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Leselupe.de > Horror und Psycho
Jasons Paket
Eingestellt am 25. 02. 2005 16:16


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frasdorf
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2005

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Anmerkung des Autors: Die Grundidee, mit der diese kurze Geschichte entstanden ist, basiert auf einer Hindu-Parabel. Die Story wurde sehr stark verĂ€ndert, so das nur noch die Aussage als Vergleich herhalten kann. Es ist allerdings nicht so, dass ich in irgendeiner Form mich fĂŒr oder gegen diesen Glauben ausspreche oder Vergleiche durch verĂ€nderte Personen mit anderen Religionen ziehen will.
Jason Marsh war ein glĂŒckliches Kind, auch wenn die UmstĂ€nde dem Betrachter ein anderes Bild zeigten. Er war der siebte Spross der arbeitslosen Jody Marsh und sein Vater war nicht der Vater der anderen sechs Kinder. Aber das kĂŒmmerte ihn und seine Geschwister kaum, denn „Vater“ gab es bei ihnen zuhause nur als Wort, nicht als etwas Greifbares. Jody gab sich alle MĂŒhe, arbeitslos zu bleiben und wenn das bedeuten musste, sich pausenlos zu bekiffen und betrinken, nun gut, dann eben auf diese Art. So gestaltete sich die Jugend Jasons aus einer Mischung Verzweiflung, Armut und Spott, den er als einziger seiner Familie ohne Anzeichen von Neid oder Wut wegstecken konnte. Er ging regelmĂ€ĂŸig zur Schule, auch wenn ihm schon bald klar wurde, dass höhere Ziele nur mit Geld zu erreichen waren, viel Geld. Also, nichts fĂŒr ihn. Aber er war nicht doof und bekam ein zumindest halbwegs brauchbares Zeugnis. Damit konnte er hier in Chicago doch auf einen Job an irgendeinem Fließband hoffen.
Eines Tages, irgendwann zwischen dem Abschlusszeugnis und dem Vorhaben, sich bei Rannings Inc, dem Spezialisten fĂŒr Getriebelösungen vorzustellen, kam Jason nach Hause und wunderte sich nicht, dass ihn seine Mutter deswegen (er war natĂŒrlich wieder viel zu lange unterwegs gewesen) maßregelte. Er hatte schon vor lĂ€ngerer Zeit aufgegeben, ihr zu erklĂ€ren, er sei schon volljĂ€hrig. Vielleicht kamen ihre WutausbrĂŒche daher, dass Jody nach ihm keine Kinder mehr zur Welt brachte. Auf jeden Fall bestĂ€rkte ihn jeder weitere Ausbruch tĂ€glich in dem Entschluss, wegzuziehen. WĂ€hrend der Standpauke warf sie ihm ein kleines Paket hinterher und als er dieses aufhob, wunderte er sich ĂŒber das Gewicht. Es war klein und ziemlich schwer, aber noch interessanter war, das kein Absender oder Adressat, geschweige den Briefmarken darauf waren. Nachdem sich seine Mutter endlich beruhigt hatte, zĂŒndete sie sich einen Joint an und meinte, das PĂ€ckchen vor der TĂŒr gefunden zu haben.
„Du kannst das nicht behalten, Mum. Es gehört bestimmt einem der Nachbarn und wurde nur falsch abgegeben.“
„Wenn du meinst, dann frag doch die Scheißer. Wetten, das, egal wen du fragst, der dir das Ding sofort aus der Hand reißt?“ Damit hatte sie wohl nicht unrecht, aber was sollte er damit nun machen?
„Mach es doch selber auf.“ Sie hustete und deutete mit ihrem Joint als Aufforderung auf und ab. „Ich bin mir sicher, es ist fĂŒr dich.“
„Woher willst du das wissen?“ Er drehte das Paket noch mal nach allen Seiten. „Es steht nichts darauf und man darf keine fremden Pakete öffnen.“ Sie lachte ihn aus. NatĂŒrlich lachte sie ihn aus, er kam sich ja auch etwas einfĂ€ltig bei seinem Entschluss, den wahren EmpfĂ€nger des PĂ€ckchens zu finden, vor, aber er hatte das GefĂŒhl, das es so richtig war. Er ging mit dem Paket in sein Zimmer, stellte es auf den Schreibtisch und fing an, nachzudenken.
