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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Jane Austen, du hast mein Leben zerstört!
Eingestellt am 05. 11. 2005 19:36


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sohalt
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Romeo Must Die. Julia auch. Aber Mr. Darcy darf überleben.
Woher wir unsere bescheuerten Ideen von der Liebe haben.

Liebe, pah! Wer hat uns überhaupt auf die Idee gebracht? Die Natur? Ach was – Lieder und Geschichten. Lieder und Geschichten sind an allem schuld, da heißt natürlich: die Leute, die sie schreiben. Wir wollen nun aus den üblichen Verdächtigen zwei rauspicken, und mal schauen, wer mehr Dreck am Steck hat in Bezug auf Aufbau und Nährung haltloser Illusionen. Also, Mr. Shakespeare, Miss Jane Austen – zieht euch schon mal warm an.

- . -

Wer eine Geschichte über die erfüllte Liebe erzählen will, muss erzählen, wie zwei sich kriegen. Wenn zwei sich dann haben, dann ist es schon keine Geschichte mehr, dann ist es ein Zustand. Damit die Geschichte vom Sich-Kriegen aber nicht zu schnell vorbeigeht, muss man den beiden Hindernisse in den Weg legen. Und jetzt hängt es natürlich davon ab, ob diese Hindernisse von außen kommen oder von innen.

Wer eine Geschichte über die erfüllte reine Liebe erzählen will, muss alle Hindernisse von außen kommen lassen. Wenn nämlich die Hindernisse von Innen kommen – die noch immer nicht ganz überwundenen Gefühle für den Ex zum Beispiel – dann kann die Liebe schon nicht mehr ganz so rein sein, dann hat zumindest einer der Liebenden gemischte Gefühle. Als Hindernisse von außen funktionieren immer noch am besten die verfeindeten Familien/Straßengangs/Ethnien/Nationen/gesellschaftlichen Milieus, also die jeweils unvereinbare Herkunft, also die klassische Romeo und Julia-Konstellation. Deshalb werden Romeo und Julia immer das Liebespaar schlechthin bleiben, weil nämlich die Familienfehde genug Spannung in die Geschichte bringt, so dass die beiden das ganze Stück lang nichts anderes zu tun haben, als sich zu lieben und eben die entsprechenden Konsequenzen daraus zu ziehen.

Was nämlich schon massiv auffällt, ist, wie unglaublich leicht es sich die beiden gegenseitig machen. Kürzt man all die schönen Metaphern aus ihren Gesprächen raus, reduziert sich das Ganze im Wesentlichen auf: "Ich find dich gut" –Kuss, "Ich dich auch."- Balkon, "Lass uns heiraten"- und ab in die Kiste. Das war schon ziemlich revolutionär vom guten Shakespeare, denn in der damals gängigen Liebeslyrik (Petrarca & Co.) ging es ja mehr um die hohe Minne als um den körperlichen Vollzug, die Liebe galt prinzipiell nur der Unerreichbaren, blieb zwangsläufig Träumerei und musste sich praktischerweise nie an Realität messen lassen. Romeo und Julia greifen diese Tradition in einem gemeinsamen Sonett bei der ersten Begegnung auf, treiben sie zur Spitze und nach 14 Zeilen ist die Sache mit der Unnahbarkeit dafür aber auch gründlich gegessen. Diese Liebe hier meint nämlich "body, mind and soul" mit gebührender Betonung auf "body". (Romeo und Julia ist schließlich eines von Shakespeares obszönsten Stücken.) Julia kann ihre Begeisterung für Romeo einfach nicht verbergen, obwohl sie doch fürchten muss, von ihm nach den Konventionen der Zeit deswegen für ein Flittchen gehalten zu werden. Romeo grübelt nicht lange über verlorene Freiheiten oder jammert rum, von wegen "Bindungsangst" – Heirat natürlich selbstverständlich. Kein "Sich rar machen", kein "wer hängt mehr am anderen", keine Machtspielchen, kein Ego-Trip. Nein, denn es geht nicht um Ego-Bestätigung, es geht nicht um Triebbefriedigung – das hier ist reine Liebe! Naja. Teenager.

Also, warum müssen die beiden sterben? Worin liegt die eigentliche Tragik? Ist es das Schicksal, dass die "starcrossed lovers" zu "fortune's fools" macht? Oder ist es nicht doch eher eine Verkettung unglücklicher Zufälle? Ist es das gnadenlose Gestellt-Sein des Menschen in gesellschaftlichen Umstände, dass es ihm nicht erlaubt, seinem ureigensten Herzens-Drängen nachzugehen? Ist es der Hass zwischen den Familien, der Einbruch des Irrationalen in Gestalt von Tybalt? Ist es die Diskrepanz zwischen Schein und Sein, wenn Mercutio, der nichts von Romeos Liebe zu Julia weiß, glaubt, dieser würde sich bei Tybalt einschleimen? Wenn Julias Eltern annehmen, Julia sei so traurig wegen Tybalts Tod, weshalb sie die Heirat mit Paris beschleunigen? Wenn schließlich Romeo denken muss, Julia sei tot? Weil sie also dazu führt, dass aus dem Schein letztlich Sein wird, aus dem Scheintod der wirkliche Tod? Und liegt es nicht auch ein Stück weit am Charakter des Paares, an ihrer Jugend, ihrer Naivität, ihrer Unbedachtheit, ihrer Übereiltheit? Oder ist es am Ende alles zusammen?

