen. Die wenigen FahrgĂ€ste verlieren sich eilig in der Dunkelheit, der Katamaran braust in Richtung Hamburg davon.

Am Ufer schaut der Mann lange Zeit ĂŒber den dunklen Strom. Morgen wird er wieder zum Friedhof gehen, aber der Weg wird ihm dieses Mal leichter fallen.



Version vom 16. 10. 2012 22:21
Version vom 20. 10. 2012 16:21
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petrasmiles
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Liebe Ciconia,

Deine Geschichte hat mir gut gefallen - aber warum hast Du die beiden ErzĂ€hlebenen optisch getrennt? Ich wĂŒrde annehmen, dass der Leser den 'ErzĂ€hler' und die Gedanken des Mannes auseinanderhalten kann.
Die beiden Typen haben etwas Entfremdendes.

Aber die Geschichte hat schöne Bilder und ist ruhig und einfĂŒhlsam erzĂ€hlt.

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra
__________________
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Ciconia
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Hallo Petra,

herzlichen Dank fĂŒr Deinen Kommentar – wie immer kurz, prĂ€zise, fair. Es freut mich sehr, dass Dir auch diese Geschichte gefallen hat.

Bei den „ErzĂ€hlebenen“ ging es mir eigentlich gar nicht so sehr um die Gedanken des Mannes, sondern um das Hervorheben der einzelnen Stationen, die er an diesem Tag anlĂ€uft. Ich wollte den Text damit auch optisch ein wenig auflockern. Aber du hast Recht, es sind auch Gedanken dabei. Vielleicht werde ich daran noch etwas Ă€ndern.

Gruß Ciconia

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Ciconia
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Hallo Grauschimmel,

schön, dass Dir die Geschichte gefÀllt und Du Dir Zeit zum Kommentieren genommen hast. Vielen Dank!

FĂŒr mich wĂ€re es zu unruhig im Textfluss, wenn der Prot den ganzen Tag ĂŒber mit Luisa sprĂ€che. Ein wenig Auflockerung: ja (siehe oben), aber keine dauernde Ansprache.

Was den Schluss angeht, kann ich Deinen Einwand durchaus nachvollziehen. Ich habe den letzten Absatz mehrmals umgeschrieben, weil ich mich nicht entscheiden konnte. Aber dann dachte ich: Der Mann hat einen schweren und anstrengenden Tag hinter sich, er hat etwas geschafft, wovor er sich monatelang fĂŒrchtete. Im Laufe dieses Tages ist offensichtlich ein Knoten geplatzt, er steht nun allein und ein wenig erleichtert in der Dunkelheit am Ufer und lĂ€sst den Tag noch einmal Revue passieren. Den ganzen Tag ĂŒber hat er sich zusammengerissen. Er heult auch jetzt keine KrokodilstrĂ€nen - aber wollen wir ihm nicht "trĂ€nenfeuchte Augen" zugestehen?

Gruß Ciconia

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