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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Jahreszeiten
Eingestellt am 03. 02. 2014 15:53


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Erhardt Altmann wartete immer auf den FrĂŒhling. Seit Jahren. Selbst im beginnenden FrĂŒhsommer schon wieder. Und im Herbst kurz vor dem Winter erst recht mit kaum zu ertragender Sehnsucht.
Nun gehörte er mit seinen siebzig Lebensjahren bereits selbst zu den Herbstlichen.
Sein einst jugendlich volles, (und wie seine Mutter zu ihren Lebzeiten behauptete) ebenholzschwarzes Haar hat, soweit es ĂŒberhaupt noch mit dĂŒnnen grauen StrĂ€hnen die helle Kopfhaut bedeckte, wenigstens an den noch vollhaarigen SchlĂ€fen jenen silbergrauen Glanz, auf den angeblich junge Frauen besonders fliegen.
An ihm allerdings flogen jĂŒngere weibliche Wesen so gut wie immer vorbei, obwohl er durchaus die NĂ€he langhaariger junger Schönheiten suchte.
Doch was nĂŒtzte es, NĂ€he zu suchen, wenn das Finden nicht gelingen wollte?
Über Jahre hatte er ĂŒberlegt, sein dĂŒnnes Haar schwarz zu fĂ€rben. Selbst an die Anschaffung einer PerĂŒcke hatte er gedacht.
Aber dunkle Haare auf seiner ansonsten rosa-blassen altersfleckigen Kopfhaut sahen Ă€hnlich albern aus, wie grell blonde strĂ€hnige Haare auf dem Kopf eines dunkelhĂ€utigen Äquatorial-Afrikaners.
Und eine schwarze PerĂŒcke zu seinem breiten hellhĂ€utigen Gesicht wirkte auf einem Kopf wie eine zu klein geratene MĂŒtze.
Somit konnten ihm weder seine Frisörin noch eine PerĂŒckenmacherin, von der es sogar eine in der entfernteren Verwandschaft gab, dabei behilflich sein, den FrĂŒhling, den er so herbeisehnte, an sich herzustellen.

Doch Erhardt war keiner, der schnell aufgab. Wenn es ihm schon nicht Ă€ußerlich gelang, frĂŒhherbstlich auszusehen, wollte er sich wenigstens einen möglichst frischen Geist erhalten.
Mit Ausdauer trieb er sich daher vor Realschulen und Gymnasien herum, studierte eingehend das Verhalten pubertierender SchĂŒler und begann, nachdem er die Abscheu allmĂ€hlich aufgeben konnte, schließlich ihr Gekicher, ihre Sprache und ihre schmutzigen Witze zu lieben. Schließlich konnte er sich kaum satt sehen an ihren ungelenken Bewegungen und ihren zumeist hilflosen Versuchen, Ă€ußerlich an Schönheit, Gleichmaß und Konturen zu gewinnen.
Irgendwann empfand er sich als einer der ihren, zumal er bald seinen Beobachtungsposten am Schulzaun aufgab, sich den Jugendlichen nĂ€herte und von ihnen in GesprĂ€che verwickeln ließ.
Manches Mal bekam er von ihnen sogar Komplimente zu hören. „Eh, Alter cool. Hast echt krasse Ansichten. Könntest mein Opa sein. WĂ€re vollkommen o.k. Keine Ahnung, bist echt geil fĂŒr dein Alter. Wie alt biste eigentlich? Über siebzig. HĂ€tte ich jetzt echt nicht gedacht. Wenn ich mal siebzig bin, wĂ€re ich noch gern wie du.“
Nach weit ĂŒber einem Jahr intensiver Studien traute er sich als ZweiundsiebzigjĂ€hriger – neu eingekleidet in hippe Klamotten - wieder unter seine greiseren Altersgenossen.
Albert Wirtz, sein bester und inzwischen einziger Freund, den er von Schultagen an kannte, taxierte ihn von oben bis unten und von unten bis oben. „Mensch, Erhardt, hast du das nötig. Reicht doch, innerlich jung zu bleiben. Albern siehst du aus. Albern, wie ein spĂ€tpubertierender Greis.“
„Wenn ich Dir peinlich bin, musst du dich ja nicht mit mir sehen lassen, mein lieber Albert.“
Der nickte, legte ihm den Arm um die Schulter und murmelte: „Alte Freundschaft endet nicht wegen ein paar VerrĂŒcktheiten. Wir haben ja alle unsere Macken.“
Erhardt Altmann dachte auch gar nicht daran, seine spĂ€te mĂŒhsam erworbene PubertĂ€t aufzugeben. Im Gegenteil. Er begann sich zu ĂŒberlegen, wie er mit seinem Gehabe jene Eltern nerven könnte, die sich erfolglos abmĂŒhten, ihren halbstarken Gören beizubringen, was sie fĂŒr Vernunft hielten.
Ehrhardt kaufte sich Knallkörper, warf sie in kleinbĂŒrgerlich gepflegte VorgĂ€rten, furzte laut und geruchsbelĂ€stigend in vollen Straßenbahnen und suchte immer wieder die Vorhalle des Hauptbahnhofs auf, um dort herumzuschreien und dem Echo seiner Schimpftiraden hinterherzuhören.
NatĂŒrlich erregte er damit auch die Aufmerksamkeit der Bahnpolizei, die ihm nach mehrmaligen Ermahnungen schließlich Hausverbot erteilte, das fĂŒr ihn selbstverstĂ€ndlich eine hohe Auszeichnung bedeutete.
NatĂŒrlich missachtete er das Verbot, ließ es auf die Androhung eines drastischen Bußgeldes ankommen, grinste den Beamten an, zuckte mit den Schultern und erwiderte, es tue ihm sehr Leid, aber er habe gerade nicht genĂŒgend Bargeld dabei. Der Uniformierte, klopfte ihm auf die Schulter. „Mensch Opa, was willste eigentlich mit Deiner BrĂŒllerei erreichen?“
„Nichts eigentlich! Jedenfalls nichts VernĂŒnftiges!“
„Ja, aber die Leute hier halten dich doch sowieso lĂ€ngst fĂŒr einen verrĂŒckten Alten!“
Erhardt lachte. „Will ja auch kein alter Mann ohne Nebenwirkungen sein. Normalos kann ich nicht ausstehen.“
„Aber wir von der Polizei sind nun mal die HĂŒter der Normen!“ Der Polizist hakte sich bei ihm unter und schob ihn vorsichtig in Richtung Ausgang.
Erhardt sah sich um und schrie die Menge in der Bahnhofsvorhhalle an „Ihr könnt mich nicht verhindern. Ich komme immer wieder!“
„Komme wieder!“ hallte das Echo.
An den Polizisten gewandt raunte er: „Auch als netter Bulle erreichst du bei mir nichts!“
Noch einmal packte der Beamte ihn ernergisch am Arm, fĂŒhrte ihn auf den Bahnhofsvorplatz und ließ ihn am Taxistand stehen.
Sofort kam ein Taxifahrer und hielt ihm die TĂŒr seines Wagens auf.
Erhardt winkte ab. „Wenn ĂŒberhaupt, höchstens Krankentransport. Bin aber gesĂŒnder als du, mein Lieber.“

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Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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