Alles falsch! Sage ich. Es ist die Liebe. Sonst nix. Shakespeare will uns eine Geschichte von der reinen Liebe erzählen. Das wäre problemlos gegangen, wenn er wie seine Vorgänger die Liebe unerfüllt gelassen hätte, aber darauf hat er ja verzichtet und deshalb braucht er jetzt einen anderen Trick, um sich aus der Affaire zu ziehen. So bleibt ihm im Grunde gar nichts anderes übrig, als die beiden Liebenden am Ende zu killen. Denn nur dadurch kann die Reinheit der Liebe auf alle Zeiten garantiert werden. Julia muss sich nie fragen, ob sie es bereuen sollte, den Erstbesten genommen zu haben, der ihre schöne Augen machte. Romeo muss sich nie eingestehen, dass er vielleicht nur deswegen so schnell von Rosaline auf Julia umgeschwenkt ist, weil zweitere eben leichter zu haben war. Die beiden dürfen sich für immer ihre Illusionen übereinander bewahren. Es hat also schon auch ein bisschen mit Schein und Sein zu tun, in gewisser Hinsicht. Romeo und Julia müssen sterben, damit das Sein nie Gefahr läuft, sich als Schein zu entpuppen. Durch ihren Tod wird ihre Liebe für immer als Sein einzementiert.

Bei Jane Austen läuft das alles schon mal von Anfang an anders. Die Hindernisse kommen nämlich eher von innen. Gesellschaftliche Schranken – klar. Die sind aber gar nicht das Hauptproblem. Das Hauptproblem sind zum Beispiel "Stolz und Vorurteil" der Hauptpersonen selbst. Oder "Verstand und Gefühl", die nicht immer so ganz Hand in Hand gehen. Man macht es sich gegenseitig schwer. Man lässt sich so lange wie möglich um Gottes Willen nur ja nicht so was wie eine Symapthiebekundung rausrutschen, und wenn doch, dann nur in sehr, sehr zarten Andeutungen. Furchtbar subtil. Stattdessen macht man allerdings erstmal lieber sarkastische Bemerkungen übereinander. Die Annäherung ähnelt den Gesellschaftstänzen jener Zeit: Man geht in gebührenden Abstand umeinander herum, durchschreitet gemessenen Schrittes Hand in Hand den Raum, steht gelegentlich auch nur mal einfach so rum und hat ausreichend Zeit für gepflegte Konversation. Mir persönlich geht dabei ja durchaus einer ab (All diese mühsam unterdrückte Leidenschaft, die dafür unter der Oberfläche umso heftiger brodeln muss…Die förmliche greifbare Spannung zwischen Held und Heldin…Dieses erotische Knistern! Wu-hu!), aber ich kann schon verstehen, wenn viele Menschen das alles eher langweilig finden.

Nein, wie bei Romeo und Julia ist das allerdings nicht mehr. Längst nicht mehr so impulsiv, so intensiv, so drängend, so kompromisslos, so absolut – so "auf den ersten Blick". Immer noch Body, Mind and Soul, aber mit ein bisschen mehr Mind und das mit dem Body kommt dann erst nachher. Aber dafür endet es dann auch nicht in der Gruft, sondern mit der Aussicht auf trautes Heim, Glück allein und gemütliche Abende vor dem Kamin in schmucken altenglischen Herrensitzen.

Das Jane Austen Modell – und das ist der eigentlich Grund, warum es mir so attraktiv erscheint – basiert außerdem darauf, dass Held und Heldin sich ein bisschen mehr zu sagen haben müssen als immer nur, wie geil und wie toll und wie allgemein anbetungswürdig sie sich gegenseitig finden, denn das dürfen sie ja erst im letzten Kapitel, in einem Aufwasch mit dem Heiratsantrag. Und das ist auch ganz gut so. Denn, mal ehrlich: Wenn sie nicht gerade von Shakespeare verfasst worden wäre, wären die Dialoge zwischen Romeo und Julia doch eigentlich eher langweilig. Wenn aber bei Jane Austen nach langem Ringen endlich die Liebeserklärung erfolgt, dann auch wesentlich weniger wortreich und weniger überschwänglich (und auch bedeutend weniger kitschig wie in schlechten Romeo-und Julia-Kopien). Für alle, die die aktuelle Stolz-und-Vorteil-Verfilmung gesehen haben: Wenn Mr. Darcy's (recht ansehnliche) Gestalt sich aus dem Morgennebel schält und er dann im Licht der aufgehenden Sonne zu Lizzy sagt: "Ich liebe, liebe, liebe dich", dann ist das, bitte, nicht der Originaltext. (Aber wir wollen hier mal ausnahmsweise die Abweichung durchgehen lassen, weil es sich doch an dieser Stelle wirklich hübsch macht…).