Der erste Weg fĂŒhrte ihn zum Postamt. Da konnte man ihm nicht weiterhelfen, außer man wĂŒrde das Paket öffnen, aber das wollte er nicht (vielleicht war ja etwas darin, das niemanden etwas anging bis auf den EmpfĂ€nger). Also fing er damit an, sich vorsichtig durch die Nachbarschaft zu fragen, ob jemand etwas vermisse. Die meisten vermissten Geld oder billigen Schmuck oder anderen Nippes, meistens erst dann, wenn sie gefragt wurden. Einige vermissten das GefĂŒhl, einem Bengel mit unverschĂ€mten Fragen mal die Fresse polieren zu dĂŒrfen. (Einer, Gary Moore, lies seinen GefĂŒhlen freien Lauf) So blieb Jason nur noch der Weg zum FundbĂŒro. Die Ă€ltere Dame, Rose hieß sie, hinter dem dicken Ab- und Ausgabetresen wunderte sich ĂŒber den Jungen. Er solle doch einfach mal reinschauen. Aber er versicherte ihr, das es falsch sei, und letztendlich konnte er hier das Paket loswerden. Rose teilte ihm mit, nachdem er seinen Namen und Anschrift auf einen Zettel hinterlassen hatte, sie wĂ€re sich ziemlich sicher, das sich niemand fĂŒr das PĂ€ckchen finden wĂŒrde.
Es vergingen die Jahre und es waren keine guten fĂŒr Jason. Er zog in sein eigenes Appartement, 20 qm, feucht und laut. Einige Zeit spĂ€ter verlor sich der Kontakt zu seiner Familie. Jeder ging seine eigenen Wege. Irgendwann mal hörte er von einem Feuer in seiner alten Wohngegend und als er nachfragte, stellte sich heraus, das seine Mutter mit einem Joint im Bett verbrannt war. Er war als Einziger bei dem ArmenbegrĂ€bnis und Einsamkeit zog sich auch anschließend wie ein roter Faden durch sein Leben. Er verlor seinen ersten Job, bekam keinen weiteren und verwahrloste zusehends. Das fĂŒhrte auch dazu, dass sich keine Frau fĂŒr ihn interessierte. Freunde hatte er keine und mit 35 brach er sich beide Beine beim Heruntertorkeln im Treppenhaus. Er konnte sich keine vernĂŒnftige Behandlung leisten und die Knochen heilten schlecht. Ihm blieb eine Gehbehinderung und vervollkommnten das Bild einer gescheiterten Persönlichkeit.
Als er sich eines Tages mit einer PapiertĂŒte vom Store die Treppen raufschleppte, staunte er nicht schlecht, das sich das PĂ€ckchen, welches er beinahe vergessen hatte (manchmal trĂ€umte er von einem Diamanten, der in dem Paket steckte), vor seiner HaustĂŒr fand. Darauf war ein Brief vom FundbĂŒro geklebt worden und der besagte, das sich niemand auf das PĂ€ckchen gemeldet hatte und er vom Gesetz her nun rechtmĂ€ĂŸiger EigentĂŒmer desselben sei.
„Das ist ja seltsam“ murmelte er, als er sich auf das Bett setzte und das Paket wieder in den HĂ€nden drehte. Er war versucht, es zu öffnen (der Diamant kam ihm wieder in den Sinn), aber was auch immer darin war, es war nicht fĂŒr ihn bestimmt. „Warum verfolgst du mich“ fragte er das Ding und er hatte das GefĂŒhl, es wĂ€re schwerer als frĂŒher. Aber das konnte nicht sein, es war unversehrt. Niemand konnte etwas dazu gepackt haben. Er tat es damit ab, das seine Kraft zunehmend nachließ. „Was jetzt“ fragte er sein Spiegelbild in der zerbrochenen Fensterscheibe. Er beschloss, das Paket zu verstauen. Der Tag wĂŒrde kommen, an dem sich der wahre Besitzer finden wĂŒrde. Also versteckte er es vor etwaigen Einbrechern, aber wohl besser vor sich selbst, unter einem Bodenbrett und versuchte gleich darauf, mit Hilfe von zwei Ein-Liter-Flaschen billigem Whiskey, dasselbe zu vergessen.
Die Zeit brachte fĂŒr Jason aber keine Erleichterung in seinem Schicksal. Die Schmerzen in den Beinen und im Becken deuteten auf eine zunehmende HĂŒftgelenkversteifung hin und immer mĂŒhsamer kam er in das Appartement. Auch der Alkohol tat sein Übriges und er begann zunehmend, Essen zu horten und sich nur von geringen Mengen zu ernĂ€hren, in der Angst, eines Tages das Zimmer nicht mehr verlassen zu können. Im Laufe der Jahre kamen auch neue Bewohner dazu: Ratten und MĂ€use. Aber die jagten wenigstens die Kakerlaken. Es kam, wie es kommen musste, und Jason wurde eines Tages ĂŒberfallen. Die Kids waren wohl eher auf planlose Zerstörung aus und Jason konnte nur dabei zusehen, als „EINER“, nicht zwei oder drei, ihn festhielt und die anderen seine Bleibe verwĂŒsteten.