Wenn man sich eine Jane-Austen-Verfilmung ansieht, dann wohl nicht zuletzt deswegen, weil man schöne Menschen in schönen Kleidern und schöner Landschaft sehen will. Wenn man das Buch liest, dann deswegen, weil man sich schöne Menschen in schönen Kleidern und schöner Landschaft dazu vorstellen will. Also Eskapismus total? Fehlanzeige. Denn wer die Bücher liest, wird sich gründlich überlegen, ob er (bzw. wahrscheinlicher: sie) wirklich ins England des späten 18. Jhd. zurück will. Neben den Liebesgeschichten enthalten sie nämlich immer auch Milieu-Schilderungen und im Unterschied zu ersteren sind die gnadenlos realistisch. Miss Austen macht keinen Hehl aus dem traurigen Schicksal alter Jungfern in einer Gesellschaft, in der eine Frau ohne Mann keine Möglichkeiten hat, und daraus, welche Trottel Frauen vor lauter Torschlusspanik mitunter zu nehmen bereit sind. Und die Mr. Darcys sind damals wie heute eben eher rar gesät. Keine auch nur halbwegs moderne Frau will sich jetzt noch auf einen Mann verlassen müssen. (Auch wenn sie in schwachen Momenten vielleicht davon träumt, dass sie es kann.)

Schließlich, wer hätte das gedacht, ist das Romeo-und-Julia-Modell, nicht zuletzt dank der sauberen Doppelselbstmord-Lösung, sogar realistischer als die Jane-Austen-Version. Mit dem Wissen im Hintergrund, dass Miss Austen nie geheiratet hat und als keusches Kind ihrer Zeit wohl auch außerehelich nicht großartig zum Zug gekommen sein wird, entpuppt sich das Ganze nämlich dann doch als arg theoretisch. Ganz abgesehen davon, dass es schon in Janes Tagen reichlich riskant gewesen sein dürfte, dermaßen lang zu schauen wie die durchschnittliche Jane-Austen-Heldin. (Zack und weggeschnappt). Heute, in Zeiten des allgegenwärtigen Angebots und der ungezügelten Nachfrage, ist es praktisch die Eintrittskarte ins Kloster.

Tatsächlich: Rausch der Gefühle, und dann so schnell wie möglich Hand in Hand über die Klinge? – Doch, das geht.
Aber "trautes Heim, Glück allein" – bis ans Ende eurer Tage und zwar ohne, dass das Ganze irgendwann zur Farce verkommt? - Äußerst fraglich.

In Wahrheit ist es nämlich gar kein so großes Kunststück, wenn die Liebe den Tod besiegt.
Denn der wahre Gegner der Liebe ist nicht der Tod. Im Gegenteil.
Der wahre Gegner der Liebe ist die Zeit.

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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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GabiSils
???
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Sehr schön geschrieben. Ich gebe aber Beatrice & Benedikt zu bedenken!

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sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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Stimmt. Die hatte ich vergessen.

Du hast natürlich recht. Benedikt und Beatrice würden mit ihren Wortgefechten eigentlich besser zu Jane Austen passen. Die sind ihrer Zeit voraus, quasi. Shakespeare ist einfach zu facettenreich für schematische Darstellungen. (Deshalb hab ich es auch das "Romeo-und-Julia"Modell genannt und nicht das Shakespeare-Modell. Dem Shakespeare ist sowieso nix Menschliches fremd, da kommt alles irgendwann mal vor.)
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jon
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Top! Am besten gefällt mir hier, wie geschickt das Ganze gebaut ist …

…es gibt noch einen anderen Grund, warum das Modell R&J (selbst ohne Tod) "möglicher" ist: Äußere Hindernisse sind eher ausräumbar als innere. Feindschaft z. B. ist lösbar – und sei es durch das "sich Ausklinken des Paares". Und: Diese Paare kämpfen Seite an Seite. Stolz und Vorurteile, vor allem aber solche Probleme mit „unvernünftig sein können" und „sich dem andern ausliefern“, wie sie D&L haben, wird man nie los. und: Diesen Kampf kämpft jeder für sich allein.
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Henry Lehmann
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Das hier ist ganz große Kunst. Das Thema ist fast schon nebensächlich. Denn die Sprache ist frisch und lebendig. Man geht durch die Zeilen wie durch einen warmen Sommerregen.

Liebe Sohalt, das ist Dein Genre! Solchen Literaturessays kann keiner das Wasser reichen.

LG
Henry

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Sigurt Funk
???
Registriert: Nov 2005

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Auch wenn ich deiner Behauptung, wenn sich zwei haben, wäre es keine Geschichte mehr, sondern ein Zustand,nicht zustimmen will, ist das wohl der beste Text, den ich bisher in der Leselupe gefunden habe. Gratulation.
Es gibt aber auch Menschen (wie mich), die in Welten leben, in denen Jane Austen und "ihr Modell", kein bekannter Begriff sind. In dieser Hinsicht bin ich leider nicht schlauer geworden.Würde gerne mehr darüber wissen.
MlG
SF

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