Der Tag kam, an dem er wusste, als er unter einer vergilbten Zudecke erwachte, das es sein letzter sein wĂŒrde. Er starrte zu Decke und dachte ĂŒber sein Leben nach.
„Wieso war mir so ein Leben vorbestimmt? Was habe ich getan, um so zu enden? Ist es eine PrĂŒfung? Ich kann nicht mehr.“ Er drehte sich zur Seite und starrte auf das Bodenbrett. Das PĂ€ckchen war noch immer darunter und zeit seiner Jugend verfolgte ihn das Ding. Sollte er jetzt versuchen wollen, es zu öffnen, wĂŒrde ihm die Kraft fehlen. Er kann nicht mal mehr hoch aus seinem Bett. „Aber egal, was darin ist, ich habe es nicht geöffnet. Es war nicht fĂŒr mich bestimmt.“
Da öffnete sich die TĂŒr. Er sah aus den Augenwinkeln, wie jemand das Zimmer betrat und rechnete mit weiteren Einbrechern. Aber die Person, die reinkam, blieb stehen und sagte „Jason, dreh dich zu mir.“ Es war eine freundliche Stimme. Lieblich wie ein Gesang und voller Vertrautheit. Jason brachte seine letzten KrĂ€fte auf und drehte sich auf den RĂŒcken. FĂŒr einen kurzen Augenblick glaubte er, hinter oder auf dem RĂŒcken des Mannes so etwas wie FlĂŒgel gesehen zu haben. Da wurde ihm klar, das diese Person keine menschliche war. Er lĂ€chelte. Der Schein um den Engel wurde heller.
„Jason, steh auf.“
„Das kann ich nicht, Herr Engel.“
„Doch, das kannst du.“ Eine sanftmĂŒtige Geste reichte, um Jason die Last der Jahre abwerfen zu lassen. Er erhob sich und lies den Engel nicht mehr aus den Augen, als er seit Tagen wieder stand. Der Engel neigte den Kopf zur Seite.
„Jason, du kommst mit mir.“
„Ich habe noch nie so etwas Schönes wie dich gesehen. Dein Anblick ist eine Freude fĂŒr mich.“
„Ja, ich weiß. Dein Leben ist nun vorbei, aber du hast in deiner Zeit nichts Falsches getan. Deshalb darf ich dich abholen.“
Jason war noch nie in seinem Leben so glĂŒcklich und zufrieden gewesen.
„Ich habe nur eine Frage.“
Wie als Antwort, öffnete sich das Bodenbrett und das Paket schwebte zu den Beiden hoch.
Der Engel nahm Jason zur Hand, das Paket in die andere und ging mit ihm zur TĂŒr hinaus. Draußen saß ein Schatten, der rings um sich selbst die Luft zum Erstarren brachte. Jason stockte der Atem, ein Schwall unendlicher Ängste strömte von der Gestalt auf ihn ein. Er erzitterte am ganzen Leib, als der Engel zum Schatten sprach: „Er gehört nicht dir. Er hat ein rechtes Leben gefĂŒhrt. Das hier,“ er warf das Paket in die Arme der Gestalt „ist deins. Nimm es und geh. Gib ihn frei. Ich befehle es dir.“
Jason sah fĂŒr einen Moment das Antlitz des Schattens und erstarrte. Dieser Anblick bedeutet Tod, aber ihm konnte der Seelensammler nichts mehr anhaben. Der Schatten knurrte sehr tief, nahm das Paket und verblasste, als er aufstand und seines Weges zog.
Der Engel machte eine ausholende Bewegung und vor dem alten Mann erschien ein Tor aus warmem Licht. Jason schaute zu ihm auf und stellte seine Frage:
„Was war in dem Paket?“
Der Engel formte ein Wort mit seinen Lippen und obwohl er es nur andeutete, verstand Jason.
„Reichtum.“

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Ch. Ertl

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MDSpinoza
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Nenn mich einen Korinthenkacker, wahrscheinlich hast Du recht, aber Literflaschen in den USA?
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Lieber ein verfĂŒhrter Verbraucher als ein verbrauchter VerfĂŒhrer...

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frasdorf
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Mhhh...

...Antwort findest Du bei "Gerechtigkeit". Noch was, kennst du "Munsay"?

MfG
Christian Ertl
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Ch. Ertl

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